Vom Winde verweht – über den Paso Jama nach Argentinien

Von Mitternacht bis drei Uhr morgens erklärt uns die Frau des Astronomen Alain Maury Gestirne, Himmelsbewegungen, Formationen und Unterschiede zum Himmelszelt in Europa. 7km außerhalb von San Pedro ist der Himmel so klar wie fast nirgends auf der Welt, aber der Mond ist noch ziemlich voll und leuchtet dementsprechend zu hell, um die schwächst leuchtenden der 6000 mit bloßem Auge sichtbaren Sterne noch zu erspähen. Durch Teleskope kann man aber Sternenhaufen, blaue und rote Sterne, Mondkrater, Gaswolken und den „Tarantula Nebel“ in einer der Magellanschen Wolke wunderbar erkennen. Bei der warmen Schokolade hinterher ratzen wir aber bei den weiteren Erklärungen relativ schnell weg.

Der Mann im Monde möchte nicht erkannt werden

Der Mann im Monde möchte nicht erkannt werden

Dementsprechend ist die Sternennacht von San Pedro noch in unseren Köpfen als wir uns um sieben Uhr morgens aus dem Zelt quälen. Ziel ist es früh am Abzweig zum Paso Jama zu stehen, um die ersten 2000 Höhenmeter (ca. 35 Kilometer) per Anhalter zurückzulegen, da wir die Strecke ja schon von der rasenden Abfahrt aus Bolivien kennen. Kaum erreichen wir den Zoll steht auch schon ein Minibus dort, da sich hier die Bustouristen auf dem Weg nach Bolivien die Ausreisestempel holen und verlädt nach kurzen Verhandlungen unsere Räder und Gepäck, um uns in nicht mal einer Stunde am bekannten Abzweig nach Bolivien abzusetzen. Dann kann es also losgehen…?! Nein, denn Laura hat – wohl auf Grund der Übermüdung – ihre Lenkertasche samt Kreditkarten, E-Book-Reader und Handy im Minibus liegen lassen! Was für ein Glück, dass es nur ein Zubringer zur Grenze war und kein Jeep, der direkt nach Uyuni weiterrast… So trampt sie kurzerhand mit einem Schwefelsäure-LKW der Minen in der Gegend bis zur Grenze hinterher, um unter den Augen des verdutzten Fahrers und der inzwischen 40 neuen Touristen aus der Gegenrichtung, ihre Tasche unter den Sitzen hervorzuziehen.

Und schon geht es schließlich mit einer Stunde Verspätung los in Richtung Argentinien. Bald bereuen wir aber, dass wir uns nur zum „Kilometer 36“ haben fahren lassen und nicht noch weiter hoch, denn die Strecke ist eher fad (Schotterwüste links und rechts). Wenigstens stimmt der Wind und pustet uns über die hügelige Strecke, die nun auf ca. 4500 Metern durch die Gegend unduliert. Nach einiger Zeit erreichen wir eine halbwegs hübsche Lagune, aus der sich ein tiefblauer Bach durch ein trockenes Tal schlängelt. Dann geht es noch einmal ordentlich bergauf bis zum höchsten Punkt der Strecke auf 4850 Höhenmetern. Hier sagen wir vorerst goodbye zum Höhentraining, denn in den nächsten Wochen wird es eher durch argentinisches Flachland gehen.

erste Lagune auf dem Weg - eher mau

erste Lagune auf dem Weg – eher mau

Wir wussten, dass er wehtun kann... aber sterben???

Wir wussten, dass er wehtun kann… aber sterben???

Vom Gipfel zieht sich eine lange schnurgerade Abfahrt nach unten. Links der Strecke ragen Felsformationen aus der Wüste, die uns ans Monument Valley erinnern. Der Wind wird immer stärker und ist nun am frühen Nachmittag dermaßen gewalttätig, dass wir uns nicht mehr unterhalten können, obwohl direkt nebeneinander vorangeblasen werden. Wir rasten hinter einer Aussichtsplattform bei „km110“, die in einer windgeschützten Ecke genug Raum für unser Zelt bietet. So überlegen wir: Weiterfahren und das Risiko eingehen, dass kein Windschutz mehr kommt oder hier bleiben. Wir beschließen es hier zu versuchen und das war wohl die falsche Wahl…

Noch beim Aufbauen des Zeltes weht es plötzlich unsere Isomatten für Essenspausen davon. Laura jagt hinter der einen her, ich hinter der anderen. Laura hat mehr Glück und kann mit einem gekonnten Rugbytackle die Matte unter ihre Kontrolle bringen. Nach 500 Metern Usain Bolt Sprint beschließe ich, dass meine Matte verloren ist, denn sie fliegt immer weiter von mir weg und wird wohl in Zukunft den Flamingos der Lagune als Surfbrett dienen. So klopfen wir hastig unser Zelt fest und verkriechen uns sofort darin, denn trotz praller Sonne ist es wegen des Sturmes empfindlich kalt. Innen angekommen, hält sich unsere Entspannung aber in Grenzen, denn die Zelthülle knattert wie ein Segel bei Sturmflut und die Stangen biegen sich bis auf Kopfhöhe hinunter. Wir sichern alle Taschen aneinander, verstopfen unsere Ohren mit Oropax und legen uns „schlafen“. Um zehn Uhr abends legt sich der Wind dann endlich und wir kriegen tatsächlich etwas Erholung. Puh…!

Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt kriechen, stellen wir erschreckt fest, dass der Wind so stark war, dass er unser Zelt an einigen Stellen durchgewetzt hat, da wir Steine zur Sicherung auf die Leinen gelegt hatten. Gott sei Dank sind die Stellen weit unten, so dass es nicht das komplette Ende unseres „mobile home“ bedeutet, aber das werden wir wohl in Salta flicken müssen…

Ihr meint, wir übertreiben mit der Windbeschreibung?

Ihr meint, wir übertreiben mit der Windbeschreibung?

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morgendliche Schadens- und Aussichtsbilanz

morgendliche Schadens- und Aussichtsbilanz

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Valle del Monumento?

Valle del Monumento?

Die ersten drei Stunden nach Sonnenaufgang sind die schönsten, denn da scheint die Morgensonne und es regt sich noch kein Lüftchen. So rollen wir entspannt auf die argentinische Grenze zu, die wir nach hübscherer Felslandschaft gegen Mittag mit aufkommendem Rückenwind erreichen. Schon ist die argentinische Flagge da und wir kriegen einen Schreck: hätten wir doch in San Pedro den Ausreisestempel beantragen müssen?! Doch Argentinier und Chilenen teilen sich hier ein Grenzhäuschen auf der argentinischen Seite – eigentlich eine sehr nette Idee. Hier sind auch die Röntgenkontrollen gegen Obstschädlinge untergebracht, der wir dadurch entkommen, dass der zuständige Polizist gerade Siesta hält als wir ankommen.

Nach der Grenze dreht die Straße nach Süden ab und wir kriegen jetzt die volle Macht des Gegenwinds zu spüren. Fünfzig Kilometer kämpfen wir uns Meter für Meter voran. Die Muskeln brennen und wir versuchen uns gegeneinander im Windschatten zu halten. Dann dreht die Straße wieder fast um 180° und wir lassen uns bergab mit ca. 50 km/h durch eine nicht enden wollende Ebene pusten über einen weiteren kleinen Salar. Mitten im Nirgendwo stranden wir an einem verlassenen Haus und spannen das lädierte Zelt im windgeschützten Inneren auf – definitiv tausend Mal besser als gestern!

Wir schlafen so gut wie nie und trampeln nach Susques weiter. Das erste kleine Dorf hinter der Grenze bietet die erste Gelegenheit die argentinischen Geschäfte und das Preisniveau kennenzulernen. Im Vorhinein hatten uns alle vom „Wechselparadies“ Argentinien vorgeschwärmt. Auf Grund der miserablen wirtschaftlichen Situation des Landes wollen alle Argentinier an US-Dollar kommen, deren Besitz aber offiziell für sie verboten ist und nur zum vollkommen untertriebenen Kurs von 8,5 Pesos für 1 US-Dollar offiziell getauscht werden können. Uns hatten alle Kurse von ca. 15 Pesos / 1 US-Dollar angekündigt, was dementsprechend die Lebenshaltungskosten fast halbieren würde! Wir sind dann etwas überrascht als wir für unsere Dollar nur ca. 13 Pesos bekommen, schieben das aber auf die Provinz und das Monopol der Wechselstube im Ort. Außerdem erklärt man uns, dass der gute Kurs nur für 100-Dollarscheine gilt – für 20-Dollarscheine kriegt man glatt mal 10% weniger … was ist das denn??!

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leider der Blick zurück

leider der Blick zurück

hier sehr scheue Vicunas

hier sehr scheue Vicunas

Petroleo gab es, aber wohl kein Agua

Petroleo gab es, aber wohl kein Agua

Abfahrt nach Susques

Abfahrt nach Susques

instagrammin' in Susques

instagrammin‘ in Susques

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deine piksigen Freunde

deine piksigen Freunde

Die nächste Ernüchterung dann im Lebensmittelgeschäft. Von Bolivien und Peru verwöhnt, runzeln wir die Nase, als wir für selbstbelegte Brote mehr bezahlen als ein ganzes Menü in den nördlichen Nachbarländern kostet – wir waren wohl nicht lange genug in Chile, um uns über das dann doch etwas billigere Preisniveau zu freuen.

Vor und hinter Susques ist die Landschaft traumhaft. Erstaunlich steil geht es auf und ab durch Felslandschaften, die immer rötlicher gefärbt sind. Dann rollen wir plötzlich durch einen Canyon, dessen steile Wände Kandelaberkakteen säumen und wir fühlen uns direkt in einen Wild-West-Streifen versetzt. Würden hinter der nächsten Kurve Pritschenwagen und Ganoven auf Gaulen auftauchen, wären wir wohl wenig verwundert.

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Stattdessen taucht nur sehr langsam der Salar „Salinas Grandes“ aus dem flimmernden Streifen am Horizont auf, denn es versucht uns mal wieder eine steife Brise zurück über den Andenkamm zu blasen. Vorbei an Lamas, angeblichen wilden Eseln und der ein oder anderen Landwirtschaft geht es 40km geradeaus durch die Steppe. An einem heruntergekommenen Lehmhaus halte ich an und frage den Señor nach Wasser. Die Augen trübe von Alkohol und Coca guckt der gerade seiner Frau beim Waschen zu und trottet nach meiner Frage zu einem Loch im Boden. An einer rostigen Kette lässt er einen Eimer drei Meter in die Tiefe und holt eine etwas trübe Brühe nach oben. Ob man das trinken könne?, wage ich zu fragen. Er habe das sein ganzes Leben getrunken!, entgegnet der Herr pikiert… gut abgekocht mundet das Wasser als Suppe am Abend tatsächlich.

Vollkommen erschöpft rasten wir an einer Salzabbaustätte mitten auf dem Salar. Zwei große Kekspackungen später haben wir aber immer noch keine Kraft in den Beinen, um gegen den abendlichen Orkan anzutreten. Wir versuchen es tatsächlich noch einmal, aber kommen kaum mehr als 2 km/h voran. So bleiben wir einfach im „Comedor“ (Kantine) der Salinen und schlagen unser Zelt halbwegs geschützt trotz löchriger Decke auf dem Salzboden auf.

im Morgenlicht des Salars

im Morgenlicht des Salars

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auch sehr dreckig

auch sehr dreckig

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hier drin war es geschützt

hier drin war es geschützt

Zum Abschluss der Andenüberquerung geht es dann noch einmal auf 4200 Metern. In der Gewissheit zum letzten Mal für lange Zeit die magische 4000er Marke zu reißen, versuchen wir trotz Wind die Blicke über das trockene Wildwest-Land und die Schneeberge im Süden zu genießen.  Vom Pass führt eine unfassbar steile und kurvige Straße in Serpentinen ins knochentrockene Tal von Purmamarca. Die Felsformationen hier sind atemberaubend. Immer neue Nuancen, bizarre Strukturen und neuerdings Bäume (!) im Flussbett verschaffen uns sagenhafte Blicke. Das Problem ist nur: trotz 10% Gefälle rollt unser Rad nicht so richtig und der Gegenwind rumort uns derart in den Ohren, dass ich liebend gerne mein Rad auf einen Pick-Up geschmissen hätte, um hier nicht knapp 2000 (!) Höhenmeter hinabfahren zu müssen…

Wie erleichtert sind wir, als wir endlich in Purmamarca ankommen. Der Ort besteht eigentlich nur aus dem Touristenmarkt im Zentrum, Hostels und Restaurants und hat kaum noch vom ursprünglichen Charme der Lehmhäuser erhalten. Dennoch ist die Umgebung traumhaft mit felsigen Farbpaletten von ocker, leuchtend rot, beige und sogar giftgrün. Ein kleiner Rundweg führt durch die schönste Stelle des Tals und vom Felsen gegenüber genießen wir im Morgenlicht den Wechsel der Farben und Schattierungen.

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morgendliches Lichterspiel

morgendliches Lichterspiel

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unfassbare Abfahrt nach Purmamarca

unfassbare Abfahrt nach Purmamarca

letzter Pass vor Purmamarca

letzter Pass vor Purmamarca

Dann geht es in die falsche Richtung, denn um das UNESCO-ausgezeichnete Tal von Humahuaca kennenzulernen, radeln wir wieder nach Norden. Die Strecke ist enttäuschend. Wir fahren durch eine riesige Schotter-Geröll-Landschaft, die nur an wenigsten Stellen die farbigen Formationen bietet. In Tilcara – einem weiteren touristisch degenerierten unappetitlichen Dorf – lassen wir uns wenigstens einen riesigen Becher Eis zum Mittagsessen schmecken, denn endlich ist es heiß! Wir sind nur noch auf ca. 2500 Metern und die Sonne knallt erbarmungslos auf das trockene Land. So quälen wir uns endlose Kilometer bis nach Humahuaca durch immer noch trostlose Strecke mit fürchterlich lautem, zu nahe kommendem und schnellem Verkehr.

Humahuaca ist dann tatsächlich mit Abstand der netteste Ort des Tals und wir freuen uns über die süßeste Hostel-Mutti der Reise und eine herrliche Dusche! Die Kuriosität des Ortes: Im alten Rathaus befindet sich eine Stahltür, die sich immer um 12 Uhr Mittag öffnet und der heilige St. Roboter segnet die Menge. Auch wir suchen die Zeremonie nach mehrfacher Aufforderung unserer Hosteldame auf. Anscheinend ist es das Event der Gegend, denn es sind Busladungen von Einheimischen hier, die auf die Segnung warten. Punkt zwölf läuten die Glocken, dann erklingt eine pathetische Version des „Ave Maria“ von der Kirche gegenüber und es schwingen die Stahltüren auf. Ein Raunen und Fotoklicken geht durch die Menge. Mit Rosenkranz und frommen Blicken hängt die Menge an den Bewegungen der Heiligenpuppe unterlegt von St.-Martin-In-The-Fields, unterbrochen von Lauras blasphemischen Gelächter. Puh! Das ist zuviel und wir sind froh, als kurze Zeit später unser Bus nach Salta abfährt, denn auf der Ruta Nacional 9 machen wir sicher keinen Radkilometer mehr!

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Humahuaca

Humahuaca

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dörfliche Atmosphäre

dörfliche Atmosphäre

oh .... die Spannung steigt

oh …. die Spannung steigt

Der fromme Pilger

Der fromme Pilger

erwartet die Segnung und den facebook-like

erwartet die Segnung und den facebook-like

und ciao!

und ciao!

Zur aktuellen Karte

Mehr Bilder vom Paso Jama

… und der Quebrada Humahuaca nördlich von Salta

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