Die letzten Meter..

Der Aufstieg zum Abra Malaga von 2750 m auf 4350m ist zwar lang, aber zum Glück wie meist in Peru nicht besonders steil. In unendlich vielen Kehren zieht sich die Straße den steilen Hang hoch. An vielen Stellen erscheint es unmöglich, dass die Straße die Steigung irgendwie überwinden kann. In Vietnam hätten sie sicher einfach eine schnurgerade Straße nach oben gebaut. Morgens ist das Wetter noch gut, doch dann regnet es immer wieder. Lange ziehe ich keine Regenklamotten an, weil mir durch die Anstrengung zu warm ist. Vor dem Gipfel setzt dann starker Dauerregen ein, ich packe meine Regensachen aus – leider zu spät.

irre Straßenführung - fast jeder cm² ausgenutzt

irre Straßenführung – fast jeder cm² ausgenutzt

Am Gipfel angekommen ist mir trotz der Anstrengung arschkalt und danach fängt die fast 80 km lange Abfahrt an. Keine Chance mehr mich aufzuwärmen. Ich zittere. Wegen dem vom Vorderrad kommenden Rinnsal laufen auch noch unsere Schuhe voll Wasser – so einen Regen hatten wir noch nie – sie haben bis jetzt immer dicht gehalten. Wir glauben, dass wir nie wieder warm werden. Die Sichtweite beträgt dank Nebel abwechselnd zwischen zwei und zehn Meter. Das Tolle an der Strecke soll sein, dass man zunächst umgeben von Gletschern in den Dschungel abfährt. Toto meint einmal im Nebel ein Schneefeld auszumachen. Ansonsten bekommen wir von der wohl spektakulären Szenerie oben am Pass nichts mit. Da hat sich der fast sechsstündige Aufstieg ja richtig gelohnt!

Nach 20 km Bibbern und Bremsen kommt endlich ein kleines Dorf. Wir wanken zitternd in ein Restaurant. Ich ziehe die Schuhe aus und stelle mich vor den Kamin. Eine Frau betritt das Restaurant, kommt auf mich zu und fragt: Ist dir kalt? Ja, antworte ich immer noch am ganzen Körper zitternd. Sie: Bist du mit dem Rad hier runter gefahren? Ich: Ja und lächele sie an. Sie fängt mich anzuschreien, was ich für eine ignorante Person sei, hier mit dem Rad runter zu fahren. Jeden Tag führen hier tausende Ciclistas runter, sodass sie nicht mit dem Auto rasen könne. Und wenn sie einen von denen überfahre, müsse sie ins Gefängnis. Der Fakt, dass dann der Radfahrer tot wäre, scheint sie weniger zu stören. Eine Straße sei allein für Autos, nicht für Fahrradfahrer!! Man dürfe nur Radfahren, wenn es einen Radweg gäbe. Am Anfang denke ich noch ich verstehe sie falsch. Aber nein. Nachdem sie fertig ist, sage ich zu ihr auf Deutsch: „das muss ich mir jetzt echt nicht anhören“ und lasse mich erschöpft auf den Stuhl vor den Kamin plumpsen. In einem so jämmerlichen Zustand wurde ich wirklich noch nie angeschrien.

in der Mitte die Furie des Jahrhunderts

in der Mitte die Furie des Jahrhunderts

Toto hat mittlerweile mitbekommen was passiert, kommt herüber und legt sich mit ihr an. Wir können gerne die Polizei rufen sagt er, die erklärt ihnen dann für wen die Straßen sind. Lustigerweise betreten in dem Moment zwei Polizisten in ihrer Mittagspause das Restaurant. Sie erklären der Señora, dass sie vorsichtig fahren soll. Das Beste aber daran ist, dass an den Wänden überall ihr Gesicht hängt: Sie war tatsächlich die Bürgermeisterkandidatin für Santa Theresa, einen kleinen Ort in der Gegend. Am Tag vorher waren Wahlen gewesen – sie hat verloren.

Ihre Assistentin, ein junges Mädchen aus Lima, legt sich die ganze Zeit mir ihr an und sagt, es sei doch nicht unsere Schuld, dass es keinen Radweg gäbe. Noch besser: dann kommt sie auf uns zu entschuldigt sich auf Spanisch für das Verhalten ihrer Chefin, erklärt uns, sie sei verrückt. Das bekommt die Señora natürlich alles mit. Auf Englisch sagt das Mädchen uns dann, dass sie nur noch zwei Tage für die Furie arbeiten würde und dann nach Lima zurückfliege und diese Frau nie wieder sehen möchte. Und wir sollten auf gar keinen Fall in Santa Theresa übernachten! Dort seien alle so drauf und denken, dass alle Ausländer Drogen nehmen und schlecht sind. Aha.

Als die Dame weg ist entschuldigt sich auch noch die Restaurantbesitzerin. Die Frau sei verrückt, aber sie sei ihre Trauzeugin, deswegen könne sie nichts sagen. Ihr Vater sei früher drei Mal Bürgermeister gewesen und habe sich die Taschen voll Geld gestopft. Gerne wäre wohl die Señora in seine Fußstapfen getreten, aber nun habe sie verloren. Allen weiteren Gäste, die kommen, wird erzählt was gerade hier passiert ist. Alle reden durcheinander, regen sich auf, „wenn ich hier gewesen wäre, der hätte ich was erzählt!“. Das tut sehr gut. Das ist das Peru, wie wir es kennen gelernt haben. Zum Glück sind solche Bürgermeisterkandidatinnen die Ausnahme, sonst würden wir wohl schnell die Lust am Reisen verlieren. Auch das Wetter ist nun sonnig, wir brechen auf.

die Abfahrt  und die gerade verlassene Wolkendecke

die Abfahrt und die gerade verlassene Wolkendecke

irrer Blick auf weitere 50km Abfahrt

irrer Blick auf weitere 50km Abfahrt

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Der Blick hinab ins Tal, dessen Hänge von immer tropischer werdendem Wald überwuchert sind und in dessen Bett sich zwei Flüsse wie glitzernde Bänder zum Horizont ziehen, ist nun einfach nur überragend. Sonne und Regen wechseln sich bis zum Tal immer wieder ab – aber es wird immer wärmer, am Talausgang wartet die Sonne und daher machen uns die Tropfen nichts mehr aus! Schlussendlich landen wir wir bei T-Shirt Wetter auf 1200 Metern – umflogen von Papageien und Zikadengesang. Uns ist tatsächlich richtig warm – wer hätte das gedacht! In Santa Maria finden wir schnell die von Samuel und Flurina empfohlene italienische Don Bosco Pfarrei. Der Padre kommt gleich raus gestürmt, begrüßt uns sehr herzlich, zeigt uns ein Zimmer mit Bad (wow!) und lädt uns zum Abendbrot mit „seinen“ Kindern ein.

In der Pfarrei leben zehn extrem süße Mädchen im Alter zwischen etwa 8 und 14 Jahren. Außerdem hilft ihm Schwester Sylvia, eine italienische Krankenschwester in unserem Alter aus Verona, die hier zwei Jahre lang volontiert hat. Im Januar fliegt sie zurück nach Italien und sucht händeringend einen Nachfolger. Der Padre selbst hat sein Leben der Arbeit hier mit den Mädchen gewidmet, denen durch die Spenden aus den italienischen Partnergemeinden neben einer Bleibe auch Schulbesuch und eine Ausbildung in einer der Werkstätten ermöglicht wird. Etwa alle drei Jahre fahre er zu Besuch nach Italien. Zum Abendbrot gibt es Suppe. Die Atmosphäre ist sehr liebevoll und locker. Alle sind sehr bemüht den Mädchen ein schönes zu Hause zu bereiten. Die kleinsten veranstalten einen Armdrückwettbewerb mit dem Padre – immer wieder lässt er sie gewinnen, was sie ganz fuchsig macht. Nein! richtiges Armdrücken!

Früh gehen wir ins Bett, denn am nächsten Morgen gibt es schließlich schon um sieben Uhr Frühstück mit Kuchen, denn Lisbeth (eines der Mädchen) hat Geburtstag. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen und trällern ihr auch brav ein Ständchen auf Deutsch – gab es vielleicht auch noch nicht so oft hier. Toto ist zum Glück motiviert, die als sehr schlecht angekündigte Straße zwischen Santa Maria über Santa Theresa nach Hidroelectrica mit dem Rad zu fahren. Wäre es nach mir gegangen, säßen wir im Colectivo. Es soll dann aber der schönste Teil der Strecke werden. In einem wilden Flusstal geht es durch den Dschungel. Manchmal muss man die Schuhe ausziehen, um durch Flüsse zu schieben und ein paar Mal sind die Steigungen zu steil, um zu fahren. Ansonsten ist die Straße aber sehr gut befahrbar, dank fehlendem Schotter und glattem Lehmboden.

super Flusstal nach Santa Theresa

super Flusstal nach Santa Theresa

immer wieder gute Blicke ins Tal

immer wieder gute Blicke ins Tal

Kurvig und teils sehr steil

Kurvig und teils sehr steil

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In Santa Theresa lassen wir es uns natürlich nicht nehmen eine Mittagspause zu machen, in der Hoffnung unsere Lieblingsbürgermeisterkandidatin nochmal auslachen zu können. Sie läuft uns dann aber nicht über den Weg. Gestärkt fahren wir die letzten Kilometer zum Bahnhof nach Hidroelectrica. Aguas Calientes – der Ausgangspunkt für die Erkundung von Machu Picchu – hat keinen Straßenzugang und die Räder auf den Schienen bis dorthin zu schieben ist verboten. Wir fragen, ob wir sie im Zug direkt zurück nach Cusco schicken können. Nein, nur bis nach Aguas Calientes und von da aus können wir sie bis nach Cusco schicken, erklärt uns die Dame in Hidroelectrica. Kostenpunkt für die 10 km bis nach Aguas Calientes: 4,60 Soles. Das klingt fair. Flux sind die Räder samt Gepäck verladen und wir machen uns ballastfrei auf die Wanderung entlang der Gleise. Die Zugpreise für Ausländer sind lächerlich hoch – selbst hier für die 10 km wollen sie noch 26 US-Dollar! Deswegen nehmen zahlreiche Leute den Minibus hierher und gehen dann zu Fuß. Die Lokführer sind auf die Wanderer eingestellt: erstens fahren sie sehr langsam (ca. 15 km/h) und außerdem hupen sie vor jeder Kurve. Das ist auch nötig, denn hören tut man das Maschinengeräusch des Dieselzuges nicht – der reißende Urubamba River daneben ist deutlich lauter. Meist gibt es sowieso einen guten, kleinen Trampelpfad neben den Schienen, nur manchmal muss man sie überqueren. Der Weg ist wunderschön, der Dschungelsound macht gute Laune. Riesige, steil abfallende Berge säumen das Tal. Schon bald kann man den ersten Blick von hinten auf Machu Picchu erhaschen – ganz klein oben am Kamm 500m über uns.

kurz vor Hidroelectrica

kurz vor Hidroelectrica

"Arrive in style" - Heliport vor Hidroelectrica

„Arrive in style“ – Heliport vor Hidroelectrica

Hidroelectrica Railway Station

Hidroelectrica Railway Station

hier gibt es kein Durchkommen

hier gibt es kein Durchkommen

und los geht die Wanderung!

und los geht die Wanderung!

unfassbar schönes Tal vor Aguas Calientes

unfassbar schönes Tal vor Aguas Calientes

Toto verpasst den Blick, weil er zu beschäftigt ist den Backpackern zu zeigen, wer der schnellste Läufer im Tal ist. In Aguas warten wir dann noch eine Stunde bis unsere Räder endlich ankommen – dann die Überraschung: Der Señor will 40 Soles haben! Moment? 4,60 waren abgemacht! Ja in Hidroelectrica haben die keine Ahnung, erzählt er uns. Die arbeiten „in einem ganz anderen Sektor“!! Wie bitte? Es geht hin und her, wir weigern uns zu zahlen, sagen ihm er soll die Räder wieder zurück schicken. Zum Glück gibt es einen Bahnmitarbeiter, der im Gepäckabteil mitgefahren ist und vorher Zeuge war wie die Frau uns dort 4,60 Soles gesagt hatte. Der andere erklärt, dass es sich um einen Festpreis handelt, es also überall hin gleich viel kostet, so dass wenn wir also die Räder gleich weiter nach Cusco schicken wir auch nur einmal 40 Soles zahlen. Na gut, sagen wir, machen wir es so. 40 Soles bis Cusco ist in Ordnung. Dann plötzlich rechnet er aber nochmal nach… und auf mysteriöse Weise, niemand versteht warum, kostet es dann plötzlich 300 (!!) Soles bis nach Cusco. Nein, danke! Im Endeffekt sagt er dann, wir sollen uns das nächste Mal besser informieren (lol) und gibt die Räder uns ganz kostenlos mit, nichtmals die 4,60 Soles will er.

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über sieben Eisenbahnbrücken musst Du gehen - eigentlich nur eine...

über sieben Eisenbahnbrücken musst Du gehen – eigentlich nur eine…

Thomas die Lokomotive

Thomas die Lokomotive

Machu Picchu lugt über den Hügel - den guten Blick hat Toto verpasst

Machu Picchu lugt über den Hügel – den guten Blick hat Toto verpasst

hier könnte man durchaus auch radeln

hier könnte man durchaus auch radeln

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Achtung! ZuuuuuuUUUUUUuuuuug!

Achtung! ZuuuuuuUUUUUUuuuuug!

Konzentration ist gefragt

Konzentration ist gefragt

Nur leider sind wir nun etwas eingesperrt hier in Aguas – auf der einen Seite 10 km Schienen bis Hidroelectrica, auf der anderen Seite 30 km Schienen bis Ollantaytambo! Naja, darüber machen wir uns später Sorgen… Aguas Calientes ist eine wunderschön gelegene, aber sehr häßliche, reine Touristadt, wo alles fürchterlich überteuert ist. Das Highlight ist das Wasser für 7 statt 3,50 Soles. Umso mehr erstaunt es uns, dass wir problemlos ein super sauberes, ruhig und zentral gelegenes Hostel für 40 Soles finden, das entspricht dem normalem Preisniveau! Abends versuchen wir Lee ausfindig zu machen, der heute auch mit seiner Freundin ankommen wollte – ohne Erfolg!

Die Restaurantauswahl ist überwältigend – wenn auch nicht im positivem Sinne. Mehr als die Hälfte der Restaurants sind nur mäßig überteuert und haben alle das gleiche Menü: Pizza, Mexikanisch, Asiatisch, Peruanisch – alles zusammen auf einer Karte. Das kann ja nichts Vernünftiges sein. Dann gibt es unzählige abgehobene Nobelrestaurants, die auch rausfallen. Wir finden ein Restaurant mit einem Menü für 35 Soles, sehr teuer, aber noch bezahlbar und wirklich sehr gut! Früh gehen wir schlafen, denn morgen müssen wir um 4.30 Uhr das Hotel verlassen, um um 6 Uhr morgens zur Eröffnung möglichst weit vorn in der Schlange zu stehen. Um 5 Uhr werden die Toren zum Bergaufstieg geöffnet – dann können alle die zu Fuß gehen wollen los. Um 5.30 Uhr fährt der erste Bus – 20 Dollar, was für eine Abzocke! Natürlich wollen wir uns den 500 Höhenmeteranstieg, für den man eine knappe Stunde braucht, nicht entgehen lassen.

Als der Wecker klingelt, prasseln dicke Regentropfen auf das Wellblechdach des Hotels. Wir überlegen weiter zu schlafen und doch erst später den Bus zu nehmen. Doch vielleicht ist es gar nicht so schlecht wenn es regnet, das schreckt vielleicht einige aus der Meute ab. Etwa 120 Leute stehen dann um Punkt 5 vor dem Tor unten an der Brücke über den Urubamba River – leider sind wir fast die Letzten. Am Tor wird das Ticket überprüft und dann geht der Run los – wir müssen Plätze gut machen. Die Atmosphäre ist lustig: noch müde herrscht vollkommene Stille, bis auf das verbissene Schnaufen der Hochstürmenden. Niemand gönnt sich eine Pause, um ja keinen passieren zu lassen. Schnell laufe ich Slalom um die Leute. Manchmal kann ich etwas verschnaufen, wenn ich an einer Gruppe nicht gleich vorbeikomme. Nach ca. der Hälfte müssen immer mehr Leute verschnaufen – nicht so wir und so mache ich Position um Position gut. Ich denke, Toto ist die ganze Zeit direkt hinter mir. Irgendwann überhole ich die vermeintliche Spitzengruppe und dann ist lange niemand mehr vor mir, leider ist auch Toto weg. Keine Ahnung wo der steckt. Ich sprinte weiter den Weg hoch – der größte Teil sind Stufen. Eigentlich wollten wir hier hochradeln, aber die Piste ist auch ordentlich steil, regennass und zudem schlecht geschottert – wir sind froh nicht die Räder als Ballast zu haben. Nach 45 Minuten komme ich oben an. Es stehen schon neun Leute da. Allerdings haben die meisten wohl eine Tour gebucht und können sich ohne ihre Gruppe nicht anstellen. So stehe ich an 4. Stelle in der Schlange, noch vor dem ersten Bus, yes! Doch wo ist Toto? Radelt wie ein Verrückter, rennt gestern so über die Schienen, dass er den View verpasst und dann wenn es mal auf etwas ankommt schneckt er?? Das kann doch nicht sein. Ich hab keine Eintrittskarte. Man! Die Minuten verstreichen, ich habe schon Angst er kommt nicht mehr Rechtzeitig vor der Öffnung der Tore…

 

Fortsetzung folgt!

erstes Bild auf dem Aufstieg nach Machu Picchu

erstes Bild auf dem Aufstieg nach Machu Picchu

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