We’re dreamin‘ of a waaaaarm Christmas!

Völlig gerädert erwachen wir am nächsten Morgen und zahlen einen hohen Preis für die letzte Tagesetappe. Lauras Füße haben kaum noch gesunde Haut zu bieten – nachträglich erklärt mir das ihre kläglich-heroische Gangart auf den letzten Kilometern. Unerklärlich allerdings wie sie das ohne Gejammer durchgestanden hat! Dennoch wollen wir unbedingt weiter in Richtung Argentinien und nehmen noch am Nachmittag den Bus nach El Calafate. Es ist so nervig, dass wir bei jedem Grenzübertritt neu aus- und einstempeln müssen und dadurch eine Stunde verlieren. Warum kriegen Chile und Argentinien denn kein multiple-entry Visum zustande, zumal man ja das ständige Kreuzen auch nicht vermeiden kann?! Wenigstens erheitert uns das argentinische Lippenbekenntnis zu den Schafsinseln, die sie selbst „Malvinas“ nennen – besser bekannt als Falklandinseln.

FSK 18

FSK 18

2014-12-22 19.22.12

Falkland und WM-Verlust. Doppeldemütigung der armen Argentinier! auch heute noch steht dieses Schild an fast jeder Grenze und vor den Kasernen

 

In Calafate kommen wir spät nachts an und beziehen im Dunkeln den von anderen Touristen empfohlenen Camping „El Ovejero“. Warum diesen Ort jemand empfiehlt bleibt fraglich. Direkt zwischen zwei lauten Hauptstraßen eingekeilt, bietet er nichts außer sauberen Klos und ist – mal wieder – vollkommen überteuert, von den unfreundlichen Besitzern ganz zu schweigen. Die Stadt selbst ist auch nichts Besonderes – Outdoor-Ausstatter, Restaurants und Reiseagentur reiht sich an Reiseagentur. Das Geschäft halten Transfers nach Chile und El Chaltén, sowie der Perito Moreno Gletscher am Laufen, der 80 Kilometer westlich der Stadt liegt. Den können wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen, obwohl wir gute Lust darauf hätten wegen dem ganzen Nepp.

Tatsächlich ist eine geführte Tour nicht teurer als der offizielle Bus und so werden wir am nächsten Morgen gemütlich vom Camping abgeholt und hocken uns zu den anderen Touris in den Minibus. Wir befürchten das Schlimmste, aber tatsächlich ist es sehr nett. Nur bei den Fotopausen fühlt man sich wie das dümmste Schaf einer patagonischen Herde. Die euphorisch-fröhliche Führerin strahlt von einem Ohr zum anderen bei jedem Witz, denn sie täglich abspulen muss – das Ganze noch auf Englisch und Spanisch im 5-Minutenabstand! So kommt uns die Fahrerei sehr kurz vor und nach einer Kurve bietet sich der erste Blick über den Gletscher. Wir sind ziemlich enttäuscht, denn größer als der Grey-Gletscher sieht das nicht aus. Aber wir haben uns gründlich getäuscht, denn wir sind noch 7 (!) Kilometer entfernt.

der erste Eindruck - aus 7km!

der erste Eindruck – aus 7km!

etwas touristischer Fotostop

etwas touristischer Fotostop

Kurz darauf werden wir an den Treppenkonstruktionen raus gelassen und haben vier Stunden, um die in verschiedenen Farben markierten Rundwege abzulaufen. Unsere Führerin warnt uns: „Jeden Schritt runter, müsst ihr nachher wieder hochlaufen!“ Achso … Das Besondere an dem Gletscher ist, dass er sich aus einem recht steilen Tal kommend zwei Meter täglich vorschiebt und die vorderste Front im Minutenabstand unter gruseligem Krachen und unglaublich lautem Getöse in den anliegenden Lago Argentino stürzt. Hört man das Krachen ist es aber schon zu spät zu gucken, denn man ist ca. 500 Meter von der Gletscherfront entfernt und sieht dann nur noch die gigantischen Wasserfontänen in die Höhe schießen.

Die Eisfront ist ca. 60 Meter hoch und über fünf Kilometer lang – unfassbare Ausmaße. Die vorderste Zunge schiebt sich auf die Magellan-Halbinsel vor und so kam es, dass schon mehrfach der Gletscher die Verbindung der zwei Seeabschnitte unterbrach, bis sich die um elf Meter angetürmten Wassermassen der einen Seite einen Weg durch den Gletscherdamm brachen. Es muss unfassbar sein, dieses Spektakel mitzuerleben – Youtube bietet sicher nur eine blasse Vorstellung davon.

Wir kriegen nicht genug die skurrilen Eisformationen aus immer neuen Blickwinkeln zu betrachten. Leider finden die größeren Abbrüche immer statt, wenn wir gerade einen kurzen Abschnitt durch den dichten Wald laufen. Dann plötzlich bricht ein Einfamilienhaus-großes Stück ab als wir uns direkt gegenüber befinden und verschwindet unter schaurigem Gegurgel in den eisigen Wassern. Fantastisch! Leider geht es zu schnell, um die Kamera rauszuholen. Es weht uns ein eisiger Wind um die Ohren und immer wieder nieselt es, doch inzwischen ertragen wir das hiesige Wetter selbst in Flip-Flops (zur Blasenschonung) bestens.

der erste Eindruck - aus 7km!

der erste Eindruck – aus 7km!

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wohl die einzige Flipfloptouristin bei 5°C

wohl die einzige Flipfloptouristin bei 5°C

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Kaum zu fassen, dass wir vier Stunden einfach nur dieses Eis angestarrt haben, aber es ist tatsächlich schon an der Zeit und wir wärmen uns noch kurz in der Cafeteria, bevor es auch schon wieder zurück nach Calafate geht. Wir lassen uns auf dem Rückweg am Glaciarium rausschmeißen – einem hypermodernen Museum über die wissenschaftliche Erforschung des Eises mit eindrucksvoller Tiefe der Materie und auch über die menschliche Annäherung an diese lebensfeindliche Umgebung und die Expeditionen zu Nord-, Südpol und über die patagonischen Eisfelder. Wie im Weinmuseum in Cafayate waren auch hier modernste Museumspädagogen zu Werke und zahlreiche Multimedia-Installationen und phänomenale Luftaufnahmen rauben uns den Atem. Auf den Wodka aus einem Becher aus Eis in der hauseigenen Eisbar für 12 Dollar verzichten wir aber dankend.

Dann geht es weiter nach El Chaltén – das Trekkingmekka Argentiniens. Bei Ankunft finden uns in einem 1000-Seelenörtchen wieder. Eigentlich gibt es außer Hostels und Outfittern hier nichts, dennoch ist der Ort familiär-nett und sehr hübsch gelegen mit dem über dem Dorf wachenden Mount Fitz Roy. Wir finden ein nettes Hostel mit großer Küche und vielen jungen Leuten, die alle zum Klettern und Wandern hier sind – einige wohl auch hängengeblieben wie die langen Rastazöpfe zeigen. Einige Zelte stehen auch für einen Daueraufenthalt auf Holzpaletten gegen den Schlamm und sind vollkommen zugewuchert. Hier verbringen wir auch die Weihnachtstage, für die wir uns in letzter Sekunde noch in El Calafate eingedeckt hatten. Das Kaffeetrinken am Heiligabend mit Plätzchen in der Hüttenatmosphäre unseres Aufenthaltsraums ist dann der erste Moment, an dem doch die Sehnsucht nach dem trauten Heim für Weihnachten uns etwas übermannt. Barbecue statt Gans ist auf der Südhalbkugel für uns die Devise, obwohl es ein wenig frisch und windig ist für uneingeschränktes Grillvergnügen.

Weihnachtskaffeetrinken

Weihnachtskaffeetrinken

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BBQ for Xmas

BBQ for Xmas

deutscher Weihnachtstraum

deutscher Weihnachtstraum

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Das Überraschendste aber an Weihnachten in der Ferne ist der Kirchgang. In einer kleinen, freundlichen Kapelle mit Sitzplätzen für ca. 50 Leute empfängt uns ein sehr netter Pfarrer vor der Tür per Wangenkuss – das ist hier Usus. „Laura, que lindo!“. Er hat drei Nonnen im Gepäck, eine davon mit Gitarre bewaffnet und vor dem Beginn werden erst mal die Stücke geübt. Dann bei Beginn trägt der Pfarrer ein Jesuskind (Oberammergau ist stilvoll dagegen) würdevoll vor den Altar. Im Gottesdienst stellt sich dann raus, dass es der Bischof von Santa Cruz und Feuerland höchstpersönlich war, der derzeit auch hier zu Ferien weilt und die Messe liest, da es keinen örtlichen Pfarrer gibt. Er kennt wohl auch seinen argentinischen Papstkollegen ganz gut. Insgesamt ist die Stimmung wesentlich gelöster und freundlicher und nicht ganz so überladen wie es bei uns manchmal in der Kirche der Fall ist. So kommt ein Gemeindemitglied auf uns zu, um uns auf Deutsch in der Messe noch „Fruliger Vaijnagten“ zu wünschen, wie er sich auf seinen Zettel notiert und uns später quer durch die Kirche zubrüllt. Es sind auch Leute aus aller Herren Länder da, die auf ihren Sprachen fröhliche Weihnachten wünschten. Das Friedenszeichen artete in ein Abbusseln der gesamten Kirche aus – so wie die Argentinier halt sind. Nach Schluss wurde dann noch die örtliche Tradition gepflegt, dass Holz-Kind zu küssen samt der Nonne, die es in ihren Armen wiegt. Und beim Rausgehen lernten wir dann noch eine Familie von hier kennen, deren Schwester in Dingolfing wohnt und deren Sohn in Regensburg studiert. Klein scheint die Welt! Kurzum, sehr lustig und fröhlich.

ja, Mama, ich war in der Kirche ;-)

ja, Mama, ich war in der Kirche 😉

Mount Fitz Roy über der Weihnachtskirche

Mount Fitz Roy über der Weihnachtskirche

El Chaltén in der Weihnachtsnacht

El Chaltén in der Weihnachtsnacht

Den ersten Feiertag genießen wir entspannt mit Pancakes und einem kleinen Spaziergang im Ort. Unterwegs treffen wir auch den Bischof wieder. Wer kann schon von sich behaupten, dass er auf offener Straße vom Bischof vom Feuerland erkannt und geküsst wird? Laura kann wegen ihres Fußes leider immer noch nicht wandern, so dass ich am zweiten Weihnachtstag alleine aufbrechen muss zur ersten Tour auf den Loma del Pliegue Tumbado – einem hübschen Aussichtspunkt über den Lago Viedma, einige Gletscher und natürlich die phänomenalen Spitzen des Fitz Roy. Danach wird das Wetter leider wieder unbeständiger, so dass wir noch einige Tage im Hostel abhängen und die weitere Route planen, Fotos sichten und uns um unseren näher rückenden Berufsstart kümmern.

Dann endlich verziehen sich Regen und Wolken wieder, so dass wir mit Lauras fast genesenen Füßen zu zwei weiteren Wanderungen aufbrechen. Die erste führt uns zur Laguna Torre, wo uns leider die düsteren und hartnäckigen Wolken die Sicht auf die Spitze verwehren. Dennoch ist der darunter vorkriechende Gletscher beeindruckend. Den letzten und sonnigsten Tag heben wir uns für das Highlight des Wandergebiets auf. Die „Laguna de los Tres“ liegt direkt unterhalb des hoch aufragenden Mount Fitz Roy und in ihr spiegeln sich die Granittürme auf beeindruckende Weise. Leider ist die Spitze nicht ganz frei, dennoch ist der Blick nach dem grausamen Schlussanstieg mit Blick über das Tal, die Berge und den Lago Viedma bis fast nach Calafate einmalig.

Lust zu schwimmen?

Lust zu schwimmen?

fast frei, Fitz Roy!

fast frei, Fitz Roy!

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El Chaltén

El Chaltén

Wasserflasche vergessen

Wasserflasche vergessen

am Ziel

am Ziel

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Um zurück ins Seengebiet zu kommen, hatten wir eigentlich geplant das Navimag-Boot von Puerto Natales nach Puerto Montt zu nehmen, aber inzwischen sind alle Kabinen ausgebucht – selbst die Luxuskabine für 1050 US-Dollar! Den Horror-34-Stundenbus wollen wir uns nicht noch einmal antun und so buchen wir Flüge von Punta Arenas nach Puerto Montt zu fast dem gleichen Preis wie der Bus! Allerdings am Neujahrsmorgen um sechs Uhr früh … Ahrg! Um keine böse Überraschung zu erleben, beschließen wir die Busse nach Chile schon jetzt klar zu machen und buchen den ersten Bus nach Calafate problemlos. Allerdings scheint es für den Bus von Calafate nach Puerto Natales unmöglich, ihn per Internet oder hier in El Chaltén zu buchen. Schließlich finden wir Chalten-Travel, die uns erklären alle Busse nach Chile seien bis zum 6. Januar (!) ausgebucht… Hoffentlich ein schlechter Scherz denken wir, aber nein. Die Frau gibt uns noch die Telefonnummern von anderen Firmen. Wir beschließen, es noch einmal am Terminal zu probieren und tadaa! Die andere Filiale von Chaltentravel ruft einfach an und wir haben zwei Busplätze am Silvesterabend. Puh…!

So erreichen wir Punta Arenas und ein nettes Hostel, in dem wir mit anderen Reisenden und der liebevollen Herbergsfamilie das neue Jahr feiern. Oder auch nur feiern wollen, denn nach dem Anruf in good old Europe zur humanen Zeit und einem schweren Raclette mit ebenso schwerem Rotwein, übermannt uns die Müdigkeit und wir verabschieden uns noch vor Mitternacht in die Kojen. Die Aussicht, um 4:15 auch schon wieder ein Taxi zum Flughafen zu besteigen, trägt ebenso zur Entscheidung bei. So wachen wir noch kurz von den hier doch sehr spärlichen Knallern auf und schlafen ein paar Stunden. Der Flug ist ohne die befürchteten patagonischen Winde sehr ruhig und ich erwache nach anfänglich großartigen Blicken über die schneebeschneiten Bergspitzen und Fjorde entlang der Carretera Austral erst wieder von der sanften Landung in Puerto Montt. Ein kurzer Bustransfer bringt uns zurück nach Puerto Varas, zu unseren Rädern und zur Vorfreude auf Teil 2 der Radrunde durchs Seengebiet. Im Gegensatz zur Abreise drei Wochen vorher knallt jetzt die Sonne herunter und es ist schon frühmorgens sommerlich warm. Was für ein Gegensatz zu den letzten Wochen im „hochsommerlichen“ Patagonien!

Mhm ... angebrannter Raclettekäse!

Mhm … angebrannter Raclettekäse!

Silvester !!!

Silvester !!!

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