Regnet es noch oder schneit es schon? – Ich weiß nicht, es ist so nebelig!

Fasziniert von der Schönheit der Bergwelt hier und begeistert nach den guten Erfahrungen beim Santa Cruz Trek, wollen wir unbedingt gleich nochmal los. Der 7-tägige Alpamayo Trek von Hualcayan nach Pomabamba soll es sein! Mit drei Pässen, davon zwei mit Doppelspitze, also eigentlich fünf Pässen (alle um die 4800 m hoch) ist er nochmal eine ganz andere Hausnummer als der Santa Cruz. Aber wir fühlen uns fit! Wir sind akklimatisiert nach den vier Tagen auf über 4000 Metern! Wir sind motiviert! Unsere Beine weisen zugebenerweise noch eine bleierne Müdigkeit auf, deshalb gönnen wir uns erst mal zwei Ruhetage in Caraz. Der zweite wird dann doch nicht so entspannt, da es gilt die Essensvorräte zusammenzusuchen und schon mal nach Hualcayan zu fahren. Hualcayan ist ein kleines Bergdorf zwei Fahrstunden von Caraz entfernt. Ein Taxi dorthin ist super teuer (100 Soles, also ca. 25 Euro) und Colectivos, also Sammeltaxis fahren nur äußerst selten und unregelmäßig.

Morgens hetzen wir also über den Markt, um möglichst früh unser Glück an der Colectivo Haltestelle zu versuchen. Eines haben wir vom Santa Cruz Trek gelernt: Wir müssen leichteres Essen kaufen! Man sollte meinen, nach knapp acht Monaten Radfahren, wüssten wir das. Aber es ist ein Unterschied, ob das Essen unauffällig hinten auf meinem Gepäckträger liegt oder ich es tatsächlich auf meinem Rücken spüre. Hier ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie schwer das Essen tatsächlich ist. Da wir nur einen großen Rucksack für den Santa Cruz Trek ausleihen konnten, haben wir die schwersten Sachen in meinen kleinen Rucksack gestopft – d.h. das ganze Essen. Hatte den Vorteil für mich, dass am Ende der Tour der Rucksack sehr leicht war. Aber am ersten Tag war das wirklich kein Vergnügen. Das waren Essensvorräte für fünf Tage – für den Alpamayo brauchen wir jetzt Essen für acht Tage und es gilt eine viel schwerere Strecke zu bewältigen. Also muss eine Strategieänderung her: Statt schwerer Tomatensauce gibt es nun jeden Abend Tütensuppe mit Nudeln, das wird ein kulinarischer Genuss! Statt Honig, Marmelade UND Käse, gibt es nur noch Letzteren am Mittag aufs Brot und die Müslimenge am Morgen wird aufs Genaueste abgezählt. Außerdem leihen wir mir noch einen etwas größeren Rucksack mit einem angenehmeren Tragesystem.

Darmabteilung - Markt in Caraz ist definitv authentisch

Darmabteilung – Markt in Caraz ist definitv authentisch

Die Stadt ist voll mit traditionell gekleideten Frauen. Lange Schlangen bilden sich vor Apotheke, Klamottenständen und der Bank. Die örtlichen Mobilfunkanbieter haben Stände aufgestellt, um Kunden anzuwerben. Ein Dorfausflug, fragen wir uns? Nein, es ist Zahltag! Die Sozialhilfe wird ausgezahlt – und offensichtlich auch gleich wieder ausgegeben. Sie scheinen aus weit entfernten Tälern angereist zu sein. Noch neugieriger und belustigter als sonst werden wir gemustert. Die grellen Farben ihrer Kleidung erinnern an die Minoritäten in Vietnam. Neonfarben als weltweiter Minderheiten-Modetrend?

Schlange vor der Apotheke

Schlange vor der Apotheke

Zahltag

Zahltag

Baby, Kartoffeln, Tiere - alles im Tuch verstaut

Baby, Kartoffeln, Tiere – alles im Tuch verstaut

je mehr Spangen, desto höher der Rang??

je mehr Spangen, desto höher der Rang??

Andenchic

Andenchic

Um 11 Uhr haben wir dann soweit alles zusammen. Toto will nur noch schnell unseren Kocher auftanken. Wie immer wenn man irgendwas nur noch schnell machen möchte, geht dann alles schief. Toto lässt die Benzinflasche nach dem Tanken zurück in den Beutel fallen, der Beutel reißt und die Pumpe bricht vom Ventil ab. Da stehen wir also mit unseren Tütensuppen und Nudeln ohne Kocher. Zum Glück schafft die Reiseagentur, von denen wir die Rucksäcke geliehen haben Abhilfe: Sie haben gleich mehrere dieser Pumpen unseres Kochers vorrätig, weil die anscheinend immer kaputt gehen. Auch von anderen Radlern hatten wir von diesem Problem gehört und deswegen immer sehr vorsichtig gepumpt – der ganze Kolben besteht nämlich einfach nur aus Plastik, was für eine Fehlkonstruktion! Aber dass der mitgelieferte Beutel dann auch noch reißt, naja!

Punkt 12 stehen wir dann an der Colectivostation. Die Taxifahrer stürzen uns gleich alle auf uns, es gibt schließlich 100 Soles zu verdienen. Nein, danke, wir winken ab. Wir nehmen das Colectivo. Heute gibt es kein Colectivo, erzählen sie uns. Ja, ja das würde ich auch sagen als Taxifahrer! Nach einer halben Stunde warten kommt eine der Taxifahrerinnen an und sagt: Na, euer Collectivo kommt wohl heute nicht mehr? Ich fahr euch für 70 hoch und dafür nehmen wir noch ein paar Leute nach Cashapamba mit. Nach Cashapamba, das auf dem Weg liegt fahren ständig Colectivos für 10 Soles pro Person. Naja 70 ist besser als 100 denken wir, also warum nicht. Mittlerweile haben wir noch einen alten Mann kennengelernt, der auch nach Hualcayan will und uns erzählt hat, dass heute am Freitag die Lehrer fürs Wochenende mit einem Bus runterkommen und man mit diesem Bus dann für 8 Soles hochfahren kann, aber so richtig sicher klang das auch nicht und wer weiß wann die kommen. Wir sagen der Taxifahrerin, sie solle ihn auch noch fragen ob er mit will. Im Endeffekt sind wir dann plötzlich fünf Leute, die nach Hualcayan wollen und niemand fährt nur nach Cashapamba: Der alte Mann, der für ein „Business“ hochfährt, ein junger Bauarbeiter aus Lima, der tatsächlich seit zwei Tagen auf ein Colectivo wartet, um seine Familie während seines einwöchigen Urlaubs zu besuchen und noch ein weiterer älterer Mann.

Ja Moment sagen wir, wenn jetzt alle nach Hualcayan fahren, dann zahlen wir aber keine 70, 100 durch 5 macht schließlich 20. Ne sagt sie, die anderen zahlen ja nur 7, wenn ihr nicht zahlt, dann fahr ich nicht. Hahaha, genau, wir zahlen 70 und alle anderen 7? Das kann doch nicht sein! Doch insgesamt will sie auf ungefähr 100 kommen. Also das kommt uns nicht richtig vor. Wir machen den Vorschlag, dass wir zusammen 50 zahlen und alle anderen jeweils 10. Aber 3 Soles, rund einen Euro mehr, ist niemand bereit zu zahlen, da warten sie lieber noch einen Tag. Also wird daraus Nichts. Die Taxifahrerin redet noch eine halbe Stunde auf uns ein, aber es ist uns echt zu blöd den 5-fachen Fahrpreis zu zahlen, das doppelte ok, aber irgendwo hört‘s dann auch auf. Wir unterhalten uns recht nett mit dem jungen Bauarbeiter während wir entspannt auf einer Mauer sitzen und warten, dass der Lehrerbus oder sonst irgendwer kommt und uns mitnimmt. Eine weitere halbe Stunde vergeht. Dann kommt plötzlich ein anderer Taxifahrer, der schon länger um uns rumschleicht zu uns und sagt: ich fahr Euch hoch für 10 Soles pro Kopf. Mittlerweile sind es sechs die hoch wollen. 6×10 sind 60, das ist sehr wenig. Bist du ganz sicher?, fragt der Bauarbeiter ihn mehrmals erstaunt. Ja, ja, versichert er. Wir quetschen uns also zu viert auf die Rückbank und zwei auf den Vordersitz. Der alte Mann stößt mir in die Rippen: Ha, siehst du: HIERFÜR haben wir gewartet! Hehe! Er freut sich wie ein Schuljunge, dass es mal wieder geglückt ist die Taximafia auszutricksen. Warum jetzt plötzlich alle bereit sind doch 10 Soles zu zahlen, wissen wir auch nicht. Wir vermuten auch, dass die alten Männer und die neu hinzugekommene Frau nur 8 gezahlt haben, weil sie beim Aussteigen alle eine 2 Soles Münze zurückbekommen haben, aber trotzdem ein super Preis für uns. Wir rechnen ja noch fast damit, dass er uns beim Aussteigen einen neuen Gringo-Preis sagt, aber nichts: 20 Soles für uns beide für zwei Stunden Holperpiste in die Berge, wir sind begeistert und geben ihm gleich noch 10 Soles Trinkgeld, als Dank, dass er uns nicht abzockt und damit sich die Fahrt wenigsten ein bisschen für ihn rechnet.

Schnell finden wir einen geeigneten Zeltplatz am Anfang des Weges. Wir fragen den Bauern der gerade sein Feld mit irgendwas fürchterlich Toxischen einsprüht, ob es ihn stört wenn wir hier in der Nähe zelten. Nein, nein bleibt ruhig. Naja wir gehen dann ob der vielen Warnschilder: „Zutritt verboten“, „Nicht mit Tieren aufs Feld kommen“ und der großen Waschstationen: hiermit bitte abduschen doch lieber etwas weiter von den ominösen Feldern weg, um eine allzu große Exposition zu vermeiden. Den Nachmittag lassen wir dann ruhig vor unserem Zelt ausklingen: Essen noch einen großen Joghurt mit Früchten (Vitamine und Calcium auftanken vor der Nudelsuppendiät) und lesen gemütlich auf der Wiese. Bald gesellt sich ein etwas schreckhafter Hund zu uns und wir genießen zusammen die letzten Sonnenstrahlen. Am Abend zieht dann dichter Nebel auf.

Abend vor dem Aufbruch - Zelten am Trailhead

Abend vor dem Aufbruch – Zelten am Trailhead

Da wir auf dem Grundstück des Bauers auf ein Lagerfeuer verzichten, kriechen wir früh ins Zelt und knabbern noch ein Brot mit einer riesigen Avocado (3 kg!). Als ich schon halb eingeschlafen bin, sagt Toto: Da klaut doch irgendwer in einer Tour was! Und springt aus dem Zelt. Gefolgt von einem Schrei des Entsetzens. Unser kleiner vierbeiniger Freund ist nachts anscheinend mutiger. Hat unseren kompletten Müll zerlegt und ist gerade dabei unseren Kochtopf abzuschleppen! Oh, Toto ist sehr wütend und schnappt sich Steine! Tatsächlich beeindruckt ihn das wohl so, dass wir die restliche Nacht Ruhe haben.

Der nächste Morgen präsentiert sich ähnlich grau und nebelig, wie der letzte Tag zu Ende gegangen ist. Wir haben gar keine Lust loszugehen. Bis zum ersten Campingplatz kann man ja mal gehen, denken wir. Wenn es morgen nicht besser ist… naja, wir wollen mal optimistisch seien. Der Weg schlängelt sich in Serpentinen an einer senkrechten Wand nach oben, es ist sehr steil und anstrengend. Sonne, Wolken und Nebel wechseln sich im Minutentakt ab. Eben noch strahlender Sonnenschein, dann plötzlich dichter Nebel. Seltsames Wetter. Dann setzt auch noch Nieselregen ein. Totos Laune ist sehr wetterfühlig. Nieselregen ist der Supergau.

Hualcayan - idyllisch auf einem Hochplateau

Hualcayan – idyllisch auf einem Hochplateau

Nach drei Stunden kommt uns ein deutsches Pärchen entgegen: Sie sind nach drei Tagen umgedreht – Wetter zu schlecht. Sie haben es bis zum ersten Pass geschafft und dort die letzte Nacht verbracht. Hm, das blüht uns vielleicht auch noch, denken wir. Aber jetzt warten wir erst mal bis morgen ab und vielleicht ist ja auf der anderen Seite vom Grat schönes Wetter… Im Nieselregen stapfen wir weiter. Nach vier Stunden kommen wir zum ersten Mal an eine Wiese, wo man zelten könnte. Ist das der offizielle Campingplatz? Es gibt kein Schild, andererseits gab es bis jetzt auch noch gar keinen Wegweiser. Wenn wir weitergehen und es bis zum Gipfel keine ebene Stelle mehr gibt, bekommen wir ein Problem. Ein Blick aufs Handy verrät, dass wir erst auf 3900 m sind, das würde bedeuten dass wir morgen nochmal 900 Höhenmeter machen müssen und heute erst 700 geschafft haben. Der Campingplatz soll auf über 4000 liegen. Also beschließen wir die Wasservorräte aufzufüllen und auf eine höhere Wiese zu hoffen. 1,5 Stunden später ist er dann tatsächlich da, der offizielle Campingplatz mit Schild und natürlich mit Fluss (gut, dass wir 5 Liter Wasser auf 4300 m hochgeschleppt haben). Ganz schön dünn die Luft hier oben!

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Huyshcash 4300 müN

Huyshcash 4300 müN

Nudelsuppe! Wie in Asien ...

Nudelsuppe! Wie in Asien …

Sonne beim Zeltaufbau!

Sonne beim Zeltaufbau!

So weit das Auge reicht - 2m?

So weit das Auge reicht – 2m?

Unser einziger Campnachbar

Unser einziger Campnachbar

Solange man den Rucksack aufhat merkt man es nicht so, da man automatisch langsam geht und meint die Schwierigkeit käme allein von dem schweren Rucksack. Hat man den aber erst mal abgesetzt und will mal eben kurz das Zelt aufbauen und schnell von einer Seite der Wiese zur anderen laufen, fängt man plötzlich ungewohnt an zu schnaufen. Wir nutzen eine regenfreie Episode (es wird die einzige an diesem Abend sein), um unsere Nudelsuppe zu kochen. Kaum ist die fertig fängt es an zu hageln, sodass wir im Zelt essen müssen. Immer wieder zieht eine richtig dicke Suppe auf, mit Sichtweiten von ein paar Metern. Positiv an diesem Abend ist, dass der bessere Rucksack sich ausgezahlt hat. Trotz Essensvorräten für acht Tage habe ich im Gegensatz zum Santa Cruz Trek nicht das Bedürfnis meinen Rücken auseinander zu bauen und wieder richtig zusammen zu stecken.

Einschlafen ist heute schwierig. Immer wenn wir kurz davor sind, wachen wir mit einem Anfall von Atemnot auf. Das kommt daher, dass man im Einschlafprozess anfängt weniger zu atmen und dann der Sauerstoffmangel akuter wird… oder so… äh, habe ich da nicht gerade noch Doktorarbeit drüber geschrieben? Naja, kommt mir ewig weit weg vor. Jedenfalls gewinnt dann zum Glück nach einigen Stunden die Müdigkeit (im Gegensatz zum Santa Cruz Trek, wo ich die ersten zwei Nächte tatsächlich gar nicht schlafen konnte!). Ich dachte, das mit der Höhenanpassung gehe schneller. Wir haben gelesen, dass man sich an Höhen bis 5000 m gewöhnen kann, aber anscheinend dauert das länger mit der ausreichenden Erythrozytenkonzentration und unsere Anpassung reicht gerade aus, um nicht ernsthaft höhenkrank zu werden. Atemnot bei Belastung und Einschlafen, Toto hat beim Santa Cruz einmal Kopfschmerzen und mir ist am Pass ein bisschen übel, das sind unsere einzigen Symptome. Außerdem huste ich nach Belastung in der Höhe immer. Toto behauptet, ich hab Belastungsasthma. Ich behaupte, ich habe Husten. Jedenfalls stecken wir das recht gut weg! Wir sind aber trotzdem gut vorbereitet für den Ernstfall: Die aktuellen Leitlinien akute Höhenkrankheit sind auf dem Handy abgespeichert. Nifedepin retard und Dexamethason als Therapie der ersten Wahl im Medikamentenarsenal. Und dann haben wir die Apothekerin noch davon überzeugt uns Diazepam zu geben – falls mal wer krampft! Die kosten hier übrigens 8 Soles Cent = 2 Euro Cent pro Pille. Also wenn das mit dem Arzt werden in Deutschland nichts wird, gibt’s immer noch den Ausweg billig Benzojunkie in Peru zu werden. Wenn das keine gute Neuigkeiten sind! Genug des Medikamentenexkurses.

Nächster Morgen, dichter Nebel, juchu! Nach dem Frühstück dann plötzlicher blauer Himmel, es reißt auf, endlich! Zehn Minuten später: dichter Nebel. Oh man, welch Wechselbad der Gefühle. Wir steigen weiter auf, Himmel bedeckt, kein Nebel, kein Nieselregen. Uns kommen eine Österreicherin und ein Deutscher entgegen. Bis ich nach oben gekeucht bin, hat Toto schon die wichtigsten Infos ausgetauscht. Wie ist das Wetter auf der anderen Seite? frage ich. Scheiße, ist die ernüchternde Antwort. Sie laufen seit vier Tagen in Regen und Schnee. Gestern gab es dann zur Abwechslung mal einen Hagelsturm. Sie haben keinen der Gipfel gesehen, sondern nur irgendwelche Rümpfe von Schneebergen im Nebel erahnen können. Das klingt ja wunderbar. Unsere Hoffnung, auf der anderen Seite wäre es besser, ist zerstört. Ich bin trotzdem wild entschlossen, es noch eine Nacht zu probieren, irgendwann muss es doch wieder schön werden, oder??

Wir steigen weiter auf. Ein Mann mit zwei Eseln verfolgt uns schon seit dem Campingplatz. Er ist recht langsam. Die Esel bleiben ständig stehen. Ganz anders als die Eselstreiber mit den Touristen am Santa Cruz Trek, scheint er viel geduldiger zu sein. Er schlägt sie nicht, sondern lässt sie auch mal verschnaufen. Irgendwann brüllt er irgendwas hinter uns her und gestikuliert den Hang hoch – anscheinend eine Abkürzung, nahezu senkrecht. Nein, danke, ich gehe weiter den Mulipfad. Auf über 4500 habe ich für solche Späße wirklich keine Luft. Wir warten auf ihn, um sicher zu gehen, dass er uns nicht sagen will, dass wir uns verlaufen haben. Außerdem… diese Esel… sehen schon verlockend aus, mal sehen wie weit er geht und ob man einen guten Preis verhandeln kann, damit die Esel unsere Rücksäcke tragen. 75 Soles pro Tag für einen Eselstreiber und zwei Esel hatte man uns in der Agentur in Caraz gesagt. Uns wurde empfohlen für die ersten drei Tage diesen Dienst in Anspruch zu nehmen, um den ersten Pass zu überwinden und dann mit schon leichterem Rucksack alleine weiter zu gehen. Allerdings muss man nicht nur die drei Tage zahlen, sondern auch noch zwei Tage Rückkehr, die der Eselstreiber benötigt um nach Hause zu kommen. Dazu kommt, dass der 3. Tag super einfache 10 km flach im Tal verläuft, sodass sich eigentlich nur die ersten zwei Tage lohnen. Nur zwei Tage ist dann aber auch langsam lächerlich haben wir uns gedacht, dann können wir gleich alles alleine machen. Außerdem gefällt es uns sehr einsam zu wandern und nicht ständig noch jemanden dabei zu haben. Ganz davon abgesehen hat uns die Behandlung und die Überbeladung der Esel beim Santa Cruz schockiert. Der letzte in der Reihe kriegt alles ab: Wird geschlagen und getreten. Bei den steilen Felspassagen kommen sie mit ihrem schweren Gepäck ganz schön ins Schlittern – tierfreundlich sah das nicht aus. Am Ende unseres Treks haben wir einen Esel gesehen, der gerade losgegangen ist und sich gleich zwei Mal in ein Wohnhaus geflüchtet hat, wohl weil er keine Lust hatte. Der wurde natürlich ordentlich verprügelt. Naja, es scheint anders zu gehen.

Dieser Bauer hier ist jedenfalls sehr liebevoll mit seinen Eseln. „Vamos“ sagt er immer und tätschelt vielleicht mal leicht das Hinterteil. Er gehe bis Alpamayo erzählt er, dass sei ein Dorf mit drei Häusern, die Abzweigung dorthin sei kurz vor unserem Tagesziel, der Ruina Pamba. Die Esel sind beide nur leicht beladen, jeder hat einen kleinen Sack auf dem Rücken. Um Reis, Salz, Öl und Zucker zu kaufen, ist er zur Stadt runter gestiegen, erzählt er. Wir machen ihm ein Angebot: 30 Soles für unsere Rücksäcke auf dem Esel bis zum Abend. Wieviel wiegen die denn? 20 kg jeweils etwa, meint Toto. Ok, sagt er erst, aber dann: Aber erst wenn wir bergabgehen. Und nur der kleine Rucksack. Für beide will er mehr. Ja wie? Nur bergab und dann nur einer für 30? Über eine Agentur zahlt man 75 für den ganzen Tag für zwei Rücksäcke, nicht nur bergab! Da scheint uns 30 für weniger als einen halben Tag, ohne dass die Agentur eine Provision abzieht, doch ein mehr als fairer Preis! Wir bekommen tatsächlich das Gefühl, dass ihm seine Esel leidtun und er nicht will, dass sie beide Rücksäcke tragen müssen. Tatsächlich bleibt er hart und geht auf unser Angebot nicht ein. 30 Soles! Für einen Weg, den er eh machen muss. Das steht etwas im Gegensatz zu den Männern im Tal, die wegen 3 Soles gerne einen Tag länger auf ein Colectivo warten. Ist das Tierliebe? Er erzählt uns, er habe eine Freundin in Deutschland die Doris heißt und ob wir die kennen? Toto will schon sagen, klar, die ist sehr nett und wohnt in Lappersdorf! Doch dann meint er noch, die kommt manchmal her und spricht Quechua. Komisch, scheint tatsächlich eine andere Doris zu sein :D. Bald brauchen wir dann auch eine Schokoladenpause und unsere Wege trennen sich. Zur Abwechslung schneit es jetzt.

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Wolkenaufzug die 27.

Wolkenaufzug die 27.

Laguna Cullicocha - Eigentlich spiegeln sich hier die Schneegipfel ... buhuu

Laguna Cullicocha – Eigentlich spiegeln sich hier die Schneegipfel … buhuu

Wir steigen die letzten Meter zur Laguna Cullicocha auf. Es ist nebelig. Man kann einen Gletscher erahnen (So sieht es eigentlich aus). Muss schön sein hier mit Sonne…Toto hat keinen Bock mehr und will umdrehen. Ich will wenigstens noch auf den Pass. 4850 Meter! So hoch waren wir noch nie! Toto findet das albern und motzt. Ich will hoch. Toto motzt. Ich will hoch. Toto motzt. Toto behauptet, er erfriert wenn ich da jetzt allein hochlaufe. Es seien zwei Stunden. Es sind noch 150 Höhenmeter und 1,2 km – ich bezweifel, dass ich dafür zwei Stunden ohne Gepäck brauche. Toto sagt, wir kommen nicht mehr runter vom Berg, wenn ich da jetzt hoch gehe. Ich sage, wir haben sieben Stunden hochgebraucht, da werden wir ja wohl weniger zum runter gehen brauchen. Toto bezweifelt das. Toto motzt. Es schneit. Es ist kalt. Ich bin sauer. Ich WILL AUF 4850 m gehen. Toto motzt. Wir steigen ab.

Nach kurzer Zeit falle ich über meine eigenen Füße, sodass meine Hose zerreißt. Naja, vielleicht bin ich doch schon etwas erschöpft. Das Schauspiel wiederholt sich, nur dass dieses Mal der Rest der Hose ganz bleibt. Ok, vielleicht war ich etwas im Höhenrausch und bin wirklich müde. Den Rest des Abstiegs falle ich zwar nicht mehr, stolper aber mehr durch die Gegend, als dass ich gehe. Vielleicht wäre es nicht die beste Idee gewesen noch auf dem Pass zu steigen. Am Campingplatz treffen wir zwei Neuseeländer, die gerade mit Guide aufgestiegen sind. Sie haben den Wetterbericht gesehen: heute und morgen sei es schön. Aha, wir kommen gerade aus Schnee und der Himmel ist super grau. Ja, räumt er ein, der Wetterbericht habe für heute besseres Wetter versprochen. Naja, wir bezweifeln, dass es morgen besser wird, wünschen ihnen aber viel Glück. Am Ende geben sie zu, dass sie eigentlich ursprünglich aus der Schweiz sind. Wir wollten ja nicht unhöflich sein, aber wir haben uns schon gewundert wie schlecht dieser Neuseeländer Englisch spricht. Außerdem stellt sich raus, dass sie auch Radfahrer sind und von Kolumbien nach La Paz gefahren sind und nun noch hier wandern gehen. Mittlerweile ist mir ganz schön übel. Ok, ich gebe es zu! Ich hätte mich waaahrscheinlich mit dem Pass übernommen. Aber 4850 m… wäre schon cool gewesen, naja. Weiter geht’s ins Tal der Weg ist noch lang und steil. Kein Wunder, dass das Hochgehen so anstrengend war. Beim Runtergehen merkt man erstmal in den Knien wie steil es tatsächlich ist.

Abstieg von Alpamayo

Abstieg von Alpamayo

Wir kommen am Nachmittag im Ort an. Es ist Sonntag? Ob heute die Lehrer wieder aus der Stadt abgeholt werden? Leider nicht, erst am Montagmorgen. Das Colectivo dafür startet hier um 3 Uhr nachts. Naja, das ist vielleicht doch etwas übertriebender Sparwahn. Wir handeln ein Taxi auf 80 Soles runter und lassen uns runterkutschieren. Die beste Fahrt bisher! Unser Fahrer fährt mit ungefähr 30 km/h den Berg runter, hält ständig an, um Steine aus dem Weg zu räumen, überholt nie egal wieviel Platz ist. Es ist toll, wir haben keinerlei Angst den Berg runterzustürzen. Etwas stutzig machen mich die vielen Pickel in seinem Gesicht, sodass ich schon die ganze Zeit zu Toto sage, dass der doch maximal 15 Jahre alt ist! Und dann wird es lustig. Plötzlich – gottseidank nur wenige Kilometer vor Caraz – steht die Polizei auf der Straße. Und was macht Bubi? Setzt zum abrupten U-Turn an, merkt dann, dass das vielleicht SEHR auffällig ist und überlegt es sich anders, sodass wir nur einen riesigen Schlenker auf der Straße vollziehen. Hinter der nächsten Kurve wird dann hastig angehalten. Beifahrer und Fahrer tauschen die Plätze. Der Beifahrer wurde auf Grund seines Schlafzimmerblickes von Toto als „Ah, Drogi kommt auch mit. Braucht neuen Stoff aus der Stadt“ betitelt als er zugestiegen ist. Da hat er wohl nicht so ganz daneben gelegen. Anscheinend ist er aber über 18 und hat vielleicht sogar einen Führerschein, deswegen wurde wohl getauscht. Das bedeutet aber nicht, dass er Autofahren kann. Höher als in den 2. Gang zu schalten traut er sich nämlich nicht. Zu gruselig. So düsen wir also mit 50 km/h und laut aufheulendem Motor über die Landstraße. Oh man! Zum Glück ist es nicht mehr weit! In jeder Kurve quietschen die Reifen. Keine Ahnung wie er das macht, wir sind wirklich nicht schnell, wahrscheinlich liegt es an der starken Beschleunigung im 2. Gang. Das Beste aber sind die Straßenhuckel, die Autofahrer zum langsam Fahren zwingen sollen. Davor legt er immer eine Vollbremsung hin, als würde er sie zu spät sehen. Wir hoffen, dass die Polizei uns nicht verfolgt. Sie diskutieren, ob das jetzt gerade 600 oder 800 Soles gekostet hätte. Sie fragen uns, wo wir hinwollen. Plaza de Armas, sagt Toto. Mutig, sage ich, du willst sie ins Stadtzentrum fahren lassen? Du willst doch nur sehen, wie wir ausversehen in die Kathedrale düsen. Wir landen zwar nicht in der Kathedrale, aber kurz vor der Plaza steht nochmal eine Polizeistreife. Bubi rutscht auf seinem Beifahrersitz rum und macht vor lauter Nervosität die Warnblinkanlage an! Wir stehen an einer roten Ampel, du musst keine Warnblinkanlage anmachen! Geht’s bitte noch auffälliger? Die Polizei schaltet ihr Blaulicht an und fährt hinter uns. Bubi winselt. Wir sagen, ihr könnt uns einfach hier rauslassen oder nach der Ampel. Doch sie sind so fixiert auf die Polizei, dass sie uns nicht hören oder ignorieren, also fahren wir an unserem Hotel vorbei und drehen wir noch eine halbe Runde um den Platz, die Polizei hinter uns, bis sie sich endlich trauen wieder anzuhalten, mit Warnblinkanlage, brav. Die Polizei schert aus und überholt, puh, Glück gehabt. Als wir Bubi zum Abschied die Hand geben, ist er ganz kaltschweißig. Wir müssen sagen, bis zum beinahe U-Turn war das die angenehmste Autofahrt in ganz Südamerika. Mehr 15-jährige, die Angst haben einen Unfall zu bauen ans Steuer! Wir fühlen uns sehr sicher mit euch.

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