Entspanntes Radeln an Perus größtem Binnensee

Von Huànuco auf 1900 m geht es in vier Stunden nach Cerro de Pasco auf 4300 m. Puh, ganz schön anstrengend diese 2400 Höhenmeter! Na gut, das ist unglaubwürdig. Natürlich haben wir gemogelt und uns diese Strapazen dank eines Busses gespart. Eine gute Entscheidung! Bei Nieselregen geht es 120 km durch eher trostlose Landschaft seeehr hoch. Wir hatten schon vorher im sonst euphemistischen Reiseführer von der Tristesse der Stadt gelesen und Cerro de Pasco ist wortwörtlich der Gipfel der Freudlosigkeit. Die Stadt ist die höchstgelegene Stadt (>50.000 Menschen) der Welt und kann wohl getrost auch als die Hässlichste bezeichnet werden. Graue, unverputzte Häuser, mieseste Straßen, in unserem Fall begleitet von Nieselregen und arschkalt – durchschnittliche Jahrestemperatur: 4,2 Grad! Selbst die Hunde sitzen verzweifelt gedrängt an den Hauswänden, um sich vor Kälte und Regen zu schützen. Zudem gibt es nicht einmal Geld für die sonst so farbenfrohe Wahlwerbung. Welch trostloses Bild. Unter dem Vordach der Busstation stärken wir uns erstmal mit Käsebroten und versuchen uns zu motivieren loszufahren. Der Himmel ist grau, es regnet, es ist kalt, was gibt es für einen Grund zu fahren? Wie fürchterlich!

Plötzlich kommt eine alte Frau auf uns zugewackelt: Gringo, ist euch kalt? Ihr Armen! Es ist so kalt hier. Ist das deine Freundin? Die Arme friert bestimmt. Friert euch in Peru? Wohin fahrt ihr? Nach Junin? Nein (energisch)! Fahrt nicht dahin! Es ist kalt dort (wiederholt das drei mal) !! Aber Cerro de Pasco ist DAS SCHLIMMSTE! Ihr Armen (wiederholt das zehn mal)!

Das ganze sagt sie völlig trocken und mit ausdrucksloser Miene, sodass wir nur noch lachen müssen. Besonders der Punkt, dass wir NICHT nach Junin fahren sollen, sondern irgendwohin wo es warm ist, scheint ihr sehr am Herzen zu liegen. Am Ende will sie uns noch zwei Äpfel schenken – gegen die Kälte. Toto erklärt, dass wir schon Bananen haben. Sie sagt: Bananen?? Gringo, was willst du mit Bananen?? Die gefrieren dir hier! Du vergisst, dass es seeehr kalt hier ist! Du musst warm essen.

Allein für diese skurille Komik hat es sich schon gelohnt hierher zu kommen. Etwas aufgemuntert von diesem Auftritt beschließen wir, die Zähne zusammenzubeißen und aus der Stadt zu fahren – nicht so einfach wie sich herausstellt – wir erwischen leider nicht die asphaltierte Straße, sondern eine fürchterliche Piste, sodass wir über eine Stunde brauchen bis zur asphaltierten Abfahrt. Da rauschen wir dann erstmal auf 4100m runter – leider nicht wirklich wärmer, aber immerhin hat der Regen aufgehört. Vorbei geht es an einer gigantischen Mine. Cerro de Pasco war einst eine berühmte Silberabbaustätte. Mitten in der Stadt gibt es ein riesiges Loch, ein Tagebaumine in der hauptsächlich Blei und Zink abgebaut wird (Bilder hier – es war so trostlos, dass uns beim Gedanken die Kamera herauszuholen die potentiellen Betrachter leidtaten). Dies zeigt sich auch bei den Blutwerten der Einwohner – besonders die Kinder weisen alarmierend hohe Bleiwerte auf! Außerdem verschlingt das Loch langsam aber sicher die Stadt, da es sich immer weiter ausdehnt. Deswegen ist ein kompletter Umzug der Stadt 20 km weiter geplant – vielleicht nicht die schlechteste Idee – aber warum nur 20km?.

Wir beschließen, dass es wahrscheinlich keine gute Idee ist in dieser Gegend Wasser zu filtern und decken uns mit genügend Trinkwasser ein. Dann biegen wir von der asphaltierten Hauptstraße auf eine Piste ab, die uns ganz ohne Verkehr am Westufer des größten Binnensees von Peru vorbeiführt – der Laguna Chinchaycocha. Die Straße ist gut zu befahren und dank Hochebene vor allen Dingen verhältnismäßig flach – sonst gäbe es wohl auch keinen See. Schon bald sehen wir die erste Gruppe Flamingos, wie schön! Der kleinen Gruppe sollen noch einige Gruppen mit sicher mehr als 100 Flamingos in weiterer Ferne folgen. Ich bin begeistert. Das Naturschutzgebiet ist für seine außergewöhnliche Tiervielfalt berühmt. Neben den Flamingos sehen wir zahlreiche weitere Seevögel, die wir meist nicht benennen können. Zum Beispiel ein Pärchen, von mir fälschlicherweise als „coole Enten“ titulierte, Rolland-Taucher, wie ich später mit Hilfe von Wikipedia rausfinde (Bild hier). Auch soll es wilde Meerschweinchen hier geben. Zu Totos Enttäuschung kreuzt aber keines unseren Weg. Die Landschaft ist atemberaubend. So stellen wir uns Neuseeland vor. Grüne Seenlandschaft, viele Schafe und passender Weise im Hintergrund bizzarre, dunkle Felsformation die an Mordor aus Herr der Ringe erinnern. Wahrscheinlich ist das der „Bosquo de piedras“, der Steinwald, eine Touristenattraktion in der Gegend. Nach wochenlangem beschränkten Horizont in eher klaustrophobischen Andentälern, freuen wir uns auch über die ungewohnte Weite – ein Blick über den Tälerrand.

und ich dachte immer Flamingos in deutschen Zoos frieren

und ich dachte immer Flamingos in deutschen Zoos frieren

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etwas Angst macht uns die Felldicke

etwas Angst macht uns die Felldicke

sehr gute Piste!

sehr gute Piste!

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Dafür aber zahlreiche aggressive Hunde. Peru ist hundetechnisch bis jetzt wirklich das schlimmste Land. 2,5 Bisse haben wir bisher zu vermelden. Der halbe Biss war sogar in meine Wade. Zugebissen hat er letztlich dann doch nicht, sondern nur mal probiert ob denn meine Wade in sein Maul passt – sie passt, trotz Radtraining! Der nächste Gringo kriegt dann vielleicht den Biss ab. Diesmal nagt zwar kein Hund an uns, dafür geht Toto aber in einem filmreifen stunt vom Rad, als er versucht ein Hundeduo mit Steinen zu bewerfen, die Kontrolle verliert, gegen einen Stein rast und elegant über den Lenker springt. Ich wäre sicherlich krankenhausreif gewesen bei so einem Sturz. Aber Toto – man nennt ihn auch die Katze – landet tatsächlich auf beiden Beinen und hätte er am Ende noch die Arme hochgenommen, jede Kunstturnjury wäre begeistert gewesen. Trocken bemerkt er, es steht wohl 1-1: gestern habe ich einen Hund mit einem Stein getroffen und heute geh ich wegen dem Steinwerfen vom Rad. Für mich wär der Tag ja gelaufen gewesen!

Die Nachtlagersuche gestaltet sich heute mal wieder unerwartet schwierig. Aus irgendeinem Grund sind die Bauern nicht begeistert von der Idee, dass wir auf ihren riesigen Ländereien zelten. So erreichen wir schließlich mit dunklen Gewitterwolken im Nacken das kleine Dorf Ondores, 20 km vor Junín. Ein sehr hübsches Dorf in idyllischer Umgebung. Ein Mann auf dem Dorfplatz erzählt uns, er kenne die Dame, die die Kirche verwaltet, da könnten wir sicher schlafen und bringt uns zu ihr hin. Sie erklärt, dass das Dach des Konvents ein Loch hat und es bei den schwarzen Gewitterwolken keine gute Idee wäre, da zu übernachten. Sie erlaubt uns aber das Zelt vor der Kirche aufzuschlagen. Wir sollen schon mal vorfahren, sie käme gleich und schließe uns das Tor auf. Eine gefühlte Ewigkeit warten wir begleitet von lautem Donnergrollen vor der Kirche. Wir hoffen das Zelt noch im Trockenen aufbauen zu können.

Endlich kommt sie in Begleitung eines kleinen Mädchens. Das sei die Tochter des örtlichen Hotels, ob wir nicht lieber ins Hotel wollen? Wir erklären ihr, dass wenn sie nichts dagegen hat, wir auch gerne zelten. Nein, sie habe absolut nichts dagegen. Aber ob wir denn nicht lieber ins Hotel wollten? Das Ganze geht ungelogen zehn Mal hin und her und wir versichern immer wieder, dass wir SEHR GERNE zelten, wenn sie denn NICHTS dagegen hat. Nein, sie habe nichts dagegen. Na prima! Endlich steckt sie den Schlüssel ins Vorhängeschloss und gerade als wir denken sie schließt auf, dreht sie sich um und sagt: Wollt ihr nicht lieber ins Hotel? Eine never ending story! Das wird hier wohl nichts mehr, gehen wir halt in dieses Hotel… Eigentlich haben wir wirklich keine Lust auf ein Hospedaje, dessen Qualität wir uns gut vorstellen können: Chagas und Bettflöhe lassen grüßen. Wieviel kostet das Hotel, fragen wir. 10 Soles (2,50 Euro), sagt die Kleine. Oh je… wir machen uns auf das Schlimmste gefasst. Wir folgen also der Kleinen in die mittlerweile dunklen Gassen, plötzlich verschwindet sie kommentarlos in einer Tür im Eisenzaun und schließt sie hinter sich und wir stehen alleine in der Gasse. Ok… dann geht eine Haustür auf. Eine alte Dame steht da, wir fragen sie wo denn hier das Hotel sei, sie macht insgesamt einen dementen Eindruck, faselt irgendwas auf Quechua und dann wieder ein paar Brocken auf Spanisch. Nicht hilfreich. Dann erscheint das Mädchen neben der Oma in der Haustür. Es wird Quechua geredet. Kommentarlos geht das Mädchen dann weiter die Gasse rauf. Wir stehen da. Die Oma starrt uns an, wir starren die Oma an. Es ist dunkel und das Gewitter tobt über uns, ein Wunder, dass es noch nicht regnet. Toto schlägt vor, zurück zur Kirche zu gehen und über den Zaun zu steigen. Dann kommt das Mädchen auf dem Gepäckträger ihres erwachsenen Bruders zurück – „buenas noches, buenas noches“- und verschwindet im Haus. Aha. Kommt wieder raus, unterhält sich mit den anderen auf Quechua im Türrahmen. Wir stehen da jetzt bestimmt eine viertel Stunde. Toto sagt: Junge, hast du jetzt ein Zimmer oder nicht? Er sagt: Klar. Toto: Ja super, dann können wir ja jetzt mit den Rädern rein kommen – und schiebt ins Haus. Er sagt: Klar. Manchmal merkt man doch, warum es so etwas wie eine Hotelfachschule gibt. Innen ist es stockfinster. Erst kollidiere ich mit einem Billiardtisch, dann mit einem Fahrrad. Langsam gewöhne ich mich an die Dunkelheit. Wir stellen unsere Räder ab. Sieht nach einer Garage aus. Aus der Dunkelheit starren uns drei Paar Augen an, wir starren zurück. Dann sagt der Bruder endlich: hier entlang! Das Zimmer hat vier Betten. Wir rechnen uns aus, dass wenn wir zwei davon senkrecht stellen, wir unsere Matratzen auf den Boden legen können und dank Mückennetz ungezieferfrei schlafen können. So machen wir es dann auch. Dankend verzichten wir auf die Dusche, sowieso schon vollkommen durchgefroren, können wir uns jetzt wirklich nicht vorstellen bei 0 Grad draußen mit eiskaltem Wasser in Kontakt zu kommen. Ganz davon abgesehen, dass das Klo ein Loch im Boden der Dusche ist mit entsprechendem Geruch.

Naja, wenigstens regnet es jetzt heftig – so hat es doch einen Vorteil ein Dach über dem Kopf zu haben. Unter dem Vordach kochen wir im Trockenen unser Abendbrot. Zähneputzen fällt heute eher kurz aus, dank Außenbadezimmer im Regen. Für den nächsten Morgen hatte uns die Kirchendame zum Frühstück eingeladen – wie nett! Trotzdem frühstücken wir normal, um Energie zum Radfahren zu tanken – peruanische Küche hat sich bis jetzt als eher gewöhnungsbedürftig herausgestellt. Um kurz nach acht klingeln wir an ihrer Tür – keiner da! Gut, dass wir gefrühstückt haben. Recht froh, dass wir so doch noch früh loskommen – heute stehen 80 km an – radeln wir los. Nach kurzer Zeit höre ich: Gringa, Gringa, warte, stopp! Eine Frau kommt aus ihrem 200 Meter entfernten Haus gerannt. Kannst du mir einen Gefallen tun? Mein Sohn hat seine Arbeit vergessen – wedelt mit einer Papierrolle – Kannst du es ihm in die Schule bringen? Hinter der Kapelle, das Haus mit dem blauen Tor ist die Schule. Aha, das Zeitalter der Reparationen hat endlich begonnen. Der Ausgleich für all die Dinge, dir mir in die Schule hinterher getragen wurden! Nach einer halben Stunde erreichen wir besagte Schule. Davor 4 verschüchterte Kinder. Hola, sagen wir. Hola sagen sie. Dann nichts mehr. Na, wer hat nun seine Arbeit vergessen, fragt Toto. Zaghaft hebt einer der Jungs seine Hand, kommt mit gesenktem Kopf auf mich zu und murmelt artig Grazias. Haha, Gringolieferservice ist wohl etwas beängstigend. Wer weiß wie diese Gringos drauf sind, vielleicht essen die ja kleine Kinder zum Frühstück?

morgendlicher Ausblick aus der Hospedaje - wir sind auf einer Schafsfarm gelandet!

morgendlicher Ausblick aus der Hospedaje – wir sind auf einer Schafsfarm gelandet!

Gringo Lieferservice

Gringo Lieferservice

Schwimmbad oder Eislaufbahn?

Schwimmbad oder Eislaufbahn?

Im 20 km entfernten Junín, der ersten großen Stadt seit Cerro, legen wir noch eine weitere Frühstücks- und Kaffeepause ein – es gibt zwei Café con Leche, für mich zwei Brötchen mit Marmelade und Butter und Toto wagt sich ans peruanische Frühstück: Riesenportion Reis, dazu scharfer Spinat und Kartoffeln – das alles für insgesamt nicht mal 2,50 Euro. Absurde Preise hier auf dem Land. Vor allen Dingen wenn man im Gegensatz dazu die Touristenmetropolen sieht! Die Wirte dort müssen sich dumm und dämlich verdienen. Das Wetter ist mal wieder beschissen. Im Nieselregen fahren wir weiter. Jetzt wieder auf Asphalt. Das Positive daran: Toto zieht seinen Regenmantel an, dreht sich mit ernster Miene zu mir um, will irgendwas sagen. Sag bitte nichts, ich kann dich nicht ernst nehmen. Seit Tagen schon suchen wir das Dexamethason, ich glaube ich habe es gefunden! Der Tag ist gelaufen – es kann nichts mehr Besseres kommen. Ich habe Bauchschmerzen vor Lachen.

Die Höhenkrankheit steht Toto auf der Stirn geschrieben!

Die Höhenkrankheit steht Toto auf der Stirn geschrieben!

Die Landschaft ist uninspirierend. In der Ferne sehen wir einen Obelisken stehen – hier haben die Peruaner die Spanier endgültig besiegt – wohl nicht zuletzt wegen Höhenkrankheit auf Seiten der Verlierer. Wir biegen ab auf die Straße nach Tarma, hier geht es nochmal ordentlich hoch auf 4300 m. Dann folgt eine spektakuläre, 26 km lange, rasante Abfahrt zu der auf 3200m gelegenen Stadt. Die Blicke sind fantastisch – leider ist aber auch die Abfahrt zu spaßig, als dass wir Lust haben anzuhalten und Fotos zu machen. Malerisch sieht man von oben die Stadt im Kessel des wilden Tals liegen. Am Ende trüben die schon bekannten aggressiven Hunde etwas das Vergnügen, da wir aus Angst zu stürzen wegen ihnen immer wieder scharf abbremsen müssen. Schnell finden wir ein nettes Hotel direkt am Markt und freuen uns morgen einen Ruhetag einzulegen. Abendbrot gibt es im vegetarischen Restaurant: Süßkartoffeln, Spinat, Reis, zwei Brötchen, dazu ein süßer Tee (Gartenfuchsschwanz mit Maca, was auch immer das sein mag) – für nichtmals 1 Euro pro Person!

Mehr Bilder der Hochebene von Junín

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