Im Land des ärmsten Präsidenten der Welt

Im Gefrierfach des Schnellbootes setzen wir über nach Colonia in Uruguay – nicht etwa als blinde Passagiere, sondern zusammen mit allen anderen in der auf arktische Temperaturen runtergekühlten Kabine. Zum Glück dauert die Fahrt nur anderthalb Stunden, dann erwartet uns schon die kleine, schmucke Kolonialstadt Colonia del Sacramento.

auf dem Leuchtturm von Colonia

auf dem Leuchtturm von Colonia

Blick über den Río de la Plata

Blick über den Río de la Plata

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kein Mate in der Praxis!

kein Mate in der Praxis!

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Laura hat Halsweh

Laura hat Halsweh

alles andere als rauhes Pflaster

alles andere als rauhes Pflaster

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Das 26.000 Seelendorf ist ein echter Kulturschock nach zehn Tagen in der Metropole Buenos Aires. Alles ist fußläufig zu erreichen und es ist auffällig still ohne den vielen Verkehr. Wir sind ganz froh, dass es außer der winzigen, wunderschönen pflastersteinernen Altstadt nicht viel zu entdecken gibt, da wir um 5 Uhr morgens aufstehen mussten und recht erschöpft sind. So verbringen wir einen gemütlichen Tag, schlendern durch die Gassen und lernen im exzellenten Touristeninformationszentrum viel über das sehr fortschrittliche Uruguay. So bekommt jeder Schüler hier einen Laptop von der Regierung geschenkt. Programmieren ist hier ein Pflichtfach in der Schule – nicht umsonst exportiert Uruguay nicht nur Rindfleisch und Wein, sondern ist auch Südamerikas größter Exporteur von Computerprogrammen – wer hätte das gedacht! Praktisch jede Stadt hat hier ein Zollfreigebiet, dies soll Firmen anlocken hier ihre Ware zum Weitertransport umzuladen ohne in Uruguay noch extra Steuern zahlen zu müssen. Außerdem ist hier die Zentrale von MERCOSUR – einer Art „Europa“ der südamerikanischen Staaten. So sind sie wohl zu einem der reichsten Länder Südamerikas geworden.

Die Zeit vergeht recht schnell bis wir um 19 Uhr von unserer netten Couchsurferin Mariana abgeholt werden. Am Abend bestellen wir typische Uruguayische Kost – frittiertes Fleisch, fettige Pommes und triefendes Spiegelei. So ganz können wir nicht glauben, dass die schlanken Uruguayerinnen sich wirklich davon ernähren – der Verdacht erhärtet sich als unsere Gastgeberin den ganzen Abend an einer einzigen Pommes nagt, während wir uns mit dem hochkalorischen Zeug den Magen vollschlagen – schmeckt aber gut! Mariana erzählt uns vom uruguayischen Präsidenten, der als sehr volksnah und liberal gilt. So spaziere er immer ohne Bodyguards durch die Straßen. Eine Freundin von ihr wollte letztens nach Hause trampen, da hat ein VW Käfer gehalten und sie ist eingestiegen. Erst als sie drin saß ist ihr aufgefallen, dass es der Präsident ist, der selber fährt und sie mitnimmt. Mariana selbst wurde mal die Vorfahrt genommen und als sie gerade das Fenster runterkurbeln wollte und rausschreien wollte, hat sie gemerkt, dass es der Präsident ist. Legende oder nicht – gute Geschichten, die wohl es wohl nur in einem so kleinen Land gibt!

In seinen vier Jahren Amtszeit bis  jetzt  hat er gleich drei revolutionäre Gesetze verabschiedet, die die Konservativen des Landes haben erschauern lassen: Abtreibung legalisiert, gleichgeschlechtliche Ehe ermöglicht und Marihuana legalisiert. Das Ganze vor dem Hintergrund, dass er bereits über 80 Jahre alt ist, nicht schlecht oder? Außerdem spendet er 90% seines 12.000 Dollar Gehaltes an NGOs und andere gemeinnützige Vereine – mit einem Gehalt von 1200 Dollar macht ihn das – angeblich – zum ärmsten Präsidenten der Welt. Er saß übrigens während der Militärdiktaturen mehrere Jahrzehnte in Haft, zwei Jahre angeblich auch in einem Brunnenschacht. Auch wohnt er nicht im pompösen Präsidentenpalast, sondern in einem einfachen Haus außerhalb von Montevideo. Wiederwahl ist in Uruguay nur nach dem Aussetzen einer Amtszeit von 5 Jahren möglich – da wäre er dann über 90, sodass er ein erneutes Kandidieren schon ausgeschlossen hat.

Korrupte Polizisten, wie wir es in Argentinien gehört haben, machen dem kleinen Mann hier aber keine Probleme, meint Mariana. Keine 20 Minuten später kommt ihr Freund und berichtet ganz aufgeregt, dass er gerade von der Polizei angehalten wurde, weil er zu schnell auf dem Motorrad unterwegs war. Tatsächlich wollten Sie ihm aber wohl keine Strafe auferlegen, sondern lieber ein Schmiergeld bekommen. Denn sie haben ihn gefragt, was das Motorrad wert sei und was er beruflich macht und haben immer wieder seine Papiere durchgeblättert und gewartet, dass er sie endlich schmiert. Er hat ihnen erzählt er wäre Klempner (eigentlich ist er aber Ingenieur aber er dachte sich, dass mache sich nicht so gut..). Schlussendlich haben sie ihn dann laufen lassen, da er ja ein „guter einfacher Arbeiter“ sei. Glück gehabt… Am nächsten Tag schlafen wir aus, schlendern nochmal durch die Stadt, besteigen den Leuchtturm und genießen den Sonnenuntergang am Strand.

Am frühen Morgen geht es dann unausgeschlafen weiter zur Hauptstadt Montevideo. Die Straße führt 2,5 Stunden durch satte, aber doch öde Wiesenlandschaft mit endlosen Rinderherden – angeblich kommen auf jeden Uruguayer drei Rinder! Wir sind jedenfalls sehr froh, nicht per Rad unterwegs zu sein!

In Montevideo erwartet uns schon der Warmshowers Host Liber in seinem riesigen Haus mit Dachterrasse – welch Luxus. Und nicht nur, dass wir ein eigenes Zimmer haben, sondern sogar zwei Räder stehen für uns parat – etwas klein und nicht so bequem wie unsere sind sie doch bestens geeignet für die 5km Fahrt in die Innenstadt. Bei einer free walking tour, die sich dem niedrigen Niveau der Stadt anpasst, lernen wir wenigstens zwei nette Deutsche kennen – Tim und Maxim aus Köln und verbringen den Tag und den ersten Karnevalsumzug mit ihnen. Für eine Hauptstadt recht beschaulich liegt die Altstadt auf einer kleinen Halbinsel. Moderne Fußgängerzonen werden von hohen, alten Gebäuden umsäumt. Es gibt viele kostenlose, eher zweitklassige Museen – die schönen Accessoires des Gauchos (Messer, Waffen, Gürtel, Mate-Becher und Pferdegeschirr) im Gauchomuseum sind tatsächlich noch das Schönste. Der Monte, hat übrigens weder den Namen Berg und eigentlich nichtmals die Bezeichnung Hügel verdient – Kaumwahrnehmbareerhebungvideo wäre wohl der passendere Name! Er ist wohl ganze 300 Meter hoch – uh…  Mit 1,5 Mio. Einwohnern (die Hälfte aller Uruguayer) gilt Montevideo als kleine Kopie von Buenos Aires. Das können wir nicht ganz nachvollziehen, wo es in keinster Weise auch nur annähernd so interessant, vielseitig und spannend ist wie auch nur ein einziger Stadtteil von BA.

Allerdings bietet es Spektakel der anderen Art: gleich am ersten Abend haben wir schon Ticket für das Teatro del Verano – das Sommertheater. Hier werden auf einer gigantischen open-air Bühne die traditionellen Karnevalskonzerte abgehalten. Es ist ein Konkurs zwischen konkurrierenden Klamauktruppen um die Gunst des Publikums. Jede Gruppe hat 45 Minuten Zeit und füllt diese mit Sketchen, Gesang, Akrobatik, Kabarett und politischen Possen. Natürlich verstehen wir nicht alles, amüsieren uns aber dennoch köstlich. Der traditionelle Gesang hier ist Murga – ein mehrstimmiger Männergesang mit oft politisch-raffinierten Texten.

Die weiteren Abende sind dann mit „llamadas“ verplant. Das sind die traditionellen Umzüge der Karnevalsvereine der verschiedenen Viertel von Montevideo. In einer sehr engen alten Gasse formieren sie sich zu einem Desfilé, das tatsächlich von acht Uhr abends bis 3 Uhr morgens trommelnd, tanzend und feiernd durch die Stadt fegt. Am ersten Tag haben wir richtig Glück, denn wir sind früh da und kriegen kurz vor Show-Beginn von einem fanatischen Karnevalsfan, der vor seinem Haus Stühle für seine Familie und Freunde aufgebaut hat, kostenlose Stühle angeboten. Es gibt nämlich sonst nur teure offizielle Plätze und so gut wie keine Stehplätze. So erleben wir aus einem Meter Entfernung, wie die mächtigen Trommelgruppen an uns vorbeiziehen und es vibriert das ganze enterische Nervensystem mit! Sehr schön auch wie die Leute hier mitgehen. Wie die Kinder schreien sie Bandeeeraaaaaaa! wenn ein Flaggenträger vorbeigeht, damit der die Flagge so nah an ihnen vorbeischwingt, dass man das Tuch über sich streifen lassen kann. Außerdem tanzen viele jeder Gruppe noch 100 Meter hinterher und feuern die besten Tänzer immer wieder euphorisch an. Sehr nett anzuschauen.

Der Karneval hat sich hier vor allem aus den Traditionen der afrikanischen Sklaven entwickelt, die sich an das koloniale Montevideo anpassen. So gehen jeder Gruppe Mond- und Sternträger voraus – ein Zeichen des Islams, dem viele Sklaven vor ihrer Verschleppung angehörten. Anstatt original schwarzer Haut werden schwarze Leggins getragen, mit weißen Riemen darüber, die die Foltermale der Sklaven symbolisieren. Der Trupp der Trommler trägt die traditionellen Sklaventreiberhüte und geht in kleinen Schritten, um an die Fußfesseln zu erinnern. Die Tänzer teilen sich auf in traditionelle Rollen: dicke afrikanische Mama, einen alten Mann (Mischung aus Medizinmann und Arzt), einen Stabträger und viele Candombe-Tänzerinnen.

Hahn im Korb

Hahn im Korb

Den letzten Abend gehen wir nochmal zusammen mit unserem netten Host Liber zum zweiten Umzug und erleben diesmal auch die hektischen Vorbereitungen um den Umzug herum mit, da wir nach südamerikanischer Tradition zwei Stunden zu spät erscheinen. Nach vier Stunden Schlaf geht es auch schon wieder nach Colonia und von dort mit der Fähre nach BA. Am Zoll angekommen – der bisher in Argentinien noch nie auch nur eine unserer Taschen angeschaut hat – werden wir heute schockiert, als wir all unsere Gemüse-, Obst- und Aufschnittwaren wegschmeißen müssen. Ich will mich widersetzen und mache mich daran alle fünf Äpfel noch schnell zu vertilgen, kriege die aber auf dreiste Weise abgenommen, als ich einen an einen anderen Reisende verschenken will. So müssen wir uns noch eine Stunde mit einem unverschämten Zollbeamten rumärgern…

Naja, wir haben sowieso noch Zeit bis unser Mietauto zur Verfügung steht, denken wir uns. Als wir dort eintreffen dann aber der nächste „kleine downer“. Das Europcar Auto können wir angeblich nur in US-Dollar bezahlen. Wollen wir aber nicht, da wir über den offiziellen Kurs ca. 50% mehr bezahlen müssten. Wie ärgerlich! Wir hatten extra in Bariloche bei einer anderen Familie nachgefragt und uns bestätigen lassen, dass der Preis zwar in US-Dollars angezeigt wird, aber zur guten Wechselrate in Pesos bezahlbar sei. Davon hier keine Rede mehr, die andere Filiale sei eine andere Firma und kenne die Gesetze nicht. Aha … Es ist also Samstag 11:46, alles hat noch 14 Minuten auf – so erhöht sich unsere Herzrate ein wenig, wir telefonieren zwanzig Autoverleihe durch, bis wir schließlich ein gutes Angebot finden, das in Peso bezahlbar ist und erst als wir die Autotüre schließen und der Lärm der Stadt gedämpft durch die Karosserie abnimmt, entspannen wir uns.

Die Fahrt nach Iguazú und in den Norden beginnt – unser letzter Abschnitt der Reise.

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