Der Weg zurück nach Cusco

Am Abend in Aguas Calientes schildern wir unserem sehr netten Hotelinhaber unser Problem, dass wir mit zwei Fahrrädern an einem der wenigen Orte in Peru sind, zu dem gar keine Straße führt. Zufällig sitzt in der Lobby Edner, der Angestellte der Postfiliale von Aguas Calientes. Er hört interessiert zu und bietet uns am Ende an, die Räder für uns zu verschicken, da seine Frau eine örtliche Passnummer habe und er die Räder somit fast umsonst verschicken könne. Wir sind etwas skeptisch und fragen, was PeruRail wohl dazu meint, wenn er mit denselben Gringo-Rädern am Schalter ankäme, die sie gerade noch für den zehnfachen Preis verschicken wollten …?! Kein Problem, sagt Edner – ich bin aus der Gegend, überlasst das mir und: die Räder werden ganz offiziell „von der Post“ verschickt, also könnte PeruRail dagegen nichts sagen. Halbwegs überzeugt legen wir uns schlafen und hoffen, dass das Angebot am nächsten Morgen noch steht.

Am nächsten Morgen steht vor allem niemand auf und so ist weder von Edner noch von unserem Hotel irgendjemand zu sehen. Das Post Office ist geschlossen und wir überlegen was zu tun ist. In die Richtung die wir schon kennen, 9km zurück über die Gleise nach Hidroelectrica und dann eine lange (6h) unansprechende Busfahrt wieder  über den Abra Malaga? In die andere Richtung 30km (!) Wanderung über die Schienen – mit den Rädern wohl eher schwierig und außerdem offiziell verboten. Schließlich sind wir aufbruchbereit, um Variante 2 in Angriff zu nehmen, als Edner doch noch um die Ecke biegt und uns unsere Räder abnimmt und in den Gepäckwagen verfrachtet. Laura lässt Isomatte, Schlafsack und Backroller am Rad, aber ich habe einfach zu viel Bammel, dass die Mitarbeiter von PeruRail sich an unserem Gepäck rächen und schultere daher alle Taschen für den langen Marsch zu „km82“.

Das ist der Kilometermarker der Bahnstrecke, an dem wieder eine Schotterstraße beginnt und man mit Sammeltaxis zurück nach Cusco fahren kann. Nach Ortsende beginnt ähnlich wie auf der anderen Seite von Machu Picchu ein wunderbarer Wanderweg neben den Schienen, der diese immer wieder quert. Auf den ersten Kilometern ist er so eben und fantastisch, dass ich mich schon sehr ärgere, dass wir nicht doch einfach geradelt sind – doch das wird sich im Verlauf noch ändern. Auf der anderen Seite der Bahnstrecke liegen weitere hübsche Ruinen, auch der wilde Rio Urubamba und die abwechslungsreiche Vegetation sorgen für eine schöne Wanderung, zumal das Wetter mit leichter Bewölkung auf unserer Seite ist. Nach ca. zwei Stunden Marsch überholen wir eine bunte Gruppe aus einer Spanierin, einem Kolumbianer und einem Argentinier, die sich Coca-kauend und Marihuana-rauchend über die Strapazen der Wanderung hinwegtrösten – sie sind außer uns die einzigen, die diesen cheap exit aus Aguas Calientes nehmen. Zu unsere Überraschung kommen uns auch nur geschlagene vier (!) Personen in die andere Richtung entgegen – on the railway track scheint auch off the beaten track zu sein.

Ruine hinter Aguas auf dem Weg nach "km82"

Ruine hinter Aguas auf dem Weg nach „km82“

Kurz nach unserer Mittagsrast warte ich auf Laura, aber diesmal kommt sie selbst nach 45 Minuten Wartezeit nicht, obwohl seit der letzten Pause erst 3km vergangen sind. Der Kolumbianer war in der Zwischenzeit vorbeigekommen und hatte gesagt, dass Laura „etwas weiter hinten“ sei. Mhm, irgendwas stimmt hier nicht, denke ich mir, aber da die Spanierin und der Argentinier noch hinter uns waren und auch noch nicht vorbei sind, warte ich also noch eine halbe Stunde. Nichts zu sehen und ich mache mir Sorgen. Vor dem Punkt, an dem ich gewartet habe gab es zusätzlich zur Bahnlinie noch einen Weg etwas links und rechts davon in den Büschen und über die Felder, aber hier wo ich warte eigentlich nicht… Dachte ich, bis ich zur nächsten Kurve weiterlaufe und auf den alternativen Weg stoße. Oh je! Aber ist Laura jetzt vorbei an mir auf dem anderen Weg oder mit irgendeinem Problem hinter mir?! Ich laufe den kleinen Weg zurück, nachdem ich die fürchterlich schweren Backroller in den nächsten Busch gepfeffert habe. 2km zurück, aber keine Spur von Laura – naja, wird schon voraus sein dann…

auch hier könnte man zumindest 60% gut radeln

auch hier könnte man zumindest 60% gut radeln

Ich marschiere weiter und suche panisch nach jemanden, den ich fragen kann. In einem dunklen Tunnel kommen mir endlich zwei Backpacker entgegen. Als ich sie mit meinem Handy beleuchte, stellt sich leider heraus, dass es ein uraltes verhutzeltes Andenpärchen ist. Ob sie eine Gringa gesehen haben, frage ich. Ja! Und gleichzeitig NEIN! Schießt es zurück. Opa hat nichts gesehen, aber Oma meint, doch da sei eine Gringa gewesen. Was die anhatte? Keine Ahnung, Rock/Hose/Rucksack/Tasche wird in allen Farben geraten. Aha. Kann ich also gleich vergessen die Info. Nach dem Tunnel ist eine enge Stelle und ein Zug rollt langsam vorbei. Ich frage den Bahnarbeiter, der hinten lässig raushängt. Der sieht vernünftig aus und behauptet, eine Gringa mit weißer Umhängetasche sei 2km hinter mir. Aha, also doch zurück! So setze ich mich wieder neben die Gleise und warte wieder geschlagene 45 Minuten.

schöne Blumen auf dem Weg

schöne Blumen auf dem Weg

Heute fahren Züge fast alle 30 Minuten – es scheint tatsächlich so, dass der Hauptteil der 2500 täglichen Machu Picchu Touristen hier mit dem Zug einrollt trotz der Preise! Die meisten schauen uns Wanderer mit einem bemitleidenden Blick à la „Guck mal, Schatz, die Armen!“ an. Allerdings genießen wir die Wanderung wegen der wunderschönen Natur und den vielen Ruinen tatsächlich – leider getrennt, denn wir haben es tatsächlich geschafft, uns auf einer einspurigen Bahnlinie zu verlieren! Am Ende ist es mir zu bunt und außerdem wird es in zwei Stunden dunkel. So beschließe ich zum „km82“ zu wandern, und sollte Laura da nicht sein, die Polizei in Marsch zu versetzen. Ich überhole noch einmal die Spanierin, die sich anscheinend auch an mir vorbeigemogelt hatte und die mir bestätigt, dass Laura immer vor ihr war… Am Ende bin ich wegen den über 30 Kilometern, der ganzen Kraxelei am Berg tags zuvor und wegen des schweren Gepäcks fürchterlich gerädert und die letzte Stunde beginnt es auch noch wie aus Kübeln zu gießen. Endlich ist das Schild „km82“ zu sehen und in der Dunkelheit wartet natürlich auch Laura neben dem letzten Sammeltaxi, das sie extra aufgehalten hat. Vier Stunden sind vergangen seitdem wir uns das letzte mal gesehen haben. Sämtliches Wasser und Essen hatte ich dabei, sodass Laura sich durstig und hungrig erst mal auf unsere Vorräte stürzt. Ich bin endlos froh, dass nichts passiert ist und wir holpern über die Piste zurück nach Ollantaytambo.

Flusstal vor "km82"

Flusstal vor „km82“

Dort kommen wir kaum aus dem Minibus, da unsere Beine so schwer wie Blei sind und wir können uns gerade noch warme Sachen anziehen, bevor auch schon ein Taxi hält und uns für 8 Soles nach Cusco fahren will. Das sind 2 Euro für 140km?! Der Busfahrer dahinter sagt uns: niemals!, der bescheißt euch und will uns selbst für 10 Soles mitnehmen, aber wir setzen uns lieber auf eine komfortable Rückbank als uns zwischen Schafe und Rucksäcke zu quetschen. Die Fahrt ist unglaublich entspannend und wir schlafen fast ein vor Wohlgefühl. Der Fahrer will dann noch einen Gast aufklauben, aber der Beifahrer sagt: nee, dann ist es für die zwei hinten zu eng. Wie nett! Stellt sich raus, dass es wohl ein wohlhabender, ständig telefonierender Businessman auf der Rückfahrt nach Cusco ist, der uns aus Nettigkeit für einen Obolus mitnimmt. So erreichen wir schläfrig die Plaza de Armas in Cusco. Die Beine brennen jetzt wie Feuer, wir kommen kaum die Treppenstufen der Altstadt rauf oder runter und brauchen für den letzten Kilometer zurück zum Hostal Estrellita eine gefühlte Stunde, bevor der lange Tag endlich ein Ende findet.

In Cusco genießen wir wieder die guten Restaurants, die schöne Stadt und die Gesellschaft von Lee und Susan (Lees Freundin, die zu Besuch aus Kanada ist). Wie verabredet, treffen wir uns zwei Tage später mit Edners Frau Mery, um gemeinsam die Räder am Bahnhof in Cusco abzuholen. Was für ein Schock, als sie uns mitteilt: Räder sind nicht da, kommen wahrscheinlich morgen – bis morgen um 10 Uhr – hasta luego! Wir bleiben etwas ratlos zurück … initial gar nicht so groß, wachsen dann die Zweifel über den Tag zu einer unerträglichen Anspannung. Haben die Bahnmitarbeiter die Räder geklaut? Ist alles nur abgekartet? Wann gehen wir zur Polizei? Am nächsten Morgen sind wir so nervös, dass Laura mit kaltschweißigen Händen zum Bahnhof trippelt. Von Mery keine Spur zur verabredeten Uhrzeit. Ich rufe sie nach 15 Minuten an, als sie auch schon durch die Tür tritt und sagt: ich brauche Hilfe beim Ausladen. Hinter der Tür steht auch schon das erste Rad – Lauras! – sie weint fast vor Glück. Ich hieve auch mein Rad noch aus dem Wagen und wir strampeln maßlos erleichtert zurück zum Estrellita. Strahlend bedanken wir uns bei Mery, ohne die wir wohl nicht so einfach wieder nach Cusco gekommen wären. Wie immer haben sich unsere Zweifel an den Leuten hier zerschlagen, hat alles prima geklappt (mit einem Tag Verspätung) und wie immer schwören wir uns „solche unsicheren Sachen“ nie wieder zu machen. Den Nachmittag schrauben wir an den von den Bergetappen Perus mitgenommenen Rädern herum, ersetzen Bremsklötze, entstauben und ölen – fast scheint es als würden wir uns bei unseren Drahteseln für die Vernachlässigung und die Gefahr des Verlusts entschuldigen wollen.

Schließlich ist unsere Zeit in Cusco zu Ende und wir lassen es gemütlich rollen, denn es geht nur zur Busstation. Die Strecke nach Juliaca und zum TITICACASEE gilt als viel befahren und nicht so schön – das lassen wir uns natürlich nicht zweimal sagen.

Mehr Bilder aus Cusco

Zur aktuellen Karte

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s