Vom Winde verweht – über den Paso Jama nach Argentinien

Von Mitternacht bis drei Uhr morgens erklärt uns die Frau des Astronomen Alain Maury Gestirne, Himmelsbewegungen, Formationen und Unterschiede zum Himmelszelt in Europa. 7km außerhalb von San Pedro ist der Himmel so klar wie fast nirgends auf der Welt, aber der Mond ist noch ziemlich voll und leuchtet dementsprechend zu hell, um die schwächst leuchtenden der 6000 mit bloßem Auge sichtbaren Sterne noch zu erspähen. Durch Teleskope kann man aber Sternenhaufen, blaue und rote Sterne, Mondkrater, Gaswolken und den „Tarantula Nebel“ in einer der Magellanschen Wolke wunderbar erkennen. Bei der warmen Schokolade hinterher ratzen wir aber bei den weiteren Erklärungen relativ schnell weg.

Der Mann im Monde möchte nicht erkannt werden

Der Mann im Monde möchte nicht erkannt werden

Dementsprechend ist die Sternennacht von San Pedro noch in unseren Köpfen als wir uns um sieben Uhr morgens aus dem Zelt quälen. Ziel ist es früh am Abzweig zum Paso Jama zu stehen, um die ersten 2000 Höhenmeter (ca. 35 Kilometer) per Anhalter zurückzulegen, da wir die Strecke ja schon von der rasenden Abfahrt aus Bolivien kennen. Kaum erreichen wir den Zoll steht auch schon ein Minibus dort, da sich hier die Bustouristen auf dem Weg nach Bolivien die Ausreisestempel holen und verlädt nach kurzen Verhandlungen unsere Räder und Gepäck, um uns in nicht mal einer Stunde am bekannten Abzweig nach Bolivien abzusetzen. Dann kann es also losgehen…?! Nein, denn Laura hat – wohl auf Grund der Übermüdung – ihre Lenkertasche samt Kreditkarten, E-Book-Reader und Handy im Minibus liegen lassen! Was für ein Glück, dass es nur ein Zubringer zur Grenze war und kein Jeep, der direkt nach Uyuni weiterrast… So trampt sie kurzerhand mit einem Schwefelsäure-LKW der Minen in der Gegend bis zur Grenze hinterher, um unter den Augen des verdutzten Fahrers und der inzwischen 40 neuen Touristen aus der Gegenrichtung, ihre Tasche unter den Sitzen hervorzuziehen.

Und schon geht es schließlich mit einer Stunde Verspätung los in Richtung Argentinien. Bald bereuen wir aber, dass wir uns nur zum „Kilometer 36“ haben fahren lassen und nicht noch weiter hoch, denn die Strecke ist eher fad (Schotterwüste links und rechts). Wenigstens stimmt der Wind und pustet uns über die hügelige Strecke, die nun auf ca. 4500 Metern durch die Gegend unduliert. Nach einiger Zeit erreichen wir eine halbwegs hübsche Lagune, aus der sich ein tiefblauer Bach durch ein trockenes Tal schlängelt. Dann geht es noch einmal ordentlich bergauf bis zum höchsten Punkt der Strecke auf 4850 Höhenmetern. Hier sagen wir vorerst goodbye zum Höhentraining, denn in den nächsten Wochen wird es eher durch argentinisches Flachland gehen.

erste Lagune auf dem Weg - eher mau

erste Lagune auf dem Weg – eher mau

Wir wussten, dass er wehtun kann... aber sterben???

Wir wussten, dass er wehtun kann… aber sterben???

Vom Gipfel zieht sich eine lange schnurgerade Abfahrt nach unten. Links der Strecke ragen Felsformationen aus der Wüste, die uns ans Monument Valley erinnern. Der Wind wird immer stärker und ist nun am frühen Nachmittag dermaßen gewalttätig, dass wir uns nicht mehr unterhalten können, obwohl direkt nebeneinander vorangeblasen werden. Wir rasten hinter einer Aussichtsplattform bei „km110“, die in einer windgeschützten Ecke genug Raum für unser Zelt bietet. So überlegen wir: Weiterfahren und das Risiko eingehen, dass kein Windschutz mehr kommt oder hier bleiben. Wir beschließen es hier zu versuchen und das war wohl die falsche Wahl…

Noch beim Aufbauen des Zeltes weht es plötzlich unsere Isomatten für Essenspausen davon. Laura jagt hinter der einen her, ich hinter der anderen. Laura hat mehr Glück und kann mit einem gekonnten Rugbytackle die Matte unter ihre Kontrolle bringen. Nach 500 Metern Usain Bolt Sprint beschließe ich, dass meine Matte verloren ist, denn sie fliegt immer weiter von mir weg und wird wohl in Zukunft den Flamingos der Lagune als Surfbrett dienen. So klopfen wir hastig unser Zelt fest und verkriechen uns sofort darin, denn trotz praller Sonne ist es wegen des Sturmes empfindlich kalt. Innen angekommen, hält sich unsere Entspannung aber in Grenzen, denn die Zelthülle knattert wie ein Segel bei Sturmflut und die Stangen biegen sich bis auf Kopfhöhe hinunter. Wir sichern alle Taschen aneinander, verstopfen unsere Ohren mit Oropax und legen uns „schlafen“. Um zehn Uhr abends legt sich der Wind dann endlich und wir kriegen tatsächlich etwas Erholung. Puh…!

Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt kriechen, stellen wir erschreckt fest, dass der Wind so stark war, dass er unser Zelt an einigen Stellen durchgewetzt hat, da wir Steine zur Sicherung auf die Leinen gelegt hatten. Gott sei Dank sind die Stellen weit unten, so dass es nicht das komplette Ende unseres „mobile home“ bedeutet, aber das werden wir wohl in Salta flicken müssen…

Ihr meint, wir übertreiben mit der Windbeschreibung?

Ihr meint, wir übertreiben mit der Windbeschreibung?

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morgendliche Schadens- und Aussichtsbilanz

morgendliche Schadens- und Aussichtsbilanz

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Valle del Monumento?

Valle del Monumento?

Die ersten drei Stunden nach Sonnenaufgang sind die schönsten, denn da scheint die Morgensonne und es regt sich noch kein Lüftchen. So rollen wir entspannt auf die argentinische Grenze zu, die wir nach hübscherer Felslandschaft gegen Mittag mit aufkommendem Rückenwind erreichen. Schon ist die argentinische Flagge da und wir kriegen einen Schreck: hätten wir doch in San Pedro den Ausreisestempel beantragen müssen?! Doch Argentinier und Chilenen teilen sich hier ein Grenzhäuschen auf der argentinischen Seite – eigentlich eine sehr nette Idee. Hier sind auch die Röntgenkontrollen gegen Obstschädlinge untergebracht, der wir dadurch entkommen, dass der zuständige Polizist gerade Siesta hält als wir ankommen.

Nach der Grenze dreht die Straße nach Süden ab und wir kriegen jetzt die volle Macht des Gegenwinds zu spüren. Fünfzig Kilometer kämpfen wir uns Meter für Meter voran. Die Muskeln brennen und wir versuchen uns gegeneinander im Windschatten zu halten. Dann dreht die Straße wieder fast um 180° und wir lassen uns bergab mit ca. 50 km/h durch eine nicht enden wollende Ebene pusten über einen weiteren kleinen Salar. Mitten im Nirgendwo stranden wir an einem verlassenen Haus und spannen das lädierte Zelt im windgeschützten Inneren auf – definitiv tausend Mal besser als gestern!

Wir schlafen so gut wie nie und trampeln nach Susques weiter. Das erste kleine Dorf hinter der Grenze bietet die erste Gelegenheit die argentinischen Geschäfte und das Preisniveau kennenzulernen. Im Vorhinein hatten uns alle vom „Wechselparadies“ Argentinien vorgeschwärmt. Auf Grund der miserablen wirtschaftlichen Situation des Landes wollen alle Argentinier an US-Dollar kommen, deren Besitz aber offiziell für sie verboten ist und nur zum vollkommen untertriebenen Kurs von 8,5 Pesos für 1 US-Dollar offiziell getauscht werden können. Uns hatten alle Kurse von ca. 15 Pesos / 1 US-Dollar angekündigt, was dementsprechend die Lebenshaltungskosten fast halbieren würde! Wir sind dann etwas überrascht als wir für unsere Dollar nur ca. 13 Pesos bekommen, schieben das aber auf die Provinz und das Monopol der Wechselstube im Ort. Außerdem erklärt man uns, dass der gute Kurs nur für 100-Dollarscheine gilt – für 20-Dollarscheine kriegt man glatt mal 10% weniger … was ist das denn??!

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leider der Blick zurück

leider der Blick zurück

hier sehr scheue Vicunas

hier sehr scheue Vicunas

Petroleo gab es, aber wohl kein Agua

Petroleo gab es, aber wohl kein Agua

Abfahrt nach Susques

Abfahrt nach Susques

instagrammin' in Susques

instagrammin‘ in Susques

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deine piksigen Freunde

deine piksigen Freunde

Die nächste Ernüchterung dann im Lebensmittelgeschäft. Von Bolivien und Peru verwöhnt, runzeln wir die Nase, als wir für selbstbelegte Brote mehr bezahlen als ein ganzes Menü in den nördlichen Nachbarländern kostet – wir waren wohl nicht lange genug in Chile, um uns über das dann doch etwas billigere Preisniveau zu freuen.

Vor und hinter Susques ist die Landschaft traumhaft. Erstaunlich steil geht es auf und ab durch Felslandschaften, die immer rötlicher gefärbt sind. Dann rollen wir plötzlich durch einen Canyon, dessen steile Wände Kandelaberkakteen säumen und wir fühlen uns direkt in einen Wild-West-Streifen versetzt. Würden hinter der nächsten Kurve Pritschenwagen und Ganoven auf Gaulen auftauchen, wären wir wohl wenig verwundert.

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Stattdessen taucht nur sehr langsam der Salar „Salinas Grandes“ aus dem flimmernden Streifen am Horizont auf, denn es versucht uns mal wieder eine steife Brise zurück über den Andenkamm zu blasen. Vorbei an Lamas, angeblichen wilden Eseln und der ein oder anderen Landwirtschaft geht es 40km geradeaus durch die Steppe. An einem heruntergekommenen Lehmhaus halte ich an und frage den Señor nach Wasser. Die Augen trübe von Alkohol und Coca guckt der gerade seiner Frau beim Waschen zu und trottet nach meiner Frage zu einem Loch im Boden. An einer rostigen Kette lässt er einen Eimer drei Meter in die Tiefe und holt eine etwas trübe Brühe nach oben. Ob man das trinken könne?, wage ich zu fragen. Er habe das sein ganzes Leben getrunken!, entgegnet der Herr pikiert… gut abgekocht mundet das Wasser als Suppe am Abend tatsächlich.

Vollkommen erschöpft rasten wir an einer Salzabbaustätte mitten auf dem Salar. Zwei große Kekspackungen später haben wir aber immer noch keine Kraft in den Beinen, um gegen den abendlichen Orkan anzutreten. Wir versuchen es tatsächlich noch einmal, aber kommen kaum mehr als 2 km/h voran. So bleiben wir einfach im „Comedor“ (Kantine) der Salinen und schlagen unser Zelt halbwegs geschützt trotz löchriger Decke auf dem Salzboden auf.

im Morgenlicht des Salars

im Morgenlicht des Salars

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auch sehr dreckig

auch sehr dreckig

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hier drin war es geschützt

hier drin war es geschützt

Zum Abschluss der Andenüberquerung geht es dann noch einmal auf 4200 Metern. In der Gewissheit zum letzten Mal für lange Zeit die magische 4000er Marke zu reißen, versuchen wir trotz Wind die Blicke über das trockene Wildwest-Land und die Schneeberge im Süden zu genießen.  Vom Pass führt eine unfassbar steile und kurvige Straße in Serpentinen ins knochentrockene Tal von Purmamarca. Die Felsformationen hier sind atemberaubend. Immer neue Nuancen, bizarre Strukturen und neuerdings Bäume (!) im Flussbett verschaffen uns sagenhafte Blicke. Das Problem ist nur: trotz 10% Gefälle rollt unser Rad nicht so richtig und der Gegenwind rumort uns derart in den Ohren, dass ich liebend gerne mein Rad auf einen Pick-Up geschmissen hätte, um hier nicht knapp 2000 (!) Höhenmeter hinabfahren zu müssen…

Wie erleichtert sind wir, als wir endlich in Purmamarca ankommen. Der Ort besteht eigentlich nur aus dem Touristenmarkt im Zentrum, Hostels und Restaurants und hat kaum noch vom ursprünglichen Charme der Lehmhäuser erhalten. Dennoch ist die Umgebung traumhaft mit felsigen Farbpaletten von ocker, leuchtend rot, beige und sogar giftgrün. Ein kleiner Rundweg führt durch die schönste Stelle des Tals und vom Felsen gegenüber genießen wir im Morgenlicht den Wechsel der Farben und Schattierungen.

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morgendliches Lichterspiel

morgendliches Lichterspiel

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unfassbare Abfahrt nach Purmamarca

unfassbare Abfahrt nach Purmamarca

letzter Pass vor Purmamarca

letzter Pass vor Purmamarca

Dann geht es in die falsche Richtung, denn um das UNESCO-ausgezeichnete Tal von Humahuaca kennenzulernen, radeln wir wieder nach Norden. Die Strecke ist enttäuschend. Wir fahren durch eine riesige Schotter-Geröll-Landschaft, die nur an wenigsten Stellen die farbigen Formationen bietet. In Tilcara – einem weiteren touristisch degenerierten unappetitlichen Dorf – lassen wir uns wenigstens einen riesigen Becher Eis zum Mittagsessen schmecken, denn endlich ist es heiß! Wir sind nur noch auf ca. 2500 Metern und die Sonne knallt erbarmungslos auf das trockene Land. So quälen wir uns endlose Kilometer bis nach Humahuaca durch immer noch trostlose Strecke mit fürchterlich lautem, zu nahe kommendem und schnellem Verkehr.

Humahuaca ist dann tatsächlich mit Abstand der netteste Ort des Tals und wir freuen uns über die süßeste Hostel-Mutti der Reise und eine herrliche Dusche! Die Kuriosität des Ortes: Im alten Rathaus befindet sich eine Stahltür, die sich immer um 12 Uhr Mittag öffnet und der heilige St. Roboter segnet die Menge. Auch wir suchen die Zeremonie nach mehrfacher Aufforderung unserer Hosteldame auf. Anscheinend ist es das Event der Gegend, denn es sind Busladungen von Einheimischen hier, die auf die Segnung warten. Punkt zwölf läuten die Glocken, dann erklingt eine pathetische Version des „Ave Maria“ von der Kirche gegenüber und es schwingen die Stahltüren auf. Ein Raunen und Fotoklicken geht durch die Menge. Mit Rosenkranz und frommen Blicken hängt die Menge an den Bewegungen der Heiligenpuppe unterlegt von St.-Martin-In-The-Fields, unterbrochen von Lauras blasphemischen Gelächter. Puh! Das ist zuviel und wir sind froh, als kurze Zeit später unser Bus nach Salta abfährt, denn auf der Ruta Nacional 9 machen wir sicher keinen Radkilometer mehr!

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Humahuaca

Humahuaca

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dörfliche Atmosphäre

dörfliche Atmosphäre

oh .... die Spannung steigt

oh …. die Spannung steigt

Der fromme Pilger

Der fromme Pilger

erwartet die Segnung und den facebook-like

erwartet die Segnung und den facebook-like

und ciao!

und ciao!

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Mehr Bilder vom Paso Jama

… und der Quebrada Humahuaca nördlich von Salta

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Hitzefrei! Oasenstop in der Atacamawüste

In San Pedro angekommen, geht es erst mal zur Immigration, wo wir problemlos das chilenische Visum kriegen und entgegen der Vorwarnungen auch ohne Röntgen und jegliche Taschenkontrolle durchkommen. Vollkommen verstaubten Fahrradtouristen von der Lagunenroute traut man anscheinend nicht zu, noch extra Kilo an frischen Früchten oder Schädlingen mit sich herumzuschleppen. Die Stadt ist dann ein Schock. Wie lange haben wir schon keine gestrichenen Häuser mehr gesehen? Bäume und Blumenschmuck in der Wüste? Schön verzierte Holzpanelen zieren die Hotelfassaden, Touragenturen und Souvenirläden. Der ganze Ort ist herausgeputzt und sehr kitschig, aber genau auf diese Oase hatten wir uns ja eingestellt – und wenn man ehrlich ist auch gefreut!

Der wirkliche Schock erwartet uns aber noch, nachdem wir endlich in der Lage waren, Geld beim sporadisch arbeitenden ATM zu holen: das Preisniveau ist mindestens europäisch und im Vergleich zu Bolivien darf man getrost Faktor 5-10 (!) rechnen… Wir checken im „Casa del Sol Naciente“ ein – hier darf man für 5 Euro pro Nase ZELTEN, aber dafür gibt es einen netten Aufenthaltsraum, gutes WIFI und sehr nette Inhaber. Am ersten Abend teilen wir mit zwei netten Deutschen beim Pizzaessen in der Stadt den Tisch, die tatsächlich in drei Wochen (!) von Santiago de Chile über die Atacamawüste, Salta und die Wasserfälle von Iguazu schließlich nach Rio de Janeiro reisen. Rasen wäre hier wohl die angebrachtere  Bezeichnung und erinnert uns daran, warum wir diesen Fernurlaub VOR Antritt des Berufslebens absolvieren (Die Frau ist niedergelassene Pneumologin). Jetzt ist es übrigens offiziell geschafft – nach vier Monaten, gefühlten 8 Tagen Skype-Telefonaten, 20 Mails und vielen verlorenen Nerven ist unser Flug auf den 20. Februar 2015 verschoben! So werden wir leider erstmals Weihnachten fern der Heimat sein, aber freuen uns natürlich auf zwei Monate Chile und Argentinien mehr…

Die ersten Tage verbringen wir noch mit Aufarbeiten der Schäden und Strapazen, die die Lagunenroute hinterlassen hat. Die von Salz, Sand und Schotter entstellten Räder, Kleidungsstücke, Zelt und Körper müssen geputzt, geölt und festgezogen werden. Mein Frontgepäckträger ist wegen Gewicht und Waschbrettpisten auf beiden Seiten gebrochen und es gibt in diesem 2000-Einwohner-Loch tatsächlich eine Autowerkstatt, die Aluminium schweißt – fast zum Neukostenpreis, aber an Neukauf ist hier natürlich nicht zu denken. Mal sehen wie lange das hält… Ich werde zum Stammgast der Ferretería (Eisenwarenhandel), um Lenker und Bremse wieder zusammenzuflicken und den Benzinkocher erstmals mit edlem Waschbenzin (Benzina Blanca) zu befüllen.

Auch das leibliche und psychische Wohl erfährt immense Erholung. So kochen wir aus Herzenslust: jeden Morgen Pfannkuchen (mit reichlich Butter und Zucker), Grillabend, Kartoffelpüree und mexikanische Wraps füllen die mentalen Kraftspeicher und die Hüften wieder ein wenig. Bei über unfassbaren 30°C untertags und 5-10°C am Morgen streifen wir in kurzer Hose und T-Shirt durch die Gassen der Stadt und fühlen uns wie im deutschen Hochsommer! Zum ersten Mal gibt es auch wieder Salami, Käse und westlichere Lebensmittel in den Geschäften der Stadt. Selbst das Obst hat in Chile keinen Kratzer, sondern sieht aus wie aus dem Münchner Feinkostladen.

Grillabend !!

Grillabend !!

Die Anzahl der Touristen in der Stadt ist unfassbar und nicht allein durch den Transfer nach Bolivien zu erklären. So muss wohl irgendetwas dran sein an den Ausflugszielen der Umgebung – denken wir und radeln nachmittags ins Valle de la Luna, das nach der trostlosen Oberfläche des Erdtrabanten benannt ist. Und tatsächlich: trostlos ist es. Ein paar der Sand- und Schotter-Formationen sind auch halbwegs skurril, aber wir sind froh, dass wir am Tickethäuschen vorbeigerast sind und dafür nicht auch noch bezahlen. Der Ausflug von San Pedro (15km!) ist tatsächlich schon ab 30 US-Dollar zu haben – Eintritt NICHT inklusive, was geht hier eigentlich ab? Der Sonnenuntergang an der großen Düne bringt wenigstens etwas Farbe aufs Geröll. Einzig die glühende Gebirgskette um den Licancabur und die Erinnerung an das Altiplano erwärmen unser Herz. Been there, done that.

Sunset im Mondvalley

Sunset im Mondvalley

Neue Bewerbungsphotos aus der Atacamawüste

Neue Bewerbungsphotos aus der Atacamawüste

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einmal im Leben Kamel sein

einmal im Leben Kamel sein

joah, staubige Angelegenheit

joah, staubige Angelegenheit

von Wind, Sand und Regen (!) geformte Landschaft

von Wind, Sand und Regen (!) geformte Landschaft

ein kleiner Schritt für Laura, ...

ein kleiner Schritt für Laura, …

bizarrer Fels

bizarrer Fels

Am nächsten Tag radeln wir südlich zur Laguna Cejar. Gegen starken Gegenwind kämpfen wir uns 20km, um dann ein etwas ernüchterndes Wasserloch vorzufinden – jede Lagune im Altiplano war da schöner. Weit entfernt haben sich zwei Flamingos vor den Bustouristenmassen geflüchtet. Allerdings ist hier unten in der Atacamawüste (ca. 2350 M. ü. N) auf Grund der höheren Temperaturen Badespaß drin und zwar mit floating Faktor. Wegen des Salzgehalts ist man wortwörtlich obenauf und kann sich treiben lassen. Verglichen mit dem toten Meer sind Auftrieb und öliges Gefühl auf der Haut viel weniger ausgeprägt – dennoch hübsch. Zum Abwaschen der Salzkrusten, die sich auf der Haut danach bilden gibt es eine moderne Duschanlage und WCs. Chile ist wirklich eine andere Welt und Europa wohl wesentlich näher als seinen nördlichen Nachbarn. Vor Schreck haben wir vergessen Photos zu machen, lässt sich aber durch Google nachholen…

An der Laguna Cejar

An der Laguna Cejar

Am letzten Abend treffen wir uns noch mit den frisch eingetroffenen Samuel, Flurina und Jörg, die wir allesamt noch aus Peru kennen. Morgen früh wollen wir „den Finger machen“ – also versuchen einen LKW anzuhalten, um uns die beschwerlichen 2000 Höhenmeter in Richtung Paso Jama wiederhochfahren zu lassen, die wir bereits durch die Abfahrt von Bolivien kennen, um danach wieder fleißig in Richtung Jujuy und Salta in Argentinien zu pedalieren.

Heute Nacht erwartet uns hoffentlich noch ein funkelndes Highlight: die Atacamawüste ist wegen der seltenen Regenfälle (1/50 der Regenmenge des death valley!), kaum existenter Lichtkontamination und der besonders ruhigen, klaren Luft der beste Ort der Welt zum Sternegucken. Rund um San Pedro stehen die größten Teleskope der Welt, die Astronomen rund um den Planeten die Daten und Bilder für ihre Berechnungen liefern. Sie tragen die einfallsreichen Namen „großes Teleskop“ und „sehr großes Teleskop“. Derzeit wird übrigens am „extrem großen Teleskop“ geschraubt, das für die EU ab 2018 in Betrieb gehen soll. Und so werden auch wir uns um Mitternacht aus den Betten quälen, um durch „eher kleine Teleskope“ Milchstraße, Stern des Südens und das kleine Fahrrad am Himmelszelt zu suchen.

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Mehr Bilder aus der Atacamawüste (cave: staubig)

Grün, Weiß, Rot – Boliviens Lagunen erstrahlen in italienischen Nationalfarben. Der bunte Teil (2) der Lagunenroute!

Vorbei geht es am Arbol de Piedra, einem von Sandstürmen geformten Stein, der aussieht wie ein Baum. Schon um 13 Uhr erreichen wir die Laguna Colorada. Sie ist blutrot auf Grund von Algen und Plankton, die in dem flachen, mineralreichen Gewässer gut gedeihen. Am Rand scheiden sich Salzablagerungen ab, die aussehen wie Eisschollen. Hier müssen wir auch den lächerlichen hohen Eintrittspreis für den Park von mehr als 15 Euro pro Person – in Bolivien eine Menge Geld – abdrücken. Wofür?, fragen wir uns mehrfach. Es gibt keinerlei Beschilderung, dafür aber 1000 Kreuzungen (ohne GPS und openstreetmap für uns unvorstellbar), keinen einzigen Mülleimer oder Möglichkeit seinen Müll abzugeben, die Straßen sind in einem miserablen Zustand, obwohl es Geräte wie Bagger und Walzen gibt, die untätig auf ihren Parkplätzen stehen und in Bezug auf Tier und Umweltschutz war für uns auch Nichts ersichtlich, eher im Gegenteil. Es wird offensichtlich Tausenden von Jeeps jeden Tag erlaubt, hier durchzubrettern. Im ersten Dorf direkt am Nordende der Lagune, sind dann unerwarteter Weise alle Refugios geschlossen. Es ist Día de todos santos, Allerheiligen, und die Familie, die die Refugios betreut, ist spontan ausgeflogen. So scheint es, denn niemand weiß davon, auch nicht die Jeepfahrer, die ihre zahlreichen Touristen unterbringen müssen. So beeilen wir uns zur nächsten hospedaje am Südwestende zu kommen, bevor dort alles belegt ist.

zu deitsch Stoabaum

zu deitsch Stoabaum

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warum eigentlich nicht roja?

warum eigentlich nicht roja?

 

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Weitere 15 km geht es also an der Lagune entlang bei stärkstem Gegenwind auf einer sandigen Schotterpiste… ! Toto schiebt etwas schneller und hat so Zeit sich mit vier Bauarbeitern zu unterhalten, die eigentlich Steine für ein neues Gebäude suchen sollen, allerdings sitzen drei lieber Coca-kauend im warmen Fahrerhäuschen und der vierte legt alle zehn Minuten pro forma einen Stein auf die Ladefläche. Die bolivianische Arbeitsmentalität ist wirklich atemberaubend. Sie sind aber sehr nett und interessieren sich für unsere Räder. Leider gehen sie auf das Tauschangebot zwei Räder gegen dicken MAN-Truck nicht ein…

Am frühen Nachmittag kommen wir endlich an und finden auch noch problemlos ein Zimmer. Allerdings einen Schlafsaal, wo zum Glück nur die sympathische Lisbeth aus den Niederlanden/Australien wohnt. Meine Kopfschmerzen sind zum ersten Mal richtig weg. 4300m machen anscheinend den Unterschied. Leider wird uns in der Nacht dann noch ein bolivianisches Pärchen aus La Paz beehren. Ich stelle schon beim Reinkommen des zu allem Überfluss auch noch bescheuerten und redefreudigen Dickerchens die Diagnose „OSA – obstruktive Schlafapnoe“. Und wie recht ich habe. Erstens kommen sie zwei Stunden nach Zapfenstreich lärmend und laut plappernd rein und dann ertönt wohl nach wenigen Minuten das Sägewerk. Plus, Madame hat anscheinend ihre Tabletten gegen die Höhenkrankheit vergessen und raschelt später noch einmal eine Stunde mit den Blistern herum, nicht ohne Toto dabei mehrfach direkt ins Gesicht zu leuchten. Lisbeth deutet mehrfach durch aggressives Ausatmen ihr Missfallen an, Toto macht kein Auge zu, aber ich schlummer wie ein Baby und schaue am nächsten Morgen erstaunt in zwei zerknautscte Gesichter, die mir erzählen, dass er tatsächlich die GANZE NACHT geschnarcht habe,

Nun steht eine Entscheidung an: Der nächste Campingplatz liegt auf 4900 m bei dem Geysirfeld „Sol de Mañana“. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass wenn wir da übernachten, das Ganze mit einer Krankenwagenfahrt für mich endet und Toto in seinem dünnen Schlafsack erfriert. Dort zu übernachten schließen wir also aus. Die einzige Möglichkeit wäre hier an der Laguna Colorada einen Ruhetag einzulegen, um besser zu akklimatisieren. Erfolg ist fraglich und es würde Toto auch nicht wärmer machen. Dann gibt es die Möglichkeit zwei Tage in einem zu fahren, also hochzufahren und gleich wieder runter. Der Tag hinter den Geysiren sind nur 22km Abfahrt – das wäre also möglich. Allerdings sollen die Geysire in der Morgensonne am schönsten sein und das wollen wir schon sehr gerne sehen. Also bleibt nur noch die Möglichkeit, uns mit einem Jeep rauffahren zu lassen, um so schon am frühen Morgen oben zu sein und dann die Abfahrt mit dem Rad zu machen.

Gesagt getan – so kaufen wir uns kurzerhand für insgesamt 20 Dollar in zwei Jeeps und dann geht es um 5 Uhr morgens *hüstl*, so die offizielle Angabe, tatsächliche Abfahrt eher 5.45 Uhr (Grund: bolivianische Gemütlichkeit) innerhalb von einer dreiviertel Stunde hoch zu dem fauchenden Geysirenfeld. Das hätte auf dem Rad einen ganzen Tag gedauert, denn die Piste ist auch richtig schlecht.

Und wie beeindruckend es ist! Wir bereuen die Entscheidung keine Sekunde. Das hat sich gelohnt. Das Lichtspiel der aufgehenden Sonne mit dem Rauch ist tatsächlich am frühen Morgen am allerschönsten. Nach einer halben Stunde sind dann auch alle gestressten Jeeptouristen wieder weg und wir haben diesen wunderschönen Platz noch zwei Stunden für uns alleine, bis wir gemütlich die Abfahrt beginnen. Dort begegnet uns Kyu. Nein, nicht der Techniker von James Bond, sonst müsste er wohl nicht sein Rad der Berg hochschieben. Ein sehr netter und lustiger Kerl aus Südkorea mit einem riesigen Haufen Gepäck, der aus Ushuaia hergeradelt ist. Respekt, dass er so weit gekommen ist mit dem ganzen Graffel auf dem Rad.

Geysirfeld "Sol de Manana" - Morgensonne

Geysirfeld „Sol de Manana“ – Morgensonne

Laura wärmt sich am 85°C Wasserdampf

Laura wärmt sich am 85°C Wasserdampf

Jeeptouristen am Morgen

Jeeptouristen am Morgen

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Schattenfrau und GoPro am Stab - unser "Orden wider dem menschlichen Ernst"

Schattenfrau und GoPro am Stab – unser „Orden wider dem menschlichen Ernst“

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schön warm

schön warm

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Cobra 12 - die Radlerpolizei

Cobra 12 – die Radlerpolizei

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Feuerwehrmänner im Einsatz zur Rettung - Frontroller überlebt mit Rauchgasinhalation

Feuerwehrmänner im Einsatz zur Rettung – Frontroller überlebt mit Rauchgasinhalation

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juhu - blöde Räderfotos!

juhu – blöde Räderfotos!

kaum tauscht man Räder wirkt man gemorpht

kaum tauscht man Räder wirkt man gemorpht

Bereits um 11 Uhr kommen wir an der Laguna Chalviri und damit an dem Thermalbad an. Vor lauter Köpfen sieht man das Letztere aber gar nicht. Wir frühstücken erstmal, das hatten wir auf Grund des frühen Aufbruchs und der brutalen Kälte oben an den Geysiren (gut, dass wir dort nicht übernachtet haben!!) auf später verschoben. Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, bis 15 Uhr kommen immer wieder Jeepladungen mit Touristenmassen an. Wir warten. Irgendwann sprechen uns zwei – nein, nicht fliegende, sondern rollende – Holländer an. Sie fahren seit 11 Jahren mit ihrem Campingwagen um die Welt. Wie cool! Außerdem stellen sie sich als cyclophil heraus und erzählen, dass sie immer anhalten wenn sie einen Radfahrer sehen und ihn mit allem Möglichen und Unmöglichen versorgen. Auch Kyu haben sie heute getroffen. Wie wahr diese Worte sind bekommen wir an diesem Nachmittag zu spüren. Schon nach kurzer Zeit kommt L., der seinen Namen nicht im Internet finden möchte, angestapft und sagt: „Was habt ihr denn da für Räder? Die sehen aus wie Kinderräder!“ Wir denken: „Was redet der Mann?“ Dann sagt er: „Und für Kinder haben wir immer was dabei – und zieht zwei riesige bunte Lollies aus der Tasche! :D. Kurze Zeit später kommt seine fröhlich-dynamische Frau G. angelaufen und verkündet: „Ihr müsst ja nicht mehr fahren heute, hier habt ihr Kaffee mit Rum – es darf gesungen und getanzt werden!“ Nach einem netten Plausch im endlich leeren und seeeehr heißen Pool laden sie uns noch in ihr Luxusgefährt ein.

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Laguna Chalviri – leider gibt es nicht so viele Fotos, da sich nun wegen der Kälte auch unser 2. komplett aufgeladener Kameraakku innerhalb von einer Stunde entleert hat

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Lolli für die Kinder!

Lolli für die Kinder!

Trotz der 11 Jahre sieht die Einrichtung aus wie unbenutzt. L. passt da auf wie ein Lux! Mit großen Augen bestaunen wir Gasherd, Heizung, Kühlschrank mit Gefrierfach und die zahlreichen Vorratsschränke. Wie schön wäre es, so etwas hinten auf dem Rad zu haben. Nach einem gemütlichen Bier gehen wir rüber in das Restaurant, um ein eher zähes Lamaschnitzel zu verspeisen. Der Besitzer lässt uns kostenlos auf dem Boden schlafen, da sollten wir natürlich was konsumieren. Nach dem Essen geht es wieder rüber zum Camper wo nun Kaffee, Tee und Schnaps serviert werden. Wie werden wir verwöhnt! Holländische Gastfreundschaft pur! Tausend Dank! Zum Ausklang zeigen sie uns dann noch fantastische Fotos von ihrer Antarktiskreuzfahrt, die sie letztes Jahr gemacht haben! Wirklich atemberaubende Bilder einer surrealen Landschaft! Riesige, blau schimmernde Eisberge, wo auch der Teil unter Wasser im klaren Wasser gut zu sehen ist. Riesige Wale direkt unter dem Kanu, Pinguine, Seerobben etc. Faszinierend! Sie sagen, dass sei das Beste, was sie in 11 Jahren gemacht hätten. Mit 4.000 Euro pro Nase leider etwas außerhalb unseres Budgets, aber man braucht ja auch noch Ideen für später…

Die Nacht ist mal wieder kurz, um 4 Uhr morgens wird gewerkelt in der Küche, um 5 Uhr die Technomusik aufgedreht, wir flüchten uns zum Sonnenaufgang in die heiße Quelle. Eine unfassbare Atmosphäre. Außentemperatur wohl um die -10°C, Beckentemperatur 40 Grad, der Pool dampft im Licht der aufgehenden Sonne, auf der anderen Seite des Himmels sind noch die Sterne zu sehen. Leider trägt aber die Beckentemperatur nicht gerade zum Aufwachen bei, sodass wir etwas matschig das Becken verlassen, frühstücken und sehr müde losfahren. Das Losfahren verzögert sich um eine halbe Stunde, da mein Bikini, den ich zum Trocknen an den Lenker gehängt hatte, leider festgefroren ist. So muss ich das Rad erstmal in die Sonne stellen, da ich Schalt- und Bremshebel nicht betätigen kann. Unerwartete Hindernisse!

Bad in den heißen Quellen am Morgen - ah... ein Traum

Bad in den heißen Quellen am Morgen – ah… ein Traum

Eisskulptur

Eisskulptur

Eine halbe Stunde nach Abfahrt zieht der stärkste Gegenwind auf, den ich jemals erlebt habe. Ich kann trotz guter Piste keinen Meter fahren. Bei starken Böen kann ich dann sogar nicht mal mehr schieben, es ist zum Verzweifeln. Normalerweise zieht der Wind immer erst am Nachmittag auf und nicht um 8.30 Uhr! Wir kämpfen uns hart in Richtung Pass. Toto nimmt irgendwann meine Backroller, weil ich so erschöpft bin, dass ich nur noch drei Meter ohne Pause schieben kann. Was für ein Wind! Patagonien muss fürchterlich sein! Irgendwann sind wir dann endlich oben und können den größten Teil der Abfahrt zur Laguna Blanca und Verde fahren. Eigentlich wollten wir heute direkt nach San Pedro de Atacama durchfahren, aber bei dem Wind verschieben wir das lieber noch einen Tag, auch wenn es erst 14 Uhr ist.

draußen hat es nämlich -10°C

draußen hat es nämlich -10°C

Stattdessen finden wir ein tolles, windstilles Plätzchen in einem verlassenen Gebäude an der Laguna Blanca. Ihr Namen hat sie daher, dass sie den größten Teil des Jahres zugefroren ist. Doch wir sind schon weit genug weg vom Äquator, dass es hier wieder Temperatur-Unterschiede zwischen Sommer und Winter gibt. Deswegen hatten wir auch nie die von anderen Radfahrern angekündigten -20°C in der Nacht. So schimmert die Laguna Blanca anstatt weiß eher türkis – der benachbarten Laguna Verde ähnlich. Wir machen einen ausgedehnten nachmittäglichen Spaziergang zu den Flamingos der Laguna Blanca und dann zur Laguna Verde. Letztere friert im Gegensatz zu ihrer Nachbarin normalerweise nicht zu, auf Grund ihrer hohen Mineralkonzentration und der exponierten Lage, durch die der Wind die Oberfläche immer in Bewegung hält. So bleibt sie flüssig bei Temperaturen bis zu unter -21°C. Flamingos gibt es hier keine. Der Spaziergang ist sehr schön und wir freuen uns, dass wir uns doch noch mehr Zeit gelassen haben.

Laguna Verde

Laguna Verde

Laguna blanca

Laguna blanca

so gerne hätten wir euch gebraten

so gerne hätten wir euch gebraten

Flamingo-Formationsflug

Flamingo-Formationsflug

Zeltplatz Laguna Blanca

Zeltplatz Laguna Blanca

Besonders beeindruckend auch am nächsten Morgen, die andere Farbe der Laguna Verde zu sehen. Sie wird nämlich erst um 9 Uhr morgens grün. Vorher ist sie eher ein schwärzlicher See, in dem sich die umliegenden Berge spiegeln. Bis kurz vor der bolivianischen Grenze werden wir vom Wind verschont, doch dann frischt er wieder auf. Zum Glück sind es nach der Grenze nur noch fünf Kilometer bis zur asphaltierten Hauptstraße und damit der Abfahrt…

Laguna Verde am nächsten Morgen, eher Laguna Negro

Laguna Verde am nächsten Morgen, eher Laguna Negro

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morgens an der zugefrorenen Laguna Blanca

morgens an der zugefrorenen Laguna Blanca

Kurz vor der Grenze dann unser einziges negatives Jeep-Erlebnis – mit deutschen Rentnern. Ich denk ich spinn. „Aktivreisen“ steht auf dem Schild hinter der Windschutzscheibe. Der Jeep hält DIREKT neben mir an, macht kein Fenster runter sondern steht da einfach. Ich gucke verwirrt dahin und schon sehe ich sechs Kameraobjektive, die an die Scheibe gepresst werden. Was geht ab?? Sehe ich aus wie ein scheiß Flamingo, den man einfach fotografieren kann? Die haben schöne Fotos von meinem Mittelfinger bekommen. Aber die Rentner waren so fehlsichtig, das haben die gar nicht gesehen. JEDE Nation hat es bis jetzt geschafft vorher zu fragen wenn sie ein Foto wollen. Nur die deutschen Rentner schaffen das nicht! Aber es geht weiter: zweiter Jeep Aktivreisen, hält wieder an. Ich bin schon geladen, aber nein diesmal geht die Scheibe runter und der Fahrer sagt Hola. Ich denke, oh der 2. Jeep kann sich benehmen. Schaue hin und sage, Hola. Weit gefehlt! Das Hola des Fahrers, war eher als Miez, Miez, Kätzchen, schau mal her zu verstehen. Kaum schau ich nämlich hin hör ich schon Klick, Klick, Klick. Keiner der scheiß deutschen Rentner hat sich die Mühe gemacht Hallo zu sagen oder EVENTUELL vielleicht vorher zu fragen bevor man das Objektiv auf das Tier da draußen hält. Man hab ich die angebrüllt! Leider hat das niemand zur Kenntnis genommen, außer der Fahrer, der mit einem bisschen Glück aber vielleicht deutsch spricht bei so einer Edelrentnerreise und es verstanden hat. Alle anderen waren zu sehr damit beschäftigt ihre Kamera zu checken, ob sie einen guten Schuss von „der Wilden“ da draußen bekommen haben. Der Fahrer hat zumindest kapiert – ob er genau verstanden hat oder nicht – dass der Tiger da draußen gerade ausrastet und ist schnell mit durchdrehenden Reifen davon gefahren. Toto meint, es sei doch Trost genug, dass sich zwölf fette Rentner im Jeep – wahrscheinlich mit Sauerstoffflasche – als Aktivreisende bezeichnen und ihr Leben so langweilig ist, dass sie Fotos von Radfahrern als Abenteuer betrachten.

Der bolivianische Grenzbeamte ist dann sehr nett und interessiert an unserer Reise und erhebt entgegen aller Ankündigungen KEIN Schmiergeld. Positiv überrascht verlassen wir Bolivien mit einem sehr guten Gefühl. Etwas leid tut es uns, dass wir auf der Flucht von der Regenzeit durch dieses Land so durchgehetzt sind und kaum etwas gesehen haben. Wir müssen auf jeden Fall nochmal wiederkommen, um Sucre, Potosí, den Dschungel, etc. zu entdecken.

Auf dem langersehnten Asphalt geht es dann mehr als 2000 Höhenmeter ins Tal in die Atacamawüste. Nach ein paar Kurven am Anfang läuft die Straße einfach senkrecht hinunter. Große Schilder, Sicherheitsspuren und Asphalt wie ein Babypopo überzeugen uns davon – Chile ist ein anderes Land! Beeindruckende Blicke bieten sich uns auf den „riesigen Schutthaufen“ wie Toto die Wüste nennt. Unten müssen wir uns erstmal ausziehen, denn es ist HEISS! Welch unbekanntes Gefühl! Über 30 Grad. Wir wissen sofort, hier bleiben wir erstmal ein paar Tage um aufzuwärmen und alles zu essen, was wir wollen.

Grenzposten von Bolivien

Grenzposten von Bolivien

wer dieses Schild sieht, ist erlöst: ASPHALT IN SICHT !!!

wer dieses Schild sieht, ist erlöst: ASPHALT IN SICHT !!!

Abfahrt nach San Pedro .... wusch!

Abfahrt nach San Pedro …. wusch!

Fazit der Lagungenroute: Es ist super, super schön, atemberaubend und zu Recht berühmt!! Selbst dirtroad-Muffel wie wir sagen: Es lohnt sich wirklich!!! Die ungewöhnliche und abwechslungsreiche Wüstenlandschaft, die vielfarbig schimmernden Lagunen, die zahlreichen Flamingos, die fauchenden Geysiere und die wohltuenden heißen Quellen entschädigen für die wirklich schlechten Straßen und die fehlende Infrastruktur!

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Mehr Bilder von der Lagunenroute

Gute, doch etwas veraltete Beschreibung der Lagunenroute von tour.tk

Unser update dazu

Jetzt fahren wir übern See, übern See, jetzt fahren wir übern.. – Lagunenroute, Teil 1

Der erste Tag geht dann erstaunlich gut los. Wir können easy aus San Juan rausfahren, dann kommt ein weiterer trockener Salar, auf dem man fast wie auf Asphalt düst. Weiter geht es zu einem Militärcamp, wo uns ein netter Soldat ein Schattenplätzchen für eine Kekspause bereitstellt und wir unsere Trinkflaschen wieder auffüllen. 15 Kilometer danach beginnt dann ein langer Anstieg. Hier fahren wir so gut wie nichts mehr dank starkem Wind, Steigung und sandig bis steinigem Untergrund. Aber da wir uns auf das Schieben eingestellt haben, trübt es unsere Laune nicht. Trotz spätem Aufbrauch erreichen wir schon um 16 Uhr entspannt das Tagesziel: ein steinerner Windschutz in einem ausgetrockneten Flussbett. Wir überlegen, ob wir noch bis zum Gipfel schieben sollen, da es dort auch noch Campingmöglichkeiten geben soll, oder hier bleiben. Letztlich sind die Kilometerangaben in dem .pdf Dokument von tour.tk aber so ungenau (unser Campingplatz war zehn Kilometer früher angeben), dass wir nicht genau wissen wann der Gipfel kommt und wie weit das alles noch ist, sodass wir einfach bleiben und in aller Ruhe noch in der Sonne und abendlichen Wärme kochen. Die Nacht ist erstaunlich warm auf knapp 4100 m.

so steckt man hier fest bei Regen!

so steckt man hier fest bei Regen!

kurz vor Chiguana

kurz vor Chiguana

Vulkan Ollagüe begleitet uns

Vulkan Ollagüe begleitet uns

der Aufstieg beginnt

der Aufstieg beginnt

hier schiebt man meistens hoch (sehr sandig)

hier schiebt man meistens hoch (sehr sandig)

schön warm noch abends

schön warm noch abends

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elektrisiert am Morgen

elektrisiert am Morgen

Am nächsten Tag schieben wir die letzten Kilometer zum Gipfel. Es wäre nicht mehr weit gewesen, aber von Windschutz zum Campen ist da oben keine Spur. Eine kurze Abfahrt können wir dann wieder radeln. Doch schon bald ist es wieder flach mit 20 – 30 cm Sand und die Schieberei geht weiter. Bis zur Hauptstraße – die ist ein Traum. Mist, wären wir nicht über diesem Gipfel gefahren, hätten wir von San Juan aus über Avaroa auf dieser Straße bleiben können, das wäre sicher viel einfacher gewesen.

Wir halten Kekspause auf Dünen in surrealer Felsenlandschaft. Es ist warm und die Dünen fühlen sich an wie die Nordsee. Bald müssen wir dann wieder abbiegen von der Hauptstraße und es geht wieder absurd steil auf einer absurd schlechten Straße nach oben – radeln Fehlanzeige. Es hält ein Jeep an und fragt, ob wir Wasser brauchen, sehr nett! Gestern haben wir quasi keinen Jeep gesehen, da die alle die Hauptstraße nehmen. Heute waren es schon mehr, aber alle haben guten Abstand gehalten und sind in einem angemessen Tempo vorbeigefahren. Unter Radfahren erzählt man sich nur Horrorstories von betrunkenen Jeepfahrern, die ohne Abstand an einem vorbeibrettern und Touristen, die einem das Kameraobjektiv ungefragt ins Gesicht drücken, gerne auch um 6 Uhr morgens, wenn man aus dem Zelt kriecht. Bisher haben wir aber nur gute Erfahrungen gemacht.

hier grasen Vicunas

hier grasen Vicunas

30cm Sand - wer hier "fährt" hat 4 Reifen oder ein Fatbike

30cm Sand – wer hier „fährt“ hat 4 Reifen oder ein Fatbike

Sand in einer seiner schöneren Formen

Sand in einer seiner schöneren Formen

Mittagsrast wie auf Rügen

Mittagsrast wie auf Rügen

Marmeladenbrot!

Marmeladenbrot!

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Das heutige Tagesziel erreichen wir schon um 14 Uhr, die fantastische Laguna Cañapa. Eine Stunde lang verbringen wir damit die zahlreichen Flamingos, die nur einen Meter von uns entfernt stehen, zu beobachten. Plötzlich schleicht dann sogar auch noch ein Andenfuchs vorbei! Leider sieht er uns, bevor er sich einen Flamingo schnappen kann, ändert sein Plan, dreht um und legt sich erstmal entspannt in die Sonne. Aufs National Geographic Photo of the Year müssen wir also noch ein Weilchen warten…

hilfreich - danke!

hilfreich – danke!

viele Optionen - alle schlecht

viele Optionen – alle schlecht

die Alternative zu Sand - Waschbrettpiste

die Alternative zu Sand – Waschbrettpiste

Viscacha- Hase mit Schwanz!

Viscacha- Hase mit Schwanz!

mhm ... da kann ich mich gar nicht entscheiden

mhm … da kann ich mich gar nicht entscheiden

Cabana - die erste Lagune!

Cabana – die erste Lagune!

Laura in der Nähe... "Tu mal so, als könnten wir hier radeln"

Laura in der Nähe… „Tu mal so, als könnten wir hier radeln“

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schöne Lagunenlandschaft

schöne Lagunenlandschaft

täuschend echte Mimikri

täuschend echte Mimikri

Laguna Cabana

Laguna Cabana

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drei verschiedene Flamingos hausen hier

drei verschiedene Flamingos hausen hier

guter Zeltplatz Laguna Cabana

guter Zeltplatz Laguna Cabana

Flucht!

Flucht!

vor dem Fuchs...

vor dem Fuchs…

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Wir beschließen noch 10 km weiter zu schieben bis zur Laguna Hedionda wo es ein Hotel und damit eine Dusche gibt. Auch dieser See ist ein Traum – besonders im Licht der untergehenden Sonne. Alle drei südamerikanischen Flamingoarten sollen hier zuhause sein. Wieder gibt es nur eine kalte Dusche, trotz stolzem Preis und nach dem Abendbrot (Suppe, eine Mini-Hähnchenbrust, drei abgezählte Bohnen, ein Klecks Kartoffelpüree und Pfannkuchen als Nachtisch) gehe sogar ich hungrig zu Bett. Kurz überlegen wir noch einen Flamingo zu grillen, doch wahrscheinlich ist da nicht so viel dran… nur Beine. Schön ist aber, dass wir zwei sehr nette Italiener, Paola und Silvano, im Hotel treffen und uns mit ihnen beim Abendbrot austauschen. Sie waren schon oft in Bolivien zum Radurlaub, nun zum ersten Mal für eine längere Zeit: sechs Monate bis Ushuaia. Sie haben ihre Räder selbst zusammen gebaut, ihre eigene Radmarke erfunden und sich passende Trikots dazu bedrucken lassen. Très chic! Und sehr professionell. Eine Idee für wenn wir mal Geld haben…

Laguna Cabana - Kein Eis, sondern Salz!

Laguna Cabana – Kein Eis, sondern Salz!

Mörderpiste zwischen Cabana und Hedionda

Mörderpiste zwischen Cabana und Hedionda

Laguna Hedionda

Laguna Hedionda

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das EcoHostal "Flamecos"

das EcoHostal „Flamecos“

Hedionda am nächsten Morgen

Hedionda am nächsten Morgen

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Die Beiden bleiben noch einen Tag länger, da sie noch Gepäck mit einem Jeep verschicken wollen. Wir machen uns nach einem sehr gemütlichen Frühstück mal wieder viel zu spät auf den Weg. Die Flaschen haben wir nochmal bis auf 20 Liter aufgefüllt, allerdings ist das Wasser des Hotels „leicht salin“ – auf gut deutsch scheusslich salzig. Der Hotelbesitzer meinte, dass es die Radfahrer immer tränken. Ich weiß ja nicht… zum Glück haben wir noch 10 Liter Frischwasser übrig. Das Andere nehmen wir dann wohl erstmal nur zum Kochen.

Der Tag ist eine ganz angenehme Mischung aus Schieben und Radfahren. Schon um 14 Uhr sind wir an der beschriebenen Campingmöglichkeit an der Engstelle eines sandigen Tales. Die nächste soll laut der Beschreibung erst in weiteren 20 km kommen, sodass wir einengemütlichen Lesenachmittag mitten in der Wüste einlegen. Gegen Abend bekomme ich Kopfschmerzen, wir sind auf 4570 m. Ich nehme eine Paracetamol, die leider keine Wirkung zeigt. In der Nacht wache ich mit rasenden Kopfschmerzen auf, nehme eine Ibuprofen und schlafe wieder ein. Am Morgen leider keine Besserung. Ich nehme noch eine Ibu, die wieder nicht hilft. Eigentlich haben wir alles richtig gemacht. Wir waren eine ganze Woche am Titicacasee auf 3800 und jetzt die letzte Woche in La Paz und am Salar auf 3600 m. Die letzten zwei Tage haben wir auf 4100 m übernachtet, ohne Probleme. Man soll nicht mehr als 1000m in der Woche aufsteigen, auch das haben wir also eingehalten. Also warum werde ich höhenkrank??

schöne Laguna (Santa Cruz)

schöne Laguna (Santa Cruz)

hinter den ersten Lagunen wird mal wieder nur geschoben

hinter den ersten Lagunen wird mal wieder nur geschoben

Zeltplatz auf 4575m

Zeltplatz auf 4575m

Mist, mist, mist. Laut Leitlinien dürfen die Beschwerden 24h anhalten und man soll auf der Höhe bleiben. Wenn sie dann nicht verschwinden muss man absteigen um 500 bis 1000 Meter. Absteigen bedeutet in unserem Fall abbrechen: San Pedro de Atacama am Ende der Lagunenroute ist der einzige Ort der unter 4000 m liegt. Der Tag ist anstrengend. Ich lasse es sehr langsam angehen, am Morgen schiebe ich nur. Toto kommt immer wieder zurück, hilft beim Schieben oder fährt mein Rad vor. Am Nachmittag sind die Kopfschmerzen besser und ich fahre wieder. Wir sind optimistisch. Wir passieren den Abzweig zu einem weiteren Luxushotel (Hotel Desierto), das nur 1,8km von der Straße wegliegt und eine weitere Wasserquelle ist. Unsere Vorräte sind noch ziemlich voll und daher verzichten wir auf den Abstecher. Andere Radler haben hier aber Wasser gekriegt und sogar einen kostenlosen Schlafplatz im Jeep-Chauffeurszimmer mit kostenlosem Frühstück!

Lauf, kleines Vicuna, lauf!

Lauf, kleines Vicuna, lauf!

"Abfahrt" zum Hotel Desierto - Abschub trifft es besser

„Abfahrt“ zum Hotel Desierto – Abschub trifft es besser

hier rects abbiegen zum Hotel El Desierto!

hier rects abbiegen zum Hotel El Desierto!

technisches KO in der 149. Kurve

technisches KO in der 149. Kurve

Laura - wo ist Dein Rad???

Laura – wo ist Dein Rad???

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Hinter dem Abzweig geht es gefühlt eeeeewig durch eine leicht ansteigende Schotterwüste, die ca. zu 50% fahrbar ist, bevor sie am Ende in eine besser unterhaltene Art Straße (!) übergeht. Wir wählen einen Campingplatz in einem verlassenen Haus, der laut Beschreibung auf 4300m liegen soll. Stimmt leider nicht. Liegt vielmehr wieder auf ca. 4550 m. Doch mir geht es gut. Es ist mal wieder erst 14 Uhr. Unsere Unterkunft hat zwei Zimmer, ein Schlafzimmer und ein Esszimmer, welch Luxus! In der Nacht wache ich aber wieder mit rasenden Kopfschmerzen auf! Nein!!! Ich mache mir gar nicht die Mühe eine Schmerztablette zu nehmen, wirkt eh nicht, und schlafe gottseidank wieder ein. Am nächsten Morgen geht es mir wieder gut. Was tun? Die 24h Regel ist überschritten, aber nun geht es mir ja wieder gut. Das heutige Etappenende ist an der Laguna Colorado, die nur auf 4300 m liegt. Also fahren wir weiter. Ich trinke viel, vielleicht liegt es auch nur daran, dass wir Wasser sparen, weil wir immer Angst haben, dass es uns ausgeht? Leichte Kopfschmerzen stellen sich ein, aber nichts weiter Dramatisches. Wenn es an der Lagune nicht ganz weg ist, müssen wir abbrechen.

verlassenes Haus 10km vor dem Arbol de Piedra

verlassenes Haus 10km vor dem Arbol de Piedra

bietet perfekten Schutz

bietet perfekten Schutz

Vorzelt passt leider nicht

Vorzelt passt leider nicht

stilsicher mit Entenpopo

stilsicher mit Entenpopo

wie am Strand - kriegen auch Sonnenbrand

wie am Strand – kriegen auch Sonnenbrand

unser Frühstückstisch im Nachbarraum

unser Frühstückstisch im Nachbarraum

unser Nachtquartier - "tu hostal" scherzt der Jeepfahrer, der uns 2l Wasser schenkt - DANKE!

unser Nachtquartier – „tu hostal“ scherzt der Jeepfahrer, der uns 2l Wasser schenkt – DANKE!

Fortsetzung folgt!

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Gute, doch etwas veraltete Beschreibung der Lagunenroute von tour.tk

Unser update dazu

Salz im Getriebe

Uyuni ist ein riesiges Touriloch mit entsprechenden Preisen. Leider können wir nicht direkt nach dem Nachtbus zum Salar durchstarten, sondern müssen eine Nacht hiee verbringen, da Toto noch einige Reparaturen an seinem Rad vornehmen muss. Am nächsten Morgen schicken wir für nur 50 Bolivianos (6 Euro) einen prall gefüllten 79l Seesack (ca. 20kg) mit einer der zahlreichen Jeep-Firmen (Estrella del Sur) nach San Pedro vor und dann geht es deutlich erleichtert los zum Salar. Der Salar de Uyuni ist die größte Salzwüste der Welt (10.000 km²!!!). Entstanden ist sie durch das Austrocknen des Tauca Salzsees vor mehr als 10.000 Jahren. Neben Salz, soll hier in Zukunft auch das begehrte Lithium, welches man vor allen Dingen zur Herstellung von Akkus benötigt, gewonnen werden. Der medizinisch verwendete Anteil des Lithiums beträgt übrigens nur 2%. Tatsächlich befinden sich hier die wohl größten Lithium-Reserven der Welt (70% des weltweiten Vorkommens). Bei dem stätig steigendem Bedarf an Handys, Laptops und in Zukunft vielleicht auch Elektroautos eine sehr lukrative Geschichte. Es wird geschätzt, dass die Vorräte ganze 5.000 Jahre den Weltmarkt sättigen können – eine tolle Perspektive für Bolivien! Schade, nur dass diese surreale Landschaft dafür zerstört werden muss. Gut, dass wir nicht erst im Jahr 7014 hergekommen sind! Aktuell gibt es nur Probebohrungen, die experimentieren, wie man das Lithium in der nötigen Reinheit (99,5%) gewinnen kann.

Etwas aufgeregt sind wir, ob der Salar noch fahrbar sein wird oder ob schon Wasser auf seiner Oberfläche steht? Die Jeeps fahren auch noch bei bis zu 20cm Wasser (tolle Fotos von spiegelnden Wolken bei Google!), aber unsere Räder wären sicher schrottreif nach der Fahrt durchs Salzwasser. Über eine im Bau befindliche Straße, die noch für Autos gesperrt ist erreichen wir den unscheinbaren Ort Colchani. Hier ist außer Luxushotels, in denen alles aus Salz ist, nichts geboten, und der Ort vermittelt den Charme einer öden Westernstadt.

Colchani train station - hier steht nichts außer Salzhotels

Colchani train station – hier steht nichts außer Salzhotels

Auf dem Weg zum Salar scheint es dann, also würde uns jemand mit aller Macht abhalten wollen. Erst fällt mir auf, dass mein Tacho, der sowieso nur noch als unsere Uhr fungiert, kaputt ist. Dann merke ich, dass auch mein E-Werk aus unerfindlichen Gründen nicht lädt. Dies brauchen wir zum Aufladen des Akkus mit dem wir nachts das Handy wieder aufladen – unsere einzige Navigierhilfe. Gleichzeitig merkt Toto, dass das USB-Kabel, mit dem er über sein USB-Werk das Handy tagsüber laden möchte einen Wackelkontakt hat und somit bei ihm auch nicht lädt. Aber der Super-GAU: Das GPS funktioniert auch nicht mehr. Toto hatte am Tag vorher die Software aktualisiert und nun findet er kein GPS-Signal mehr. Auf einer weißen Ebene, ohne Anhaltspunkte, nur mit einem kleinen Kompass ausgestattet und ohne gute Karte eine 80km entfernte Insel zu finden, ist dann doch etwas sportlich. Vertut man sich auch nur um wenige Grad in der Himmelsrichtung, landet man im Nirgendwo. Also was tun? Unsere Rettung sind zwei nette Engländer, die wir am Rand des Salars treffen. Sie verraten uns das WLAN Passwort ihres in der Nähe liegenden Luxus-Salzhotels. So können wir dann vielleicht mit Hilfe des Internets zumindest das Update rückgängig machen, um wieder ein GPS Signal zu haben.

Dort radeln wir also hin und wollen gerade die Hotellobby betreten, als das Handy beschließt, doch wieder zu funktionieren! Welch ein Glück! Auch das Stromproblem können wir lösen: Das kaputte Kabel funktioniert mit meinem E-Werk an Totos Rad. Frohen Mutes machen wir uns also auf in die Salzwüste! Schon wartet der nächste Schock auf uns: Wasser! Auf dem Salar! Und das nicht zu knapp. Verdammt! Das kann doch nicht sein. Riesige Pfützen. Wir schieben fluchend um die Pfützen durch den Salzmatsch. Wenn das nicht besser wird, können wir es vergessen. Doch nach den ersten hundert Metern, dann die erleichternde harte Salzoberfläche: Glück gehabt! Enttäuschend aber die Farbe: Nicht strahlend weiß wie auf Fotos von anderen Radfahrern, sondern mit braunen Salzkrusten. Später erfahren wir, dass der Salar jedes Jahr gegen Ende der Trockenzeit durch den Sand verschmutzt ist und in der Regenzeit wieder weiß gewaschen wird. Wir machen das Beste raus. Die braunen Vielecke sehen aus wie Eisschollen – auch nicht schlecht. Die unendliche Weite führt zu lustigen optischen Phänomenen. Der Horizont flimmert, sodass die Jeeps in der Ferne aussehen wie gigantische vorbeisausende Rollschuhe und weit weg gelegene Felsen wie landende UFOs.

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warum hexagonal? Gewinner wird unter allen Einsendungen verlost und gewinnt ein Schlüsselanhängerlama

warum hexagonal? Gewinner wird unter allen Einsendungen verlost und gewinnt ein Schlüsselanhängerlama

GPS hilft weiter

GPS hilft weiter

doppelt geschützt mit Gletscherfaktor 800

doppelt geschützt mit Gletscherfaktor 800

Vorsicht, Loch! - davon gibt es scon viele zu dieser Jahreszeit!

Vorsicht, Loch! – davon gibt es scon viele zu dieser Jahreszeit!

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Seht ihr die riesen Rollschuhe?

Der Weg zur Insel Incahuasi ist weit. 80 km geht es durchs das Nichts. Erschwert wird das Ganze noch durch starken Gegenwind. Aber irgendwann taucht sie dann in der Ferne auf mit ihren zahlreichen Kakteen. Ganzjährig wird der Felsen von einem alten Ehepaar bewohnt. Zur Touristensaison ziehen noch zusätzlich einige Arbeiter her. Wir dürfen vor dem Haus der alten Frau unser Zelt aufschlagen, mit Blick über den ganzen Salar. Um 18 Uhr verschwinden dann die letzten Touristenjeeps und wir sind mit den Bewohnern ganz allein. Wir essen auf den aus Salzblöcken bestehenden Tischen Spaghetti – fehlt Salz, leckt man einfach am Tisch – genial! Toto kickt mit einem der Arbeiter Fußball im Abendlicht. Später spielen noch alle zusammen Volleyball. Wir genießen die Sonnenuntergangsstimmung über der weiten Fläche.

Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht endlich die Insel auf!

Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht endlich die Insel auf!

Isla Incahuasi

Isla Incahuasi

Jeepauffuhr - schon bald sind alle verschwunden!

Jeepauffuhr – schon bald sind alle verschwunden!

Zeltplatz Isla Incahuasi

Zeltplatz Isla Incahuasi

die Bewohner beim abendlichen Volleyball über Flaggen - wir kicken Fußball mit

die Bewohner beim abendlichen Volleyball über Flaggen – wir kicken Fußball mit

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für die nächste Kogabroschüre

für die nächste Kogabroschüre

Isla Incahuasi

Isla Incahuasi

Laura genießt den Sonnenuntergang

Laura genießt den Sonnenuntergang

achne, doch nicht

achne, doch nicht

Am nächsten Morgen hat es sich schnell erledigt mit der Nachtruhe. Um 4.30 Uhr fallen die Touristenmassen zum Sonnenaufgang ein – welch Pein. Verschlafen kriechen wir aus dem Zelt und werden gleich mit zahlreichen Fragen bombardiert. Nach dem Frühstück flüchten wir schnell um die nächste Ecke (die einzige, weit und breit) hinter die Insel außer Sichtweite, um die Perspektivlosigkeit ausnutzen und noch ein paar slapstick Fotos zu schießen.

Reckturner Laura

Reckturner Laura

achso, ihr habt zwei Größen dabei?

achso, ihr habt zwei Größen dabei?

wie wir damit nach Chile kommen wollen?

wie wir damit nach Chile kommen wollen?

40 km später wird die Oberfläche immer unruhiger und mit dem Ende des Salar finden wir uns auf einer miesen Sandpiste wieder – ein kleiner Vorgeschmack auf die Lagunenroute. Etwas besser sind die Nebenspuren auf einem kleinen Salar daneben, um danach wieder in der gemeinsamen schlechten Schotterpiste zu münden. Die letzten Kilometer vor San Juan, auf der sogenannten „Hauptstraße“ werden wir mal wieder von einem übelsten Gegenwind heimgesucht, der größtenteils kein Radfahren ermöglicht. So erreichen wir mit letzter Kraft San Juan um 18 Uhr, ärgern uns über die Hotelpreise, finden aber schließlich ein akzeptables und warten erschöpft auf das Abendbrot.

Laura auf der Reise in 80km  Nichts

Laura auf der Reise in 80km Nichts

Matsch am Ende des Salars

Matsch am Ende des Salars

Route nach San Juan

Route nach San Juan

Der Witz des Abends ist dann, dass ein Touri die einzige (!) Gemeinschaftsdusche irgendwie kaputt macht und die Hoteldirektion sich auch außer Stande sieht irgendetwas daran zu ändern oder Ersatz zu schaffen. Erst nach ausführlichem Jammern von meiner Seite sagen sie plötzlich, na gut… ich schließe Dir Euer Privatbad auf. Wie bitte? Jedes Zimmer hat eigentlich ein privates Bad, das sie abschließen? Aha. Naja, die Dusche ist dann arschkalt, aber immerhin eine Dusche nach zwei sehr anstrengenden Radtagen – der einzige Grund, warum wir überhaupt ins Hotel eingecheckt haben. Erschöpft fallen wir nach dem Abendessen direkt ins Bett, doch die laute Musik der Aufräum-Mannschaft in der Küche verhindert bis Mitternacht das Einschlafen. Vier Stunden später dann fängt die Morgenschicht der Küche an. Halleluja, freuen wir uns aufs Wildcampen! Wir füllen 20 Liter Wasser auf und ergänzen unsere Essensvorräte um Kekse und Nudeln, sodass wir genug Wasser für drei und Essen für fünf Tage haben. Nach den Einkäufen ist es dann schon recht spät als wir endlich aufbrechen können zur legendären Lagunenroute!

Etwas nervös sind wir. Werden wir es schaffen? Oder sind wir langsamer als die angegebenen Zeiten und uns wird dementsprechend das Wasser ausgehen? Viel haben wir gehört. „Härteste Strecke Südamerikas.“ „Man schiebt fast nur.“ „Es wird nachts -20° C.“ Lange haben wir überlegt, ob wir Asphaltliebhaber überhaupt hier fahren sollen… Wir hatten Zweifel, ob die Strecke berühmt ist weil sie wirklich schön ist oder einfach nur wegen der Strapazen. Jetzt kennen wir die Antwort – dazu später mehr.

Fortsetzung folgt!

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Die etwas andere Seite von La Paz – Grundschule, Gefängnisse, Garantie-Gnatsch und Gasa de Ciclistas

Alberto und Lucy helfen uns die Räder und Taschen in den ersten Stock hieven und wir wissen sofort, dass dies wieder eine casa ist, die ihren Namen verdient. Es gibt ein ziemlich gemütliches Wohnzimmer, eine gut eingerichtete Küche und viele Schlafplätze eine Etage höher. Das Haus liegt perfekt zentral in La Paz zwischen Touristen- und Businessdistrict. Der Inhaber Christian ist für länger außer Haus, aber er wohnt sowieso gar nicht dort, sondern die Wohnung ist allein für Radler und wird mehr oder minder selbst von ihnen verwaltet. Dafür kostet diese casa auch offiziell 20 Bolivianos, also 2,10 Euro pro Nacht und Nase. Wir wärmen uns erstmal bei einer Tasse Tee auf und freuen uns danach sehr, als mit Quique noch ein weiteres bekanntes Gesicht auftaucht.

Mit dem Schmuddelwetter des Empfangs haben wir gar keine rechte Laune außer Haus zu treten, aber tun es schließlich doch, um uns großzügig mit Luxusartikeln (für Reiseradler) wie Müsli, Joghurt, Marmelade und Zimtschnecken aus der exildeutschen „Kuchenstube“ einzudecken. Aus dem Supermarkt kommend ist der Himmel dann aufgerissen und wir lassen uns die Chance natürlich nicht nehmen, das Zentrum ein wenig zu erkunden. Die Stadt ist gigantisch und liegt in einem Talkessel umgeben von bewachenden Schneegipfeln. Das eigentliche touristische Zentrum ist ganz anders als bei den Kolonialstädten zuvor kein homogen erhaltenes Altbauviertel, sondern ein eher modern, chaotisch und  – nüchtern betrachtet – hässliches Straßengewirr. Das eigentlich koloniale Zentrum mit der Plaza de Armas liegt gegenüber dem was einst der Stadtfluss war und heute vierspurige Stadtautobahn ist – mit dem ungenießbar verdreckten Fluss in Tunneln darunter.

Am nächsten Tag lassen wir uns von der hervorragenden free walking tour La Paz das Ganze noch einmal genauer erklären. Los geht es am sagenumwobenen Knast „San Pedro“. Hier sitzen 2500 Insassen – von 8 (!) Wärtern bewacht – und büßen für ihre Taten. Das Gebäude liegt mitten im Zentrum und ist von außen unspektakulär. Früher allerdings war es möglich – dank eines findigen Insassen – das Gebäude von innen bei dubiosen Führungen zu erkunden, die gerne auch mal Kokainkonsum, Vergewaltigungen, Raub oder Drinnenbleiben nach sich zogen. Heute sind diese Scherze untersagt, allerdings versuchen immer noch zahllose Gringos mit Tricks („Ich bin Missionar!“, „Ich möchte Herrn Sanchez besuchen“, „Oops, mir ist da wohl ein 10$ Schein runtergefallen“) hineinzukommen. Angeblich müssen die Häftlinge ihre Zelle selbst bezahlen und die Preise variieren zwischen 20 Bolivianos pro Monat in der Fünferzelle „Sardine“ bis hin zu 5000 Euro pro Monat für die Suite mit Jaccuzi, Flachbildfernsehern  und – ungewöhnlich für ein Gefängnis – eigenem Ausgang zu jeder beliebigen Zeit. So ist das Gefängnis in acht verschiedene Bezirke unterteilt die von demokratisch gewählten Gefangenen verwaltet werden. Wer das Geld hat kann sich auch Zellen kaufen, für den Eigenbedarf oder um sie an andere weiter zu vermieten – der Immobilien handelt blüht. Dank wenig Expansionsmöglichkeiten und hoher Kriminalitätsrate ist in naher Zukunft auch nicht zu erwarten, dass die Immobilienblase platzt. Geld verdienen kann man in dem man z.B. ein Restaurant oder Café eröffnet, die Gefangen müssen schließlich Essen, oder Kunsthandwerk betreibt, welches die Familie vor dem Gefängnis an Touristen verkauft etc.- so viel zu den legalen Möglichkeiten. Die Familien, also auch die Kinder, wohnen übrigens aus Geldnot oft mit in der Zelle des Gefangenen – schließlich zahlt man Miete. Da acht Wärter eigentlich eine Farce sind, sorgen die Gefangenen selbst dafür, dass niemand ausbricht, damit die lockeren Haftkonditionen mit gefängniseigener Kokainproduktion, Ausgang für die Bosse und gestattetem Damenbesuch so bleiben. Ab und zu fliegt wohl ein Päckchen Kokain aus dem Dachfenster auf die Plaza San Pedro und wird vom zugehörigen Dealer dann unter die Bedürftigen verteilt. Puh!

Weiter geht es zum Stadtmarkt, der sich an Hochtagen (Samstag und Sonntag) 20 Blocks in alle Richtungen erstreckt. Hier gibt es leuchtend bunt alle Gemüse- und Obstsorten, die man sich nur erträumen kann – vor allem die Kartoffelauswahl ist beeindruckend! Es gibt nicht nur alle Kartoffel aus Europa, sondern weiße, schwarze, getrocknete (bis zu 20 Jahre haltbar) und solche, die aussehen wie Katzenhinterlassenschaften.

An der Führung begeistert uns vor allem, dass weniger auf die Gebäude links und rechts eingegangen wird, als vielmehr auf die Sitten und Bräuche der Bewohner. So erfahren wir, warum die Frauen so fluffige Röcke haben: von den europäischen Herrinnen geschenkt – daher zu lang und Raffen nötig. Außerdem werden 10 Röcke und auch Blusen übereinander getragen: Breite Hüften und ein starkes Aussehen ist hier nämlich sexy! Das aufreizendste Körperteil einer Andenfrau (Chola bzw. Cholita) sind übrigens ihre strammen Waden – wann immer sie einen Mann anflirten möchte dreht sie sich leicht zu Seite und lüftet ihre Rocklagen ein Stück. Die Topmodel unter den Andenfrauen sind dementsprechend die Cholita Wrestling Frauen – sie prügeln sich jeden Sonntag in einem Ring in El Alto, da bei ist alles erlaubt um die Gegnerin zu besiegen! Und auch warum auf den Straßen tote Lamaembryos verkauft werden – als Opfergabe an die Erdmutter Pachamama nötig bei jedem Neubau. Für besonders große Bauprojekte benötigt man aber ein Menschenopfer, dafür wurden wohl bis in die 80er Jahre gerne mal Trunkenbolde eingesammelt und lebendig einbetoniert, damit Pachamama ihnen den Lebenssaft zum Opfer aussaugen kann. Ob dieser Brauch noch andauert, darüber gibt es die wildesten Theorien, aber angeblich weigern sich die Bauarbeiter weiterhin mit dem Bau zu beginnen, wenn dieses Opfer noch nicht erbracht wurde, da sonst einer von ihnen von der Erdmutter „geholt“ wird.

Außerdem sind die Exkurse in die ehemalige und Tagespolitik interessant. So zwang ein ehemaliger bolivianischer Präsident den englischen Botschafter gegen dessen Willen mit einer Pistole am Kopf zum Trunk von Chicha (Maisbier), was dieser angewidert von sich wies. Der Präsident ließ ihn dann noch von einem Maultier um den Platz schleifen und wunderte sich dann, dass die englische Queen Bolivien von allen Landkarten radieren ließ und den Krieg erklärte. Allerdings traf nie ein englischer Soldat in Bolivien ein. Tant pis. Ein anderer Präsident schenkte Brasilien ein gigantisches Stück Urwald im Tausch gegen die vorzügliche Stute des Botschafters, die allerdings zwei Monate später verstarb. Mehrere andere Präsidenten wurden aus dem Palast gezerrt und am nächsten Laternenpfahl aufgeknöpft – meist wurde der Knöpfende selbst Nachfolger. Man ahnt also, warum Bolivien in seiner Entwicklung durch seine Anführer eher behindert als inspiriert wurde, bis ja bis… schließlich Evo Morales an die Macht kam. Selbst armer Cocabauernsohn gilt er sicher nicht als der hellste Kopf des Landes, aber hat es mit seiner ehrlichen Haut und seinem Interesse allein an den Armen des Landes mit seiner „Bewegung zum Sozialismus“ geschafft, das Land wieder auf die Beine zu stellen, ausländische Ausbeutung einzudämmen und den Bolivianern einen veritablen Zukunftsglauben einzuimpfen. Daher gewann er folgerichtig auch die Wahlen vor knapp zwei Wochen wie zuvor mit absoluter Mehrheit. Seine dritte Amtszeit verdankt er aber auch einem kleinen Kniff, er ließ kurzerhand das Land umbenennen und argumentiert, es sei erst seine zweite Amtszeit im jetzt „Plurinationalen Staat Bolivien“.

In den weiteren Tagen treffen dann in der Casa auch Alizia und Lee ein, was zu weiterer Wiedersehensfreude führt!

Die Crew der Casa de Ciclistas in La Paz: von links nach rechts Lee, Laura, Leo, Quique, Toto, Alizia, Michael, Lucy und Alberto

Die Crew der Casa de Ciclistas in La Paz: von links nach rechts Lee, Laura, Leo, Quique, Toto, Alizia, Michael, Lucy und Alberto

Ein weiteres Highlight ist das Beschaffen einer neuen Benzinpumpe. Bei unserer war der Kolben abgebrochen und mit der notdürftig geflickten Version konnten wir uns nicht auf die Lagunenroute (angeblich 10 Tage ohne Essen) wagen. So suchten wir das örtliche Tatoo Outdoorgeschäft auf, das die Pumpe mehrfach vorrätig hatte, uns aber keine aushändigen wollte – nicht einmal verkaufen! Wir mussten also selbst bei MSR anrufen – amerikanische Einfachheit: kein Problem, Pumpe geht raus an Tatoo. Noch nicht einmal gefragt, wie sie kaputt ging, ob wir sie überhaupt gekauft haben, etc. … Also wieder zu Tatoo: Nein, Chef nicht da. Dann später: nein, morgen. Ok am nächsten Tag: nein, Chef nicht da. Dann später: nein, erst die Alte bringen (was nicht nötig ist laut MSR). Also wieder MSR anrufen, Mailkontakt wieder zu Tatoo: Nein, Chef nicht da. Dann später: Ok, hier habt ihr eure Pumpe. Man! Wir lassen es uns nicht nehmen, noch zwanzig Minuten mit den Jungs zu debattieren, bis sie uns verstehen: Wer MSR verkauft, muss auch MSR Kundenservice anbieten. Und bis wir sie verstehen: Das Paket von MSR mit der Ersatzpumpe kann dank der „guten“ Beziehungen USA – Bolivien bis zu EIN JAHR (!!!) im Zoll stecken und sie in der Zwischenzeit die Küche nicht verkaufen. Da sind wir aber froh, dass wir uns das Paket nicht direkt haben schicken lassen… Das Beste daran ist aber, dass ich einen Tag später Alberto und Lucys defekte Pumpe endgültig zerbreche und sie am gleichen Tag von Tatoo problemlos Ersatz bekommen – haben sich wohl unsere Mails an MSR und Diskussionen bezahlt gemacht.

Von Tobi aus Marburg hatten wir die Adresse der Schule „Kurma Wasi“ (Regenbogen) gekriegt, die in einem Vorort von La Paz/El Alto liegt. Da es uns natürlich interessiert, wo die Hilfe der Elisabethschule hinfließt und was daraus wird, klingeln wir den FSJler Tim an, der super nett ist und uns zum Kennenlernen einlädt. Wir sind überrascht, dass uns der Schulbus sogar fast vor der Haustür im Zentrum abholt, obwohl die Schule weit außerhalb liegt. Weiterer Grund zum Wundern: niemand steht – es gibt reservierte Plätze! Wir erinnern uns noch an die Prügeleien bei uns im Bus und an den Verliererplatz zwischen Scheibe und Rucksacks des Nebenmanns. Die Kinder sind ausgesprochen liebenswürdig und brav.

Der Campus der Schule würde wohl so manche deutsche Schule vor Neid erblassen lassen. Auf einem Grundstück am Hang mit Blick über die Berge ringsum stehen kleine Gebäude, die eher an eine Ferienkolonie als an eine Schule denken lassen. Auf dem Hof grasen Schafe, ein Lama und Hühner gackern umher. Jede Klasse kümmert sich um eine Tiergattung. Außerdem gibt es ein Gewächshaus, ein Theater, lichtdurchflutete Räume, eine Kantine, Fußballplatz und reichlich Freifläche. Da heute zufällig das Stadtfest des Ortes ist, fallen die meisten Klassen wegen eines Umzugs aus und wir dürfen uns die Aymaraklasse anschauen. Aymara ist die eigentliche Sprache der Gegend, die heute aber nur noch die Bauern als Muttersprache lernen. Wir klatschen, und singen aus voller Kehle mit und lassen beim Auqui-Auqui, dem dazu passenden Tanz die Hüften kreisen. Natürlich lassen uns die Kids blass aussehen.

Mr Lama Lama - das Schullama

Mr Lama Lama – das Schullama

Campus der Kurma Wasi Schule

Campus der Kurma Wasi Schule

Die Atmosphäre ist sehr locker. Mehrfach stehen Schüler auf, unterbrechen die Lehrerin oder schlagen ein anderes Lied vor. Die Schule ist gemäß Montessori-Konzept aufgebaut und erlaubt derlei Freiheiten. Allerdings gibt es kaum Gemeinheiten und die Schüler gehen rührend miteinander um. Pro Jahrgang wird auch ein geistig oder körperlich behindertes Kind in die Klassen aufgenommen und die Integration gelingt fantastisch. Ganz anders die anderen Schulen des Ortes, die beim Aufmarsch am Hauptplatz den Eindruck erwecken, das Wichtigste sei die blitzende Uniform, der Gleichschritt beim Aufmarsch und das Strammstehen bei der Nationalhymne.

Nach dem köstlichen Mittagessen haben wir noch die Chance Karin Boller, die Gründerin der Schule kennenzulernen, die mittlerweile nur noch „normale“ Lehrerin an der Schule ist. Sie erläutert uns den langen Weg der Gründung mit bürokratischen Strapazen, den Start in einem Privathaus ohne Alles, die immense Hilfe für den Aufbau des heutigen Campus durch die deutschen Gelder und den Weg zur selbsttragenden Finanzierung. Die Schule ist im Gegensatz zu den staatlichen Schulen nicht umsonst und kostet pro Kind ca. 70 Euro/Monat. Damit nicht nur reiche Bolivianer ihre Kinder hierherschicken, wurden vor zwei Jahren noch 60% durch Mehrbeiträge Wohlhabender subventioniert. Das allerdings sei nicht mehr tragfähig und daher würden nun nur noch ca. 40% unterstützt. Die Schüler kommen zu gleichen Teilen aus dem eher reichen Zentrum und dem neureichen Süden, dem armen El Alto und dem sehr armen Ort selbst. Können sich Eltern das Schulgeld nicht leisten, helfen sie oft einen Tag der Woche in der Küche mit. So werden Arm und Reich gemeinsam groß – der dritte Jahrgang absolvierte gerade das „Abitur“ mit unglaublich vielen Unikarrieren im Anschluss.

Außer Tim, sind auch noch Claudia und die Schweizerin Maya – allesamt FSJler nach dem Abi – zur Unterstützung der Lehrerschaft und Mithilfe in der Schule da. Natürlich eine ungemeine Stütze und Bereicherung für die Kinder, denen so neben gutem Englischunterricht auch der Kontakt zur europäischen Kultur ermöglicht wird.

Wir fragen uns nun im Anschluss: wäre es besser, nur die Ärmsten der Armen zu unterstützen, da in „Kurma Wasi“ ja auch viele Kinder der reicheren Schicht der Stadt unterrichtet werden? Oder ist gerade das Gemeinsame wichtig? Ist es wirklich sinnvoll Schüler aus der ganzen Stadt per Bus einzusammeln und 20km außerhalb zu fahren? Würde an einer ärmeren staatlichen Schule die Hilfe überhaupt ankommen oder einfach verpuffen? Trotz aller Widersprüche, in der sich wohl eine unkonventionelle, gut ausgestattete und begeisternde Schule in einem Land wie Bolivien befinden muss, sind wir wirklich beeindruckt und wünschen der Schule natürlich von Herzen das Beste!

Nach dem Schulbesuch geht es für uns mit dem Sammeltaxi nach El Alto. Hier gibt es den größten Markt der Stadt. Bestimmt 40 Blocks erstreckt er sich und hat für alles eine eigene Abteilung. Besonders absurd ist die Autoabteilung. Hier sitzen ausnahmsweise Marktmänner auf den Decken und bieten jede Schraube und jedes noch so absurde Motorteil feil, das man sich nur vorstellen kann. Wer die Käufer sind, woher sie wissen, dass es hier den Vergaserkappendeckel Größe 4 von VW gibt und zu welchem Preis, bleibt uns natürlich ein Rätsel. Unsere Radlermitbewohner auf Zeit haben von den Ersatzteilen der Radabteilung geschwärmt, die wir jedoch Gott sei Dank nicht brauchen. Leo, ein Brasilianer allerdings blickt mit eher gemischten Gefühlen auf den Markt, da ihm dort Geld, Kreditkarten und Pass geraubt wurden und er so einen Monat in La Paz gefangen war, bis alles wieder bei ihm eintraf.

Dank Wochentag ist der Markt bei uns nicht ganz so überlaufen wie sonst und wir kommen mit allen Habseligkeiten wieder heraus. Noch einmal stehen wir am „Cumbre“ – am Gipfel und Eingang zur Stadt und dem Talkessel. Diesmal ist uns die Sonne hold und wir genießen das Panorama über dieser Mega-City. Lautlos schweben wir zurück ins Zentrum. Seit einer Woche (!) gibt es nämlich mehrere Linien des Telefériqo – einer Art Skilift, der bei der Steile der Hänge hier die beste und effizienteste Transportform erscheint. Betritt man den Neubau der „Bergstation“ denkt man, man sei in der modernsten Stadt Europas mit blitzenden Edelstahlfronten, Mülltrennung und FREE WIFI sogar in den Kabinen! Wie in eine andere Welt entrückt, genießen wir die Blicke beim Abfahren. Besonders lustig ist es, den Einheimischen zuzusehen, die das Spektakel offenbar auch noch nicht kennen und voller Angst, Freude und Begeisterung juchzen, Fotos machen und an der Scheibe kleben.

Blick über La Paz

Blick über La Paz

die Liftsäulen in die Stadt gequetscht

die Liftsäulen in die Stadt gequetscht

ziemlich steil!

ziemlich steil!

La Paz klebt am Hang

La Paz klebt am Hang

Mit Hamsterkäufen, Stadtbummeln und gemeinsamen Kochen in der Casa gehen dann unsere Tage in La Paz dem Ende zu und wir wollen weiter direkt nach Uyuni, da wir vor der hereinbrechenden Regenzeit noch im Trockenen über die Salzwüste brettern wollen. So verabschieden wir uns von den netten Radlern und besteigen den Nachtbus (6 PM, Panasur), der superbequeme Sitze hat und so ruhig fährt, dass wir 12 Stunden nicht gut, aber doch anständig schlummern und erst wieder in der knochentrockenen Wüste um Uyuni aufwachen.

Salzwüsten und Lagunenroute warten und werden uns wohl die nächsten knapp zwei Wochen außer Erreichbarkeit – und hoffentlich in Begeisterung – versetzen.

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