endlich in Cusco und durchs heilige Tal der Inkas

Abancay ist eine vollkommen untouristische Stadt, aber mit nettem Markt und guten Restaurants ein sehr freundlicher Ort für einen entspannten Ruhetag. Tags darauf nehmen wir wieder gemeinsam mit Lee den 1600 Meter Anstieg aus der Stadt über die endlosen Serpentinen in Angriff, doch schon bald merken wir, dass die Faulheit des Ruhetags und die harten Tage zuvor an Muskulatur und Motivation genagt haben. Wir quälen uns Kurve für Kurve hoch und als wir endlich am Gipfel stehen ist es bereits zwei Uhr Nachmittag. Zudem ballt sich eine gewaltige Drohkulisse aus dunklen Wolken, Blitzen und Regengebieten vor uns im Tal auf und der grausame Gegenwind aus dem Tal verrät – das zieht zu uns. So rasen wir in Affenzahn und ständiger Angst vor dem Gewitter nach Curahuasi. Lee erreicht es noch im Trockenen, doch wir müssen uns an der Tankstelle im Ortseingang noch die Capes überwerfen, denn der Regen prasselt nun in dicken Tropfen auf uns herab und die Blitze zucken unheilvoll über das noch weiter unten liegende Flusstal.

Kandidatin der Gothic-Partei?

Kandidatin der Gothic-Partei?

In einem kleinen Imbiss beratschlagen wir bei Reis und Eiern, was zu tun ist. Für uns ist ziemlich schnell klar: Colectivo nach Cusco! Lee bleibt aber eisern und will jeden inch nach Cusco radeln. So trennen wir uns, nur um uns am nächsten Tag in Cusco wiederzusehen. Kaum eine Stunde später sehen wir uns allerdings wieder, denn unser Colectivo steckt in einer langen Baustelle fest und selbst Lee gibt sich nun wegen der einbrechenden Dunkelheit und den fürchterlichen Sandfliegen im Flussbett geschlagen und schmeißt sein Rad in einen Pick-Up – allerdings nur bis zur nächsten kleinen Stadt. So erreichen wir Cusco erst in völliger Dunkelheit und holpern über die historischen Pflastersteine zum Radfahrerhostel „Estrellita“. Unsere Kraft reicht noch für einen Abendspaziergang, bei dem wir recht schnell feststellen, dass Cusco eher der Regensburger Innenstadt gleicht als irgendeinem der vielen namenlosen Orte in Südamerika. Stilvoll beleuchtete Bogengänge, liebevolle Geschäftsauslagen mit Luxus-Alpaca-Kleidung, Sterne-Gourmet-Restaurants und viele Gringo-Gesichter – kurzum eine weiße Hölle der schönsten Art.

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Cusco – Plaza de Armas

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Blick an der Kathedrale vorbei

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diesmal im Bilde

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Casa Concha, das das Museum Machu Picchu beherbergt

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Avenida del Sol – das Herz des geschäftlichen Cusco

Am nächsten Tag schlendern wir bei Sonne durch die wunderschönen engen Gassen, lassen uns über die kolonialen Plätze treiben und schlemmen uns durch die Versuchungen wie die exzellente französische Bäckerei nebenan und entdecken die guten Restaurants der Stadt. Auch der Markt San Pedro ist eine interessante Mischung aus authentischem peruanischen Markttreiben und kitschigen Souvenirläden und der fruchtig-frische Saft schmeckt hier genauso gut wie im Rest Perus. Am Nachmittag schließen wir uns einer exzellenten free walking tour an: Raúl – ein Geschichtsstudent führt uns drei Stunden durch die verwinkelten Gassen zum krönenden Abschluss in einer Bar im Zentrum: einem köstlichen Pisco Sour. Er zeigt uns auch die Aussichtsterasse im schönen Künstlerviertel „San Blas“, von der aus man über die Ziegeldächer der Kirchen, Klöster und über die historische Altstadt blickt. Zufällig treffen wir dort auch Quique und Alizia aus Quito wieder und verabreden uns zum Abendessen. Außer uns sind an Radfahrern noch eine nette französische Familie mit 7- und 10-jährigen Kindern, ein Italiener und zwei sehr nette Deutsche (Jörg und Martin) im Estrellita.

altes Mauerwerk

altes Mauerwerk

San Pedro Markt

San Pedro Markt

die kleinen genießen eine Schlemmerei

die kleinen genießen eine Schlemmerei

alte Gassen

alte Gassen

Blick über die Stadt

Blick über die Stadt

lässige Laura

lässige Laura

Machu Picchu - zunächst in Miniatur

Machu Picchu – zunächst in Miniatur

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf und sind die ersten im sehr guten Machu Picchu Museum/ Casa Concha, das in einem wunderschönen kolonialen Anwesen untergebracht ist. Es zeigt die Geschichte des Baus der Anlage, die Wiederentdeckung und wissenschaftliche Erschließung maßgeblich durch Hiram Bingham von der Yale University, sowie die Fakten, Theorien und Legenden, die sich um den Ort ranken. Besonders fasziniert uns ein Modell der Anlage, das per Spot immer passend zu einer Erklärung auf Video punktgenau angestrahlt wird – geniale Idee! Danach besichtigen wir noch Qorikancha: einen umgebauten Inkatempel, auf dem nun ein Dominikanerkloster steht. Das vollkommen mörtel- und fugenlose Mauerwerk der verbleibenden Tempelanlage ist beeindruckend und der modernere Klosterhof wunderschön. Allerdings braucht es viel Phantasie, will man sich den Inkatempel in Betrieb vorstellen. Uns begeistert eher das Schaukelpferd, das vor den Gemächern der Nonnen zum Ritt bereitsteht.

Qorikancha  Innenhof

Qorikancha Innenhof

warum heißen die Dominikaner Dominikaner? Weil sie die WachHUNDE Gottes sind. Wieder was gelernt

warum heißen die Dominikaner Dominikaner? Weil sie die WachHUNDE Gottes sind. Wieder was gelernt

schöne Kassettendecke

schöne Kassettendecke

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Inkamauern in Qorikancha

Inkamauern in Qorikancha

definitiv ein nettes Spielzeug

definitiv ein nettes Spielzeug

Genug der Kultur? Heute nicht! Es geht weiter ins Inkamuseum, das eine phantastische Vielzahl und Qualität von Exponaten beherbergt, allerdings etwas angestaubt aufgemacht ist. Hier werden neben den Inkas noch die Kulturen links und rechts davon, davor und danach beleuchtet. Aufgrund des fortgeschrittenen Nachmittags und unserer begrenzten Auffassungsgabe erscheint es uns am Ende so, dass letztlich alle Mais aus gestreifter Keramik gegessen haben.

Dann endlich brechen wir am Samstag zur Rundfahrt durch das heilige Tal der Inkas auf, an deren Ende das grandiose Machu Picchu auf uns wartet. Die Straße windet sich aus dem Tal Cuscos hinauf auf einen Hügel auf dem eine Jesus-Statue über das Gedeih der Stadt wacht und man gute Blicke über die Ruine von Saqsay‘waman hat. Auf dem Weg finden wir noch weitere kleinere Ruinen, die uns die Strecke nach Pisac versüßen. Zum ersten Mal in Südamerika nervt uns aber der Verkehr, denn es gibt sehr viel mehr schnelle Minibusse und Privatautos als im Rest des Landes, die uns manchmal näher kommen als uns lieb ist. Auf der Abfahrt ins heilige Tal sehen wir die Terrassen der Ruine bereits majestätisch auf der anderen Talseite über dem modernen Pisac thronen. Wir stärken uns noch in dem sehr touristischen kleinen Örtchen und lassen dort unsere Räder stehen, bevor wir den ca. einstündigen Anstieg über die trockenen Terrassen in Angriff nehmen.

keine Sicherheitsvorkehrungen

keine Sicherheitsvorkehrungen

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hoch über Pisac

hoch über Pisac

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gut gelöste Aufgänge

gut gelöste Aufgänge

angewandte Höhenlinien

angewandte Höhenlinien

Blick auf Pisac

Blick auf Pisac

Blick auf Cusco von der Straße nach Pisac

Blick auf Cusco von der Straße nach Pisac

unser treuer kleiner Begleiter nimmt auch gerne mal die Senkrechte

unser treuer kleiner Begleiter nimmt auch gerne mal die Senkrechte

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Bereits beim Anstieg huldigen wir den unglaublichen Baumeisterfähigkeiten der Inkas, denn die perfekt angelegten Terrassen kleben unerschütterlich am quasi senkrecht abfallenden Fels. Über hervorspringende Steine in den Mauern erklimmt man Level um Level, denn Treppen brächten das Risiko der Erosion mit sich. Schon bald gesellt sich ein ca. 10-jähriger Junge zu uns und begleitet uns bis zum Schluss. Dank der Nachmittagssonne und des Anstiegs glüht sein Kopf und er schwitzt fürchterlich – auf Nachfrage leert er unser Wasser fast auf Ex. Wir warten jede Sekunde darauf, dass er uns anbettelt oder uns etwas verkaufen will, aber wir erfahren dann, dass er zwei Stunden Fußmarsch den Berg hinauf wohnt und seine Mutter ihn wohl nur zum Brotholen in die Stadt geschickt hat. Immer wieder wechseln Blicke und Perspektive, denn die Ruine ist auf drei Seiten von lotrecht abfallenden Schluchten umgeben, in deren Täler sich die Terrassen und Ruinenanlagen erstrecken. Wir passieren Wachposten, rituelle Bäderanlagen und Tempelkomplexe, um dann ganz oben zu enden und per Taxi in den Ort zurückzufahren.

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kuscheliger Shop

kuscheliger Shop

Zum Anknuddeln

Zum Anknuddeln

Vorsicht, Schlange!

Vorsicht, Schlange!

Dann lassen wir uns von einem aufziehenden Gewitter und daher starkem Rückenwind das heilige Tal am Fluss entlang nach Urubamba pusten. Easy cycling in schöner Umgebung. Urubamba ist modern und deutlich hässlicher als Pisac und es ist erstaunlich schwer ein bezahlbares Hotel zu finden, denn viele Tourgruppen machen hier auf dem Weg nach Machu Picchu halt und vergiften das Preisniveau. Schließlich finden wir aber ein nettes Hotel mit einem fürchterlich süßen alten Ehepaar. Dort lassen wir dann auch unser Gepäck als wir am nächsten Tag einen Ausflug nach Moray machen. Die Straße windet sich wieder sehr steil aus dem heiligen Tal in Richtung Cusco, um dann auf eine kleine Straße ins idyllische, authentische und sehr nette Maras abzuknicken. Ab da allerdings erwartet uns erbarmungsloser Schotter und ein steiler Anstieg, bis wir endlich vor den Ruinen von Moray stehen.

Diese dienten den Inkas angeblich als landwirtschaftliches Versuchslabor, da die Anbauterrassen wohl die verschiedenen Höhenlagen und Mikroklimas der unzähligen Regionen des Inkareiches nachahmen konnten. So schafften sie es 150 Pflanzenarten zu domestizieren (149 davon wahrscheinlich Mais). Auf dem Weg zurück finden wir einen single track, der uns durch schöne Landschaft wieder nach Maras bringt. Dort herrscht Volksfeststimmung, denn es ist Wahlsonntag der Regional- und Kommunalwahlen. An jeder Ecke gibt es Imbisse, denn es kann wohl nur in etwas größeren Orten gewählt werden und zahlreiche Bauern sind nach Maras gekommen. Wir profitieren vom kulinarischen Angebot und speisen Forelle – zu 1,50 Euro für einen ganzen Fisch mit Beilagen ein toller Fang.

Kornkreise von Moray

Kornkreise von Moray

Aufstiege

Aufstiege

Laura hypnotisiert

Laura hypnotisiert

Versuchsterassen von Moray

Versuchsterassen von Moray

unbeladen nach Maras zurück

unbeladen nach Maras zurück

Dann wollen wir weiter den Hang hinab zu den Salzterrassen von Salinas, aber nach 500 Metern bemerkt Laura, dass „etwas mit ihrem Fahrrad nicht stimmt“. Eine kritische Inspektion lässt keinen Zweifel zu: nach 6517,2 Kilometern Lauras erster Platter! Sie ist tief betrübt, zumal wir tatsächlich auch unser Flickzeug in Urubamba haben liegen lassen. So beißen wir in den sauren Apfel und schieben die wohlverdiente Abfahrt nach Salinas hinunter. Hinter einer Kurve wartet dann der wow!-Effekt auf uns, als wir zum ersten Mal die schneeweißen Salzterrassen am roten Fels entdecken, die wie Honigwaben das halbe Tal auskleiden. Schon die Inkas gewannen hier das weiße Gold aus einer natürlich-salzigen heißen Quelle. Im Abendlicht ist der Ort fantastisch anzusehen und nur wenige Touristen haben den Weg hierher gefunden. Die waten dafür schamlos käsefußig in den warmen Becken, so dass wir lieber darauf verzichten, das hiesige fleur de sel zu erstehen.  Von den Salinen gibt es einen Wanderweg direkt hinab ins Tal nach Urubamba, den wir immer noch schiebend hinter uns bringen, bevor uns am Fuße des Tales ein sehr freundlicher Peruaner sein Flickzeug anbietet. So können wir die restlichen fünf Kilometer nach Urubamba wieder in gewohnter Geschwindigkeit hinter uns bringen und fühlen uns quasi fliegend.

Abends streifen wir über die Plaza de Armas, die voll von den Anhängern verschiedener Parteien ist. Wer gewonnen hat, fragen wir? Die Schaufel! Ah, ok. Die Parteien sind hier nur nach den kleinen Bildchen benannt, die man ankreuzen muss. Auch hier sind unzählige Bauern aus den entlegenen Nebentälern nach Urubamba gekommen. Ihre Tracht unterscheidet sich sehr vom sonstigen Anden-Chic, sie tragen konkave Hüte mit Blumen darin und einem Perlenband um ihr Kinn. Auch die Männer haben hier farbenfrohe Ponchos, so dass die ganze Plaza ein einziges farbenfrohes Fest ist. Die Stimmung ist friedlich und eher volksfestartig. Im TV unserer Hotellobby allerdings zeigen sich andere Bilder: in Lima und Umgebung werden Wahllokale mit Baumstämmen aufgebrochen und die Wahlzettel verbrannt, da der Mob unzufrieden ist und sich offensichtlich lieber die Kartoffel-, Cocablatt- oder Kätzchenpartei gewünscht hätte.

Regen kurz vor Urubamba

Regen kurz vor Urubamba

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der Inka wäre entsetzt

der Inka wäre entsetzt

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einmal Peruaner sein ... !

einmal Peruaner sein … !

guckt da ein Lama ins Bild?

guckt da ein Lama ins Bild?

Ein kurzer Ritt bringt uns am nächsten Tag nach Ollantaytambo, wo wir die letzten Ruinen vor Machu Picchu besichtigen. Es handelt sich um eine ehemalige Festungsanlage zur Verteidigung des heiligen Tals, allerdings sind die imposanten Verteidigungsanlagen schon aus dem Ort gut zu sehen und oben ist es eher heiß, überfüllt und freudlos. So ziehen wir es vor den Ort zu erkunden. Die Hauptstraße passieren alle Zubringer zum Bahnhof in Ollantaytambo und auch die Minibusse zur anderen Seite von Machu Picchu und dementsprechend touristisch und souvenirlastig ist es dort. Kaum biegt man aber zwei Blöcke in den alten Ortskern, vermitteln die holprige Kopfsteinpflasterstraße, die mächtigen Hauswände noch aus Inkazeiten und die verschlafenen Bewohner einen komplett anderen und sehr liebenswürdigen Eindruck. Kaum zu glauben, dass sich dieses Kleinod im Touristenstrudel so intakt erhalten hat.

altes Steinwerk

altes Steinwerk

Abtransport nach dem Wahlsonntag in entlegene Täler

Abtransport nach dem Wahlsonntag in entlegene Täler

Lycra vs Alpaca

Lycra vs Alpaca

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einmal Peruaner sein ... !

einmal Peruaner sein … !

Ein Spaziergang zum Bahnhof bringt uns die Erkenntnis, dass wir unser Rad von Hidroelectrica zurück nach Cusco schicken können und bestätigt uns in unserem Plan über einen letzten hohen Pass in Peru, den Abra Malaga bis dorthin zu radeln. Gleichzeitig dürfen wir uns von der Zweiklassengesellschaft von PeruRail überzeugen: Fahrpreis von Ollantaytambo nach Machu Picchu (~45km) für Peruaner: 10 Soles = 2,50 Euro, für Touristen 61 US-Dollar. Faktor 20! Nicht mit uns und daher erwartet uns tags darauf der Anstieg auf 4350m…

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Mehr Bilder aus dem Heiligen Tal der Inka

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Ein Gedanke zu “endlich in Cusco und durchs heilige Tal der Inkas

  1. Das war echt ein informativer riesengrosser Artikel mit vielen schönen Fotos. Das Urubamba „mehr touristisch“, wäre einmal im Vergleich zu Ollantaytambo interessant.
    Dann noch viel Spass und tolle Erlebnisse auf eurer Fahrradfahrt durch Peru.
    Grüsse aus Lima.

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