Heidiiiii, Heidiiiiiiiii – deutsche Spuren, braune Flecken

Der Wechsel der Landschaft von Nordargentinien zur „Seenregion“ ist einfach nur unbeschreiblich. Das erste was wir aus den Busfenstern bemerken ist ein langsames Anschwellen der Hügelketten aus der endlosen Pampa heraus und dann liegen die ersten tiefblauen Seen auch schon direkt neben uns. Die Farbe des Wassers ist so kristallin türkis, dass wir gerne den Busfahrer zum Anhalten zwingen würden, um uns direkt ins Nass zu stürzen. Anfangs ist noch Steppe an den Talhängen bis sich langsam der Nadelwald verdichtet. Immer wieder liegen idyllische Waldresidenzen hinter Holzzäunen. Pferde grasen in Blumenwiesen – kurzum „sauschee is“.

Am Terminal in Bariloche empfangen wir wohlbehalten unser Gepäck und die Räder. Trotz strahlender Sonne weht ein frischer Wind – was für ein Gegensatz zu Mendoza und Salta! Circa drei Kilometer sind es bis zur Innenstadt und die sind wir wohl komplett mit heruntergeklapptem Unterkiefer gefahren. Boutiquehotels im Alm-Blockhausstil und Namen wie „Hotel Edelweiss“ lassen uns eher an eine Sommerfrische in den Alpen denken. Nobel-Chocolaterien reihen sich an Restaurants, die auf Deutsch „Hirschgulasch mit Spätzle“ oder „Apfelstrudel“ auf den Karten stehen haben. Wir sind einigermaßen geschockt wie touristisch diese Stadt ist und ruhen uns erstmal auf dem Platz mit Seeblick über den Napuel Huapi aus. Nach Hotelpreisen brauchen wir hier wohl nicht fragen, wenn man sich im Spa bei Seeblick mit Fango und Hot Stone verwöhnen lassen kann. Schlagwörter wie Boutique, Loft, Apart und Mansion sind für uns ja meistens sowieso das KO-Kriterium.

Lago Nahuel Huapi

Lago Nahuel Huapi

Die Suche nach einem Campingplatz ist auch einigermaßen frustrierend. Der nächste liegt 3 km westlich der Stadt und ist tatsächlich noch geschlossen – die Saison beginnt hier erst so richtig ab 15. Dezember. Merken wir aber erst, nachdem wir uns 1km den senkrecht-steilen Berg hochgequält haben. So nutzen wir den Luxus unserer SIM-Karte und telefonieren, bis wir einen Campingplatz 14km westlich finden, der tatsächlich offen hat. Auf der Fahrt reiht sich Hotel an Hotel – kaum zu fassen wie viele Unterkünfte es hier gibt und schwer vorzustellen, dass die krisengebeutelten Argentinier hier für 150 US-Dollar die Nacht einchecken.

Der Campingplatz liegt wunderschön direkt mit Seezugang. Boote schaukeln in der kleinen Bucht davor und hinter dem blauen See ragen die schneebedeckten Gipfel auf, deren Hänge im Winter hier eines der besten Skigebiete Argentiniens bieten. Die Schweiz Südamerikas macht ihrem Namen also alle Ehre und lässt uns gut nachvollziehen, warum die ersten deutschen Einwanderer, die hier zwischen 1850 und 1875 aufschlugen sich diesen Flecken Erde aussuchten. Exilanten, die v.a. nach der 1848er Revolution keine Zukunft in der Heimat sahen, machten sich auf in die Ferne und besiedelten die Region, die sie sich anfangs brüderlich – später im Streit – mit den originären Mapuche-Indianern teilten.

schöner Zeltplatz im Wald

schöner Zeltplatz im Wald

Bootsregatta

Bootsregatta

Allerdings hat Bariloche auch eine unrühmliche Geschichte als Zufluchtsort von Alt-Nazis. So konnte das ABC-Reporterteam 1994 zwei SS-Kriegsverbrecher aufspüren, die 1946 mit vom Vatikan (!) gefälschten Pässen ins Argentinien der Perón-Diktatur fliehen konnten und hier ca. 50 Jahre lang unbehelligt als Leiter der deutschen Schule Bariloche ihr Unwesen trieben. Nach ewigen juristischen Querelen wurde einer endlich in Italien für den Mord an über 300 Zivilisten angeklagt und zur Rechenschaft gezogen. Auch schwer nachzuvollziehen, dass eben diesem Perón 1953 noch der Orden des deutschen Großkreuzes an die Brust geheftet wurde. Der Präsident war sehr nazi-affin und ließ sich unter anderem auch von einem österreichischen Scharlatan einen Atomreaktor in Bariloche errichten, der nie für militärische oder zivile Zwecke Nutzen abwarf, aber mehrere Millionen verschlang. Für uns natürlich kaum zu differenzieren, welche Familien hier Abkömmlinge hartarbeitender Einwanderer des 19. Jahrhunderts und welche eventuelle Alt-Nazis sind. Gute Artikel zum Thema hier und vom Spiegel.

Passend zu nervigen Deutschen stehen dann auch zwei deutsche Camper neben uns und belehren Laura über Orte und Dinge, die wir schon kennen – sie aber nicht – aber dennoch alles darüber besser wissen. Fehlen nur noch die Gartenzwerge neben dem Campingwagen… Besser unterhalten uns die gigantischen Vögel, die majestätisch über die Wiese stolzieren und der Ferienausflug von Jugendlichen, die sich bei Räuber und Gendarm um unser Zelt herum schleichen.

mit gebogenem Schnabel

mit gebogenem Schnabel

große Vögel

große Vögel

Am nächsten Tag brechen wir auf zur berühmten Radrunde circuito chico. Der erste Stop ist Llao Llao und das wohl edelste Hotel Argentiniens mit Café, Golfplatz, Bootsanleger, fantastischer Lage und unglaublichem Blick über die umliegende Landschaft. Der Blick über die sich im blauen See spiegelnde Tannenlandschaft mit den Traum-Residenzen dazwischen ist unwirklich und schön zugleich. Zu schön finden wir eigentlich. Wir radeln auf bestens in Stand gehaltenen und weit verzweigten Wanderwegen und erklimmen auch den Cerro Llao Llao mit Ausblick über die „Fjorde“ der Bergseen. Danach führt die Straße durch ein gelbes Blütenmeer zur Colonia Suiza. Hier haben sich eidgenössische Aussiedler niedergelassen und so findet sich hier das Restaurant Heidi, natürlich feinste Schokolade, Straßennamen wie „Zürich“ und jede Menge Alpen-Kitsch. Kurz dahinter übernimmt wieder die deutsche Tradition als mitten im Wald die Brauerei „Berlina“ auftaucht samt Biergarten und Lederhosen-Vogelscheuche, die es sich auf einer Holzbank gemütlich macht. Puh, langsam wird es zuviel des Klischees!

Radeln wie in Bad Bariloche

Radeln wie in Bad Bariloche

Luxushotel Llao Llao mit Golfplatz

Luxushotel Llao Llao mit Golfplatz

Llao Llao

Llao Llao

etwas frisch

etwas frisch

einladend allemal

einladend allemal

Blick vom Cerro Llao Llao

Blick vom Cerro Llao Llao

So wird es Zeit für uns wenigstens in weniger touristische Orte der Region aufzubrechen und wir nehmen am nächsten Tag die erste Fähre der „drei Seen Tour“ von Llao Llao über den Lago Nahuel Huapi. Wir haben Glück mit dem Wetter und so sonnen wir uns mit drei anderen Hartgesottenen auf dem Oberdeck. Morgens ist es nämlich noch sehr eisig, so dass wir uns gegen den Wind mit Tüchern und Fleece wappnen müssen. Doch schon bald strömen aus der Kabine Hunderte Schulkinder auf Ausflug nach oben. Eine Fotografin verteilt Salzkekse und dann recken alle ihre Arme nach oben, um die herabstürzenden Möwen zu füttern. Natürlich kreischen die Mädchen hysterisch bei der Annäherung und lassen den Keks fallen. Die Jungs sind schon mutiger und selbst die Generation 80+ findet in Argentinien größten Spaß an derlei Vergnügung.

steife Brise!

steife Brise!

sailin' !

sailin‘ !

Möwenfütterung

Möwenfütterung

Blick zurück

Blick zurück

Nach einer Stunde Fahrt erreichen wir die Cascada Blanca – einen Wasserfall wie aus dem Märchenbuch, der sich von Schneegipfeln durch Tannenwald seinen Weg über bizarren Fels nach unten bahnt und ins türkise Wasser stürzt. Etwas vermiest wird der Genuss durch den Touristenführer, der unerlässlich auf Englisch und Spanisch quasselt ohne wirkliche Information zu liefern. Zu unserer Belustigung gibt er dann noch bekannt, dass zwei verrückte Radler aus Deutschland heute an Bord sind und den Andencross per Fahrrad wagen. Applaus der Sahnetortengesellschaft. Die lächerlichen 400 Höhenmeter, die uns zwischen den Bootsfahrten erwarten und auf 1050 M.ü.N. führen sind wohl die leichteste Andenüberquerung, die man sich vorstellen kann. Dennoch etwas gerührt genießen wir den Applaus der Schulgruppe und Rentner.

Cascada Blanca - definitiv unfassbar

Cascada Blanca – definitiv unfassbar

hübsche Wasserrutsche

hübsche Wasserrutsche

Blick entlang des Seeufers

Blick entlang des Seeufers

Und kurz danach sind wir auch schon wieder an Land und radeln entspannte drei Kilometer am türkisenen Rio Frías entlang zum gleichnamigen See, wo uns eine kleinere Fähre erwartet. Auch köstlich: während des An- und Ablegens darf man sich hier nicht an Deck befinden, sondern muss sich unter Deck hinsetzen. Die deutsche Pedanterie ist wohl auch über fünf Generationen nicht auszulöschen. Außerdem weist man mich schroff zurecht, da ich mich für ein Foto auf die Bank stelle. Zwinkernd macht die junge Argentinierin neben uns das gleiche als das Crewmitglied um die Ecke ist – wenigstens ist die südamerikanische Gelassenheit auch Teil der Mischung.

Laguna Fría vor der chilenischen Grenze

Laguna Fría vor der chilenischen Grenze

ohne Gepäck ist selbst der 10% Aufstieg machbar

ohne Gepäck ist selbst der 10% Aufstieg machbar

chilenische Schweiz

chilenische Schweiz

So erreichen wir die Grenze. Hier gibt es noch kurz Verwirrung, als ich mich erkundige, ob wir unsere Perrita (Hündchen) hier oder erst am chilenischen Zoll aufgegessen haben müssen. Der Herr schaut mich etwas verwirrt an und fragt, ob sie denn alle Impfungen habe?! Worauf mir ein Licht aufgeht und ich ihm erkläre, dass ich wohl doch eher Perita (eine kleine Birne) meine. Die verspeisen wir dann am 1050 Meter-Pass nach ca. einer Stunde Aufwärtsschieben dank 10% Schotterpiste. Freundlicherweise nehmen die Jungs von der Reiseagentur unser Gepäck die ganzen 30km bis Peulla für uns mit, so dass wir nur leicht bepackt unterwegs sind. Die Strecke nach dem Pass holpert bis auf 200 Höhenmeter nach unten – so tief waren wir seit Nordperu nicht mehr. Immer wieder blitzen beschneite Berge durch Lücken im Wald. Der letzte Teil führt durch ein Tal, das idyllischer nicht sein könnte. Fleckvieh steht auf den sattgrünen Wiesen, Murmelbäche gluckern neben uns und Wasserfälle ergießen sich von den Felsen der Hänge. Leider ist es nun etwas zugezogen, so dass wir den Tronador (der Donnernde, benannt wegen eines wohl häufiger auftretenden Eisabbruchs, was als Grollen im Tal zu hören ist) nur in Wolken liegen sehen.

Peulla ist ein 100 Seelendorf, das maßgeblich von den Touristen lebt, die hier den Chile–Argentinien-Transfer machen. Den gibt es tatsächlich schon seit 1913 (!) als ein deutscher Einwanderer auf die Idee kam per Schiff und Pferd die idyllische Landschaft zu durchqueren. Heute besitzt seine Familie zwei Luxushotels, mehrere Boote, Busse, eigene Inseln in den Seen, Ländereien, usw. Tja, die richtige Idee zur richtigen Zeit…!

Tronador in den Wolken

Tronador in den Wolken

alte Bekannte drehen sich zum Wiedersehen weg!

alte Bekannte drehen sich zum Wiedersehen weg!

einer der vielen Wasserfälle

einer der vielen Wasserfälle

Am chilenischen Zoll liegen dann alle unsere Taschen einfach vor dem Gebäude und kein Mensch ist zu sehen. Aber die könnten hier wohl hundert Jahre liegen ohne dass etwas passieren würde. So verschlafen ist es hier, dass die Tür zum Zoll mit PC, usw. offen steht, aber sich selbst nach lautem Rufen niemand blicken lässt. Erst als Laura ins Gebäude „schwebt wie eine Elfe“, schlurft der Obstkontrolleur aus seinem Zimmer. Er informiert uns, dass wir erst im Nachbarhaus die Frau mit dem Stempel raus klingeln müssen. Die ist gerade beim Bügeln und kommt in Zivil mit Stempel unterm Arm zehn Meter zur Arbeit. Der wohl ruhigste Grenzübergang unserer Reise.

In Peulla gibt es eine Nationalpark-Station, vor der man campen kann, doch obwohl der Ranger offiziell noch Dienst hat, hängt nur ein „Ranger im Park“ Schild am Fenster und wir kriegen ihn nie zu Gesicht. Angeblich hat es hier auch Dusche und WC, aber alles ist verriegelt und so stellen wir unser Zelt auf das Grundstück. Wir spazieren zur Mole, von der aus man ein großes Sumpfgebiet überblickt, in dem Seeotter hausen und auch Pumas soll es hier geben. Danach erklimmen wir noch einen kurzen Pfad zu einem Wasserfall und einer verlassenen Zip-Lining Anlage. Leider haben wir keinen Klettergurt dabei … Am Abend kochen wir unter dem Dach der Station, denn die Wolken sind bedrohlich dunkel. Ein älterer Mann spricht uns an und warnt uns freundlich vor Regen in der Nacht. Bald stellt sich heraus, dass er Deutsch spricht, da er einer schweizer-deutschen Familie abstammt. Sein Großvater das Dinosaurier-Museum 1888 in La Plata mitbegründet habe.

In der Tat tröpfelt es dann nachts leicht, so dass wir morgens unser Zelt zum Trocknen unter das Dach hängen müssen und wir brechen zu einer Wanderung in Richtung Laguna Margarita auf. Durch dichtesten Regenwald mit Bambuspassagen und engem Unterholz geht es sehr steil nach oben. An der steilsten Passage müssen wir uns an einem Seil nach oben ziehen. Leider geht die Fähre schon um vier Uhr Nachmittag und so erreichen wir die Lagune nicht – der Weg selbst durch den Wald ist aber schon eine Schau. Auf dem Rückweg schreit Laura plötzlich auf – 30cm neben uns sitzt Vroni die Vogelspinne… Nach Recherche ist es aber wohl bloß die rote chilenische Vogelspinne, deren Biss etwa einem Bienenstich gleichkommt und nicht wie gefürchtet die potentiell tödliche Spinnenart der Region.

oder heller Wiese fühlt sich die Vogelspinne wohl

oder heller Wiese fühlt sich die Vogelspinne wohl

unser Zeltplatz in Peulla

unser Zeltplatz in Peulla

Wieder am Ausgangspunkt angekommen, versorgen wir uns noch im kleinen Trödelladen des Ortes (Öffnungszeiten 10:30 – 12:00 und 15:00 – 17:00), vor dem auch zwei amerikanische Radler stehen. Sie fahren in die andere Richtung und machen insgesamt eine 6-Wochentour. Pünktlich sind wir um halb vier an der Mole und ich versuche noch eine der köstlichen Regenbogenforellen zu überlisten. Laura fragt: Es ist 15 Minuten vor Abfahrt was machst Du bitte, wenn eine beißt?! Ich beruhige sie, denn es beißt nie etwas… So ist es dann auch und wir besteigen das letzte Boot der Überfahrt. Beim Rundgang stellen wir fest, dass unsere Räder Gesellschaft haben und nach kurzem Suchen finden wir Claudio – einen netten Italiener, der seit zwei Wochen von Santiago nach Süden radelt.

Petri Heul - es beißt nichts

Petri Heul – es beißt nichts

das letzte Boot

das letzte Boot

Der Tag ist leider nicht perfekt für die Fahrt, denn der Kegel des erloschenen Osorno-Vulkans ist zwar zu sehen, aber seine Spitze hüllt sich in Wolken. Dennoch sehr beeindruckend. Wir erreichen Petrohue – einen winzigen Hafen- und Fischerort. Dort gibt es zwei Campingplätze und wir fragen nach einem Stellplatz und sind reichlich überrascht, als man uns sagt: completo! Ein Scherz? Nein, tatsächlich endet heute hier der 65km-Extremmarathon über den Vulkan und alle Läufer mit Familien haben die Plätze besetzt. So radeln wir auf der Lavaaschenstraße noch drei Kilometer bis wir einen ruhigen Ort am Fluss finden, der perfekt für unser Zelt und Claudios geeignet ist. Wir essen zusammen Abend und verabschieden uns wegen kalten Nieselregens doch schon recht früh ins Schlaflager.

Osorno Vulkan in den Wolken

Osorno Vulkan in den Wolken

Wildcamp am Rio Petrohue

Wildcamp am Rio Petrohue

Tags darauf geht es eine kurze Strecke bis wir an den Wasserfällen von Petrohue anhalten. Hier sieht man normalerweise den Vulkankegel hinter den eisblauen Wassermassen nach oben ragen. Nur heute sieht man gar nichts und das Wasser ist auch eher schaurig-düster. Dennoch eindrucksvoll. 20km radeln wir mit Claudio, ehe wir uns in Esmeralda aufspalten und selbst über die nette Uferstraße nach Puerto Varas radeln. Hier gibt es einen pausenlosen asphaltierten Radweg (!), auf dem wir mit Francis und Hans zwei sehr nette niederländische Radler treffen. Sie sind gerade per Fähre von Puerto Natales den patagonischen Gegenwinden und der Kälte entflohen und finden die 15°C bei Nieselregen paradiesisch. Für uns ist es eher eisig und eklig und wir fragen uns, ob Patagonien wirklich so eine gute Idee ist!?

Je näher wir Puerto Varas kommen, desto touristischer wird es wieder und dank europäischem Auswanderertum auch weihnachtlich. Im Supermarkt lässt ein Plastik-Santa mit Saxophon zu „Jingle Bells“ die Hüften kreisen und wir tanzen mit. Auch haben viele Fenster einen Stern, Kranz oder Kerzen hinter den Scheiben. Um den Lago LLanquihue ließ sich der Großteil der deutschen Auswanderer nieder und so verwundern uns die Schilder „Kuchen“ oder „Strudel“ an den Häusern nicht mehr. Die letzten Kilometer hängen wir uns dann an eine der zahlreichen Gruppen Rennradfahrer, die für ein verlängertes Wochenende aus Santiago hierhergekommen sind. Dass wir mit Tourenrädern und 30kg Gepäck im Windschatten mitfahren können und selbst am Berg mithalten können, lässt uns im Rückblick doch an einen gewissen Trainingserfolg über das letzte Jahr glauben.

Wo ist der Braunbär?

Wo ist der Braunbär?

Claudio und Laura

Claudio und Laura

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Hinter den Saltos

Hinter den Saltos

In Puerto Varas angekommen flüchten wir uns vor dem Regen in ein sehr schickes Café, dessen Preise auch in München Innenstadt stolz wären. Nach zwei Kaffeespezialitäten, einer Stunde Recherche zwecks Unterkunft und vielen Blicken wegen unseres Spandex-Looks im High-Society-Café treten wir aus der Tür in eine andere Welt. Wir hatten uns schon gefragt, warum plötzlich alle Eiskaffee statt heißer Schokolade bestellen. Die Sonne ist zurück und es ist angenehm warm. Wir rollen zu einem Hostel, an dem man für stattliche 12 Euro pro Person zelten darf und sind sehr froh über die erste Dusche seit Tagen. Die Stadt ist sehr touristisch. Zudem ist Wochenende und viele chilenische Ausflügler bevölkern Geschäfte, Plätze und Restaurants.

Im Supermarkt decken wir uns mit „5-Früchte-Müsli“, „Lebkuchenherzen“ und „Eierspätzle“ ein. Offenbar sind die Lieferketten nach Deutschland noch intakt. Im Club Alemán der Stadt kann man auch Schweinebraten essen und die Bomberos heißen hier „Freiwillige Feuerwehr“.

Casa Kuschel - so heißt es tatsächlich

Casa Kuschel – so heißt es tatsächlich

Schweinebraten, Baby!

Schweinebraten, Baby!

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hätte doch Chirurg werden sollen!

hätte doch Chirurg werden sollen!

Im Hostel gibt es eine gigantische Küche und einen netten Aufenthaltsraum mit Kamin – haben wir erwähnt, dass es Hochsommer ist?! Außerdem sind lustige Gestalten hier, nämlich zwei Brüder um die 70 aus den USA. Mit Rauschebart und Holzfällerhemd unterhalten sie mit ihren Stories das ganze Hostel. Der Ältere ist tatsächlich Holzfäller und erzählt die „als mich der Braunbär gebissen hat“ Geschichte. Der Jüngere ist Edelsteinschleifer und erzählt wie die Chinesen den internationalen Edelsteinmarkt übernahmen. Außerdem lernen wir Willi kennen – einen sehr netten Öko-Landwirt aus dem Ulmer Umland. Er gibt uns den Tipp, dass die Busse von Puerto Varas nach Patagonien deutlich billiger sind als auf der argentinischen Seite. Der Spaziergang zur Busstation bei strahlendem Sonnenschein zeigt uns dann, wie die Landschaft ist, wenn es hier Kaiserwetter hat. Unfassbar! Surfen vor Vulkankulisse…

Surfen? Really?

Surfen? Really?

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Patagonia at its best

Patagonia at its best

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wenn die Grafittijugend sich mit Regenschirmen beschäftigt muss das Thema wichtig sein!

wenn die Grafittijugend sich mit Regenschirmen beschäftigt muss das Thema wichtig sein!

An der Busstation erfahren wir dann, dass der Bus tatsächlich nur ca. ein Drittel des argentinischen Preises kostet, obwohl er ÜBER BARILOCHE fährt – also durch die gleiche Stadt, in der wir gefragt hatten. Außerdem fährt er noch nach deutlich weiter südlich. Der Verdacht, dass in Argentinien der Bustransport mafiös organisiert ist, verhärtet sich.

Wir hatten gefragt, ob uns der billige chilenische Bus vielleicht nach Beendigung der Tour in Bariloche aufsammeln könnte, aber darauf wollte sich die Buslinie nicht einlassen.  So entscheiden wir uns tatsächlich, die ursprünglich geplante 3-Wochentour im Seengebiet zu unterbrechen und vom südlichsten Punkt erst einmal nach Patagonien zu reisen. Allerdings ohne Räder, da wir dafür in den Wandergebieten sowieso keine Verwendung hätten. Sie bleiben im Hostel in Puerto Varas und wir sitzen (schon wieder!) in einem 30-Stundenbus nach Punta Arenas. Es ein schon ein wenig lächerlich wieder durch die traumhafte Seenlandschaft an Bariloche vorbei zu fahren und zum vierten Mal innerhalb von einer Woche einen Stempel in den Pass zu bekommen.

Die Fahrt führt zunächst über die Traumstraße 40, dann aber an der argentinischen Ostküste entlang. 20 Stunden durch das NICHTS: Steppenland, vereinzelt Schafe und Ölpumpen. Beim Aussteigen an der Wiedereinreise zu Chile pfeift uns ein Wind um die Ohren, der einen einfach nur umwirft. Beim Ausspucken der Zahnpasta, landet die an der drei Meter entfernten Hauswand. Willkommen in Patagonien!

Zur aktuellen Karte

Mehr Bilder vom Cruce de los Lagos (Argentinien)

Mehr Bilder vom Cruce de los Lagos (Chile)

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7 Gedanken zu “Heidiiiii, Heidiiiiiiiii – deutsche Spuren, braune Flecken

  1. Hallo ihr Lieben,

    der Alltag hat mich schon wieder ordentlich gepackt und so war eine Krankschreibung nötig, um die Zeit und Ruhe zu finden, Eure Reise seit Machu Picchu nachzuvollziehen. Sehr detaillierte und umfangreiche Berichte, sehr schön geschrieben – ein echtes Vergnügen!

    Gerade erlebt ihr das, was ich als Traum in Chile zurücklassen musste. Toll, dass ich auf diesem Wege daran teilhaben kann! Viel Spaß beim Wandern in Patagonien, das klingt einfach herrlich.

    Einen lieben Gruß auch von Helene,

    Julius

    • Hi lieber Julius und Helene! vielen Dank für Euer Interesse. Hoffe Du findest bald wieder die Zeit für die ein oder andere Radrunde. Sind gerade am überlegen, ob wir die gute Winterform nutzen sollen für den Ötztaler dieses Jahr, wärst Du dabei? Glg Toto und Laura

      • Hallo Ihr! Ich lese Euren Blog immer noch mit Begeisterung. Wirklich ein toller Abschluss für Euer Abenteuer.

        Zum Gäsbock werde ich wohl nicht antreten, dafür fehlt mir einfach die Kondition und Zeit zum Trainieren. Klingt aber genial…Hut ab, wenn Ihr den macht.

        Vielleicht sehen wir uns ja auch so mal wieder – habt Ihr schon ein Rückreisedatum?

        Schönen Gruß auch von Helene, Julius

  2. Lieber Toto, liebe Laura,
    falls Ihr da unten passables Internet findet, könnt Ihr Euch anhören, was Charles Darwin über seine Feuerland-Reise in den 1830er Jahren erzählt hat: http://vorleser.net/darwin_feuerland/hoerbuch.html
    Darwin hat dort übrigens wichtige Ideen zu seinem Origin of Species konzipiert: Ich nehme an, Ihr arbeitet in den hellen Polarnächten ebenfalls an einem Paradigmenwechsel.
    Euer Lapt

  3. Liebe Laura, lieber Toto,

    jetzt habt Ihr ja doch die Magellanstraße überquert!! Ich spüre hier schon den Wind um meine Ohren pfeifen ….. 😉

    Wieder einmal ein sehr schöner Beitrag mit tollen Fotos, hab ihn gerade mit großem Vergnügen gelesen!! Plant Ihr, jetzt noch weiter nach Süden zu fahren?

    Liebe Grüße aus dem dezemberlich grauen Regensburg, kein Schnee in Sicht! Laßt Euch umarmen von Eurer Tina/Mamt

    • Liebste Mamt,

      sind schon wieder nach Norden abgedreht und starten morgen von Puerto Natales aus einen 8-10-Tagestrek im Nationalpark Torres del Paine. Wenn alles klappt, sind wir für Heiligabend dann wieder hier in Puerto Natales – passend zum Namen!

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