Von Enten und anderen schrägen Vögeln

Nach einigen Tagen Ausspannens in Trujillo freuen wir uns sehr endlich wieder loszuradeln. Leider sucht mich dann in der Nacht aber wieder der bekannte Magenkeim heim, sodass wir nach einer wenig erholsamen Nacht beschließen noch einen Tag zu warten. Doch schon am Nachmittag fällt uns so die Decke auf den Kopf, dass wir kurzerhand noch losradeln. Geplant war sowieso die ersten 80 km auf der viel befahrenen PanAm, die durch die dröge Küstenwüste verläuft mit dem Bus zu überbrücken. Zumal Trujillo als eine der gefährlichsten Städte Perus gilt und es nicht empfehlenswert ist durch die Randbezirke zu radeln. Wir haben zwar viele getroffen, die trotzdem rein und raus mit dem Fahrrad fahren und keine Probleme hatten, aber das muss ja nicht sein.

Zum ersten Mal haben wir Schwierigkeiten einen Bus zu finden, der bereit ist Räder mitzunehmen, aber schlussendlich sitzen wir doch in einem Minibus mit den Rädern auf dem Dach – die Radl-schonenste Methode. Plötzlich stehen wir im Stau. Ein LKW Fahrer erklärt uns vorne sei eine Brücke abgesackt. Oh nein, es ist schon später Nachmittag und wir haben Angst hier zu stranden. Aber wir sind ja nicht in Deutschland! Bei uns wäre sicher die Brücke gesperrt gewesen. Unser Minibusfahrer drängelt sich geschickt zwischen den LKWs und großen Bussen durch bis wir ratzfatz vorne an der Brücke stehen, wo die Polizei einzeln jeweils eine Spur durchwinkt. Die Brücke ist tatsächlich um ca. 20 cm abgesackt. Ganz wohl ist uns nicht dabei. Zum Glück geht es unter der Brücke nicht tief herunter. Vor uns überquert ein Tanklaster. Wenn der nicht abstürzt werden wir wohl auch überleben, denken wir uns. Natürlich passiert dann auch nichts. Wir sind uns nicht sicher was uns lieber ist: Deutsche Genauigkeit oder dank peruanischer Entspanntheit am Ziel ankommen?

15 km hinter Chao lassen wir uns rauswerfen. Dort beginnt eine Privatstraße von einem Elektrowerk. 55 km unasphaltiert, dafür ohne Verkehr. Gerade als wir die Räder aufgesattelt haben, hält ein Jeep auf der anderen Straßenseite an, der Beifahrer kommt herüber gerannt und fragt uns auf Englisch ob wir Wasser oder Saft haben wollen. Wir sind so verdattert, dass wir erst mal nicht antworten. Er glaubt wir verstehen ihn nicht und fragt nochmal auf Französisch. Es stellt sich raus, dass seine Frau eine französische Ingenieurin ist und für das Elektrowerk arbeitet. Im Endeffekt schenken sie uns dann Wasser UND Saft. Das kommt uns ganz gelegen, uns ist nämlich gerade ein Teil unseres Wasserkanisters ausgelaufen… sehr nett! Wir radeln noch 17 km die Privatstraße hoch bevor wir unser Nachtlager versteckt auf einem Hügel hinter einem Wasserüberlaufbecken aufschlagen. Die Landschaft ist endlose Wüste, wie schon an der Küste. Ohne Verkehr, in absoluter Stille hat diese trockene Einöde aber auch etwas Schönes, Bizarres für sich. Wir genießen den ruhigen Ausklang des Tages und sind froh noch aufgebrochen zu sein.

Los gehts auf der Privatstraße 15km hinter Chao

Los gehts auf der Privatstraße 15km hinter Chao

Willkommen in der Steinwüste

Willkommen in der Steinwüste

Zeltplatz bei km17 der Privatstraße

Zeltplatz bei km17 der Privatstraße

DSC_0736

So versteckt wie gedacht ist unser Nachtlager dann leider doch nicht. Wir sind offensichtlich in Sichtweite eines Kontrollposten des Elektrowerkes, die nachts mit einer starken Taschenlampe zu uns rüber morsen. Im Endeffekt stört es sie wohl aber nicht, dass wir da sind. Zumindestens bekommen wir keinen nächtlichen Besuch. Ich schlafe ohne Hostellärm so gut wie schon lange nicht mehr. Ausgeschlafen geht es am nächsten Tag weiter auf der Privatstraße. Nach 20 km fällt Toto auf, dass mein Seesack nicht mehr auf meinem Gepäckträger ist. Dazu ist zusagen, dass Toto Aufladeverbot von mir erteilt bekommen hat, da IMMER wenn er etwas auf mein Rad lädt, es nach kurzer Zeit runter fällt. Leider war ich am Morgen etwas langsam, sodass er den Seesack aufgeladen hat. Das Los (oder eher die Niete) des Schnellerfahrenden ist es dann, unbeladen zurück zu fahren, während ich im Schatten warte und mein Buch fast fertig lese. 1,5 Stunden später kommt der Arme zurück, der Seesack lag natürlich an Kilometer 2! Habe ihn schonmal besser gelaunt gesehen…

DSC_0747

grün!

Bald kommen wir zur Brücke, die rüber zur Hauptstraße führt, wo wir zumindestens für ein paar Kilometer mit bestem Asphalt belohnt werden. Im nächsten Ort stärken wir uns zum ersten Mal mit einem Meerschweinchen. Schmeckt gar nicht schlecht! Doch man sieht Toto an, dass es ihm etwas schwer fällt, sein Lieblingstier zu verspeisen. Leider geht es dann wieder weiter auf Schotter. Wir sind schon ziemlich erschöpft und finden ewig keinen geeigneten Zeltplatz. Auch die Bauern sind zum ersten Mal nicht hilfreich, verweisen uns auf ein Restaurant, dessen Besitzer angeblich um 18 Uhr kommen soll. Das ist uns zu unsicher, wir fahren lieber weiter. Schlussendlich finden wir einen der idyllischsten Zeltplätze der Reise, direkt am Fluss, uneinsehbar von der Straße. Nur die nahe Brücke, wo selten mal ein LKW drüber donnert, stört etwas die nächtliche Ruhe.

oh nein - das erste Meerschwein - chen!

oh nein – das erste Meerschwein – chen!

DSC_0766

Zeltplatz am Fluss

Zeltplatz am Fluss

beim Forellenfang - oder Abwasch?

beim Forellenfang – oder Abwasch?

Am nächsten Morgen ist es schon um 8 Uhr wieder brüllend heiß. Wir fühlen uns an Asien erinnert, die Luftfeuchtigkeit und die Kühle des Windes sind zwar angenehmer, dennoch sind das die heißesten Radtage seit langem. Wir sollten wieder früher losfahren. Bis mittags ist es noch einigermaßen erträglich bei sanfter Steigung, aber dann kommt unerwartet aus dem nichts eine Monstersteigung über 8 Kilometer vor Yuracmarca. Obwohl die Serpentinen so eng sind, dass Toto meine Kopfläuse zählen kann, ist die Straße immer noch brutal steil. Und das in der Mittagshitze! Oben angekommen sind wir erledigt. Wir überlegen einfach für die Nacht hierzubleiben. Aber fürs eigentliche Stadtzentrum müsste man noch weiter hinauf, nicht sehr einladend. Wir stärken uns mit einem eiskalten Erdbeerjoghurt und erfahren, dass es weiter unten einen größeren Supermarkt geben soll, wo wir Wasser kaufen können. Unten angekommen (die Steigung war tatsächlich fast umsonst, die Hälfte der Höhenmeter fährt man gleich wieder runter) sehen wir, dass der Supermarkt eher ein Restaurant ist. Naja, noch eine Ausrede für eine Pause. Es gibt Reis mit Ei – das konnten die Asiaten besser! Etwas freudlos ohne Soyasauce. Im Hintergrund läuft irgendein Nazifilm der zu 80% auf Deutsch ist. Wir hoffen die Einheimischen erkennen nicht die Verbindung zwischen uns und den gezeigten Charakteren.

so sieht es aus, wenn LKWs vorbeikommen. Augen reiben und weiter...

so sieht es aus, wenn LKWs vorbeikommen. Augen reiben und weiter…

Rio Santa

Rio Santa

wohl dem Radfahrer erbaut, der versuchte, die Steigung nach Yuracmarca im Sommer zu fahren!

wohl dem Radfahrer erbaut, der versuchte, die Steigung nach Yuracmarca im Sommer zu fahren!

Wir raffen uns nochmal auf und steigen auf die Räder, um ein Nachtlager zu finden. Toto hat auf der Karte in 15 km ein Wasserkraftwerk entdeckt, vielleicht können wir da campen. Doch wir merken schnell, dass es einfach noch zu heiß ist zum weiterfahren. Im nächsten Schatten warten wir eine halbe Stunde bis das Tal komplett im Schatten liegt. Bald sehen wir, dass das Kraftwerk in einer Stadt liegt, das wusste die Karte nicht. Huallanca ist eigentlich ganz hübsch, jedoch haben wir leider mal wieder kein Glück mit der Unterkunftsuche. Das Baumaschinenlager will uns nur außerhalb ihrer Zäune zelten lassen, die drei Hostals sind alle so dreckig, dass wir gleich wieder rückwärts rausgehen, aber das Highlight ist die Bürgermeisterkandidatin (auf Wahlplakaten zu sehen), die die Kirche verwaltet und uns tatsächlich vorschlägt, auf dem Bürgersteig gegenüber der Kirche zu schlafen… ich weiß nicht.

Also fahren wir notgedrungen aus der Stadt heraus und dann plötzlich, aus dem Nichts, beißt auch noch ein Hund in eine meiner hinteren Packtaschen. Unser erster Hundebiss! Was für ein Tag! Am Stadtrand versuchen wir noch unser Glück beim E-Werk, aber natürlich: nee, ihr könnt hier nicht zelten, die Vorschriften, bla, bla. Na toll, es wird bald dunkel. Weiter oben gäbe es einen Parkplatz direkt an der Straße, da könnten wir zelten. Das klingt ja einladend. Da wir aber keine Wahl haben, müssen wir wohl so oder so aus der Stadt fahren. Natürlich ist die Straße nicht flach, sondern windet sich den senkrecht vor uns erhebenden Berg hoch, sodass wir keine großen Kilometersprünge heute mehr erwarten können. Den Parkplatz erreichen wir recht bald. Doch campen direkt an der Hauptstraße ist wirklich keine gute Idee. Am Rande erblicken wir eine leerstehende Ruine. Der dicke Staub auf dem Boden verrät, dass hier auch schon länger niemand mehr war. Nicht gerade top, aber nach einmal ordentlich durchfegen ganz in Ordnung für eine Nacht. Wir lassen die Taschenlampen aus, damit man uns von der Straße nicht sieht.

Hidroelectrica von Huallanca von oben - viele Rasenflächen!

Hidroelectrica von Huallanca von oben – viele potentielle Campingplätze!

Die Nacht ist tatsächlich erstaunlich ruhig und es kommen auch nicht die von mir erwarteten Jugendlichen zur Hausabrissparty. Noch im Schatten bezwingen wir am nächsten Morgen den Rest des steilen Berges und dann beginnt auch schon der sagenumwogene Entencanyon, „Cañon del Pato“, wo Cordillera Blanca und Negra aufeinander treffen. Durch 35 spektakuläre Tunnel geht es im Flusstal des Rio Santa, der tief unten am Ende einer Steilwand verläuft – Straßenbegrenzung Fehlanzeige! Mehrfach sehe ich LKWs mit einem halben Reifen über dem Abgrund fahren. Ein abenteuerlicher Vormittag. So macht Radfahren Spaß. In den Tunneln ist es stockfinster, nur der Schein unserer Vorderlampe beleuchtet einen kleinen Teil. Neben zwei Fahrradfahren scheint es noch mehr Leben in der Dunkelheit zu geben: Totos Lichtkegel fängt einmal eine riesige Tarantel ein. Er traut sich nicht anzuhalten, um ein Foto zu machen, denn schon bald kann der nächste Bus oder LKW angedonnert kommen – und dann möchte man nicht mehr in der einspurigen Röhre stehen. Jedoch müssen wir sagen, der peruanische Verkehr ist besser als sein Ruf! Zweimal erwischt uns doch ein Fahrzeug im Tunnel, aber nachdem wir einfach in der Fahrbahnmitte fahren (ok, ich hab auch noch wild dabei gewunken, weil ich Angst hatte übersehen zu werden), zuckeln sie geduldig hinter uns her, kein Hupen, kein Drängeln. Ganz im Gegensatz zu den Horrorstories von anderen Radfahrern, die angeblich an die Tunnelwand gepresst wurden oder freiwillig dort hingesprungen sind.

DSC_0816

Entencanyon at its best

Entencanyon at its best

nah am Abgrund

nah am Abgrund

DSC_0809

Licht am Ende des Tunnels

Licht am Ende des Tunnels

Rastplatz im Tunnel

Rastplatz im Tunnel

Als der bessere Asphalt anfängt, hören die Tunnel leider auch schon wieder auf. Die letzten 30 km nach Caraz sind dann eher unspektakulär, auch weil es sehr bewölkt ist und wir keinen der zahlreichen Schneegipfel der Cordillera Blanca zu sehen bekommen. Bei einer Bergauffahrt rennt dann zu allem Überfluss auch noch ein Rotzlöffel hinter mir her, hängt sich an mein Rad und will Geld von mir haben. Den hab ich erstmal auf Deutsch zurechtgewiesen, das hat ihn erschrocken! Danke an Susi, für die Lebensweisheit, dass auf Deutsch schimpfen das Effektivste ist!

In Caraz beziehen wir ein Hotel direkt am Zentralplatz, gute Lage, doch leider sehr laut. Mentale Notiz an uns selbst: wenn schon in der Ortseinfahrt lauter Feuerwerksverkaufsläden sind, besser weiter außerhalb wohnen. Feuerwerk gibt es jeden Abend bis um Mitternacht und spätestens um drei Uhr steht irgendein Jugendlicher mit seinem Auto und lautaufgedrehten Boxen auf dem Platz, da helfen dann auch keine Ohropax mehr. Zusätzlich haben wir in der ersten Nacht auch noch Besuch von der Hotelratte, die wir die halbe Nacht durchs Zimmer jagen. Um weitere Tierbesuche zu verhindern liegt nun unser Seesack vor dem breiten Türspalt. Morgen geht es dann endlich wieder raus aus der Stadt: Wir wagen uns an den 4-tägigen Santa Cruz Trek.

Caraz!

Caraz!

6 Jahre Schuljubiläum wird hier mit einem riesigen Karnevalsumzug gefeiert!

Das 6 jährige Schuljubiläum wird hier mit einem riesigen Karnevalsumzug gefeiert!

..bis spät in die Nacht!

..bis spät in die Nacht!

DSC_0842

DSC_0855

DSC_0865

Bilder aus dem Entencanyon

Zur aktuellen Karte

Advertisements

Ein Gedanke zu “Von Enten und anderen schrägen Vögeln

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s