Buenos Aires – das Beste kommt zum Schluss

In Puerto Madryn verbringen wir nach dem Abgeben unseres Leihautos noch einen ruhigen Tag im Café und ich lasse mich bei sommerlicher Hitze noch einmal scheren wie ein patagonisches Schaf. Vorher hatte ich noch gescherzt: undercut mit Iro. Nach dem Friseurbesuch ist der Witz bitterer Ernst geworden und Gott sei Dank sind es noch ein paar Wochen bis zu den Bewerbungsgesprächen! Laura kippt fast vom Stuhl vor Lachen – wenigstens hat eine Spaß daran.

Selfiiiiiiiiiiiiii

Selfiiiiiiiiiiiiii

Dann besteigen wir den letzten Langstreckenbus dieser Reise. Es ist fast schon normal geworden in einem 20-Stunden und 1500km Bus zu sitzen. Deutschland wird uns wohl winzig klein und toll vernetzt vorkommen… Der Ticketverkäufer hatte uns erklärt, dass Dinner dabei sei. Etwas wundern wir uns schon, dass wir „nur“ einen kleinen Keks kriegen, aber wir waren ja sowieso schon den ganzen Tag im Café. In den Bussen werden immer Filme gezeigt – meist Prügel-, Schieß- und Gewaltexzesse. Diesmal haben wir Glück – MI3. Wenigstens etwas Handlung! Als um halb zehn Uhr der letzte Film zu Ende ist und das Licht gedimmt wird, ratzen wir dann auch sofort weg.

Um Mitternacht werden wir davon wach, dass der Bus plötzlich anhält und der Busjunge: Aussteigen, Aussteigen! ruft. Bald wird klar, erst JETZT gibt es Abendessen und zwar in einem Restaurant neben der Straße. Völlig schlaftrunken torkeln wir aus dem Bus. Wir haben keinerlei Hunger oder Muße, jetzt nach Mitternacht hier in einem schäbigen Imbiss etwas zu essen. Aber Aussteigen ist Pflicht und so gähnen wir herzhaft und stehen uns vor dem Lokal die Füße in den Bauch, da anscheinend alle Busse nach Buenos Aires hier halten und alle Tische besetzt sind. Eine dunkle Gegend ist das hier und als ein verzottelter Typ neben Laura mit glasigen Augen hin- und herschwankt, denken wir uns: oh Mann, jetzt auch noch ein Besoffener! Zehn Sekunden später kippt er wie ein gefällter Baum nach hinten um und schlägt mit einem entsetzlichen Krach mit seinem Hinterkopf auf den Betonboden.

10 cm weiter und er hätte ein Auto erwischt und sich sicherlich das Genick gebrochen. Wir sprinten natürlich sofort hin. Nach einigen Sekunden hat er sich wieder berappelt, ist auch wieder orientiert und hat sich erstaunlicherweise nicht beim Sturz verletzt. Allerdings sind beide Lippen total verschwollen und er erzählt uns, dass er seit drei Tagen einen Abszess der Mundhöhle mit Ibuprofen behandelt und wegen seiner Arbeit unbedingt nach Buenos Aires muss. Die Passanten hier sind recht hilfreich, rufen sofort einen Krankenwagen, versuchen zu helfen und anstatt rumzuglotzen gehen sie ins Restaurant. Nach kurzer Zeit kommt dann auch der Krankenwagen und bald der Anruf aus dem Krankenhaus, dass der Patient ein paar Nächte stationär bleibt. Wir fühlen uns schlecht, da wir den Jungen einfach als „Besuffski“ abgestempelt haben anstatt zu fragen, ob alles passt, aber anscheinend ist ja alles noch mal gut gegangen. Vielleicht hat die Pause ihm sogar das Leben gerettet, da er im Bus wegen Meningitis/Sepsis wahrscheinlich einfach so ohnmächtig geworden wäre – ohne dass es jemand gemerkt hätte. Nach 1,5 Stunden und miserablen Nudeln geht die Fahrt dann tatsächlich um 1:45 Uhr morgens weiter…

In Buenos Aires spuckt uns der Bus am gigantischen Retiro Terminal aus, das für seine Taschendiebe und das dahinter beginnende Ghetto bekannt ist. Wir flüchten uns also direkt in ein Taxi und erreichen wohlbehalten das Haus von Hugo – unserem netten Warmshowers-Gastgeber. Es liegt in einer extrem hübschen Gegend mit luxuriösen Villen und ist ein Kunstwerk für sich. Das Wort Messi wäre etwas übertrieben, aber es türmen sich Antiquitäten, Flohmarktartikel, Fundsachen von der Straße und antike Möbel übereinander. So hält sich unser schlechtes Gewissen auch in Grenzen, dass wir hier für knapp einen Monat unsere Räder parken werden. Hugos Zwillingsbruder meint dazu süffisant: nette Sachen ja, aber ein Museum stelle ja auch nicht alle Besitztümer aus.

Am Abend fahren wir mit Hugos Bruder Nestor ins Ghetto-Viertel La Boca, dort steigt ausgerechnet heute ein gigantisches Feuerwerk des chinesischen Künstlers Cai Guo-Qiang, der schon die Eröffnung der olympischen Spiele 2008 in Peking „in die Luft jagte“. Das Motto ist: das Leben ist ein Tango-Schuppen und zu stimmungsvoller Tangomusik malt er mit den modernsten Feuerwerkskünsten traumhafte Formationen in den Nachthimmel – millisekundengenau auf die Musik abgestimmt.

Gleich am nächsten Morgen geht es zum Sonntagsmarkt von San Telmo. San Telmo ist ein hippes Stadtviertel mit langer Geschichte. Heute zieren viele Graffitis und Stencils die Hauswände. Nette Cafés, grüne Plätze und viele Antiquitätenhandlungen sorgen für eine ansprechende Stimmung. Auf der Plaza Dorrego und den umliegenden Sträßchen musizieren lokale Bands. Tango ist Trumpf, aber auch jazzige Fusion; dazu schwingen Tänzer ihr Bein. Ein paar Blocks südlich der Plaza steht so etwas wie das Tacheles in Berlin – ein von Künstlern und Alternativen besetzter Rohbau. Im Deutschland wäre die zugehörige Verpflegung sicherlich vegan, hier aber wehen vom Grill Wurstgeruch und Fleischeslust zu uns herüber. Und während bei uns die meisten Erwachsenen die Nase über solche Leute rümpfen, lassen sich hier auch ältere Semester zum Almuerzo nieder und die Ladies am Grill sehen so aus, als würden sie ihren Aussteiger-Kindern beim Grillen helfen.

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Café in San Telmo

Café in San Telmo

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in San Telmo

in San Telmo

Dann schlendern wir in die eigentliche Innenstadt mit den Regierungsgebäuden und genießen eine der zahlreichen Heladerias der Stadt. Auf Grund der italienischen Exilanten gibt es hier an fast jeder Ecke nicht nur köstliches Eis, sondern auch hausgemachte Pasta und Pizza. Am Nachmittag schließen wir uns einer hervorragenden free walking tour an, die uns über die wechselhafte Geschichte des Landes und ihre Spuren in der Stadt informiert. Die Paläste der einstigen Oligarchenfamilien prägen auch heute noch das Stadtbild. Die damals äußerst fortschrittlich und aufklärerisch denkende Noblesse kopierte oft den französischen Chic und so wähnt man sich oft eher im Maraisviertel als in Südamerika. Im Café Tortoni meint man sich in die belle époque zurückgebeamt und noch weiter im Viertel des einstigen Jesuitenordens.

9 de Julio

9 de Julio

Maru vor dem Kongress

Maru vor dem Kongress

Der Atem vergangener Tage weht durchs Café

Der Atem vergangener Tage weht durchs Café

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die free walking tour vor dem Präsidentenpalast casa rosada

die free walking tour vor dem Präsidentenpalast casa rosada

untypischer "Dom" von Buenos Aires

untypischer „Dom“ von Buenos Aires

Am nächsten Morgen geht es gleich weiter, denn Buenos Aires ist so voller Sehenswürdigkeiten, dass es hier tatsächlich zwei verschiedene Stadtrundgänge gibt. Diesmal starten wir am Teatro Colón, dem bis zur Fertigstellung des Sydney Opera House größten Veranstaltungssaals der Südhalbkugel – leider ist hier aber gerade Sommerpause. Durch die oft erstaunlich grünen Alleen und Plätze geht es vorbei an Botschaften und Palais. Erstaunlich wenig chaotischer Verkehr und viele Grünflächen zeichnen die Stadt aus und sorgen für eine sehr angenehme Atmosphäre. Uns Radlern fallen auch die vielen Radwege positiv auf. Die Tour endet am Friedhof des Viertels Recoleta, wo neben Evita die upper class Argentiniens bestattet ist und für den manch Argentinier seinen Lebtag auf 1m² der Fläche spart.

Teatro Colón - das einst größte Theater der Südhalbkugel (jetzt Sydndey Opera House)

Teatro Colón – das einst größte Theater der Südhalbkugel (jetzt Sydndey Opera House)

anti-englische Parolen allerorten

anti-englische Parolen allerorten

Anschlag auf die Botschaft von Israel '92 sorgt auch heute noch für Schlagzeilen (Nisman)

Anschlag auf die Botschaft von Israel ’92 sorgt auch heute noch für Schlagzeilen (Nisman)

Pariser Flair

Pariser Flair

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Evita, donde estás?

Evita, donde estás?

Cementerio de la Recoleta

Cementerio de la Recoleta

Nachmittags besuchen wir das Kulturzentrum Recoleta und das Museo de Bellas Artes. Hier sind alle staatlichen Museen umsonst – erstaunlich für ein Land, das sich nahe am Bankrott befindet. Zudem gibt es für jeden im Land (also auch Nichtargentinier) kostenlose Bildung, kostenlose medizinische Versorgung, sehr billigen öffentlichen Nahverkehr und kostenloses Internet an vielen Orten – Argentinien ist wirklich erstaunlich!

Inzwischen sind wir zu Franco umgezogen – einem extrem netten Couchsurfer, dessen Eltern gerade im Urlaub sind und wir dadurch profitieren. Er und sein Partner Julian sind fürchterlich nett, kochen hervorragend und wir genießen die Gesellschaft und die Gespräche sehr. Außerdem haben sie zahlreiche Tipps für die nächsten Tage parat und laden uns zu Freunden ein, wir lernen die Familie kennen und erfahren sehr viel über die argentinische Gesellschaft. Wieder einmal begeistert uns die Couchsurfing Erfahrung über alle Maßen!

Im hervorragenden Museo Bicentenario direkt hinter dem Regierungspalast wird die 200-jährige Geschichte ab der argentinischen Unabhängigkeit mit ihren dunklen Flecken der Militärdiktaturen auf sehr moderne Art beleuchtet. Um die Jahrhundertwende reicher als Deutschland wegen der nahezu unbeschränkten Ressourcen, dann durch die Weltwirschaftskrise der 30er gebeutelt, von Militärjuntas und Oligarchen filettiert und schließlich dank zunehmenden Widerstands hin zu einer Demokratie geführt mit dem erneuten Zusammenbruch 2001 und den daraus resultierenden aktuellen Problemen: Inflation im letzten Jahr ca. 30%!

Radkunst

Radkunst

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Berni-Ausstellung MALBA

Berni-Ausstellung MALBA

Danach zieht es uns ins MALBA – Museum für Lateinamerikanische Kunst – in dem gerade eine hervorragende Berni-Ausstellung ist. Viele der Künstler sind wirklich hervorragend, obwohl wir noch nie ihren Namen gehört haben. So wird uns bewusst, wie wenig die Museen Europas – oder wir? – von Künstlern anderer Kontinente wissen und ausstellen.

Tags darauf bringt uns der Bus in die Galerías Pacífico – ein Nobelkaufhaus mit Deckengemälden von Berni und einer – natürlich kostenlosen – Kunstausstellung im Obergeschoss. Vor der Tür decken wir uns wieder mit Pesos durch Dollartausch ein. Während in anderen Städten drei bis fünf Schwarzhändler unterwegs sind, ziehen sich die „Cambio! Cambio!“ Rufe über mindestens einen halben Kilometer!

Wer genug hat von der Großstadt, zieht sich einfach in die Reserva Costanera zurück – ein gigantischer Park direkt am Rio de la Plata mit Sumpf, Schilf, Bäumen und Blicken zurück zu den Glas- und Edelstahltürmen des Luxusviertels Puerto Madero. Der Fluss selbst ist allerdings ordentlich dreckig und wabert eher müffelnd an uns vorbei. Er misst an der breitesten Stelle angeblich 200km und ist somit der breiteste Fluss der Welt. Vom Park schlendern wir noch einmal nach San Telmo und von dort nach La Boca.

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Galeria Pacífico

Galeria Pacífico

mitten im Grünen - die Reserva Costanera ist die grüne Lunge Buenos Aires

mitten im Grünen – die Reserva Costanera ist die grüne Lunge Buenos Aires

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Rio de la Plata

Rio de la Plata

VEB Kranbau Eberswalde

VEB Kranbau Eberswalde

Die Gegend hier ist berüchtigt für Raubüberfälle und da die Gegend immer schäbiger wird, halten wir doch lieber ein Taxi an, das uns in die Touristenmeile „El Caminito“ bringt. Hier haben sich die ersten armen Immigranten niedergelassen und ihre Unterkünfte aus den alten Schiffsteilen, Wellblech und Holz zusammengenagelt. Allerdings sind die farbenfrohen Häuser heute voller Ramschsouvenirs, die Restaurants bieten fürchterliche „Tango-Shows“ und der einstige Charme der Gegend ist so gut wie verloren. Beeindruckend ist das Stadium des Traditionsklubs Boca Juniors, dass sich mitten im Viertel in die engen Gassen drängt und in dem einst Diego A. Maradona kickte.

bunte Häuser

bunte Häuser

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La vida es un tango

La vida es un tango

sehr touristisch und auch gefährlich

sehr touristisch und auch gefährlich

Brücke in La Boca

Brücke in La Boca

Natürlich können wir uns auch das nächtliche Buenos Aires nicht entgehen lassen und so machen wir uns auf zu einer der zahlreichen „Milongas“ – also Tangoschuppen. Einst der Tanz der verarmten Immigranten, den man unter Männern tanzte(!), wird der Tango heute von vielen jungen Leuten als Lifestyle und argentinisches Kulturgut wiederentdeckt. Im Club La Catedral kriegen wir eine kurze Einführung und dann schwingen auch schon zahlreiche Paare ihre Sohlen über das Parkett. Gott sei Dank sind die Lichter gedimmt und das ganze ziemlich locker, denn wir tragen mangels Alternative unsere Trekkingschuhe.

In der Milonga La Catedral

In der Milonga La Catedral

Außer den großen Sehenswürdigkeiten gibt es in BA immer wieder kleine Juwelen eingestreut in ganz normale Viertel – zum Beispiel den Palacio de Aguas Corrientes – in dem – passend – die städtischen Wasserwerke ihren Sitz haben. Oder die Buchhandlung El Ateneo, die, in einem alten Theater untergebracht, sicherlich eine der schönsten der Welt ist. Am Abend fahren wir noch zusammen mit Franco und Julian auf die Feria de Mataderos – einer Art dörflichem Volkfest, das die Gaucho-Kultur feiert in einem westlichen Vorort von Buenos Aires. Wir sind erstaunt wie lebendig die Folklorekultur hier ist: viele Paare tanzen traditionell mit Tuch zu den Rhythmen der Prärie und das angestaubte Museum erweckt den Eindruck im Jahr 1880 stehengeblieben zu sein.

eine der schönsten Buchhandlunen der Welt

eine der schönsten Buchhandlunen der Welt

Buchhandlung El Ateneo - Grand Splendid

Buchhandlung El Ateneo – Grand Splendid

Palacio de Aguas Corrientes

Palacio de Aguas Corrientes

Sitz der Wasserwerke BA

Sitz der Wasserwerke BA

Tango Lernen im Vorbeigehen

Tango Lernen im Vorbeigehen

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Jesuitenkirche

Jesuitenkirche

Es ist schwierig die Faszination dieser Stadt auf den Punkt zu bringen. So lebendig und auch dreckig wie Berlin mit einem ungeheuren Angebot an oft kostenloser Kultur allerhöchsten Niveaus. Zur gleichen Zeit an vielen Stellen so schön und anmutig wie Paris. Mit hippen In-Viertel wie Palermo, die so auch in San Francisco stehen könnten. So leckeres Essen und Eis wie in Rom. Dazu die freundlichen Argentinier, die Spuren der Gaucho-Kultur der umliegenden endlosen Weiten. Der tägliche Kampf gegen die Probleme der eigenen Wirtschaft. Kurz, wir sind absolut begeistert!

Nach über einer Woche hier geht es per Fähre weiter ins Nachbarland Uruguay – nach der Hektik der Großstadt erwartet uns dort die ruhige Kolonialstadt Colonia und der farbenfrohe Karneval von Montevideo…

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