Schweißtreibender Aufstieg in eisige Höhen – auf dem höchsten Berg Nordpatagoniens!

An der argentinischen Grenze werden wir von einem unfreundlichen Einweiser nicht nur zum Stempeln, sondern auch zum Zoll geschickt. Das mussten wir noch nie. Womit wollen Sie uns denn jetzt schikanieren, fragen wir uns? Wahrscheinlich wollen sie unsere Räder in den Pass eintragen, so ein Mist, dann können wir sie nicht verkaufen. Toto sagt, geh du hin und lächle den Grenzer an und tu so als verstehst du nichts. Gesagt, getan. Hola, sage ich, und setze mein hilflosestes Lächeln auf und lege unsere Pässe auf den Tisch. Aha, deutsch, sagt der Zollbeamte auf deutsch! Der Plan geht wohl nicht auf… Er ist dann sehr freundlich. Sein Großvater sei deutsch gewesen, er fragt wie wir her gekommen sind und sagt wir könnten dann jetzt gehen. Stutzig machen uns aber die Poster, wonach man tatsächlich nicht nur jedes neue, sondern auch gebrauchte Elektrogerät und Möbelstück aus Chile angeben muss, damit der argentinische Staat über prozentuale Einfuhrzölle wieder an Devisen kommt. Vor dem Grenzhäuschen steht eine Mountainbike-Gruppe zur Abfahrt nach Chile bereit. Ob ihnen klar ist, dass sie da eine Tour durch 20km Baustelle gebucht haben ohne Alternativtrail?

Für uns geht es jetzt vorbei ganz nah an der Flanke des Lanins. Das wär schon was, da hochzusteigen, sagt Toto halb im Scherz. Eigentlich wollten wir ja auf den ca. 1500 Meter niedrigeren Vulkan Villarica in Chile, aber bei Preisen von ca. 100 $ pro Person und mit täglich ca. 500 Touristen auf dem Kraterrand war uns das dann doch zu bunt. Wir erkundigen uns am Campingplatz des Nationalparks über den Lanin: Aufstieg bis zum ersten Refugio möglich, danach nur mit Guide. Wir entscheiden uns gegen den überfüllten Campingplatz für 50 Peso p.P. ohne Duschen und campen 5km später wild, idyllisch am Fluss, Bad inklusive. Auch einige Angler tummeln sich noch am Fluss. Ob Angeln hier im Nationalpark erlaubt ist? Angeblich angeln hier alle „catch-and-release“, aber ob man die fangfrische Forelle dann tatsächlich zurückwirft?

Lanin

Lanin

Am nächsten Tag geht es auf einem gemütlichen downhill zur Hauptstraße und dann noch 20km mit Gegenwind bis nach Junin de los Andes, wo wir am frühen Mittag ankommen. Wir checken in einen idyllischen Campingplatz auf einer Flussinsel ein. Toto verbringt den Nachmittag mit seiner Angel im Fluss – doch wieder kein Forellenglück. Junin de los Andes ist eine sehr nette, authentische Kleinstadt, die vor allem für ihre Angelreviere bekannt ist und daher einen eher ruhigen Tourismus anbietet – ganz im Gegensatz zu ihrem großen Nachbarn San Martín, wo es vor Touranbietern, Skiresorts und Events nur so wimmelt. Am Abend gehen wir aus Interesse zum einzigen Ausrüster der Stadt, der auch geführte Touren auf den Lanin anbietet. 3.500 Pesos, rund 270 Dollar p.P. kostet der Spaß, puh! Außerdem hat er gerade keinen Guide, erst wieder in vier Tagen. Aber ihr könnt da auch ohne Probleme ohne Guide hoch, wenn ihr nicht zum ersten Mal einen Rucksack aufhattet und einer von euch schon einmal Steigeisen anhatte, sagt der Ausstatter. Toto gibt zu bedenken, dass er nur als Kind mal über einen flachen Schweitzer Gletscher gestapft ist, sicherlich nicht mit dem Lanin zu vergleichen. Alles kein Problem, sagt der Typ. Etwas skeptisch schauen wir ihn an, ist er auf unsere Organe scharf? Naja, andererseits mit dem Guide würde er viel mehr Geld machen, als wenn er uns jetzt nur die Ausrüstung leiht für 50 Dollar p.P. Wir lassen es uns den Abend durch den Kopf gehen und lassen uns schließlich überzeugen, dass die Laninbesteigung nur „ein Spaziergang“ ist, wie er sagt. Ein Express-Youtube-Kurs vermittelt uns dann am Abend auch noch den gekonnten Umgang mit Steigeisen, Verhalten auf Gletschern und die Technik den freien Fall/Rutsch per Eisaxt zu stoppen. Alles klar also…

wieder beißt nichts

wieder beißt nichts

Am nächsten Tag holen wir die Ausrüstung ab (wir kriegen sogar noch eine Stirnlampe und wasserdichte Überhandschuhe umsonst), lagern unsere Räder in einem Container am Campingplatz ein und nehmen am späten Nachmittag den Bus hoch zum Camping an der Hauptstraße.

Der Aufstieg dauert zwei Tage. Am ersten Tag steigt man entspannte fünf Stunden bis zum ersten oder zweiten Refugio auf, um dann am nächsten Tag den Gipfel zu erklimmen und wieder komplett abzusteigen. Wir erhoffen uns schon am Abend einen Platz im höher gelegenen CAJA Refugio sichern zu können. Das bedeutet eine Zeit- und Kräfteersparniss von einer Stunde für den zweiten Tag. Doch die mäßig sympathische Parkrangerin erklärt uns, es geht danach wer am Aufstiegstag zuerst da ist – Registrierung ist also erst morgen um 8 Uhr möglich. Aha, wir sind doch aber zuerst da?! Weiter weigert sie sich auch schon heute unsere Ausrüstung zu überprüfen – nein, morgen um 8 Uhr morgens. Wenn sie jetzt schon mal einen Blick drauf werfen würde, hätten wir noch Zeit, nochmal zurück zu fahren und ggf. fehlende Ausrüstung zu ergänzen, aber nein… oh man.

Lago Tromen

Lago Tromen

Abends am Lago Tromen

Abends am Lago Tromen

So checken wir am Camping ein, stärken uns mit 500 g Nudeln für die nächsten Tage und machen noch einen abendlichen Spaziergang zum Lago Tromen. Der Lanin leuchtet magisch und drohend zugleich auf der anderen Talseite. Ewig kann ich nicht einschlafen, da der Wind so im Blätterdach heult, dass ich jedesmal wenn ich die Augen schließe uns sehe, wie wir vom Berg geweht werden. Dank Ohropax schlafe ich dann aber doch irgendwann ein. Am nächsten Morgen stehen wir pünktlich um viertel vor 8 vor dem noch geschlossenen Parkbüro. Bis zum Abschluss unsere Registrierung kommt dann auch tatsächlich kein anderer Wanderer! Zum Glück ist ein anderer Parkranger da als gestern, der deutlich netter ist. Er kontrolliert und überprüft Steigeisen, Eisaxt, Helm und Funkgerät. Er schärft uns ein uns zu melden wenn wir am Refugio ankommen und nochmal nach dem Wetter zu fragen. Am nächsten Tag sollen wir ab 3000 Meter Höhe das Funkgerät angeschaltet lassen, damit eventuelle Wanderer über uns uns vor Steinschlag warnen können bzw. wir die unter uns. Außerdem müssen wir uns dann am Gipfel wieder beim Parkbüro melden und wenn wir wieder am Refugio sind. Er warnt, dass es zu dieser Jahreszeit viel anstrengender wäre als sonst zum Gipfel zu kommen, da so wenig Eis und Schnee läge und man sich daher durch viel Geröll und tiefe Lavaasche hocharbeiten müsse.

Langsam und gemächlich beginnen wir den Aufstieg zum 1. Refugio, um uns nicht heute schon zu verausgaben. Der Weg ist erstaunlich gut, man sinkt kaum in der Lavaasche ein. Zwei Stunden machen wir Pause, unterhalten uns mit den argentinischen Tagestouristen und den zwei hier stationierten Soldaten. Sie betreiben ein kostenloses Militärrefugio und füllen unsere Wasserreserven nach – neben einem freundlichen Plausch. Widererwarten sitzen sie hier nicht um den Chilenen möglichst gut im Blick zu haben, sondern tatsächlich um verunglückte Bergsteiger möglichst schnell retten zu können und ab und zu steigt auch eine Gruppe Soldaten zu Trainingszwecken auf den Gipfel. Warum widmet sich die Bundeswehr nicht solchen positiv-sinnvollen Tätigkeiten? Es gibt hier oben sogar einen Hubschrauberlandeplatz. Soll uns das beruhigen oder eher beunruhigen?

beim Aufbruch

noch etwas verkniffen beim Aufbruch

DSC_4073

DSC_4077

DSC_4078

das Militär- und das Privat-Refugio.

das Militär- und das Privat-Refugio.

Die letzte Stunde zum oberen CAJA (tatsächlich der ANDENverein) Refugio ist dann nochmal anstrengender, da hier die Lavaasche sehr tief ist. Nach drei Schritten nach oben, rutscht man wieder zwei runter. Am Refugio bricht gerade eine Gruppe Argentinier auf, die heute Morgen auf dem Gipfel waren, alles ganz easy, sagen sie und geben uns letzte Tipps zur Wegführung. Das erschöpfte Gesicht der einzigen Frau spricht eine andere Geschichte, aber sie sagt nichts – vermutlich, um uns nicht zu demotivieren.

Wir funken runter und erfahren dass das Wetter für morgen weiterhin super sein soll mit maximalen Windgeschwindigkeiten von 35 km/h, sehr gut also. Außerdem werden am nächsten Tag außer uns noch zwei geführte Gruppen zum Gipfel aufbrechen, die im unteren Refugio bleiben. Das heißt wir haben die Biwak-Schachtel tatsächlich für uns, herrlich! Für 10 Leute soll das Ding ausgelegt sein – das wäre aber auf jeden Fall sehr kuschelig!

DSC_4087

DSC_4088

der Blick nach oben

der Blick nach oben

DSC_4093

am CAJA angekommen

am CAJA angekommen

Den Nachmittag nutzen wir um im – zugegebenerweise schon sehr weichen – Schneefeld den Umgang mit Steigeisen und Eisaxt zu erlenen. Ist ganz easy – zum ersten Mal schnalle ich mir etwas unter die Füße, was einem mehr Halt gibt und einen nicht beschleunigt. Wie angenehm im Gegensatz zu ersten Versuchen mit Ski oder Inlinern! Dann erkunde ich noch den Weganfang, damit wir ihn morgen im Dunklen besser finden. Zur optimalen Aufbruchszeit wurden uns unterschiedliche Zeiten von 2 Uhr bis 4 Uhr genannt. Auf jeden Fall muss man vor 12 Uhr mittags den Gipfel verlassen, weil sonst das Eis zu weich wird. Da man ca. 6 Stunden von hier zum Gipfel brauchen soll, die geführten Touren unten um 3 starten und wir keine Lust haben unnötig viel im Dunkeln zu gehen, aber andererseits auch nicht die anderen Gruppen vor uns haben wollen, die Steine lostreten, entscheiden wir uns 4 Uhr anzupeilen. Den späten Nachmittag faulenzen wir lesend in der Sonne, begleitet von dem etwas beunruhigenden Grollen der ständig runterfliegenden, vom schmelzenden Eis freigegebenen Steine. Zum Glück sehen wir aber nur Steinschlag auf der steileren Ost-Flanke, die wir nördlich umgehen werden.

unser Schneefeld zum Üben

unser Schneefeld zum Üben

Der Andenkondor war schon oben

Der Andenkondor war schon oben

Wasserquelle am CAJA Refugium

Wasserquelle am CAJA Refugium

DSC_4109

Eiszapfen

Eiszapfen

DSC_4114

DSC_4117

DSC_4126

der Berg ruft!

der Berg ruft!

DSC_4135

unser Privat-Refugio. Groß und klein – der Eindruck täuscht, wem welche Matte gehört!

 

Nach einem weiteren halben Kilogramm Nudeln und einem fantastischen Sonnenuntergang, bei welchem man den riesigen Schatten unsers Berges sieht, fallen wir sofort in einen tiefen Schlaf und erwachen mit dem Wecker um 3.30 Uhr tatsächlich recht erholt. Der gefürchtete Wind war ruhig diese Nacht und tatsächlich ist es nicht so eisig wie wir befürchtet hatten. Ein Blick über den Felsrand verrät, dass die Stirnlampenfraktion der beiden geführten Gruppen noch recht weit unten ist und wir noch reichlich Zeit haben zu frühstücken. Außerdem prangt ein unfassbarer Sternenhimmel über uns. Pünktlich als wir fertig sind, fallen dann zwei recht große Gruppen mit ihren guides ein. Besonders nett sind sie nicht, wie das bei geführten Gruppen oft der Fall ist. Einer stampft direkt in „Unser Refugio“ und breitet einen Schlafsack aus, eine Freundin ist müde, sagt er. Na gut, aufgeräumt haben wir jetzt hier nicht, damit muss sie wohl leben und bieten ihr unseren Schlafplatz an, damit sie wenigstens noch eine Isomatte hat.

und... schaffen wir's hoch?

und… schaffen wir’s hoch?

DSC_4139

Lanin-Schatten

Lanin-Schatten

Zähneputzen mit Abendpanorama

Zähneputzen mit Abendpanorama

DSC_4144

Llaima in der Ferne

Llaima in der Ferne

DSC_4146 DSC_4148

Abendlicht

Abendlicht

Wir wissen, dass es von hier zwei Optionen gibt um zu starten. Entweder direkt auf Schneefeld oder noch ein bisschen durch Geröll und dann erst in den Schnee. Wir fragen wo sie lang gehen werden: Unser Guide wird uns sagen, wo wir lang gehen sollen. Aha. Na gut. Wir entscheiden uns über das Geröllfeld loszugehen, während die Gruppen sich noch ausruhen. Trotz der Dunkelheit ist der Weg halbwegs gut zu finden und hier unten gibt es auch immer wieder noch den ein oder anderen Wegmarkierungsstab. Auch der Gipfel und die Bergflanke sind gut zu erkennen, so dass wir keine Angst haben uns groß zu verlaufen.

Dann wird es aber auch schon bald ernst und es heißt Steigeisenanziehen, ab aufs Eis. Wir lassen es langsam angehen und gehen in Serpentinen hoch. Das Eis liegt mit vielen Mulden da, sodass man fast wie auf einer Treppe hochsteigen kann. Doch sind dafür oft große Schritte vonnöten, was recht anstrengend ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir am Ende des Eisfelds an und sehen, dass die erste Gruppe gerade unten losgeht. Für uns geht es nun anstrengend durch tiefen Sand weiter. Immer wieder kommen kleinere Schneefelder von 2-5 Metern für die es sich nicht lohnt die Steigeisen anzuziehen, sodass wir vorsichtig mit normalen Schuhen drüber stapfen. Langsam beginnt der Himmel im Osten rot zu glühen und der Bergrücken zeichnet sich davor zaubervoll ab, fantastisch! Nach ca. einer Stunde beschwerlichen Gehens, sehen wir plötzlich die andere Gruppe die so weit unter uns war, neben uns auftauchen – sie sind immer noch im Schnee. So ein Mist, wenn man sich weiter links gehalten hätte, hätte man wohl bis hier oben bequemer auf Schnee gehen können statt sich durch lockeren Lavaschutt hochzukämpfen. Es zahlt sich wohl doch aus einen ortskundigen Guide zu haben.

Morgendämmerung

Morgendämmerung

DSC_4154

DSC_4155

DSC_4156

DSC_4158

Unser Vulkan raucht doch gar nicht...

Unser Vulkan raucht doch gar nicht…

Nach einem Plateau auf 3000 Meter, an dem wir unser Funkgerät einschalten, beginnt dann ein natürlicher Kanal – wie eine gigantische Halfpipe. Im Winter kann man den wohl bequem in der Mitte auf Schnee durchwandern, doch derzeit sammelt sich hier der ganze Steinschlag. Die Parkranger haben uns angewiesen uns am rechten Rand zu halten, was auch problemlos möglich ist. Hier gibt es auch wieder mehr Markierungen und der Weg ist recht eindeutig zu erkennen. Die andere Gruppe musste jetzt auch vom Schnee runter und ist wieder weit unter uns. Von der zweiten Gruppe keine Spur. Immer steiler geht es hinauf auf wechselndem Untergrund, tiefste Lavaasche, harter Felsen, Schnee und über einen gefrorenen Fluss, der rutschig-gefährlich zu umgehen ist.

Vorsichtig tasten wir uns vor, um keine Steine loszutreten. Der Wind ist ordentlich aufgefrischt und es ist jetzt sau kalt. Wir können es nicht erwarten, dass endlich die Sonne rauskommt. Der Villarica in der Ferne wird schon von den wärmenden Strahlen beleuchtet. Fantastisch wieder der Bergschatten des Lanin über dem dunstigen Land unter uns. Unser Proviant – Riegel und Schokolade – ist gefroren, man kann es kaum beißen. Um eine richtige Pause zu machen ist es zu kalt, selten finden wir mal eine windgeschützte Nische in der wir uns für zwei Minuten ausruhen, bis es zu kalt wird. Kurz vor dem Ende des Kanals kommt in der Mitte der einzige ca. fußballgroße Stein runter, den wir fallen sehen werden – „Piedra, Piedra!!“, rufen wir pflichtbewusst ins Funkgerät. Gracias, knackt es von unten zurück.

DSC_4160

der frühe Wanderer ist als erster am Gipfel

der frühe Wanderer ist als erster am Gipfel

DSC_4162

DSC_4163

Villarica glows

Villarica glows

Gipfel in Wolken

Gipfel in Wolken

Endlich ist die Sonne da!!! Leider ist sie noch nicht so intensiv wie wir uns das vorgestellt hatten. Weiter geht es nach oben, immer steiler, die Blicke bei unseren kurzen Pausen sind aber fantastisch. Die Vulkane Villarica, Llaima und zahlreiche weitere Gletscher auf der chilenischen Seite, der riesige Lago Tromen und ganz klein zu unseren Füßen die Refugios und das Nationalparkbüro im Tal. Von der steilen Flanke hier sieht unser steiler Aufstieg vom Camping zu den Refugios von gestern fast flach aus.

Glück (berg)auf

Glück (berg)auf

DSC_4175

optimistisch

optimistisch

DSC_4178

der Eisabbruch

der Eisabbruch

DSC_4184

Lago Tromen

Lago Tromen

Plötzlich sehen wir uns einem senkrechten 10 – 20 Meter hohen Eisabbruch gegenüber. Was nun? Nach einer Ewigkeit finden wir weiter rechts einen passablen Weg um dieses Hinderniss zu überwinden. Die einzige „Kletter“passage mit einigen hüfthohen Hindernissen. Dahinter werden wir von einem Eisfeld mit vielen kleinen spitzen Eistürmchen begrüßt, sodass wir wieder die Steigeisen anziehen. Langsam übermannt mich die Verzweiflung. Was tun wir hier eigentlich? Es ist nicht einzuschätzen, wann endlich dieser Gipfel kommt. Ist das überhaupt der Weg? Stehen wir gleich wieder vor einem Abbruch? Müssen wir alles wieder zurück? Mir ist schlecht! Und wir zum Teufel kommen wir hier eigentlich wieder runter? Ich bin so durch den Wind, dass ich es nicht schaffe meine Steigeisen zuzubinden. Toto unterstützt moralisch und mit zwei gekonnten Knoten. Leise vor mich hinjammernd steige ich das nicht enden wollende Eisfeld hoch. Warum geh ich hier überhaupt hoch? Ich bin so fertig, dass ich mich nichtmals freuen können werde, wenn – falls – ich jemals auf dem Gipfel ankomme.

DSC_4187

DSC_4188

Blick zum Refugio ins Tal

Blick zum Refugio ins Tal

Laura unstoppable

Laura unstoppable

Blick ins Tal

Blick ins Tal

DSC_4196

nach dem Abbruch

nach dem Abbruch

sehr steil ab 3500 Metern

sehr steil ab 3500 Metern

wie weit noch???!!

wie weit noch???!!

Ich bin so in meine trüben Gedanken vertieft, dass ich beinah in Toto reinlaufe, der breitgrinsend da steht, den Rucksack abgestellt. Guck mal, der Gipfel! Wow! Ich renne die letzten Meter hoch! Welch Endorphinstoß! We made it!!! Der Gipfel! Wie cooool!!! Hahaha, mir ist nicht mehr schlecht, erschöpft bin ich auch nicht, wie toll – der Gipfel. Leider ist der Wind so stark und kalt, dass wir nur ein paar schnelle Fotos schießen und dann gleich wieder ein paar Meter zu einer Mulde absteigen, wo der Wind erträglicher ist, um dort den Gipfelsieg zu feiern. Da der argentinische Fernet uns nicht schmeckt feiern wir ganz ohne Alkohol. Die chilenische Seite hat sich inzwischen leider zugezogen, dafür liegen auf der argentinischen Seite die Hügel, Seen und Täler in Miniatur unter uns. Der Villarica hüllt sich in eine Wolkenkuppe, dafür ist der Llaima klar und majestätisch in der Ferne zu erkennen. Wie vereinbart, funken wir nach unten, dass wir es tatsächlich geschafft haben, kriegen aber erst beim dritten Mal eine verrauschte Antwort.

DSC_4201

DSC_4220

DSC_4227

DSC_4230

DSC_4205

DSC_4207

DSC_4208

DSC_4210

DSC_4214

DSC_4224

 

nur Fliegen ist schöner

nur Fliegen ist schöner

Beim Abstieg über das Schneefeld kommt uns die erste Gruppe entgegen und beglückwünscht uns. Sie sind auch nicht mehr ganz frisch, einer rutscht aus und bleibt einfach liegen. Der Guide schaut ihn etwas genervt an und wartet bis er sich endlich wieder aufrichtet. Mit einer Mischung aus Skepsis und Belustigung mustert der Guide unsere Steigeisen. Die Gruppe stapft nur mit Wanderschuhen zum Gipfel. Anscheinend ist es übertrieben hier Steigeisen anzuziehen, naja, ich fühl mich sicherer mit den ins Eis gebohrten Dornen. Schade, dass sie zu spät sind, so bleibt es für uns beim Gipfel-Selfie.

bessere Wegkenntnis, weniger Kondition

bessere Wegkenntnis, weniger Kondition

unsere härtesten Verfolger

unsere härtesten Verfolger

letzter Blick zum Gipfel

letzter Blick zum Gipfel

DSC_4242

Beim Abstieg, haben wir dann etwas Schwierigkeiten den Weg über den Abbruch zu finden. Hier gibt es keinerlei Fahnen oder Markierungen mehr und tatsächlich finden wir diesmal nur einen noch weiteren, noch schlechteren Weg als beim Aufstieg. So müssen wir über steilen Schotter und verlieren ordentlich Zeit. Hier im Nebel herumzuirren wäre wirklich gefährlich, wir haben den Kanal und den richtigen Weg aber bis ins Tal direkt vor unseren Augen. Naja, wenigstens ist es diesmal in der Gewissheit, dass es das letzte Mal ist, dass wir darüber müssen. Bald hören wir auch schon den Funkspruch der anderen Gruppe, sie seien am Gipfel. Außerdem hätten sie noch zwei Gringos, die schon beim Abstieg sind, gesehen….

Zum ersten Mal machen wir nun bei schönstem wärmendem Sonnenschein eine längere Pause und flux steht schon wieder die Gipfelgruppe hinter uns – oh man, die kannten anscheinend den richtigen Weg! Da auch sie Pause machen beginnen wir dann als erste den Abstieg. In der Lavaasche geht das recht gut, man rutscht mehr oder weniger ohne eigens zutun langsam Richtung Tal. Kommt man aber aus dem Rhythmus der richtigen Fußbewegung, fällt man auf den Hintern. Tut nicht weh, nur aus irgendeinem Grund fängt mein Knie, was schon in El Chaltén Probleme gemacht hat, plötzlich dabei an zu schmerzen, obwohl ich da gar nicht drauf falle. So lasse ich es dann sehr langsam angehen. Ganz im Gegensatz zum zweiten guide der ersten Gruppe, der in einer Stein- und Gerölllawine wie beim Tiefschneefahren ins Tal wedelt und uns in einer Viertelstunde bestimmt 400 Höhenmeter zurücklässt.

Nach dem Kanal entscheiden wir uns für den gleichen Weg wie heute Morgen, also nicht schon gleich auf den Schnee zu gehen, wie die andere Gruppe es getan hat, da wir denken, dass das Eis wahrscheinlich schon recht weich ist. Nach einer Stunde Kampf im Geröllfeld kommen wir am Schnee an und sehen wie die andere Gruppe gerade beginnt auf dem Hintern das obere Schneefeld runterzurutschen. Die kennen aber auch alle Tricks!! Und daher kommen also diese geheimnisvollen Schleifspuren! Toto steigt gleich mit ein und rutscht auf der vorgefertigten Spur unseren Teil des Schneefelds runter. Während ich noch etwas skeptisch bin, da wir im Gegensatz zur Gruppe keinen Guide unten stehen haben der uns im Zweifel auffängt. Doch es scheint ganz gut kontrollierbar zu sein, sodass Toto mir für den zweiten Teil seine angeblich dichte Regenhose leiht und auch ich in den Genuss des schnellen Abstiegs komme. Naja, unsere beiden Hintern sind dann unten zwar trotzdem patschnass, aber es hat sich gelohnt! Viel kniefreundlicher und lustiger als hier runterzusteigen… Der Gipfel liegt schon Stunden hinter uns, als tatsächlich dann die letzte Gruppe funkt, sie seien nun oben. Mit uns war also niemand und nach uns ca. zehn Leute heute oben – was für eine Einsamkeit im Vergleich zum Villarica-Rummel!!

abwärts geht es auf dem Hintern

abwärts geht es auf dem Hintern

Laura gibt Gas

Laura gibt Gas

Toto räumt unser Refugio auf und kocht Risotto zum Mittagessen, während ich mich gleich auf den Abstieg zum unteren Militär-Refugio mache. Kurz vor selbigem holt mich Toto, danke seines Speed-Lavaabstieges wieder ein und wir genießen noch eine kurze Risottopause in der hier unten herrschenden Mittagshitze, bevor wir ins Tal eilen, um den einzigen Bus zu erwischen. Also eigentlich eilt nur Toto… ich bin mir sicher, dass wir es auch so schaffen. Toto rennt also und Laura stapft schon ziemlich erschöpft hinterher.

Irgendwann begegnet er einem Parkranger, der ihn fragt woher er kommt und dass er jetzt seinen Registrierungszettel sehen muss. Toto sagt, dass er ja bereits absteige, das schon 1000 Soldaten den Zettel kontrolliert hätten, der außerdem irgendwo tief im Rucksack stecke und ob er es nicht etwas spät fände das nun zu kontrollieren. Das ist ihm alles egal, er muss den jetzt sehen, aha. Toto ist sehr angefressen und hat den Typen schon längst als „Rasterlocke“, der uns vorgestern schon im Bus auf Grund seiner sozial auffälligen Art aufgefallen ist, identifiziert. Mürrisch kramt Toto den Zettel raus und fragt ihn ob er auch zum Gipfel geht oder ob er heute noch absteigt. Dass sei sein erster Tag, erzählt Bubi, er lerne heute nur den Weg kennen zum ersten Refugio und steige dann wieder ab. Oh Mann…

Als er mir wenig später begegnet, sagt er, dein Mann ist da unten. Aha, Toto erzählt fremden Jungs gerne, wir wären verheiratet. Ja, sage ich, sehe ich. Darauf sagt er: versucht bitte zusammen abzusteigen. Du hast schließlich kein Funkgerät. Die Idee ist, dass man mit dem Funkgerät Hilfe holen kann, wenn was passiert. Ich verzichte darauf ihn hinzuweisen, dass jeder Tagestourist in Turnschuhen ohne Funkgerät zum ersten Refugio gehen darf. Der Vortrag dauert einige Minuten und wird durch eine äußerst gewichtige Miene unterstützt. Auf die Frage, was ich denn jetzt machen soll, nachdem Toto da unten ist und ich hier oben bin und ich wohl jetzt wenig an dieser Situation ändern kann, fällt ihm auch auf, dass er vielleicht dem Falschen diesen Vortrag hält. Naja, sagt er, sag ihm, wenn du ihn siehst, dass ich das gesagt hab. Wenig später hören wir von oben einen Funkspruch, „Kuki“ wie er anscheinend heißt, funkt nach unten, dass er oben zwei Guides „enttarnt“ hat, die keine Registrierungszettel haben. Das Parkoffice funkt zurück, Guides haben nie einen Zettel. Kümmer dich nicht um die Zettel, konzentrier dich lieber aufs Müllsammeln! Oh Mann, wir müssen weinen vor lachen! „Kuki“ spielt sich wohl etwas auf an seinem ersten Tag, seine eigentliche Aufgabe ist tatsächlich Müll zu sammeln und nicht kluge Ratschläge zu verteilen. Naja, erheitert steigen wir den Rest ab. Toto sprintet irgendwann wieder auf Grund seiner unbegründeten Buspanik vor und will schon mal Rucksack und Zelt vom Parkranger holen. Dort, 5 Minuten vor mir, angekommen fragt der Parkranger, wo ist Laura? – Die kommt gleich. – Ohne Laura, kein Zelt!

Zerknirscht wartet Toto auf mich und verkündet mir, dass der Parkranger ihm nicht glaubt, dass ich noch lebe. Mit mir bekommen wir schließlich unsere Sachen zurück und warten noch eine halbe Stunde auf den Bus…

Zur aktuellen Karte

Mehr Bilder von der Laninbesteigung

 

Advertisements

Radferien im Hochsommer

In Puerto Varas hat alles zu am Neujahrsmorgen und die sehr nette Hostelempfangsdame gähnt uns mit so überwältigenden Augenringen an, dass wir fast wieder die Flucht ergreifen. Aber wir schlagen dann doch das Zelt wieder für eine Nacht hier auf, machen unser Gepäck radfertig und genießen die sommerlichen Temperaturen. Wir haben nichts mehr zu essen und es gibt in der ganzen Stadt exakt drei Restaurants, die offen haben. Das erste ist zu teuer, beim zweiten warten wir eine Stunde, bis man uns erklärt, dass unser Gericht aus ist und erst im dritten finden wir endlich etwas zu essen. Sehr seltsam, wo doch sonst die Chilenen so geschäftstüchtig sind, herrscht an Sonn- und Feiertagen absolute Servicewüste.

Am nächsten Tag ist Aufbruch und die ersten Kilometer geht es auf einem single track entlang der Bahnlinie nach Santiago nach Llanquihue. Ein sehr hübscher Weg, zumal man immer wieder fantastische Blicke auf den gegenüberliegenden Schneekonus des Osorno hat, idyllische Flusseinmündungen quert oder die schönen Holzfassaden der Pionierzeit-Anwesen passiert. Nach kurzer Zeit erreichen wir das hochgelobte Frutillar – „Erdbeerhausen“ übersetzt – ein weiteres deutsches Kolonialdorf. Außer Hostels nichts gewesen ist aber unser Fazit, denn der Ort ist zu schnieke und man hat nicht den Eindruck, dass hier außer den Touristen jemand lebt.

Frutillar Mole

Frutillar Mole

Kunstwerk Frutillar

Kunstwerk Frutillar

Hinterland mit Osorno

Hinterland mit Osorno

schöne Pionierbauten

schöne Pionierbauten

Friedhof von Llanquihue

Friedhof von Llanquihue

Nach einer heftigen Gegenwindpassage drehen wir wieder nach Norden ab und erreichen den Lago Rupanco. Ein echtes Juwel und vollkommen untouristisch. Die Straße führt nur an einer Seite über den Auslass des Sees, dessen Fluss sich in tiefblauer Klarheit auf seine kurze Reise zum Pazifik aufmacht. Etliche lokale Angler sind die einzigen, die es hierher verschlagen hat. Wir fragen nach, ob man hier wohl campen könnte und sie bestätigen uns, dass das absolute kein Problem sei. So schlagen wir auf einem kleinen Parkplatz unser Zelt mit Blick über die Volkane Osorno und Casablanca, sowie den unfassbar schönen See auf. Im Abendlicht rudert der einsame Angler zurück in die Bucht und es beißen bekanntlich die besten Fische und so tragen die Angler auch richtig dicke Lachse zurück zu ihren Pick-Ups.

DSC_3890

Wasserqualität

Wasserqualität

DSC_3899

Ankunft am Lago Rupanco

Ankunft am Lago Rupanco

Fischeridylle

Fischeridylle

DSC_3903

DSC_3901

Abend am Lago Rupanco

Abend am Lago Rupanco

Die weitere Fahrt zum Lago Ranco ist etwas eintönig durch Fleckvieh bestandenes Hügelland, Wälder und öfter auch ziemlich steil durch Schotter. Laura meint grummelig, da könne sie genauso gut durch NRW radeln. Mit meinen Gedanken eher bei der ersten Nachtschicht im Krankenhaus bellt mich plötzlich unerwartet ein Kläffer an und springt an meinem Rad hoch. Unsere Hundeangst und –respekt hatten sich eigentlich komplett gelegt, aber diesmal bin ich überhaupt nicht vorbereitet und ziehe die Vorderbremse so energisch, dass das Vorderrad auf dem Schotter wegrutscht und ich auf die Straße knalle. Fast wie zum Hohn fragt mich zehn Minuten später ein Jeep, ob ich einsteigen will und hinten hängt schon ein Tourenrad am Ständer. Ein Platz sei noch frei … Mhm, verlockend, aber Laura ist direkt hinter mir und fände das sicher nicht so lustig, wenn ich jetzt kneifen würde. Über die Kratzer am linken Arm und einer schmerzhaften Hüftprellung tröstet der wundervolle Campspot in Lago Ranco hinweg. Direkt hinter dem Strand, der voll von Schirmen, Liegen und Menschenmassen aussieht wie Mallorca, führt ein kleiner Weg zu traumhaften Wiesen unter Bäumen. Wir genießen das erste Bad im erstaunlich warmen See und kochen im Abendlicht vollkommen einsam.

Hinterland des Seengebiets

Hinterland des Seengebiets

idyllischer Campspot am Lago Ranco

idyllischer Campspot am Lago Ranco

Am nächsten Morgen hält uns ein „Hellooooo!“ vom Aufbruch ab. Mike, ein sehr freundlicher Ami ist der klügere Radler, der sich gestern hatte im Jeep mitnehmen lassen und auch auf dem Weg nach Norden. Er ist für einen 2-Monatstrip durch das Seengebiet und einen Teil der Carretera Austral aus Connecticut eingeflogen und will über das Westufer nach Futrono kommen. So trennen sich unsere Wege nach netten Worten und seiner freundlichen Hilfe, endlich meinen immer tiefer rutschenden Sattel zu stoppen. Die Umrundung des Lago Ranco, die unser Fahrradführer in höchsten Tönen beschreibt, wird dann aber zur Tortur. Denn außer steilst auf- und absteigender schlechter Schotterstraße mit ab und zu Blick über die Wasserfläche, fasziniert uns wenig. Zudem nerven auch noch hummelgroße Bremsen, die uns in Dutzenden (!!!) umfliegen und bei der kürzesten Fotopause anfangen, sich auf jedem Körperteil niederzulassen, das nicht in ständiger Bewegung ist. Lauras stoische Gelassenheit ist bewundernswert, aber ich tanze wie ein Derwisch umher und erlege bei einer längeren Kekspause fast zwanzig dieser Biester – natürlich umfliegen uns immer noch mehrere …

Junge, nerven diese Bremsen!!!

Junge, nerven diese Bremsen!!!

Lago Ranco Südseite

Lago Ranco Südseite

Einmal glauben wir uns zurück in Vietnam, als es mit gut 30% senkrecht den Berg hochgeht und das bei inzwischen fast 30°C in der Mittagssonne! Dann endlich erreichen wir Llifen, der Asphalt beginnt und es wird flacher. Wir hatten uns hier eine Variante über eine kleine Forststraße über Puerto Fuy nach Argentinien überlegt, aber die kennt hier niemand in der Stadt. Stellt sich heraus, dass sich die kleineren Straßen hier wohl jede Saison ändern und diese schon seit einer Ewigkeit nicht mehr existiert. Früher ging das, sagt uns noch einer und auch die Polizei, die wir von ihrer Geschwindigkeitskontrolle abhalten, bestätigt uns, dass wir dort nur noch Erdrutsche und Urwald anfinden würden. So sind wir ziemlich frustriert, denn wir sitzen am Ostufer fest und müssen die ganze Strecke wieder zurück – Gott sei Dank aber auf dem asphaltierten und flacheren Nordufer des Sees. Auch in Futrono finden wir einen schönen Platz zum Zelten direkt am See. Es gibt einen kleinen Weg zu einem moorigen Ufer und wir legen mal den Eigentumsbegriff etwas großzügiger aus und machen uns nach einem Radler zum Stärken des Mutes und bei Einbruch der Dunkelheit auf der angrenzenden Wiese eines Hotels breit.

psssst! illegaler Campspot

psssst! illegaler Campspot

Hafen von Futrono

Hafen von Futrono

So haben wir auch keine Probleme pünktlich aufzustehen, denn um 6:30 kommt der Sicherheitsmann und bittet uns höflich, bis 9:00 Uhr verschwunden zu sein – ziemlich großzügig und freundlich! Wir treten ordentlich in die Pedale, denn wir wissen heute erwartet uns ein wieder eher langweiliges Teilstück bis Panguipulli. Nach gut zwanzig Kilometern quält uns aber der Hunger und wir pausieren für Käsebrot und Cola. Kaum sind wir wieder auf der Straße: „Hellooooo!“. Mike hat uns eingeholt und so legen wir die lange Reststrecke nach Panguipulli gemeinsam im Schongang und quatschend zurück.                 Wir finden einen ruhigen Campingplatz im dichten Wald und genießen zu dritt das luxuriöseste Abendessen seit langer Zeit. Lachs in Sesamkruste – sogar mit Fischmesser serviert! Leider ist das nouvelle cuisine Zeug sofort verschwunden und wir müssen unseren Radlermagen noch mit Empanadas und Gummibärchen stopfen.

das einzige was uns aufhält sind 2000 Kühe und deren Hinterlassenschaften

das einzige was uns aufhält sind 2000 Kühe und deren Hinterlassenschaften

mit Mike unterwegs

mit Mike unterwegs

schöne Strecke hinter Panguipulli

schöne Strecke hinter Panguipulli

In Panguipulli kriege ich tatsächlich auch meinen Sattel durch eine neue Sattelstange repariert und versuche noch Dollars zu ertauschen, was auf Grund des lächerlich schlechten Kurses jedoch auf Villarica verschoben werden muss. So radeln wir entlang des sehr hübschen Sees, über den sich immer wieder gute Blicke bieten. Eine kleine, teils unasphaltierte Straße bringt uns – wieder sehr hügelig – zum Lago Calafaquen. Der Moment, an dem sich der wunderschöne Mount Villarica hinter einer Kurve zum ersten Mal zeigt ist genial. Und auch sonst ist die Strecke wesentlich schöner, verkehrsärmer und unterhaltsamer als die Tage zuvor. So schließt auch Laura wieder ihren Frieden mit dem Seengebiet, obwohl uns heute wieder die Bremsen nerven, die tags zuvor untergetaucht waren. Witzig mit anzusehen, dass Mike sich durch die Biester noch viel mehr reizen lässt als ich.

zum ersten Mal Villarica

zum ersten Mal Villarica

Seenrunde at its best

Seenrunde at its best

der Villarica von der südlichen Flanke

der Villarica von der südlichen Flanke

In Coñaripe wollen wir uns eigentlich nur mit Brot eindecken, aber als wir die Bäckerei betreten trifft uns der Schlag. Bestimmt 50 verschiedene Torten und Kuchen leuchten aus den Vitrinen und wer könnte bei Himbeer-Käsekuchen, Rosinen-Rum-Stückchen oder Erdbeer-Sahne wiederstehen? Zumal wenn der Blutzucker im Keller ist… Das sind definitiv absolute Vorzüge der Seenrunde, dass man durch so ein gut entwickeltes und touristisches Gebiet fährt, dass man sich fast im Stundentakt mit derlei Spezereien eindecken kann! Überhaupt die Spezereien. Hunderte Privatleute entlang der Straße verkaufen in ihrer Einfahrt Marmeladen, Backwaren, usw. So erstehen wir mehrfach Himbeeren (2Euro für 1,5kg!) und köstlichsten Räucherlachs. Dazu kommen Thermen, klare Bäche und sonnige Wiesen entlang der Strecke – es ist wirklich ein Urlaubsgebiet und extrem erholsames Radeln verglichen mit den harten Tagen in Peru und Bolivien! Ein Ananaseis stärkt uns für den Schlussanstieg nach Villarica, wo – nun wieder auf der Hauptstraße – uns leider etwas stärkerer Verkehr erwartet.

Villarica ist ein hübsch gelegener Badeort mit schwarzen Stränden aus Lavaasche. Der Campingplatz liegt direkt am Strand und bietet Blick über die Vulkane Villarica und Llaima im Norden. Hier springen wir zur Abkühlung nach dem Radeln mit Mike in die Fluten, allerdings ist der See ganz schön frisch und wir sind schnell wieder am Strand im Trockenen. Da wir zum letzten Mal in Chile sind und die Grenze immer näher kommt, müssen wir uns am nächsten Tag mit Dollar versorgen und stopfen uns auch noch ordentlich die Taschen mit argentinischen Peso voll, die hier tatsächlich zu einem deutlich besseren Schwarzmarktkurs als in Argentinien zu haben sind – wohl weil die Chilenen sie so schnell wie möglich loswerden wollen.

DSC_3970

Blick von Villarica zum Vulkan Llaima

Blick von Villarica zum Vulkan Llaima

schon in Pucon

schon in Pucon

Mike ist schon früher fertig als wir und wir verabschieden uns daher, denn er fährt schon nach Pucon vor. Wir folgen am Nachmittag nach und hätten die Straße wohl lieber vermieden, denn Jeeps, Busse und PKWs rauschen im Zentimeterabstand an uns vorbei. Zudem ist der Asphalt mit Schlaglöchern und Scherben übersät. Oh Mann, sicherlich der fürchterlichste Abschnitt seit langem! In Pucon gibt es einen idyllischen Campingplatz, der in einem Waldstück angelegt ist und durch den sich ein glasklarer Bachlauf schlängelt. Die Innenstadt ist touristisch und typisch Badeort, aber dennoch ganz nett. Wir finden das leckerste Eis der Reise und nette amerikanische Camp-Nachbarn mit zwei Winzlingen, die uns reichlich übriggebliebenes Essen schenken. „Mamiii, he said his name was Toutooouuu“, sagt die kleine Coco.

Weil es hier so schön ist, beschließen wir noch einen Ruhetag einzulegen, bevor es wieder nach Argentinien geht. Die Stadt gilt als Adrenalin-Mekka. Canyoning, Rafting, Volkan-Climbing, Horseback-Riding, Paragliding, Jet-Skiing, Mountainbiking, und sonstige “–ings” sind hier der Renner. Allerdings ist uns einfach nur nach Stadtbummel, Lesen, Faulenzen und Ruhetag. Mike treffen wir wieder in der Stadt, der heute auf den Vulkan Villarica steigt und dafür einen fantastisch-wolkenlosen Tag erwischt hat.

Pucon Beach - mit Eisbecher!

Pucon Beach – mit Eisbecher!

rauchender Villarica

rauchender Villarica

Hafen von Pucon

Hafen von Pucon

Wir brechen am nächsten Tag frisch erholt Richtung Argentinien auf. Auf der Strecke reihen sich Rennmaschinen aneinander, denn drei Tage darauf findet hier der Halb-Ironman von Chile statt und die Athleten machen die letzten Trainingseinheiten mit Traumblick über den Vulkan. Ich hänge mich 5km an eine Rennradlerin, muss dann aber mit Blutgeschmack im Mund abreißen lassen, ich schiebe es mal auf 30kg Gepäck und Tourenrad. Dann zweigt die Strecke ab und es wird einsamer und schöner, denn der mächtige Vulkan Lanin (~3800 Meter) erhebt sich vor uns. Leider sind die letzten knapp 20km dann geschottert, sehr steil und von zahlreichen Baufahrzeugen gefahren, so dass wir uns nochmal richtig quälen müssen. Oben an der Lagune mit Lanin-Blick und Araucarienbewuchs ist es dann aber wieder traumhaft.

 

Araucarien vor Vulkan Lanin

Araucarien vor Vulkan Lanin

DSC_4007

DSC_4005

DSC_3994

von wegen abgenommen

 

DSC_3993

So geht unsere Zeit in Chile zum letzten Mal zu Ende. Insgesamt ist es das letzte Mal Grenze für uns – ein seltsames Gefühl. Für ein Fazit braucht man ja immer etwas mehr Abstand, aber wir hatten uns insgesamt sicherlich mehr erwartet von diesem Land, das von außen so gehypt wird. Uns erwartet der alte Bekannte Argentinien, die letzten Radtage und überhaupt die letzten Wochen. Die Ungeduld steigt, die Vorfreude wächst und in ca. fünf Wochen wird unsere Reise ihr Ende finden.

Zur aktuellen Karte

Mehr Bilder aus dem chilenischen Seengebiet

We’re dreamin‘ of a waaaaarm Christmas!

Völlig gerädert erwachen wir am nächsten Morgen und zahlen einen hohen Preis für die letzte Tagesetappe. Lauras Füße haben kaum noch gesunde Haut zu bieten – nachträglich erklärt mir das ihre kläglich-heroische Gangart auf den letzten Kilometern. Unerklärlich allerdings wie sie das ohne Gejammer durchgestanden hat! Dennoch wollen wir unbedingt weiter in Richtung Argentinien und nehmen noch am Nachmittag den Bus nach El Calafate. Es ist so nervig, dass wir bei jedem Grenzübertritt neu aus- und einstempeln müssen und dadurch eine Stunde verlieren. Warum kriegen Chile und Argentinien denn kein multiple-entry Visum zustande, zumal man ja das ständige Kreuzen auch nicht vermeiden kann?! Wenigstens erheitert uns das argentinische Lippenbekenntnis zu den Schafsinseln, die sie selbst „Malvinas“ nennen – besser bekannt als Falklandinseln.

FSK 18

FSK 18

2014-12-22 19.22.12

Falkland und WM-Verlust. Doppeldemütigung der armen Argentinier! auch heute noch steht dieses Schild an fast jeder Grenze und vor den Kasernen

 

In Calafate kommen wir spät nachts an und beziehen im Dunkeln den von anderen Touristen empfohlenen Camping „El Ovejero“. Warum diesen Ort jemand empfiehlt bleibt fraglich. Direkt zwischen zwei lauten Hauptstraßen eingekeilt, bietet er nichts außer sauberen Klos und ist – mal wieder – vollkommen überteuert, von den unfreundlichen Besitzern ganz zu schweigen. Die Stadt selbst ist auch nichts Besonderes – Outdoor-Ausstatter, Restaurants und Reiseagentur reiht sich an Reiseagentur. Das Geschäft halten Transfers nach Chile und El Chaltén, sowie der Perito Moreno Gletscher am Laufen, der 80 Kilometer westlich der Stadt liegt. Den können wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen, obwohl wir gute Lust darauf hätten wegen dem ganzen Nepp.

Tatsächlich ist eine geführte Tour nicht teurer als der offizielle Bus und so werden wir am nächsten Morgen gemütlich vom Camping abgeholt und hocken uns zu den anderen Touris in den Minibus. Wir befürchten das Schlimmste, aber tatsächlich ist es sehr nett. Nur bei den Fotopausen fühlt man sich wie das dümmste Schaf einer patagonischen Herde. Die euphorisch-fröhliche Führerin strahlt von einem Ohr zum anderen bei jedem Witz, denn sie täglich abspulen muss – das Ganze noch auf Englisch und Spanisch im 5-Minutenabstand! So kommt uns die Fahrerei sehr kurz vor und nach einer Kurve bietet sich der erste Blick über den Gletscher. Wir sind ziemlich enttäuscht, denn größer als der Grey-Gletscher sieht das nicht aus. Aber wir haben uns gründlich getäuscht, denn wir sind noch 7 (!) Kilometer entfernt.

der erste Eindruck - aus 7km!

der erste Eindruck – aus 7km!

etwas touristischer Fotostop

etwas touristischer Fotostop

Kurz darauf werden wir an den Treppenkonstruktionen raus gelassen und haben vier Stunden, um die in verschiedenen Farben markierten Rundwege abzulaufen. Unsere Führerin warnt uns: „Jeden Schritt runter, müsst ihr nachher wieder hochlaufen!“ Achso … Das Besondere an dem Gletscher ist, dass er sich aus einem recht steilen Tal kommend zwei Meter täglich vorschiebt und die vorderste Front im Minutenabstand unter gruseligem Krachen und unglaublich lautem Getöse in den anliegenden Lago Argentino stürzt. Hört man das Krachen ist es aber schon zu spät zu gucken, denn man ist ca. 500 Meter von der Gletscherfront entfernt und sieht dann nur noch die gigantischen Wasserfontänen in die Höhe schießen.

Die Eisfront ist ca. 60 Meter hoch und über fünf Kilometer lang – unfassbare Ausmaße. Die vorderste Zunge schiebt sich auf die Magellan-Halbinsel vor und so kam es, dass schon mehrfach der Gletscher die Verbindung der zwei Seeabschnitte unterbrach, bis sich die um elf Meter angetürmten Wassermassen der einen Seite einen Weg durch den Gletscherdamm brachen. Es muss unfassbar sein, dieses Spektakel mitzuerleben – Youtube bietet sicher nur eine blasse Vorstellung davon.

Wir kriegen nicht genug die skurrilen Eisformationen aus immer neuen Blickwinkeln zu betrachten. Leider finden die größeren Abbrüche immer statt, wenn wir gerade einen kurzen Abschnitt durch den dichten Wald laufen. Dann plötzlich bricht ein Einfamilienhaus-großes Stück ab als wir uns direkt gegenüber befinden und verschwindet unter schaurigem Gegurgel in den eisigen Wassern. Fantastisch! Leider geht es zu schnell, um die Kamera rauszuholen. Es weht uns ein eisiger Wind um die Ohren und immer wieder nieselt es, doch inzwischen ertragen wir das hiesige Wetter selbst in Flip-Flops (zur Blasenschonung) bestens.

der erste Eindruck - aus 7km!

der erste Eindruck – aus 7km!

DSC_3675

DSC_3679

wohl die einzige Flipfloptouristin bei 5°C

wohl die einzige Flipfloptouristin bei 5°C

DSC_3719

DSC_3705

DSC_3674

Kaum zu fassen, dass wir vier Stunden einfach nur dieses Eis angestarrt haben, aber es ist tatsächlich schon an der Zeit und wir wärmen uns noch kurz in der Cafeteria, bevor es auch schon wieder zurück nach Calafate geht. Wir lassen uns auf dem Rückweg am Glaciarium rausschmeißen – einem hypermodernen Museum über die wissenschaftliche Erforschung des Eises mit eindrucksvoller Tiefe der Materie und auch über die menschliche Annäherung an diese lebensfeindliche Umgebung und die Expeditionen zu Nord-, Südpol und über die patagonischen Eisfelder. Wie im Weinmuseum in Cafayate waren auch hier modernste Museumspädagogen zu Werke und zahlreiche Multimedia-Installationen und phänomenale Luftaufnahmen rauben uns den Atem. Auf den Wodka aus einem Becher aus Eis in der hauseigenen Eisbar für 12 Dollar verzichten wir aber dankend.

Dann geht es weiter nach El Chaltén – das Trekkingmekka Argentiniens. Bei Ankunft finden uns in einem 1000-Seelenörtchen wieder. Eigentlich gibt es außer Hostels und Outfittern hier nichts, dennoch ist der Ort familiär-nett und sehr hübsch gelegen mit dem über dem Dorf wachenden Mount Fitz Roy. Wir finden ein nettes Hostel mit großer Küche und vielen jungen Leuten, die alle zum Klettern und Wandern hier sind – einige wohl auch hängengeblieben wie die langen Rastazöpfe zeigen. Einige Zelte stehen auch für einen Daueraufenthalt auf Holzpaletten gegen den Schlamm und sind vollkommen zugewuchert. Hier verbringen wir auch die Weihnachtstage, für die wir uns in letzter Sekunde noch in El Calafate eingedeckt hatten. Das Kaffeetrinken am Heiligabend mit Plätzchen in der Hüttenatmosphäre unseres Aufenthaltsraums ist dann der erste Moment, an dem doch die Sehnsucht nach dem trauten Heim für Weihnachten uns etwas übermannt. Barbecue statt Gans ist auf der Südhalbkugel für uns die Devise, obwohl es ein wenig frisch und windig ist für uneingeschränktes Grillvergnügen.

Weihnachtskaffeetrinken

Weihnachtskaffeetrinken

DSC_3764

BBQ for Xmas

BBQ for Xmas

deutscher Weihnachtstraum

deutscher Weihnachtstraum

DSC_3781

Das Überraschendste aber an Weihnachten in der Ferne ist der Kirchgang. In einer kleinen, freundlichen Kapelle mit Sitzplätzen für ca. 50 Leute empfängt uns ein sehr netter Pfarrer vor der Tür per Wangenkuss – das ist hier Usus. „Laura, que lindo!“. Er hat drei Nonnen im Gepäck, eine davon mit Gitarre bewaffnet und vor dem Beginn werden erst mal die Stücke geübt. Dann bei Beginn trägt der Pfarrer ein Jesuskind (Oberammergau ist stilvoll dagegen) würdevoll vor den Altar. Im Gottesdienst stellt sich dann raus, dass es der Bischof von Santa Cruz und Feuerland höchstpersönlich war, der derzeit auch hier zu Ferien weilt und die Messe liest, da es keinen örtlichen Pfarrer gibt. Er kennt wohl auch seinen argentinischen Papstkollegen ganz gut. Insgesamt ist die Stimmung wesentlich gelöster und freundlicher und nicht ganz so überladen wie es bei uns manchmal in der Kirche der Fall ist. So kommt ein Gemeindemitglied auf uns zu, um uns auf Deutsch in der Messe noch „Fruliger Vaijnagten“ zu wünschen, wie er sich auf seinen Zettel notiert und uns später quer durch die Kirche zubrüllt. Es sind auch Leute aus aller Herren Länder da, die auf ihren Sprachen fröhliche Weihnachten wünschten. Das Friedenszeichen artete in ein Abbusseln der gesamten Kirche aus – so wie die Argentinier halt sind. Nach Schluss wurde dann noch die örtliche Tradition gepflegt, dass Holz-Kind zu küssen samt der Nonne, die es in ihren Armen wiegt. Und beim Rausgehen lernten wir dann noch eine Familie von hier kennen, deren Schwester in Dingolfing wohnt und deren Sohn in Regensburg studiert. Klein scheint die Welt! Kurzum, sehr lustig und fröhlich.

ja, Mama, ich war in der Kirche ;-)

ja, Mama, ich war in der Kirche 😉

Mount Fitz Roy über der Weihnachtskirche

Mount Fitz Roy über der Weihnachtskirche

El Chaltén in der Weihnachtsnacht

El Chaltén in der Weihnachtsnacht

Den ersten Feiertag genießen wir entspannt mit Pancakes und einem kleinen Spaziergang im Ort. Unterwegs treffen wir auch den Bischof wieder. Wer kann schon von sich behaupten, dass er auf offener Straße vom Bischof vom Feuerland erkannt und geküsst wird? Laura kann wegen ihres Fußes leider immer noch nicht wandern, so dass ich am zweiten Weihnachtstag alleine aufbrechen muss zur ersten Tour auf den Loma del Pliegue Tumbado – einem hübschen Aussichtspunkt über den Lago Viedma, einige Gletscher und natürlich die phänomenalen Spitzen des Fitz Roy. Danach wird das Wetter leider wieder unbeständiger, so dass wir noch einige Tage im Hostel abhängen und die weitere Route planen, Fotos sichten und uns um unseren näher rückenden Berufsstart kümmern.

Dann endlich verziehen sich Regen und Wolken wieder, so dass wir mit Lauras fast genesenen Füßen zu zwei weiteren Wanderungen aufbrechen. Die erste führt uns zur Laguna Torre, wo uns leider die düsteren und hartnäckigen Wolken die Sicht auf die Spitze verwehren. Dennoch ist der darunter vorkriechende Gletscher beeindruckend. Den letzten und sonnigsten Tag heben wir uns für das Highlight des Wandergebiets auf. Die „Laguna de los Tres“ liegt direkt unterhalb des hoch aufragenden Mount Fitz Roy und in ihr spiegeln sich die Granittürme auf beeindruckende Weise. Leider ist die Spitze nicht ganz frei, dennoch ist der Blick nach dem grausamen Schlussanstieg mit Blick über das Tal, die Berge und den Lago Viedma bis fast nach Calafate einmalig.

Lust zu schwimmen?

Lust zu schwimmen?

fast frei, Fitz Roy!

fast frei, Fitz Roy!

DSC_3855

DSC_3845

El Chaltén

El Chaltén

Wasserflasche vergessen

Wasserflasche vergessen

am Ziel

am Ziel

DSC_3851

Um zurück ins Seengebiet zu kommen, hatten wir eigentlich geplant das Navimag-Boot von Puerto Natales nach Puerto Montt zu nehmen, aber inzwischen sind alle Kabinen ausgebucht – selbst die Luxuskabine für 1050 US-Dollar! Den Horror-34-Stundenbus wollen wir uns nicht noch einmal antun und so buchen wir Flüge von Punta Arenas nach Puerto Montt zu fast dem gleichen Preis wie der Bus! Allerdings am Neujahrsmorgen um sechs Uhr früh … Ahrg! Um keine böse Überraschung zu erleben, beschließen wir die Busse nach Chile schon jetzt klar zu machen und buchen den ersten Bus nach Calafate problemlos. Allerdings scheint es für den Bus von Calafate nach Puerto Natales unmöglich, ihn per Internet oder hier in El Chaltén zu buchen. Schließlich finden wir Chalten-Travel, die uns erklären alle Busse nach Chile seien bis zum 6. Januar (!) ausgebucht… Hoffentlich ein schlechter Scherz denken wir, aber nein. Die Frau gibt uns noch die Telefonnummern von anderen Firmen. Wir beschließen, es noch einmal am Terminal zu probieren und tadaa! Die andere Filiale von Chaltentravel ruft einfach an und wir haben zwei Busplätze am Silvesterabend. Puh…!

So erreichen wir Punta Arenas und ein nettes Hostel, in dem wir mit anderen Reisenden und der liebevollen Herbergsfamilie das neue Jahr feiern. Oder auch nur feiern wollen, denn nach dem Anruf in good old Europe zur humanen Zeit und einem schweren Raclette mit ebenso schwerem Rotwein, übermannt uns die Müdigkeit und wir verabschieden uns noch vor Mitternacht in die Kojen. Die Aussicht, um 4:15 auch schon wieder ein Taxi zum Flughafen zu besteigen, trägt ebenso zur Entscheidung bei. So wachen wir noch kurz von den hier doch sehr spärlichen Knallern auf und schlafen ein paar Stunden. Der Flug ist ohne die befürchteten patagonischen Winde sehr ruhig und ich erwache nach anfänglich großartigen Blicken über die schneebeschneiten Bergspitzen und Fjorde entlang der Carretera Austral erst wieder von der sanften Landung in Puerto Montt. Ein kurzer Bustransfer bringt uns zurück nach Puerto Varas, zu unseren Rädern und zur Vorfreude auf Teil 2 der Radrunde durchs Seengebiet. Im Gegensatz zur Abreise drei Wochen vorher knallt jetzt die Sonne herunter und es ist schon frühmorgens sommerlich warm. Was für ein Gegensatz zu den letzten Wochen im „hochsommerlichen“ Patagonien!

Mhm ... angebrannter Raclettekäse!

Mhm … angebrannter Raclettekäse!

Silvester !!!

Silvester !!!

Zur aktuellen Karte

Mehr Bilder aus dem argentinischen Patagonien

Türme des Pains – NEU, jetzt noch härter!

Zu meiner großen Überraschung ist Toto am Morgen dann aber hochmotiviert. Streng nach der Regel Es reicht wenn einer motiviert ist machen wir uns also todmüde auf dem Weg zum Gletscher Grey. Vorbei geht’s an einem Ranger Checkpoint. Sie fragen uns, ob wir auch so schlecht geschlafen hätten – der Wind war letzte Nacht anscheinend auch für hiesige Verhältnisse besonders stark. Wir fragen, ob es heute windig wird. Ja sehr windig, aber vor allen Dingen viel Regen. Und Matsch? Ja, sehr viel Matsch und auch Schnee! Und die Temperaturen? Wird jeden Tag kälter! Und ist der Pass gefährlich? Sehr gefährlich, ja. Ok, das mit den aufmunternden Worten, haben wir unser anders vorgestellt, wir gehen lieber weiter…

Haltungsschaden als Folge von ständigem Wind

Haltungsschaden als Folge von ständigem Wind

DSC_3398

Toto flattert im Wind

Toto flattert im Wind

so lassen sich wohl viele Tage im Park zusammenfassen

so lassen sich wohl viele Tage im Park zusammenfassen

DSC_3422

gute Laune trotz Traufe

gute Laune trotz Traufe

wenigstens hübscher Neuschnee

wenigstens hübscher Neuschnee

der Weg

der Weg

der Weg 2

der Weg 2

Nach drei Stunden durch eigentlich hügelig schöne Landschaft mit vielen Waldbrandfolgen am See entlang kommen wir am Refugio Grey an, welches ein gemütliches Wohnzimmer mit Sofas und Weihnachtsbaum hat. Hier eingeschneit bis Weihnachten wäre nicht übel, denke ich. Nach einer Verschnaufpause sind wir dann zu müde, um weiter zu gehen. Stattdessen gehen wir noch zum Aussichtspunkt, wo man den fantastischen Gletscher Grey und hellblaue Eisberge bestaunen kann.

DSC_3441

Gletscher Grey

Gletscher Grey

DSC_3450

DSC_3457

Am Abend treffen ein Belgier und ein Franzose ein, die wir schon vor ein paar Tagen an den Türmen getroffen haben. Sie sind anders herum gegangen und kommen gerade vom Pass – als Schatten ihrer Selbst. Sturm, Schnee und Matsch – echtes Patagonisches Wetter, meint der Franzose. Der Zustand der zwei fitten Jungs lässt uns nachdenklich zurück. Haben wir uns zu viel vorgenommen? Auch treffen drei Jungs aus Florida ein, die am Tag vorher über den Pass gegangen sind und so nass waren, dass sie einen Campingplatz weiter oben die Nacht verbracht haben. Von dem einen hat sich die Sohle des Wanderschuhs gelöst, sodass er sie jetzt mit Seilen und Panzertape an seinen Schuh befestigt hat. Der Pass-Tag hat uns gebrochen, räumen sie ein. Auch wenn sie mit einem Schmunzeln hinzufügen, dass sie als Floridanesen vielleicht auch einfach nicht für diese Umgebung geschaffen seien. Die Jungs legen uns nah, gleich morgen in einem Rutsch über den Pass zu gehen, da der kommende El Paso Campingplatz so fürchterlich kalt und matschig sei. Mein persönliches Highlight war der Strick, an dem man sich festhalten muss, um nicht ins Plumpsklo zu fallen, sagt der eine. Ängstlich legen wir uns früh schlafen, um morgen zeitig zum Pass aufbrechen zu können.

gute Aussichten für den nächsten Tag

gute Aussichten für den nächsten Tag

Am nächsten Morgen, fragen wir den Ranger, ob der Pass geöffnet sei, er sagt ja, aber eventuell sei es nicht möglich dort hin zukommen, da es davor gilt drei enge Schluchten zu überqueren und mit dem ganzen Regen in der Nacht, vermutet er, dass das hohe Niveau der Flüsse von gestern weiter gestiegen sein könnte und es dann zu gefährlich ist dort langzugehen. Die Information bekommt er aber erst um 13 Uhr, also bleibt uns nichts anderes übrig, als eine Stunde zur zweiten Schlucht zu wandern und selbst zu sehen. Die erste Schlucht wird noch von einer riesigen Hängebrücke überspannt, sodass wir hier sicher rüberkommen. In der 2. Und 3. Schlucht muss man dann an windigen, wackelnden Leitern runterklettern, den Fluss überqueren und auf der anderen Seite wieder hoch. Bei starkem Wind sicher lebensgefährlich! Wir haben Glück, es ist quasi windstill und die Flüsse führen nicht viel Wasser. Der Himmel ist strahlendblau, es scheint die Sonne und es bieten sich tolle Blicke auf den Gletscher. Unterwegs treffen wir Lars aus Cottbus, der „das O“ tatsächlich in vier Tagen wandert. Bei der Ankunft in Buenos Aires wurde ihm gleich am ersten Tag von drei bemesserten Männern sämtliches Gepäck und Geld abgenommen, sodass er dafür jetzt leicht unterwegs ist.

DSC_3465

Gletscher Grey bei besserem Licht

Gletscher Grey bei besserem Licht

DSC_3468

traumhafter Aufstieg

traumhafter Aufstieg

DSC_3474

die erste SChlucht

die erste SChlucht

DSC_3477

DSC_3479

geschafft!

geschafft!

Märchenwald

Märchenwald

DSC_3490

DSC_3493

hier wird es steiler

hier wird es steiler

DSC_3497

DSC_3504

DSC_3505

Endlich wieder oben

Endlich wieder oben

DSC_3510

mit Lars aus Cottbus

mit Lars aus Cottbus

DSC_3516

genialer Höhenweg

genialer Höhenweg

DSC_3527

DSC_3528

der Weg 3

der Weg 3

DSC_3531

DSC_3533

DSC_3535

Wir erreichen früh den Campingplatz und werden empfangen von einer großen Gruppe Chilenen, die noch immer versuchen ihre Klamotten vom Vortag zu trocknen und uns erzählen, der Pass sei heute geschlossen. Wir hoffen, dass es ein Scherz ist, gehen zum Ranger und der erklärt uns, dass sie schon gestern Nachmittag beschlossen haben, dass sie den Pass schließen. Gut, dass wir unten nachgefragt haben und uns von seinem Kollegen gesagt wurde, er sei offen… Die einzigen die heute über den Pass dürfen ist wohl Lars aus Cottbus, der sich zwanzig Minuten vor uns anscheinend am Ranger vorbeigeschlichen hat und eine geführte Tour mit 50 Wanderern von der anderen Seite. Frustriert ziehen wir uns um 12 Uhr mittags im Zelt zurück – außerhalb ist uns viel zu kalt und der herzlose Ranger lädt uns nicht zu sich in die gemütlich befeuerte Hütte ein. Wenigstens können wir ihn noch überzeugen unsere nassen Sachen über seinem Kamin zu trocknen und dann gibt er uns noch eine Flasche mit heißem Wasser für den Schlafsack. So wird es nichts mit dem O in sechs Tagen, nun brauchen wir mindestens sieben. Den Nachmittag verbringen wir lesend und schlafend im Zelt – im Hinterkopf die schreckliche Vorstellung was passiert wenn der Pass morgen geschlossen ist und die Schluchten nicht überquerbar sind. Eingeschlossen am trostlosesten Ort der Welt. Ich frage mich, wie viele sich in dieser Situation schon an dem berüchtigten Klostrick erhängt haben. Das einzige Highlight des Tages ist das köstliche deutsche fertig Trekking-Frühlingsgemüse-Omelette was uns Johannes und Kerry uns vor zwei Tagen geschenkt haben. Tatsächlich handelt sich um ein Pulver aus Gemüse und Freiland(!)eiern, zu welchem man kochendes Wasser hinzufügen muss und das Ganze dann wie ein echtes Omelette anbrät. Welch köstliche Abwechslung zur Tütensuppe mit Nudeln! Vielen Dank an dieser Stelle für die wohlplatzierte Instant-Motivation!

Die Nacht regnet es durch – die Angst steigt. Am nächsten Morgen sind wir sicher, dass wir eingeschlossen sind. Doch zu unserer Überraschung sagt der Ranger, ohne für uns erkenntlichen Grund, ja, ihr könnt rüber gehen. Aha, welche Information hat er in dieser Nacht erhalten, die ihm zu dieser Entscheidung bewogen haben. Das scheint uns alles doch sehr willkürlich. Dauerregen bedeutet doch wohl Dauerschnee am Pass. Naja, er sagt, er wird gleich auch hochsteigen.

Weihnachtliche Umgebung

Weihnachtliche Umgebung

DSC_3538

So machen wir uns mit etwas mulmigem Gefühl auf den Weg. Der Weg ist sehr matschig und steil. Mehrfach fallen wir. Hier runter zu gehen muss der Horror sein. Weiter oben wird es kälter und dadurch der Boden fester gefroren und bedeckt von Schnee. Nun ist es ein Vergnügen durch den winterlichen Märchenwald zu wandern. Kurz vor Ende des Walds holt der Ranger uns dann ein. Doch zu meiner Freude ist er mir zwar motorisch und in Streckenkenntnis überlegen, aber konditionell chancenlos, sodass er bald keuchend stehen bleibt und mich wieder vorbeilässt. Ha, trainierter als der Parkranger, mein Ego ist höher als der Pass!

"schneeeflöckchen, maiglöckchen....!"

„schneeeflöckchen, maiglöckchen….!“

Nach der Baumgrenze geht es durch tiefen Schnee an einen schmalen Pfad entlang. Glücklicherweise ist der Wind für patagonische Verhältnisse fast nicht existent! Ich kann mir nicht ausmalen, wie es sein muss bei Sturm hier oben zu sein. Die einzige Schwierigkeit für uns besteht darin zu erkennen, wo der Weg zu Ende ist und wo der Abhang anfängt. Mehrfach trete ich daneben – ist aber kein Problem, da der Schnee so tief ist, dass er mich sofort auffängt. Bald ist wegen des Schnees gar kein Weg mehr erkennbar und wir tasten uns querfeldein von orangem Stab zu orangenem Stab. Immer wieder erwischen wir tiefe Schneewehen und brechen bis zur Hüfte ein.

DSC_3545

DSC_3546

die letzten Meter zum Paso Gardner

die letzten Meter zum Paso Gardner

Der wegsichere Ranger überholt uns am Ende wieder. So geht es bis zum eigentlichen Pass auf 1200 Meter, ein karger Berggrat mit einem ganzjährigen Schneefeld. Der Wind wird nun immer stärker und immer wieder zieht dichter Nebel auf. Trotzdem haben wir kurz vor dem Pass noch einmal einen tollen Blick auf den Gletscher Grey bevor er endgültig vom Nebel verschluckt wird.

DSC_3552

Passfoto bei Windstärke 7.

Passfoto bei Windstärke 7.

DSC_3557 DSC_3560

Am Grat bläst dann der Wind wieder ordentlich – für uns von hinten. Doch die uns entgegenkommende Gruppe bekommt die ganzen Schneeflocken direkt ins Gesicht geblasen. Sie sehen aus als würden sie gerade aus dem Krieg kommen. Vollkommen geplättet und mit wildem Blick ziehen sie an uns vorbei. Besonders aufgeregt ist eine Koreanerin, die uns in einem Spanisch-Englisch Mix vor einem Fluss unter dem Schnee warnt, den Tränen nah. Auch der Parkguide von der anderen Seite ist aus Sicherheitsgründen mit aufgestiegen. Besorgt kommt er auf mich zu und fragt ob ich ganz allein unterwegs sei. Vor lauter Schneegestöber hat er die fast zwei Meter große Gestalt vor mir wohl übersehen.

der lange, rutschige Abstieg beginnt

der lange, rutschige Abstieg beginnt

verschneiter Bach - ab und wann gefährlich

verschneiter Bach – ab und wann gefährlich

DSC_3568

Die Markierungen auf der anderen Seite sind noch rarer gesät. Oft sehen wir den nächsten orangen Stab nicht und irren durch den Tiefschnee. Erschwert wird es auch noch von durch den Wind entstandenen großen, sehr rutschigen Eisfeldern. Immer wieder sehen wir auch den Fluss durchschimmern. Man muss höllisch aufpassen, nicht einzubrechen. Unsere Hosen und Schuhe, in denen der Schnee von oben eindringt sind inzwischen patschnass. Zum Glück ist es anstrengend genug, dass uns nicht kalt wird. Dann kommt das unvermeidliche. Toto ist 200 m unter mit und überall wo ich hingehe sehe ich in Schneelöchern den Fluss durchschimmern. Totos Fußspuren habe ich irgendwo verloren. Ich frage ihn durch Zeichensprache ob er rechts oder links gegangen ist. Er zuckt die Schultern. Ich entscheide mich für links, gehe zwei Schritte und zack , nach dem Motto „Ich bin dann mal weg“ fordert der Berg sein Opfer und ich falle 1,60m eine Etage tiefer, sodass nur noch meine Nasenspitze rausschaut. Ich finde mich in einer, vom Fluss geformten Höhle wieder. Zum Glück aber „trockenen Fußes“ (nicht, dass einen Unterschied gemacht hätte..) stehe ich wie ein Eisbär auf einer Schneeplatte, die ich von oben mitgerissen habe, in mitten des Flusses. Toto beobachtet das Spektakel von unten und kommt hoch gelaufen. Ich denke mir, wenn er zu nah kommt sitzen wir beide hier unten, baue mir eine Ausrollrampe und rolle mich bis zur nächsten Fußspur, wo es sicher ist wieder aufzustehen. Zu meinem eigenen Erstaunen breche ich nicht nochmal, diesmal mit dem Gesicht voran, ein.

Tiefschneepassagen

Tiefschneepassagen

DSC_3573

DSC_3574

DSC_3579

DSC_3580

Bald fängt dann wieder Wald an, der uns gut vor dem Wind schützt. Es wird immer wärmer und der Schnee ist sehr nass, von den Bäumen tropft es gehörig. Langsam aber sicher hört der Schnee ganz auf und unglaubliche Matschmengen begrüßen uns. Trotz großer Vorsicht sinken wir mehrmals tief ein. Teilweise gilt es 20 Meter lange und 30-40 cm tiefe Matschfelder zu überqueren – ohne Chance auszuweichen. Der Ranger vom Campingplatz Los Perros holt uns irgendwann ein und erzählt uns unter anderem, dass er in all seinen Jahren hier noch nie einen Puma gesehen habe. Na toll..sollte der deutsche Biologe, der in seinem Bericht im Internet prahlerisch geschrieben hat, er habe eine Pumafamilie mit 3 Jungen gesehen es mit der Wahrheit nicht so genau genommen haben?? All unsere Pumahoffnungen liegen auf diesem einsameren Teil des Weges. Am Campingplatz angekommen sehen wir aus als hätten wir ein Überlebenstraining hinter uns. Hier gibt es einen Aufenthaltsraum mit Kamin, wie verlockend.

Klatschnass und matschig beißen wir trotzdem nochmal die Zähne aufeinander und kämpfen uns noch 4 Stunden weiter bis zum idyllischen Campground Dickson. Der Weg ist zum Glück nicht sehr anspruchsvoll und auch weniger matschig und so technisch gesehen auch noch gut mit müden Beinen begehbar. Konditionell bin ich jedoch im Eimer als wir am Dickson ankommen. Die Blicke aber sind fantastisch. Der Himmel ist blau und die Sonne scheint auf die schneebedeckten Gipfel. Der viele Schnee in den letzten Tagen hat neben den Gletschern auch die sonst grünen Gipfel beschneit. Was für eine Entschädigung für die Strapazen!

DSC_3582

DSC_3588

unten im Tal sogar mit Blick!

unten im Tal sogar mit Blick!

Laura topmotiviert

Laura topmotiviert

Ersatz für die pitschnassen Handschuhe

Ersatz für die pitschnassen Handschuhe

Gletscher Dickson

Gletscher Dickson

DSC_3604

DSC_3606

DSC_3608

Refugio Dickson - was für eine Erlösung

Refugio Dickson – was für eine Erlösung

DSC_3612

DSC_3614

unser mitgenommenes Zelt

unser mitgenommenes Zelt

Morgengruss

Morgengruss

Für den letzten Tag haben wir uns dann noch eine besonders harte Etappe überlegt. 29 km sind es laut Karte und das mit unseren erschöpften Beinen. Tatsächlich ist die Karte falsch – warum sollte man auch eine richtige Karte drucken können, bei so vielen Besuchern?? So sind es am Ende 35 km!! Der Park verabschiedet uns mit Kaiserwetter – nur um uns zu zeigen wie es auch hätte sein können. Wir sehen das Torres Massiv nochmal aus der Ferne. Ein ganz andere Blick als bei Ankunft – nun sind die Berge mit Schnee bepudert.Trotzdem ist der ganze Tag eine pure Qual. Meine Füße sind dank der nassen Socken gestern an allen Ecken und Enden mit Blasen und offenen Stellen überseht. Das Fußgewölbe schmerzt, die Beine sind aus Blei. Toto ist von Blasen verschont geblieben, doch leidet er zusätzlich zu den Beinschmerzen noch unter Rückenschmerzen. Wir sind am Ende! Die letzten 8 km nimmt Toto meinen Rucksack, weil er Angst hat den letzten Bus zu verpassen. . Unterwegs treffen wir einen Amerikaner, der so aussieht als würde er uns am liebsten lebendig verspeisen, als wir ihm erklären, dass wir ihm unseren Kocher nicht verkaufen können, weil wir mit dem Rad unterwegs sind. Ist das die Entschädigung dafür, dass wir keinen Puma gesehen haben? Ein gereizter Amerikaner- ich weiß nicht..

DSC_3623

DSC_3624

DSC_3627

DSC_3629

Beginn der 36km Etappe

Beginn der 36km Etappe

DSC_3634 DSC_3636

DSC_3639

DSC_3640

DSC_3645

DSC_3647

DSC_3649

DSC_3650

DSC_3652

DSC_3654

DSC_3657

etwas unrundes Gangbild

etwas unrundes Gangbild

DSC_3660

geschafft!

geschafft!

Nie wieder Wandern!

Nie wieder Wandern!

Im Endeffekt sind wir dann doch schon 2 Stunden vor dem letzten Bus am Ziel und haben Glück, dass ein Minibus-Fahrer uns direkt mitnimmt. In Puerto Natales fahren wir den einen Kilometer von der Busstation zum Hotel mit dem Taxi, weil ich keinen Meter mehr laufen kann. Bei Inspektion im Hotel, stelle ich fest, dass meine Füße an mehreren Stellen bluten und eitern. Ich bin so froh, dass der Pass geschlossen war. Ich möchte nicht wissen, in welchem Zustand wir wären, wenn wir das O wie geplant in sechs Tagen gegangen wären. Wir gönnen uns ein Zimmer, anstatt noch das Zelt aufzubauen. Toto kocht Nudeln, die wir erschöpft im Bett essen und fallen dann sofort in einen komatösen Schlaf. What a week!

Zu weiteren Fotos aus Torres del Paine

Zur aktuellen Karte

Türme des Pains – Tail Ains

Am südlichsten Punkt unserer Reise in Punta Arenas werden wir mit echtem patagonischem Wetter begrüßt: Grauer Himmel, stärkster Wind, abwechselnd starker Regen und Sonne immer begleitet von Nieselregen bei unangenehmen einstelligen Temperaturen. Das ist also der patagonische Hochsommer, es muss ein Traum sein hierzu leben! Mühsam schleppen wir uns Meter für Meter zum Campingplatz – ohne Rad bewegen wir uns wie Wale am Strand. Die schweren, sperrigen Seesäcke bieten nirgendwo einen geeigneten Halt, um sie über längere Strecken zu transportieren. So rennen wir immer 100 Meter, um dann wieder die Arme aufzulockern. Wie beneiden wir die Backpacker um ihre bequemen Rucksäcke. Nach einer Ewigkeit am sogenannten Campingplatz angekommen, stellen wir fest, dass die 10x10m große Wiese tatsächlich mit sieben Zelten bis auf den letzten Quadratzentimeter gefüllt ist. Wir beschließen uns aufzuteilen – ich passe auf das Gepäck auf und Toto macht sich unbeladen auf die weitere Suche. Auf dem Weg trifft er auch Biobauer Willi aus dem Bus wieder, der trotz mehreren Versuchen auch noch kein freies Hostel gefunden hat. Der Tourismus boomt anscheinend an diesem trostlosen Ort, weiß Gott warum. Zusammen finden sie ein Hostel, eine israelische Enklave, wo wir zu dritt einen Dorm beziehen können. Traumhafterweise kommt Willi dann noch mit, um mich vom Campingplatz abzuholen und schleppt meinen Seesack bis zum Hostel – vielen, vielen Dank!! Vollkommen erledigt von der Busfahrt schlendern wir nur einmal kurz zum Meer – von hier aus sieht man schon Feuerland über die Magellanstraße- und gehen dann gleich schlafen.

Punta Arenas ist beliebter Kreuzfahrerhafen

Punta Arenas ist beliebter Kreuzfahrerhafen

Der Malecón von Punta Arenas

Der Malecón von Punta Arenas

Am nächsten Tag bricht Willi zum Wandern in Torres del Paine auf und wir ziehen zum Couchsurfer Camilo, einem Physiotherapeuten, um. Wir kochen zusammen, aber dank Fiebers auf Totos Seite und zunehmender Übelkeit meinerseits will keine rechte Stimmung aufkommen. In letzter Sekunde schaffe ich es noch auf die Straße, um nicht in das blitzende Bad Camilos zu brechen…

Unbedingt wollte ich ja auch immer die Pinguine sehen. Doch jetzt wo wir hier sind, überlegen wir lange hin und her, die kleinen Magellan-Pinguine sind relativ leicht zu erreichen, doch wohnen sie auf einem eher trostlosen Lehmberg, kein gutes Fotomotiv. Außerdem ähneln sie doch sehr den Galapagos-Pinguinen. Neuerdings hat sich zum ersten mal wieder eine Königspinguin-Kolonie auf dem Festland niedergelassen, das klingt schon deutlich verlockender. Eigentlich ist sie sehr nah auf der anderen Seite der Magellanstraße, doch schwierige Fährverbindung und sich daraus ergebene große Umwege führen dazu, dass man fünf Stunden mit dem Bus dorthin braucht. 10 Stunden Bus fahren, um dann eine Stunde gestresst zwischen den Pinguinen rumzulaufen erscheint uns dann auch nicht so als tolle Option. Abgesehen davon, ob es ökologisch verantwortbar ist 500 Kilometer zu fahren, um vierzig Pinguine zu sehen. Irgendwann bietet sich sicher nochmal eine bessere Möglichkeit…

So schlendern wir durch das Zentrum von Punta Arenas. Hübsche Bauten der Pioniergeneration zeugen vom einstigen Reichtum der Einwanderer, die mit der Wolle ein Vermögen verdienten, bevor ihnen die synthetische Faser den Zahn zog und die armen Lämmer auf den Grill verbannte. Der Hafenanleger ist gerade von einem gigantischen Kreuzfahrtschiff in Beschlag genommen. Tafeln der großen Kapitäne, Schiffe und Polarexpeditionen, die von hier abgelegt haben, lassen uns vor Ehrfurcht erstarren. Amundsen und Konsorten nutzten die strategisch einmalige Hafenlage als Ausgangspunkt ihrer Heldentaten.

hübsche Innenstadt

hübsche Innenstadt

Punta Arenas bietet außerdem ein großes Zollfreigebiet – eines der vielen patagonischen Sonderrechte, die Zona franca, wo wir für Toto einen großen Rucksack für das Wandern in Torres del Paine erstehen. So sparen wir uns die Leihgebühr für einen Rucksack, vermindern das Gewicht unserer unhandlichen Seesäcke und außerdem besitzt Toto zuhause im Gegensatz zu mir noch keinen großen Rucksack. Am Nachmittag kaufen wir uns beide noch neue Kappen gegen die extremen UV-Strahlen hier im Süden und ich bekomme eine neue Trekkinghose, da meine alte mittlerweile einen irreversibel-dreckigen Zustand erreicht hat, der nur noch peinlich ist.

UV -Warnung: Dank schwindender Ozonschicht akute Verbrennungsgefahr!

UV -Warnung: Dank schwindender Ozonschicht akute Verbrennungsgefahr!

Am nächsten Tag besuchen wir den geschichtsträchtigen Friedhof „Sara Braun“ mit seinen imposanten Zypressen-Alleen, der ebenfalls vom Reichtum der vergangenen Zeit zeugt. Prunkvolle Grabstätten von Auswanderern, Wollbaronen und Abenteurern stehen neben eher schlichten Gräbern, wie dem Sammelgrab der „Deutschen Krankenkasse“ oder den Gräbern von Gefallenen des 1. Weltkrieges. Die meisten Einwanderer scheinen aus Deutschland, England und Kroatien zu kommen. Vor allen die Kroaten scheinen es geschafft zu haben: Pompös-verzierte Grabhäuser zeugen von ihrem Erfolg. Das raue Klima hier unten scheint den wenigsten zu bekommen, viele starben schon in ihren 50ern. Auch lustig, dass der hiesigen Tradition gehorchend immer zwei Nachnamen (väterlich und mütterlich) angegeben werden. Das führt dann bei den Einwanderern dazu, dass der eine Name einfach verdoppelt wird. Braun Braun, Smith Smith, usw.

DSC_3186

DSC_3187 DSC_3191

unüblicher Grabschmuck

unüblicher Grabschmuck

DSC_3195

bei den Feministen jätet niemand Unkraut

bei den Feministen jätet niemand Unkraut

Deutsche Krankenkasse

Deutsche Krankenkasse

Am Nachmittag besteigen wir den Bus, passend zur Jahreszeit, nach Puerto Natales – dem Weihnachtshafen. Puerto Natales ist das Sprungbrett zum Nationalpark Torres del Paine, wo wir einen 8-tägigen Trek machen wollen. Wir finden einen günstigen Campingplatz und warten, dass Toto, der immer noch Halsschmerzen und Fieber hat, wieder fit zum Trekken ist. Puerto Natales verströmt noch mehr das Flair eines Pionierstädtchens. Verrostete alte Pick-Ups, mit Wellblech vernagelte farbige Holzhütten, teils unasphaltierte Straßen, zu Wohnungen und Lagerräumen umfunktionierte Schiffscontainer und ein ungeplantes Durcheinander von Wohnhäusern und Industrieanlagen. Die Hafenpromenade von Puerto Natales ist sehr idyllisch. Bunte Fischerboote schaukeln auf den Wellen vor beschneiten Berghängen in der Ferne. Dazu kreischen Möwen und die typischen Schwarzhalsgänse ziehen ihre Kreise im Hafenbecken. Ein gigantischer Skaterpark direkt am Meer zieht jeden Sonntag Kinder und Familien an, die wie wir den seltenen Genuss eines Sommertags genießen. Das Thermometer bricht sogar die zweistellige Marke, so dass es für die Kids von hier kein Halten mehr gibt – ab in den Brunnen der Plaza de Armas! Wir schauen kopfschüttelnd zu und ziehen die Mützen fester über unsere verfrorenen Ohren.

Villa Kunterbunt in Puerto Natales

Villa Kunterbunt in Puerto Natales

Schwarzhalsschwanfamilie

Schwarzhalsschwanfamilie

DSC_3215

DSC_3218

DSC_3225

DSC_3227

DSC_3232

Skaterpark am Hafen

Skaterpark am Hafen

DSC_3236

Hohoho

Hohoho

Es ist zweistellig! Ab in den Brunnen

Es ist zweistellig! Ab in den Brunnen

Zwei Tage später sitzen wir im überteuerten Bus, der uns in zwei Stunden zum Nationalpark fährt. Wir scheinen weiter Glück mit dem Wetter zu haben – schon von weitem sieht man das Bergmassiv, dass sich wie eine Festung aus der endlosen Steppe erheben.

 

Bei Anfahrt noch ganz gutes Wetter

Bei Anfahrt noch ganz gutes Wetter

DSC_3245

Die Registrierung im Park ist zeitaufwendig und teuer. 25 Euro kostet der Eintritt. Für uns, die wir eine Woche bleiben ist das ok, doch zahlt man für einen Tagestrip das Gleiche. Der Chilene zahlt 7 Euro – ein Unterschied den wir in Ländern wie Peru und Bolivien gut nachvollziehen können, aber nicht in Chile mit seinem europäischem Gehalts- und Preisniveau. Dann müssen wir einen Film anschauen, in dem zum 100. Mal die Parkregeln wiederholt werden: Kein Feuer, kein Wildcampen, Kochen nur in gekennzeichneten Bereichen. Seit den zwei großen Waldbränden in den Jahren 2003 und 2011, beide verursacht durch Touristen, die große Teile des Baumbestands zerstört haben, kann man verstehen, dass sie sehr strikt sind was Feuer im Park betrifft. Was man aber nicht verstehen kann ist, dass die Nationalparkverwaltung fast alle Campingplätze in private Hand abegeben hat. Dort muss man dann jede Nacht teuer bis sehr teuer bezahlen, egal ob man überhaupt die Infrastruktur (die Duschen sind teilweise kalt und das bei den Temperaturen!) nutzen möchte oder nicht. Vom Nationalparkbüro muss man zusätzlich ein Shuttle bezahlen, der uns die letzten 7 km in den Park fährt, warum sollte das auch im Buspreis dabei sein? So kommen wir schon einigermaßen genervt an und haben das Gefühl in die größte Tourifalle unserer ganzen Reise getappt zu sein.

Neben den Campingplätzen gibt es noch Refugios und Nobelhotels. Den beliebteren Teil des Nationalparks, den sogenannten W- Trek (sieht aus wie ein W auf der Karte) kann man so ohne Zelt und ohne Essen nur mit kleinem Rucksack ausgestattet machen. Das zieht viele Touristen an – angeblich drängen sich insgesamt 150.000 Menschen hauptsächlich in den 4 Sommermonaten auf den engen Wanderwegen. Es ist also sehr voll, v.a. Dingen da es eigentlich nur einen Weg gibt und man so die Massen kaum vermeiden kann. Es gibt „das W“, welches an seinen Enden durch einen weniger frequentierten Weg, der um das Massiv führt, zum „O“ verbunden wird – den längsten Trek des Parks. Die meisten Menschen kommen im Januar und Februar. Aber auch im Dezember ist es schon sehr voll auf den Wegen. Naja, meistens stört das uns aber gar nicht so sehr. Wir ändern auf Grund des guten Wetters unseren Plan, eigentlich wollten wir mit dem einsameren Teil hinter dem Massiv beginnen, doch jetzt fangen wir mit dem angeblich schöneren W- Teil auf der Vorderseite an. So steigen wir am ersten Tag gleich zur Hauptattraktion und Namensgeber des Parkes auf – den Torres del Paine.

Versorgung der Refugios

Versorgung der Refugios

Auf dem Weg zu den Türmen

Auf dem Weg zu den Türmen

DSC_3252

DSC_3254

DSC_3256

DSC_3258

Lowe Alpine Werbung 1/140

Lowe Alpine Werbung 1/140

DSC_3271

DSC_3274

Wir haben richtig Glück, auch wenn der Himmel verhangen ist, sehen wir die Fels-Türme komplett über der Lagune aufragen. Viele Wanderer erzählen uns später, dass sie nichts außer einer Nebelwand gesehen haben. Selbst bei wunderschönstem Wetter hängen fast immer Wolken um die Türme. Abends am Campingplatz lernen wir beim Kochen Johannes und Kerry kennen – ein sehr nettes und humorvolles bayrisch-irisches Paar.

DSC_3279

DSC_3290

Campground Torres

Campground Torres

DSC_3297

Am nächsten Morgen ist das Wetter noch halbwegs stabil und wir genießen tolle Blicke auf den eisblauen See. Der Wind ist allerdings fürchterlich stark. Ständig müssen wir uns hinknien und die Böe abwarten, die uns von dem schmalen Pfad direkt ins Tal zu wehen droht. An einer besonders engen Kurve mit sehr schmalem Weg brauche ich tatsächlich drei Versuche bis ich es schaffe, um die Ecke zu laufen. Am Mittag setzt dann stärkster Regen ein, laut Nationalparkbüro waren drei Tage schönster Sonnenschein mit von Tag zu Tag weniger werdender Wind angesagt – haha. Wettervorhersagen in Patagonien sind wohl eher so zu verstehen: Das Wetter könnte so werden oder anders. Das Wort Paine kommt aus der Sprache der Tehuelche Indianer und bedeutet „Himmelblau“- also Türme des blauen Himmels – welch Ironie in Patagonien !

flaches Wegstück am nächsten Tag

flaches Wegstück am nächsten Tag

DSC_3305

DSC_3309

DSC_3313

DSC_3315

DSC_3317

DSC_3322

DSC_3334

es zieht zu

es zieht zu

DSC_3349

Bei einer besonders Starken Böe werde ich mitgerissen und schaffe es nach ein paar Schritten Mitstolpern mich gerade noch kontrolliert auf den Boden fallen zu lassen. Das ganze vor den Augen einer geführten Gruppe von Amerikanern die im Windschatten sitzend, genüsslich in ihr Brot beißen und das ganze tatenlos verfolgen. Ob es mir gut geht interessiert keinen. Ich komme mir blöd vor, dass der Wind mich anscheinend auf dem falschen Fuß erwischt hat und mich umgeworfen hat.

Doch dann biege ich um die Ecke und sehe ein Mädel im Busch liegen und eine andere regungslos zwischen Felsen. Die im Busch bewegt nur ihre Augen und sagt wimmernd „I fell“. Ich bin mir sicher sie hat eine Wirbelsäulenfraktur, ist gelähmt und fange an um Hilfe zu schreien und zu winken, da der Guide der Amerikaner Gruppe mit seinem Funkgerät nur 5 Meter entfernt sitzt. Dank dem Wind hört er aber nichts. Das Mädchen versichert mir dann aber, dass sie ok ist und noch alles bewegen kann. Ich laufe zur anderen die mit blutüberströmtem Gesicht da liegt. Tatsächlich hat sie „nur“ eine aufgeschlagene Lippe, es sieht also dramatischer aus als es ist. Sie heult wie ein Schlosshund. Den einzigen Schmerz, den sie angibt ist dann aber nur an der Lippe. Beide versichern mir dann mehrfach dass sie wieder alleine klar kommen und ich lasse sie mit schlechtem Gefühl zurück. Zu mindestens sind sie schon auf dem Weg aus dem Park und nicht so wie wir noch am Anfang. Später erfahren wir, dass wohl noch mehr Wanderer so vom Wind gefällt wurden, dass sie vom Pferd abgeholt werden müssen. Auch Toto ist in den nächsten Busch gefallen, aber er tut sich ja nie weh. Dieser Wind ist so krass, das haben wir uns nie vorstellen können. Der spielt einfach menschliches Domino und man kann nichts dagegen machen. Muss ein beeindruckendes Bild von oben gewesen sein, bei der einen Böe eine Menschenkette von einer Sekunde zur anderen in den Graben fallen zu sehen. Der Schock sitzt mir noch einige Stunden in den Knochen und ich knie mich bei jeder Windböe präventiv hin. Der Weg geht in diesem Teil gar nicht an einem Abhang, sondern flach am See, aber trotzdem kann man so blöd stürzen. Bis zum Refugio Los Cuernos haben wir noch Glück mit Sonne und Nieselregen im Wechsel, aber den Nachmittag im Wald schüttet es dann eigentlich durch.

DSC_3356

DSC_3359

DSC_3365

DSC_3368

DSC_3370

DSC_3371

Im Valle Francés am nächsten Tag, dem angeblich schönsten Teil des Weges sehen wir nichts, dank miesestem Wetter. Kurz vor Ende drehen wir um, da selbst die sonst so positiv-übertreibenden Amerikaner uns versichern, dass es keinen Schritt weiter wert sei. Wir verabschieden uns von Johannes und Kerry, die wegen des miesen Wetters heute ihre Tour abschließen.

DSC_3374

DSC_3378

DSC_3379

DSC_3382

DSC_3383

Abends beim Kochen, dann noch eine lustige Situation: ich stehe mit zwei Teenager Amerikanerinnen am Spülbecken und die beiden sagen die ganze Zeit so Sachen wie: He’s so gorgeous!! Look at him! Und drehen sich ständig kichernd um. Ich schenke dem ganzen eigentlich keine weitere Beachtung, bis ich Toto jemanden erzählen höre, dass wir den Bus nach Punta Arenas genommen haben. Dann stupst die eine Amerikanerin der anderen in die Rippen und sagt aufgeregt: Hey, he just said, he came down here by bus. MOMENT MAL!! Redet ihr über MEINEN Freund?? Ich kratz euch die Augen aus! Na gut, davon nehme ich dann doch Abstand und sage auch nichts. Eigentlich find ich es ja ganz lustig. Erzähle es dann natürlich gleich brühwarm Toto, der zwar versucht cool zu reagieren, aber dann doch den Rest des Abends breit grinsen muss.

Die darauffolgende Nacht ist fürchterlich – der Campingplatz „Paine Grande“ ist nichts als eine große Wiese, die keinerlei Windschutz bietet – in der Tat eine große Pein. Unter dem Wind faltet sich unser Zelt zusammen wie ein Klappbett, wir tun kein Auge zu. Um uns herum Stimmengewirr und Taschenlampen. Hektisch versuchen die anderen ihre Zelte abzudichten, noch besser zu befestigen oder klammen sich einfach an ihnen fest. Am nächsten Tag bietet sich ein Bild der Zerstörung: Überall verlassene, zerfetzte Zeltleichen mit großen Wasserlachen darin. Die Inhaber müssen wohl in der Nacht in die Lobby vom Hotel oder ins Bad geflüchtet sein. Nur wenige Zelte haben Stand gehalten. Auch unseres ist hinten an der Fensterklappe gerissen und das obwohl es ausgelegt ist für sagenhafte Windgeschwindigkeiten von 140 km/h!!! Die Stangen sind total verbogen, aber nicht gebrochen und Innen ist alles trocken geblieben.

Die einst gerade Zeltstange

Die einst gerade Zeltstange

Sturmschaden

Sturmschaden

Zeltleiche - wo sind die Menschen?

Zeltleiche – wo sind die Menschen?

DSC_3390

sieht hübsch aus, war aber fürchterlich

sieht hübsch aus, war aber fürchterlich

Ich bin mir sicher, dass wir nach dieser Nacht unsere Wanderung abbrechen würden – Toto hätte am liebsten gestern Abend nach dem Wetter der letzten Tage schon den Katamaran aus dem Park genommen, der von hier abfährt….

Fortsetzung folgt!

Zur aktuellen Karte