Der Kondor war da! Nach 9 Monaten jetzt zu dritt!

Eines vorweg: We’re on fire!!! 8700 Höhenmeter, 380 km in vier Tagen! Geplant waren sieben bis acht Tage. Ja!! Wir sind nicht zu stoppen. Und wie schön es war. Los ging es in der wunderschönen Kolonialstadt Ayacucho. Dort waren wir am Tag vorher von Tarma bzw. Huancayo in einer fürchterlich rumpeligen Nachtbusfahrt angekommen. Ayacucho war noch bis vor wenigen Jahren Epizentrum des berüchtigten Sendero Luminoso. In den 60er Jahren hier gegründet von einem Philosophieprofessor, versetzte die maoistische Gruppierung ganz Peru von 1980 bis 1992 durch Anschläge, Morde und Vergewaltigungen in Angst und Schrecken. Angetrieben durch die soziale Ungerechtigkeit, die den armen Bauern wenig Aufstiegschancen bot, befanden sich untern den Anhängern neben Studenten vor allen Dingen Bewohner des Andenhochlands. Aber auch das Militär reagierte nicht zimperlich: so wurden oft unschuldige Bauern, unter dem Verdacht sie könnten Terroristen sein, gefoltert, vergewaltigt und getötet. Etwa 70.000 Menschen verloren ihr Leben. Es ist nicht verwunderlich, dass viele Bauern genug davon hatten von beiden Seiten terrorisiert zu werden und nach Lima geflüchtet sind, obwohl sie in der Stadt zunächst keine Einkommensquelle hatten. Einige der Armenviertel in Lima sind komplett in dieser Zeit entstanden. Heutzutage erinnert außer einem kleinen Museum „gegen das Vergessen“ nichts mehr an die schreckliche Vergangenheit Ayacuchos.

Achterbahn!

Achterbahn!

Prunkvolle Kolonialbauten mit hübschen Innenhöfen schmiegen sich an die zahlreichen Kirchen. Kleine Gassen und Straßen verbinden pompöse Plätze. In den edlen Restaurants gibt es köstlichen Cappuccino. Eine Wonne für den entwöhnten Radlergaumen. Am Abend treffen wir dann noch zwei sehr nette Schweizer Radler, Samuel und Flurina, und einen netten Amerikaner, Lee. Die Schweizer legen hier ein paar Ruhetage ein, während Lee morgen gleich weiter fährt – er muss in sieben Tagen in Cusco sein, da seine Freundin dort ankommt. Ein ambitionierter Plan! Trotz der schönen Stadt und der Verlockung mit den Schweizern hier ein paar nette Tage zu verbringen, schwingen wir uns gleich am nächsten Morgen wieder auf das Rad. Lee, der erst am Abend spät angekommen ist, schaut sich noch einen halben Tag die Stadt an und will uns später einholen.

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Plaza de Armas

Plaza de Armas

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Sendero Luminoso Museum

Umwelterziehung

Umwelterziehung

Hügelig geht es den ganzen Tag durch schöner werdende Landschaft. Am Anfang noch recht trocken, wird die Umgebung gegen Ende immer attraktiver und ansprechender. Viele Höhenmeter werden verschenkt durch das ständige auf und ab. Kurz vor dem 4100 m Gipfel schlagen wir unser Nachtlager bei einer netten Bauernfamilie auf. Lee holt uns nie ein, wahrscheinlich hat er die Hauptstraße genommen, während wir auf einer ruhigeren, aber dafür weniger direkt ansteigenden Nebenstraße fahren. Der einzige Verkehr neben einigen wenigen LKWs waren heute die Wahlwerbungsfahrzeuge, die in der letzten Woche nochmal versuchen alles rauszuholen. Die Familie bei der wir campen, besteht aus acht Kindern und den Eltern. Von den Kindern ist nur eine Tochter zuhause, alle anderen studieren in Ayacucho. Auch die 20-jährige Estelis studiert Enfermeria, Krankenschwester, in Ayacucho, hat aber gerade Ferien. Acht studierende Kinder einer Bauernfamilie? Das lässt hoffen für die Zukunft von Peru finden wir! Das Krankenschwesterstudium dauert hier übrigens ganze fünf Jahre an der Universität! An privaten Instituten kann man innerhalb von drei Jahren Krankenschwester werden, doch das kostet! Mal wieder bekommen wir die unglaubliche Gastfreundlichkeit der Bauern zu spüren: Sie bringen uns eine große Schüssel Kartoffeln und Reis zum Abendbrot. Im Austausch teilen wir unsere Nudeln. Es bleibt der Gedanke, dass jedem sein eigenes Essen eigentlich besser geschmeckt hätte. Wir vermuten, unsere Nudeln enden als Hundefutter. Toto opfert sich die eher freudlosen Kartoffeln und Reis zu essen. Trotzdem immer wieder eine nette und herzerwärmende Erfahrung. Der Vater ist recht laut und macht sich entweder die halbe Nacht um uns Sorgen oder aber ruft einfach sehr gerne Gringoooo.

19 Uhr (wir sind schon um Zelt): Gringooo!!! Alles gut?

22 Uhr (wir schlafen bereits): Gringooo!! Ist dir kalt??

22.30 Uhr: Gringoooo!! Ist dir jetzt kalt??

5: 30 Uhr morgens(!!): Gringoooo!! Lebst du noch??

5.45 Uhr : Gringooo!! Frühstück ist fertig!

Jedesmal gefolgt von einem langem, lautem Lachen – hehehehehehehehe. Es scheint ihm jedenfalls Freude zu machen, dass zwei Gringos auf seinem Hof schlafen. Toto schreckt immer aus dem Schlaf hoch und versichert ihm, dass alles gut sei. Es war eine kurze Nacht. Auch wegen der zahlreichen Schweine, Kühe und Hunde die sich ebenfalls nicht an die Nachtruhezeiten gehalten haben. Tatsächlich lädt der Herr des Hauses uns dann zum Frühstück in seine Küche ein – Kartoffelsuppe, die auf dem Boden auf einem Schafsfell sitzend eingenommen wird – sehr rührend!

Raubtierfütterung

Raubtierfütterung

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Wir klettern die letzten 7 km bis zum Gipfel, um uns dann von 4100 m auf 2000 m in die Tiefe zu stürzen. Wow – was für eine Abfahrt! 50 km Entspannen. Das ist schon fast ein bisschen zu lang. Ich merke, wie mir irgendwann langweilig wird und ich unkonzentrierter werde – das kann gefährlich werden bei den Geschwindigkeiten. Dennoch – die Blicke sind atemberaubend. Von oben sieht man wie sich die Straße nicht endenwollend ins Tal schlängelt. Beeindruckend auch der Temperaturunterschied: oben noch verfroren vermummt, finden wir es im Tal fast schon bedrückend heiß. Dies wirkt sich auch auf Flora und Fauna aus: Von der kargen Andenvegetation geht es zu Palmen, Bananenstauden, Feigenbäumen und grün-roten Papageienschwärmen. Dunkle Wolken am Himmel verheißen nichts Gutes, doch nach zehn Minuten Schauer ist es wieder trocken. Wir haben endlich wieder Glück mit dem Wetter!

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Es geht noch etwas wellig am Fluss entlang, um dann in einer asiatisch (= sehr steil!) anmutenden Steigung wieder zum nächsten Gipfel aufzusteigen – 4250 m. An diesem Tag schaffen wir es noch bis in das Dorf Uripa auf 3200 m, wo wir ein sauberes Hotel finden und uns nach dem schweißtreibenden Anstieg über eine heiße Dusche freuen. Beinahe hätten wir es nicht hierher geschafft, denn im Dorf 10 km vorher, haben wir uns unvernünftigerweise von einer großen Portion Pommes mit Eiern verführen lassen. Nicht das, was man unter leichter Radlerkost versteht. Die letzten Kilometer zum Etappenziel waren daher etwas mühsam und von Bauchschmerzen begleitet.

Mit dem Kopf durch die Wand?

Mit dem Kopf durch die Wand?

Am nächsten Morgen treffen wir Lee, den schnellen Amerikaner, in der Stadt. Er hatte am selben Ort übernachtet. Da sind wir doch etwas stolz, das wir genauso schnell sind wie er mit seinen ambitionierten Plänen. Wir beschließen erstmal zusammen weiter zu fahren. Bis zum Gipfel sind es noch über 1000 Höhenmeter und die sind schneller erklommen als gedacht, um 12 Uhr verfalle ich in ekstatische „DER GIPFEL, DER GIPFEL, DER GIPFEL!!!“ Rufe, während die Jungs voller Testosteron natürlich nur lässig dastehen und ihre Freude nicht zeigen können, dass wir es schon geschafft haben. Die beiden rauschen dann auch in einem halsbrecherischen Tempo diesen Berg herunter, weil jeder natürlich schneller sein muss. Das nächste Mal nehmen wir vielleicht doch lieber ein Mädchen als Radbegleitung mit. Im Tal quält uns dann nochmal ein 5-km-leichter Anstieg bis zur Stadt Andahuaylas. Dort gibt es ein spätes Mittagessen – diesmal Nudeln statt Pommes. Um 15 Uhr verlassen wir die Stadt um noch einige Höhenmeter zu gewinnen, denn es geht natürlich aus dem Tal gleich wieder zum nächsten Pass, diesmal mit Doppelspitze auf 4100 und 4000m. Nach zwei Stunden finden wir ein Nachtlager in einer Grundschule – kein schlechter Luxus mit Dach überm Kopf, fließendem Wasser, Tisch und Stühlen. Sogar einen kleinen Shop gibt es gegenüber. Dessen Besitzer bewegen wir durch Klopfen nochmal zum Aufmachen und verschaffen uns so das Vergnügen von Softdrinks und einem Frühstück mit Joghurt und Obst. Kein schlechtes Tagesende.

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Weniger entspannt der Morgen: Der Hausmeister will, dass wir um 6 Uhr das Klassenzimmer verlassen. So sitzen wir tatsächlich schon um 6.30 Uhr auf den Rädern – das gab es noch nie in Südamerika. Der zeitliche Vorteil wird dann leider zu Nichte gemacht durch ein überraschendes Asphaltende nach dem ersten Gipfel – das bedeutet eine deutliche Geschwindigkeitseinbuße. Wir quälen uns zum 2. Gipfel, auf einer teilweise echt miserablen Schotterstraße. Ich hab schlechte Laune, ich HASSE schlechte Straßen. Man kann sich auf nichts anderes mehr Konzentrieren als auf das Radfahren, man sieht nichts von der Umgebung, weil man so durchgeschüttelt wird und alles tut weh. Lee rast mit seinen dicken Reifen über die Steine als wäre es Asphalt. Außerdem habe ich heute (!), nach acht Monaten herausgefunden, dass Toto nicht nur eine Gabelfederung, sondern auch noch eine Sattelfederung hat! Zusammenfassend bedeutet das wohl, dass ich Federlose die ärmste Socke der Welt bin! Naja, das Mitleid der Jungs hält sich in sehr engen Grenzen. Für sie bedeutet das nämlich, dass sie noch mehr auf mich warten müssen als sonst.

Nach kurzer Zeit halten sie bei einer „Geburtstagspartyversammlung“ an, deren Teilnehmer gerade dabei sind vier (!!) Lamas für die Partygesellschaft (ca. 30 Leute) zu töten! Leider sehe ich noch wie den letzten zwei die Kehle durch geschnitten wird… öhh! Die Kinder von 2 – 8 Jahren stehen entspannt daneben und halten ihre Hände in den warmen Blutstrahl – that’s Life! Wahrscheinlich kriegt man so aufwachsend ein gesünderes Verhältnis zu Fleisch, Leben und Tod als beim Primärkontakt zum Hähnchenbrustfilet 500g zu 2,99 € aus dem Kühlregal. Dank kredenztem Zuckerrohrschnaps fährt Toto die nächste Stunde ein paar Schlenker mehr als nötig.

wie süüüß...

wie süüüß…

Blutdruck 140/100, würde ich sagen..

Blutdruck 140/100, würde ich sagen..

Jesus und seine Jünger

Jesus und seine Jünger

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Kondor, Abancay im Tal und Laura

Kondor, Abancay im Tal und Laura

Nach dem Gipfel fängt der sanfte Abstieg an und der Schotter wird etwas erträglicher. Das Straßennetz ist etwas verwirrend. Es gibt zwei Straßen ins Tal, die immer mal wieder verbunden sind. Wir wissen, dass bei der Unteren der Asphalt wieder früher anfangen soll, aber es dafür eventuell noch mehr Anstiege zu bewältigen gilt. So bleiben wir erstmal auf der „Hauptstraße“ oben bis wir unten sehen, dass der Asphalt anfängt. Eine Verbindungstraße ist schnell gefunden und so geht es steil über einen abenteuerlichen Ziehweg nach unten. Und dann ist er plötzlich unter unseren Reifen, der neue, perfekte, glatte Asphalt! In einer Stunde düsen wir hinunter auf unter 2000m, auf der anderen Straße hätte es bestimmt noch drei Stunden oder länger gedauert. Unten erwartet uns Hitze und Stechfliegen – ein unangenehmer Empfang, zumal wir schon sehr müde sind. 20 km fehlen noch bis zur Stadt Abancay. Von 6.30 Uhr bis hierher war es schon ein sehr langer Tag. Toto und ich legen noch eine Cola Pause im Tal ein, während Lee auf der Flucht vor den Stechfliegen schonmal loskurbelt. Um kurz nach vier blasen auch wir dann zum finalen Anstieg. Toto ist bald hinter der nächsten Kurve verschwunden. Langsam winde ich mich den Berg hoch. Am Anfang ist es noch eine Qual, irgendwann ist mir alles egal, ich könnte noch Stunden so weiter fahren, denke ich mir. So wird es erträglich. Im 1. – 3. Gang rolle ich gemächlich dem Ziel entgegen. Schon seit dem 2. Gipfel vor vier Stunden konnten wir die Stadt im Tal liegen sehen. Gemein nur, dass die Straße in einer Flussquerung endete und damit wieder 700m tiefer als die Stadt und man selbige wieder erklimmen muss. Vom Anstieg aus hat man keine Ahnung mehr wo genau die Stadt liegt und wie hoch man noch muss. Die Straße windet sich immer weiter. Ständig denkt man, ah da oben auf dem Plateau könnte die Stadt sein. Aber nein. Bei welchem Kilometerstein wir angefangen haben, habe ich auch vergessen. Toto ist weg, keine Ahnung warum der nicht wartet. Ich habe ihn seit über einer Stunde nicht gesehen, das kommt manchmal vor. Irgendwann dämmert es und ich komme der Stadt näher, die Kilometerangaben der Leute, die ich frage, variieren zwischen 2 und 5 km. Von Toto keine Spur. Langsam beginne ich mir Sorgen zu mache. Er würde doch am Stadteingang anhalten? Außerdem ist es fast finster, wieso steht er nirgendswo. Ich frage einen Mann, ob er zwei Radfahrer gesehen hat?! Ja vor einer Stunde, in einem Auto! In einem Auto frage ich ungläubig? Ja in einem Auto. Also Toto traue ich es ja prinzipiell zu, einen Pick Up zu nehmen, aber ohne auf mich zu warten wohl eher nicht. Und Lee? Der würde niemals in einen Pick Up steigen, viel zu ehrgeizig! Das müssen andere Radfahrer gewesen sein. So werde ich halb verrückt vor Sorge und denke Toto ist angefahren worden oder ausgeraubt und entführt oder alles. Um kurz vor 18 Uhr komme ich an eine Tankstelle. Und wer steht da? Zwei breit grinsende Jungs, die mir sehr bekannt vorkommen. Meine Begeisterung hält sich in SEHR ENGEN Grenzen (Das ist ein Euphemismus für die dann folgende Szene!).

Toto hat direkt im Tal einen Sandlaster erwischt, an dem er sich innerhalb von einer Stunde die komplette Strecke hat hochziehen lassen. Lee, der ja viel früher losgefahren ist, ist wohl den größten Teil geradelt und hat sich erst am Ende an einem Laster festgehalten. Beide sind wohl AN einem Auto hängend an dem alten Mann vorbeigefahren, was aus der Formulierung des Mannes aber nicht ersichtlich war. Es war DER PEFEKTE Laster, erklärt mir Toto. Mir sind die Eigenschaften dieses Lasters in dem Moment, aber tatsächlich ziemlich schnurzpiepegal und ich habe wenig Lust mir diese Ausführung anzuhören. Ich bin übrigens ALLES HOCHGEFAHREN, ihr harten Jungs! Wir radeln das letzte Stück in die Stadt rein und finden ein gutes Hotel – schwierig, da die Preise durch Businessreisende wohl hochgetrieben werden. Lee ist sichtlich erleichtert ins billigere Nachbarhotel abhauen zu können und es Toto zu überlassen, mich bis zum Abendbrot wieder in leisere Stimmlagen zu bewegen. Toto zieht dann auch alle Register. Mit dem Versprechen einer ausführlichen Rückenmassage hat sich das Ganze schon wieder fast für mich gelohnt und ich erspare dem armen Amerikaner weitere Wutausbrüche beim köstlichen Pizzaessen – die Businessstadt hat ihre kulinarischen Vorzüge!

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