Mendoza – Einblick in die argentinische Seele

Wieder in Luis Haus angekommen, genießen wir noch einen Tag das Leben der Faulpelze und die Gesellschaft der redseligen Argentinier und der internationalen Couchsurfing- und Radler-Gemeinde. Leider fahren Flu und Sam schon am nächsten Tag weiter per Bus nach Cafayate. Eigentlich wollen wir auch am nächsten Tag aufbrechen, aber brechen tue nur ich und zwar reichlich. Am Abend habe ich dann tatsächlich auch noch 40° C Fieber und so kommt es sehr gelegen, dass wir einen entspannten, schattigen Garten haben, in dem ich wieder zu Kräften kommen kann.

Außerdem müssen wir vor der Fahrt nach Mendoza noch an Pesos kommen. Abheben ist dämlich, da man dann nur den offiziellen – künstlich niedrigen – Kurs bekommt. Um unsere extra mitgebrachten Dollars in Pesos zu konvertieren hat man drei Möglichkeiten: a) Man geht in die Bank und tauscht offiziell, d.h. für 1 US-Dollar 8,5 Pesos. b) Man geht zu einer seriös wirkenden Casa de Cambio, wo man hinter vorgehaltener Hand 11 Pesos pro Dollar geboten bekommt, obwohl der offizielle Kurs an die Wand geschlagen ist. Oder c) man spricht einen der fliegenden Geldtauscher an, die sich wie am Straßenstrich im 5-Meter-Abstand von der Banco Nacional aus aufstellen. Dollar! Cambio! schreien sie schon, wenn sie unsere Flip-Flops nur aus 50 Meter Entfernung hören und geben sich auch keinerlei Mühe leiser zu schreien, als vier Polizisten vorbeischreiten. Der „Schwarzmarkt“ ist hier eben doch eher ein „Blaumarkt“ wie es hier heißt. Der Kurs bei den Händlern liegt derzeit irgendwo zwischen 11,5 und 13 Pesos pro Dollar – je nach Verhandlungsgeschick und Hartnäckigkeit. Tatsächlich kriegen wir morgens und vor dem Wochenende einen besseren Kurs, da es dann auch Privatleute gibt, die tauschen um an Dollars für den Wochenendtrip nach Chile kommen wollen und so den Kurs für uns verbessern.

Den Geheimtipp von unseren niederländischen Campingfreunden probieren wir natürlich auch aus. Sie hatten uns versichert, man brauche nur in jedem x-beliebigen Schmuckgeschäft oder Apotheke nach der nächsten Tauschmöglichkeit zu fragen und die Inhaber würden dann selbst tauschen, um an Dollar zu kommen. Wir probieren das insgesamt vier Mal und kriegen jedes Mal freundlichst den Weg zu den fliegenden Händlern gewiesen: drei Blöcke links, dann rechts an der Bäckerei wieder links, ach ich zeig es Euch… Nein!!! Vielen Dank! Aber eigentlich wollten wir … Augenzwinker… naja, klappt eben nicht. So nehmen wir uns vor, anderen Touristen den Tipp etwas abgewandelt zu stecken, an jedem x-beliebigen Hotdog-Stand nach einem „rosa Elephanten“ zu fragen und sich dabei hektisch am linken Ohrläppchen zu kratzen – und schwupps! holt der Wurstbudenbesitzer den Dollarstapel raus…

Am Abfahrtstag verabschieden uns von Luis und wir organisieren uns Tickets für die Fahrt nach Mendoza, die zum „Aktionspreis“ von schlappen 55 Dollar für ca. 1200 Kilometer zu haben sind. In allen anderen Ländern haben wir bisher ca. 1-2 US-Dollar pro 100 Kilometer bezahlt – außerdem sollen wir 23 Dollar zusätzlich für die Räder bezahlen… puh! Am Nachmittag hatte uns der Typ noch versichert, sie würden es heute Abend möglich machen, sie im gleichen Bus mitzunehmen, aber am Abend weiß davon niemand mehr etwas. Nein nein nein, die fahren mit dem LKW und kommen 3-4 Tage später an. Aha! So müssen wir dann auch noch darum betteln, dass die Herren einen Versuch unternehmen, sie in unserem Bus zu verstauen… Zudem müssen wir sie mit Hilfe eines unfreundlichen „Maleteros“ (Gepäckjungen) mit Pappkartons und Klebeband verschnüren. Als das Band aus ist, befiehlt er mir knapp zwei neue Rollen zu kaufen und am Ende mault er: PROPINA! Trinkgeld! Als ich im dann ca. 1 Euro gebe für 10 Minuten Arbeit, entlässt er uns mit einem „Hijo de puta!“. Alles klar. So freundlich die Argentinier bisher waren, so unverschämt und abzockend ist die gesamte Buswirtschaft. Schlussendlich passen die Räder problemlos und es wäre viel besser ohne Karton gewesen, aber was soll’s. Nur ärgerlich, dass es in der gesamten Reise jetzt am Ende so schwierig wird mit den Rädern.

Die Fahrt selbst ist dann ziemlich angenehm, da es 1200 Kilometer an den Andenhängen entlang schnurgeradeaus geht und alles asphaltiert ist. Draußen ziehen endlose Buschlandschaft und Sandwüste an uns vorbei. Strommasten und das ein oder andere Vieh sind die einzige Abwechslung. Die argentinische Pampa wird hier begreiflich und schläfert uns langsam aber sicher ein. So kommen wir zu ein paar Stunden Schlaf. Beim Ausladen dann der nächste Witz. Die Räder müssen erst ins Cargo-Zentrum zwei Blocks weiter. Wir dürfen UNSERE Räder nicht in Empfang nehmen, sondern bleiben mit 10 Radtaschen am Busbahnhof sitzen. Also muss ich los, die Räder aus der Geiselhaft lösen und von der sinnlosen Pappe befreien, bis wir endlich wieder aufgesattelt, unabhängig und FREI weiterradeln können.

Unser erster Eindruck von Mendoza ist umwerfend. Jede (!) Straße ist von weiten Baumkronen überdacht, die durch offene Gräben links und rechts bewässert werden. So ist es trotz der Wüstenlage und Sonne angenehm kühl. Viele nette Bars, Cafés, Wein-Boutiquen, Delikatessen-Geschäfte und Plätze laden zum Verweilen, Geldausgeben und Genießen ein.

Zentralplatz

Zentralplatz

Lauri – eine Couchsurferin – hatte uns last minute akzeptiert und uns ihre Adresse hinterlassen. Sie selbst muss arbeiten, aber ihre nette Freundin Eva serviert uns reife Kirschen, köstliche Oliven und frische Empanadas – was für ein Empfang! Wir plaudern eine Weile, duschen uns und wollen eigentlich nach der langen Busfahrt nur noch ins Bett, aber Lauri hat als sie nach Hause kommt andere Pläne. Sie lädt uns spontan in ihr independent Hipster-Theater ein und natürlich gehen wir mit. Wann es los geht? Um zehn, aber Lauri muss ab neun die Kasse machen. Dass wir dann erst um halb zehn das Taxi nehmen zählt wohl unter argentinische Stunde(n). Die Vorstellung findet in einem heruntergekommenen Hinterhof statt, der liebevoll in ein Szenetheater umgewandelt worden ist und beginnt dann eher um halb zwölf. Egal, so haben wir Gelegenheit Lauris Freunde aus dem Theater kennenzulernen, die alle fürchterlich nett sind und so schlägt unsere Müdigkeit in Freude über die angenehme Unterhaltung um. Vom Stück selbst verstehen wir dann eher wenig und als danach darüber diskutiert wird, wie hervorragend der Protagonist diesen oder jenen Charakterzug ausgespielt habe, beschränken wir uns auf höfliches Nicken. Oder Nippen. Denn es gibt köstliches hausgebrautes Bier und Rotwein – in Mendoza ist Kellerei/Brauwesen wegen des weinerlichen Umlands ein beliebter Studiengang. Schließlich ist es fast drei Uhr morgens und wir sind heilfroh endlich auf der Couch zu surfen.

Wir schlafen himmlisch, denn die Wohnung liegt in eine der ruhigen Wohnviertel von Mendoza. Überhaupt gibt es nirgends auch nur einen Anflug von Hektik in dieser Stadt. Keiner hupt, drängelt oder rast. Sehr mitteleuropäisch ist der Flair. Dazu passt, dass wir am Vormittag mit Lauri durch den Parque San Martín schlendern – eine gigantische Grünanlage im Stadtzentrum. Wasserflächen mit Tretbooten, Tennisclubs, Hundehalter, Inlineskater, ein Rosarium und schicke Lokale wirken fast schon zu schön und ein wenig dekadent. Auch der immense Brunnen der fünf Kontinente und die schmiedeeisernen Tore zum Park erinnern uns sehr an zu Hause.

Laura und Lauri

Laura und Lauri

endlich jemand der uns fotographiert! ;-)

endlich jemand der uns fotographiert! 😉

mei is des schee

mei is des schee

Am Nachmittag gönnen wir Lauri ein wenig Ruhe von uns und erkunden selbst ausgiebig das Zentrum von Mendoza. Fünf Plätze sind wie auf dem Würfel angeordnet und bringen in die sowieso schon üppig grüne Stadt noch mehr Bäume und Wasser. Auf dem größten gibt es einen wunderschönen Kunsthandwerkermarkt, der an den Lucrezia-Weihnachtsmarkt in Regensburg erinnert. Eine lange Fußgängerzone mit schicken Läden ist trotz Feiertag eindrucksvoll – besonders der Polosportbedarf mit Poloschlägern, feinsten Sätteln und Gaucho-Reitmontur!

Abends bereiten wir einen kleinen Salat, denn Lauri ist damit beschäftigt sich von ihrer Tante ein Abendkleid zu besorgen und trifft etwas im Stress zu Hause ein. Sie muss abends auf eine Hochzeit und ihr Date trifft wenig später ein, um mit ihr zur Hochzeit tanzen zu gehen. Sie verlassen das Haus um elf Uhr abends! Das wäre in Deutschland wohl etwas unhöflich um halb zwölf erst zu erscheinen … Lauri empfiehlt uns noch das kostenlose Konzert im Park, aber wir sind heilfroh, wenigstens einmal vor Mitternacht ins Bett zu kommen.

Am Sonntag lernen wir einen Urbestandteil der argentinischen Kultur kennen – das Barbecue! oder Parilla wie es hier heißt. Lauris Papa Carlos hat ein halbes Schwein, ein Viertel Rind und reichlich Würste gekauft – für acht Leute! Gekonnt entfacht er ein frisches Holzfeuer und schürt die Kohle zu einem Grilldorado. Dazu gibt es Salat, Kartoffeln mit Käse & Speck und die traditionelle Sauce „Chimichurri“ aus Oregano, Chili, Knoblauch Öl und Essig. Mir wird die Ehre zuteil als erster mit den Männern am Grill das Stück „Punta de Espalda“ zu kosten und ich falle fast rückwärts um. So zartes, aromatisches Fleisch habe ich wirklich noch nie gegessen. Es zerfliegt auf der Zunge in einer Geschmacksexplosion – gleich knusprig wie saftig. Wow!

Egal, es ist unfassbar lecker!

So unfassbar lecker!

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Punta de Espalda

Punta de Espalda

Mhm... gefüllte Kartoffeln!

Mhm… gefüllte Kartoffeln!

Das Ganze findet statt auf einem Sportplatz außerhalb Mendozas, auf den ca. 2000 – 3000 (!) Argentinier gekommen sind, um in Gruppen von 10 – 100 Leuten dieser Sonntagstradition zu frönen. Die Männer stehen mit Bier am Grill (Gesprächsthema Fußball, v.a. Boca vs. River), die Frauen lassen sich am Tisch begrillen (Gesprächsthemen variabler), die Jugendlichen kicken selbst auf der Wiese daneben (keine Gespräche). Die Pools sind noch nicht offen, sonst wäre wohl auch noch Badespaß Teil der Tradition. Wir sind begeistert und froh, durch Lauri und Couchsurfing so einen tollen Einblick in die lokale Lebensweise zu kriegen.

Mit vollem Bauch geht es weiter im Programm. León hat Geburtstag und wird zwei! Er ist Lauris kleiner Cousin und wir erwarten fünf Kinder mit Lätzchen und besorgte Muttis. Aber als wir klingeln hören wir bereits gedämpfte Bässe aus der Garage und es öffnet uns Lauris sturzbetrunkener 25-jähriger Cousin und empfängt uns frenetisch. Was folgt ist ein Bussi-Marathon von ca. 50 Erwachsenen, die alle mehr oder minder zu tief ins Glas geschaut haben und sich über unseren Besuch sichtlich freuen. Sofort werden wir von Tanten und Omis mit Champagner, Sahnetorte und Schnaps versorgt. Bob Marley wummert aus 1×1 Meter großen Boxen: León und 80-jährige Oma wippen im gleichen Takt dazu. León steht dabei auf der Tischtennisplatte, die gleichzeitig von vier Jugendlichen bespielt wird. Wir haben permanent ein Grinsen im Gesicht so absurd und schön ist diese Geburtstagsfeier.

Schließlich beschließt Lauri uns mit der jüngeren Generation bekannt zu machen und erklärt ihren Tante und ihrer Mama kurzerhand, dass sie zu langweilig für uns seien. Alle sind fürchterlich nett. Ein Beispiel? Mir tropft ein wenig Fett von der nächsten Chorizo-Semmel auf den Finger und bevor ich auch nur schief nach unten schiele, drückt mir ein 18-jähriger Cousin eine Serviette in die Hand. In einem Alter als ich noch damit beschäftigt war, möglichst cool zu sein, ist man hier möglichst freundlich – die argentinische Seele begeistert uns! Am Ende der Nacht ist es ein Uhr, León weigert sich aber immer noch ins Bett zu gehen – es ist schließlich seine Feier, auch wenn er erst zwei geworden ist.

Am Montag können wir untertags etwas entspannen – Lauri muss arbeiten! Abends geht es aber weiter im Verwöhnprogramm – ihre Freunde aus einer anderen Theatergruppe kommen. Wir kochen Chili con carne und freuen uns über neue, interessante und natürlich fürchterlich nette Menschen! Bei Rotwein, Mojito und Witzen über und mit uns wird es spät. Wer in Argentinien heimisch werden will, muss gesellig sein und lang aufbleiben können – dafür kriegt man eine Siesta von ca. drei Stunden.

mit Lauris Theaterfreunden

mit Lauris Theaterfreunden

Am Dienstag tuckern wir mit der Stadtbahn hinaus ins Maipú-Valley. Beim Einsteigen treffen wir den argentinischen Zugbegleiter, der im Herzen ein Deutscher ist und unsere Räder auf den Millimeter korrekt positioniert und die anderen Leute daran hindert aus derselben Tür auszusteigen – der Sicherheit wegen, wie er mehrfach betont. In Maipú wachsen die edelsten Trauben Argentiniens und die teuersten Bodegas keltern hier ihre Schätze. Da wir in Cafayate schon die Weinherstellung kennengelernt haben, konzentrieren wir uns eine andere Spezialität der Gegend. Es wachsen von endlosen schwarzen Schläuchen wie auf einer Intensivstation versorgt hier in der Sandwüste nämlich auch Olivenbäume vor den 6000er-Nevados. Auf unserer Radfahrt durch die Haine und Weinfelder fliegt uns sogar eine Tageule über die Lenkstange.

Schuhuu...

Schuhuu…

Bei der Olivenölfabrik LAUR kriegen wir eine Privatführung von einer sehr netten und engagierten Señorita. Auf die Gefahr hin uns zu blamieren, aber wir wussten tatsächlich nicht, dass grüne und schwarze Oliven vom gleichen Baum stammen und die Farbe nur vom Erntezeitpunkt abhängt. Außerdem erfahren wir, dass die Kerne mitgemahlen werden, ein Baum ab dem zehnten Lebensjahr beginnend maximal ca. 200kg Oliven liefert und in Herzform geschnitten werden sollte, damit das Licht die Olivenausbildung begünstigt. Im Jahr 1906 gründete der Franzose Monsieur Laur die Fabrik und brachte die Idee, die Technologie und die Pflanzen hierher nach Argentinien. Inzwischen hat der Besitz gewechselt und ist in argentinischer Hand.

Seit einigen Jahren wird hier auch Aceto Balsamico hergestellt. Dazu gibt es zwei Methoden: Die neuere Technologie mittels Holzchips und Zuckerzusatz ermöglicht es innerhalb von drei Monaten den Essig zu erhalten. Die traditionelle Herstellung bedarf jedoch sagenhafter 15 Jahre und jährlichem Zugießen von neuem Most! Diese klassische Methode wird hier seit dem Jahre 2010 erstmals angewandt – man darf also gespannt sein, wenn im Jahr 2025 das erste Fass geöffnet wird! Die anschließende Verköstigung der verschiedenen Öle mit getrockneten Tomaten, Olivenpasten und frischen Oliven ist großzügig und ein köstlicher Abschluss!

Wein vor den Anden

Wein vor den Anden

historische Olivenpressen

historische Olivenpressen

der krönende Abschluss

der krönende Abschluss

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Fabrik LAUR

Fabrik LAUR

Am Nachmittag trinken wir ein letztes Mal mit Lauri Kaffee und es fällt uns wirklich schwer, ihre Gastfreundschaft zu verlassen – ihren Vorschlag doch noch zwei Wochen länger bis zu ihrem Geburtstag zu bleiben können wir aber doch nicht annehmen. Ihr Motto bei Couchsurfing ist: Klein das Haus, groß das Herz. Und das war hier Programm ab der ersten bis zur letzten Minute. Für Begegnungen wie diese und eine neugewonnene Freundschaft sind wir einfach nur dankbar. Und was für eine geniale Erfindung dieses Couchsurfing und der „sharing spirit“ sind. Wie hätten wir sonst in so kurzer Zeit so einen authentischen, fröhlichen und freundlichen Einblick in das Leben der Menschen hier gewinnen sollen?! Und wer weiß, vielleicht hätten wir sonst nie auf einem Geburtstag eines 2-Jährigen eine Oma zu Bob Marley tanzen sehen?

Abends wollen wir weiter mit dem Bus nach Bariloche, aber dieses Mal drehen wir den Spieß um. Wir kaufen sicher kein Ticket mehr, bevor nicht klar ist ob und wie unsere Räder mitkommen. Es gibt leider nur drei Direktbusse nach Bariloche, von denen alle drei aber die Mitnahme der Räder heute Abend ausschließen. Erneut heißt es: per LKW drei Tage später und zwar für 50 Euro extra! Die Firma CATA ist wenigstens fürchterlich nett und bemüht und verspricht uns „zu gucken“, ob vielleicht doch noch etwas Platz ist. So stehen wir dann pünktlich um sechs am Bussteig. Wir tapen in Eile noch pro Forma etwas Pappe links und rechts an den Rahmen als Tarnung falls jemand darauf bestehen sollte. Mitleidig beäugt uns ein Maletero aus der Ferne, der sich bald als zuständig herausstellt als der Bus einrollt.

Den Fahrer trifft beim Anblick der Räder der totale Schlag und er brüllt erst einmal eine Viertelstunde über den Busbahnhof im unflätigsten Argentinien-Slang. Zugegebenermaßen ist der Stauraum schon SEHR voll und es ist noch keine einzige Tasche der Reisenden eingeladen. Geduldig warten wir, bis die Gäste fertig sind und tatsächlich es bleiben noch … ein paar … Kubikzentimeter. Der Fahrer schreit: passt niemals! Aber der Maletero, der wohl auf die Kommission spekuliert, gibt sich wirklich Mühe und am Ende steht zumindest Lauras Rad im Laderaum. Bleibt nur noch mein Riesenrad. Per LKW!, ruft der Fahrer. Ich kann ihn schließlich davon überzeugen das Vorderrad abzutrennen und die sinnlose Pappe abzureißen und irgendwie quetschen wir es in den Bus. Tatsächlich passt jetzt nicht mal mehr ein Fußball in den Stauraum. Was für ein Glück, dass im Bus nur ca. zehn (!) Leute sitzen für diese lange Fahrt, sonst wäre das nie was geworden.

Durch die ganze Aktion sind wir schon zehn Minuten nach Abfahrtszeit. Aber wir haben ja immer noch keine Tickets. Der Fahrer fragt mich: wo ist denn Deine Freundin jetzt?!?! Und verdreht nur genervt die Augen als ich ihm erzähle, die kauft gerade Tickets. Da fällt mir siedend heiß ein, dass im Geldbeutel wahrscheinlich nicht genug Geld ist. Laura sprintet kurz darauf mit hochrotem Kopf an – freudestrahlend mit zwei Tickets. Es war tatsächlich bis auf den allerletzten Peso mit Rabatt genug Geld aufzutreiben. Puh…! Was für ein Stress, aber diesmal wenigstens nicht das Gefühl total ausgeliefert zu sein.

Wir entspannen uns erst als der Bus sich langsam in Bewegung setzt, uns zum Abendessen Rotwein (!) gereicht wird und der Film beginnt… Die Fahrt führt wieder durch endlose Pampa bis sich langsam die Steppe in mildere Gefilde verwandelt und plötzlich vor uns der erste tiefblaue See aufblitzt. Was für ein Anblick! Hinter den weiteren Seen entwickeln sich dann weißbeschneite Gipfel und es kommen dunkelgrüner Tannenwald und Blumenwiesen dazu. Es beginnt die Seenrunde und es fühlt sich an als wären wir der Heimat ein gigantisches Stück näher gekommen.

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