Radferien im Hochsommer

In Puerto Varas hat alles zu am Neujahrsmorgen und die sehr nette Hostelempfangsdame gähnt uns mit so überwältigenden Augenringen an, dass wir fast wieder die Flucht ergreifen. Aber wir schlagen dann doch das Zelt wieder für eine Nacht hier auf, machen unser Gepäck radfertig und genießen die sommerlichen Temperaturen. Wir haben nichts mehr zu essen und es gibt in der ganzen Stadt exakt drei Restaurants, die offen haben. Das erste ist zu teuer, beim zweiten warten wir eine Stunde, bis man uns erklärt, dass unser Gericht aus ist und erst im dritten finden wir endlich etwas zu essen. Sehr seltsam, wo doch sonst die Chilenen so geschäftstüchtig sind, herrscht an Sonn- und Feiertagen absolute Servicewüste.

Am nächsten Tag ist Aufbruch und die ersten Kilometer geht es auf einem single track entlang der Bahnlinie nach Santiago nach Llanquihue. Ein sehr hübscher Weg, zumal man immer wieder fantastische Blicke auf den gegenüberliegenden Schneekonus des Osorno hat, idyllische Flusseinmündungen quert oder die schönen Holzfassaden der Pionierzeit-Anwesen passiert. Nach kurzer Zeit erreichen wir das hochgelobte Frutillar – „Erdbeerhausen“ übersetzt – ein weiteres deutsches Kolonialdorf. Außer Hostels nichts gewesen ist aber unser Fazit, denn der Ort ist zu schnieke und man hat nicht den Eindruck, dass hier außer den Touristen jemand lebt.

Frutillar Mole

Frutillar Mole

Kunstwerk Frutillar

Kunstwerk Frutillar

Hinterland mit Osorno

Hinterland mit Osorno

schöne Pionierbauten

schöne Pionierbauten

Friedhof von Llanquihue

Friedhof von Llanquihue

Nach einer heftigen Gegenwindpassage drehen wir wieder nach Norden ab und erreichen den Lago Rupanco. Ein echtes Juwel und vollkommen untouristisch. Die Straße führt nur an einer Seite über den Auslass des Sees, dessen Fluss sich in tiefblauer Klarheit auf seine kurze Reise zum Pazifik aufmacht. Etliche lokale Angler sind die einzigen, die es hierher verschlagen hat. Wir fragen nach, ob man hier wohl campen könnte und sie bestätigen uns, dass das absolute kein Problem sei. So schlagen wir auf einem kleinen Parkplatz unser Zelt mit Blick über die Volkane Osorno und Casablanca, sowie den unfassbar schönen See auf. Im Abendlicht rudert der einsame Angler zurück in die Bucht und es beißen bekanntlich die besten Fische und so tragen die Angler auch richtig dicke Lachse zurück zu ihren Pick-Ups.

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Wasserqualität

Wasserqualität

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Ankunft am Lago Rupanco

Ankunft am Lago Rupanco

Fischeridylle

Fischeridylle

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Abend am Lago Rupanco

Abend am Lago Rupanco

Die weitere Fahrt zum Lago Ranco ist etwas eintönig durch Fleckvieh bestandenes Hügelland, Wälder und öfter auch ziemlich steil durch Schotter. Laura meint grummelig, da könne sie genauso gut durch NRW radeln. Mit meinen Gedanken eher bei der ersten Nachtschicht im Krankenhaus bellt mich plötzlich unerwartet ein Kläffer an und springt an meinem Rad hoch. Unsere Hundeangst und –respekt hatten sich eigentlich komplett gelegt, aber diesmal bin ich überhaupt nicht vorbereitet und ziehe die Vorderbremse so energisch, dass das Vorderrad auf dem Schotter wegrutscht und ich auf die Straße knalle. Fast wie zum Hohn fragt mich zehn Minuten später ein Jeep, ob ich einsteigen will und hinten hängt schon ein Tourenrad am Ständer. Ein Platz sei noch frei … Mhm, verlockend, aber Laura ist direkt hinter mir und fände das sicher nicht so lustig, wenn ich jetzt kneifen würde. Über die Kratzer am linken Arm und einer schmerzhaften Hüftprellung tröstet der wundervolle Campspot in Lago Ranco hinweg. Direkt hinter dem Strand, der voll von Schirmen, Liegen und Menschenmassen aussieht wie Mallorca, führt ein kleiner Weg zu traumhaften Wiesen unter Bäumen. Wir genießen das erste Bad im erstaunlich warmen See und kochen im Abendlicht vollkommen einsam.

Hinterland des Seengebiets

Hinterland des Seengebiets

idyllischer Campspot am Lago Ranco

idyllischer Campspot am Lago Ranco

Am nächsten Morgen hält uns ein „Hellooooo!“ vom Aufbruch ab. Mike, ein sehr freundlicher Ami ist der klügere Radler, der sich gestern hatte im Jeep mitnehmen lassen und auch auf dem Weg nach Norden. Er ist für einen 2-Monatstrip durch das Seengebiet und einen Teil der Carretera Austral aus Connecticut eingeflogen und will über das Westufer nach Futrono kommen. So trennen sich unsere Wege nach netten Worten und seiner freundlichen Hilfe, endlich meinen immer tiefer rutschenden Sattel zu stoppen. Die Umrundung des Lago Ranco, die unser Fahrradführer in höchsten Tönen beschreibt, wird dann aber zur Tortur. Denn außer steilst auf- und absteigender schlechter Schotterstraße mit ab und zu Blick über die Wasserfläche, fasziniert uns wenig. Zudem nerven auch noch hummelgroße Bremsen, die uns in Dutzenden (!!!) umfliegen und bei der kürzesten Fotopause anfangen, sich auf jedem Körperteil niederzulassen, das nicht in ständiger Bewegung ist. Lauras stoische Gelassenheit ist bewundernswert, aber ich tanze wie ein Derwisch umher und erlege bei einer längeren Kekspause fast zwanzig dieser Biester – natürlich umfliegen uns immer noch mehrere …

Junge, nerven diese Bremsen!!!

Junge, nerven diese Bremsen!!!

Lago Ranco Südseite

Lago Ranco Südseite

Einmal glauben wir uns zurück in Vietnam, als es mit gut 30% senkrecht den Berg hochgeht und das bei inzwischen fast 30°C in der Mittagssonne! Dann endlich erreichen wir Llifen, der Asphalt beginnt und es wird flacher. Wir hatten uns hier eine Variante über eine kleine Forststraße über Puerto Fuy nach Argentinien überlegt, aber die kennt hier niemand in der Stadt. Stellt sich heraus, dass sich die kleineren Straßen hier wohl jede Saison ändern und diese schon seit einer Ewigkeit nicht mehr existiert. Früher ging das, sagt uns noch einer und auch die Polizei, die wir von ihrer Geschwindigkeitskontrolle abhalten, bestätigt uns, dass wir dort nur noch Erdrutsche und Urwald anfinden würden. So sind wir ziemlich frustriert, denn wir sitzen am Ostufer fest und müssen die ganze Strecke wieder zurück – Gott sei Dank aber auf dem asphaltierten und flacheren Nordufer des Sees. Auch in Futrono finden wir einen schönen Platz zum Zelten direkt am See. Es gibt einen kleinen Weg zu einem moorigen Ufer und wir legen mal den Eigentumsbegriff etwas großzügiger aus und machen uns nach einem Radler zum Stärken des Mutes und bei Einbruch der Dunkelheit auf der angrenzenden Wiese eines Hotels breit.

psssst! illegaler Campspot

psssst! illegaler Campspot

Hafen von Futrono

Hafen von Futrono

So haben wir auch keine Probleme pünktlich aufzustehen, denn um 6:30 kommt der Sicherheitsmann und bittet uns höflich, bis 9:00 Uhr verschwunden zu sein – ziemlich großzügig und freundlich! Wir treten ordentlich in die Pedale, denn wir wissen heute erwartet uns ein wieder eher langweiliges Teilstück bis Panguipulli. Nach gut zwanzig Kilometern quält uns aber der Hunger und wir pausieren für Käsebrot und Cola. Kaum sind wir wieder auf der Straße: „Hellooooo!“. Mike hat uns eingeholt und so legen wir die lange Reststrecke nach Panguipulli gemeinsam im Schongang und quatschend zurück.                 Wir finden einen ruhigen Campingplatz im dichten Wald und genießen zu dritt das luxuriöseste Abendessen seit langer Zeit. Lachs in Sesamkruste – sogar mit Fischmesser serviert! Leider ist das nouvelle cuisine Zeug sofort verschwunden und wir müssen unseren Radlermagen noch mit Empanadas und Gummibärchen stopfen.

das einzige was uns aufhält sind 2000 Kühe und deren Hinterlassenschaften

das einzige was uns aufhält sind 2000 Kühe und deren Hinterlassenschaften

mit Mike unterwegs

mit Mike unterwegs

schöne Strecke hinter Panguipulli

schöne Strecke hinter Panguipulli

In Panguipulli kriege ich tatsächlich auch meinen Sattel durch eine neue Sattelstange repariert und versuche noch Dollars zu ertauschen, was auf Grund des lächerlich schlechten Kurses jedoch auf Villarica verschoben werden muss. So radeln wir entlang des sehr hübschen Sees, über den sich immer wieder gute Blicke bieten. Eine kleine, teils unasphaltierte Straße bringt uns – wieder sehr hügelig – zum Lago Calafaquen. Der Moment, an dem sich der wunderschöne Mount Villarica hinter einer Kurve zum ersten Mal zeigt ist genial. Und auch sonst ist die Strecke wesentlich schöner, verkehrsärmer und unterhaltsamer als die Tage zuvor. So schließt auch Laura wieder ihren Frieden mit dem Seengebiet, obwohl uns heute wieder die Bremsen nerven, die tags zuvor untergetaucht waren. Witzig mit anzusehen, dass Mike sich durch die Biester noch viel mehr reizen lässt als ich.

zum ersten Mal Villarica

zum ersten Mal Villarica

Seenrunde at its best

Seenrunde at its best

der Villarica von der südlichen Flanke

der Villarica von der südlichen Flanke

In Coñaripe wollen wir uns eigentlich nur mit Brot eindecken, aber als wir die Bäckerei betreten trifft uns der Schlag. Bestimmt 50 verschiedene Torten und Kuchen leuchten aus den Vitrinen und wer könnte bei Himbeer-Käsekuchen, Rosinen-Rum-Stückchen oder Erdbeer-Sahne wiederstehen? Zumal wenn der Blutzucker im Keller ist… Das sind definitiv absolute Vorzüge der Seenrunde, dass man durch so ein gut entwickeltes und touristisches Gebiet fährt, dass man sich fast im Stundentakt mit derlei Spezereien eindecken kann! Überhaupt die Spezereien. Hunderte Privatleute entlang der Straße verkaufen in ihrer Einfahrt Marmeladen, Backwaren, usw. So erstehen wir mehrfach Himbeeren (2Euro für 1,5kg!) und köstlichsten Räucherlachs. Dazu kommen Thermen, klare Bäche und sonnige Wiesen entlang der Strecke – es ist wirklich ein Urlaubsgebiet und extrem erholsames Radeln verglichen mit den harten Tagen in Peru und Bolivien! Ein Ananaseis stärkt uns für den Schlussanstieg nach Villarica, wo – nun wieder auf der Hauptstraße – uns leider etwas stärkerer Verkehr erwartet.

Villarica ist ein hübsch gelegener Badeort mit schwarzen Stränden aus Lavaasche. Der Campingplatz liegt direkt am Strand und bietet Blick über die Vulkane Villarica und Llaima im Norden. Hier springen wir zur Abkühlung nach dem Radeln mit Mike in die Fluten, allerdings ist der See ganz schön frisch und wir sind schnell wieder am Strand im Trockenen. Da wir zum letzten Mal in Chile sind und die Grenze immer näher kommt, müssen wir uns am nächsten Tag mit Dollar versorgen und stopfen uns auch noch ordentlich die Taschen mit argentinischen Peso voll, die hier tatsächlich zu einem deutlich besseren Schwarzmarktkurs als in Argentinien zu haben sind – wohl weil die Chilenen sie so schnell wie möglich loswerden wollen.

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Blick von Villarica zum Vulkan Llaima

Blick von Villarica zum Vulkan Llaima

schon in Pucon

schon in Pucon

Mike ist schon früher fertig als wir und wir verabschieden uns daher, denn er fährt schon nach Pucon vor. Wir folgen am Nachmittag nach und hätten die Straße wohl lieber vermieden, denn Jeeps, Busse und PKWs rauschen im Zentimeterabstand an uns vorbei. Zudem ist der Asphalt mit Schlaglöchern und Scherben übersät. Oh Mann, sicherlich der fürchterlichste Abschnitt seit langem! In Pucon gibt es einen idyllischen Campingplatz, der in einem Waldstück angelegt ist und durch den sich ein glasklarer Bachlauf schlängelt. Die Innenstadt ist touristisch und typisch Badeort, aber dennoch ganz nett. Wir finden das leckerste Eis der Reise und nette amerikanische Camp-Nachbarn mit zwei Winzlingen, die uns reichlich übriggebliebenes Essen schenken. „Mamiii, he said his name was Toutooouuu“, sagt die kleine Coco.

Weil es hier so schön ist, beschließen wir noch einen Ruhetag einzulegen, bevor es wieder nach Argentinien geht. Die Stadt gilt als Adrenalin-Mekka. Canyoning, Rafting, Volkan-Climbing, Horseback-Riding, Paragliding, Jet-Skiing, Mountainbiking, und sonstige “–ings” sind hier der Renner. Allerdings ist uns einfach nur nach Stadtbummel, Lesen, Faulenzen und Ruhetag. Mike treffen wir wieder in der Stadt, der heute auf den Vulkan Villarica steigt und dafür einen fantastisch-wolkenlosen Tag erwischt hat.

Pucon Beach - mit Eisbecher!

Pucon Beach – mit Eisbecher!

rauchender Villarica

rauchender Villarica

Hafen von Pucon

Hafen von Pucon

Wir brechen am nächsten Tag frisch erholt Richtung Argentinien auf. Auf der Strecke reihen sich Rennmaschinen aneinander, denn drei Tage darauf findet hier der Halb-Ironman von Chile statt und die Athleten machen die letzten Trainingseinheiten mit Traumblick über den Vulkan. Ich hänge mich 5km an eine Rennradlerin, muss dann aber mit Blutgeschmack im Mund abreißen lassen, ich schiebe es mal auf 30kg Gepäck und Tourenrad. Dann zweigt die Strecke ab und es wird einsamer und schöner, denn der mächtige Vulkan Lanin (~3800 Meter) erhebt sich vor uns. Leider sind die letzten knapp 20km dann geschottert, sehr steil und von zahlreichen Baufahrzeugen gefahren, so dass wir uns nochmal richtig quälen müssen. Oben an der Lagune mit Lanin-Blick und Araucarienbewuchs ist es dann aber wieder traumhaft.

 

Araucarien vor Vulkan Lanin

Araucarien vor Vulkan Lanin

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von wegen abgenommen

 

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So geht unsere Zeit in Chile zum letzten Mal zu Ende. Insgesamt ist es das letzte Mal Grenze für uns – ein seltsames Gefühl. Für ein Fazit braucht man ja immer etwas mehr Abstand, aber wir hatten uns insgesamt sicherlich mehr erwartet von diesem Land, das von außen so gehypt wird. Uns erwartet der alte Bekannte Argentinien, die letzten Radtage und überhaupt die letzten Wochen. Die Ungeduld steigt, die Vorfreude wächst und in ca. fünf Wochen wird unsere Reise ihr Ende finden.

Zur aktuellen Karte

Mehr Bilder aus dem chilenischen Seengebiet

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