Aller Anfang ist schwer – Neues Land, Neues Glück!

In Loja bekommen wir leider nur einen Platz im Nachtbus über die Grenze nach Piura (Peru) und haben ein bisschen Angst. Vom Küstengrenzübergang hört man immer wieder Geschichten von Busüberfallen, geklauten Taschen und korrupten Grenzbeamten, die plötzlich Visa-Gebühren verlangen. Daher haben wir schon extra den Grenzübergang eins weiter östlich im Landesinneren genommen, aber man weiß natürlich auch hier nie… Die Alternative zum Nachtbus wäre gewesen mit vollbeladenen Rädern im Dunkeln in Loja ein Hotel zu suchen, auch nicht optimal.

Tatsächlich läuft dann alles glatt und das obwohl wir – natürlich – unseren ecuadorianischen Visums-Zettel verloren haben. Das was ganz oben im Reiseführer steht, was man AUF KEINEN FALL machen darf, weil sonst schlimme Dinge passieren. Naja, der Beamte sagt dann, ihr habt den Zettel nicht mehr, kein Problem – hier füllt einen neuen aus. Das war unkompliziert. Komplizierter ist es anscheinend für eine Gruppe alter Männer, die ihre Ausreisekarte immer wieder ratlos in den Händen wenden, bis der Busfahrer wie selbstverständlich zu Ihnen geht und sie für sie ausfüllt. Offensichtlich können immer noch eine ganze Menge älterer Semester in Ecuador weder lesen noch schreiben. Und noch komplizierter ist es, den peruanischen schlafenden Beamten aus dem Bett zu trommeln, der uns mit zugekniffenen Augen dann leider nur 90 Tage für Peru ausstellt, obwohl alle anderen Radfahrer sechs Monate bekommen haben.

Geschlafen haben wir kaum. Ich döse fast die ganze Zeit, aber immer wenn ich die Augen öffne sehe ich… Wüste, ganz schön dröge dieses Nordperu! Aus dem Bus heraus ist es ja OK insgesamt zehn Stunden durch flache Sandwüste mit teilweise Buschbestand zu brettern, aber zwei Wochen mit dem Fahrrad?! Eher nicht … Nach vier Mal umsteigen in Cuenca, Loja, Piura und Chiclayo kommen wir schließlich nach 40 Stunden vollkommen fertig um 23 Uhr in Cajamarca an. Cajamarca ist wieder oben in den Anden und gilt als schöne Kolonialstadt. Tatsächlich gibt es viele nette Gebäude im gut restaurierten Zentrum, doch die Landschaft drum herum ist doch recht trostlos wüstig. „Gipfel der Freudlosigkeit“ wird zu meinem neuen Lieblingswort. Der erste Unterschied zu Ecuador, der uns in die Augen sticht, ist die Größe der Hüte! Vor allem die Frauen haben auf einmal immense, gebogene Kopfbedeckungen, die schon fast mexikanische Ausmaße aufweisen. Der zweite ist, dass die Leute deutlich forscher sind, uns direkter ansprechen, was zwar immer nett gemeint ist, aber nach der ecuadorianischen zurückhaltenden höflichen Freundlichkeit eben sehr direkt und etwas aggressiv wirkt.

Kathedrale von Cajamarca

Kathedrale von Cajamarca

Cajamarca Altstadt

Cajamarca Altstadt

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Wir wohnen mal wieder bei einem sehr netten Couchsurfer. Herbert, dessen Vorname nicht auf etwa deutsche Vorfahren beruht, sondern auf dem nach seiner Aussage schlechten Geschmack seines Vaters. Er ist Architekturprofessor und lässt uns in seinem Büro schlafen – Couchsurfing ist nicht nur etwas für Studenten. In der zweiten Nacht beschließt sein junger Assistent dann leider spontan eine Abiwiedersehensparty zu feiern… bis um 4 Uhr morgens, inklusive eingetretener Badtür, Glasbruch und Urin auf dem Boden. Das kommt unserem Plan am nächsten Tag weiter zu fahren etwas in den Weg.

So beschließen wir einfach auszuschlafen und noch einen Ruhetag zu machen. Um 9 können wir dann aber nicht mehr schlafen und außerdem ist Stromausfall in der ganzen Stadt. Herbert sagt, das dauert bis um 17 Uhr. Ungünstig in einem Büro ohne Fenster. Noch schlimmer: Das Internet geht nicht! Aus Mangel an Alternativen schwingen wir uns dann trotz bleierner Müdigkeit um 12 Uhr aufs Rad. Sind ja nur 60 km bis zur ersten Stadt. Wie das immer so ist an Tagen, an denen man Müde ist, wird es zur Quälerei. Die Landschaft ist auch nicht schön. Außerdem sind wir ziemlich erkältet. Am späten Nachmittag kommen wir völlig erledigt in San Marcos an. Der Pfarrer ist leider unfreundlich, aber so landen wir in einem Top Hotel für 10 Euro! Das ist fast schon asiatisches Preisniveau. Auch hier in der Stadt ist dann später Stromausfall – eine ganz nette Stimmung auf dem Dorfplatz. Der kleine Supermarkt, der Kerzen verkauft, hat Hochkonjunktur. Zum Abendbrot gibt’s Hamburger vom Straßenstrand. „Dinner im Dunkeln“ kostet im Regensburg viel Geld! Nach bestem Schlaf geht’s am nächsten Tag weiter. Leider immer noch krank und die Landschaft immer noch trocken und karg. Auch die Menschen grüßen nur selten zurück, meistens starren sie uns nur fassungslos an. Wir sind etwas frustriert. Spaß macht das eher wenig. Am Ende kommt dann nochmal eine saftige Steigung in den Ort Cajabamba rein.

San Marcos Ortseinfahrt

San Marcos Ortseinfahrt

Cajabamba ist aber ein wirklich netter Ort. Während Toto unseren Schlafplatz in der Kirche versucht klarzumachen, warte ich draußen mit den Rädern. Innerhalb kürzester Zeit bin ich von 15 neugierigen Kindern umrundet und werde mit 1000 Fragen gelöchert. Tatsächlich sind sie sehr geduldig mit mir und meinem Spanisch. Sie erzählen mir, dass sie heute einen Film in der Kirche zeigen, ob wir nicht dahin kommen wollen?! Der Eintritt kostet 1 Peso. Ich erkläre ihnen, dass Toto das Geld dabei hat und sie warten müssen bis er wieder da ist. Sie hatten Toto offensichtlich schon gesehen als er in die Kirche gegangen ist. Wie groß ist Toto? Fast 2 Meter? Wow! Deswegen musste ich so hochschauen! Welche Währung hat man in Deutschland: Euro, Dollar? Der nächste wirft ein: Stimmt, weil Soles benutzt man gar nicht in Deutschland oder? Hey guck mal, hier auf der Tasche steht Germany, das heißt Deutschland, ich lerne nämlich Englisch! Du musst mir eine Eintrittskarte abkaufen! Nein mir! Nein mir! Sie hat doch noch gar nicht ja gesagt, sie hat gesagt, wir müssen auf Toto warten! Ich glaub, ich will lieber einen Euro haben als ein Soles! Hat er Euro dabei? Dann geht aber schon ihr Film los und sie müssen gehen, bevor Toto wieder zurück ist.

Der Pfarrer Abdel ist super nett und gibt uns ein top Zimmer mit heißer Dusche – welch Traum. Zum ersten Mal müssen wir uns aber für unsere wilde Ehe rechtfertigen. Seid ihr verheiratet? Warum nicht? Wann heiratet ihr? Ähm… naja, kurz hält er inne – wir haben das Gefühl, dass er uns entweder gleich heute Abend verheiraten will oder uns noch ein zweites Zimmer gibt, im Endeffekt schluckt er es aber doch so.

Nächster Tag, immer noch krank, wird die Landschaft zum ersten Mal interessanter. Dank des lehmigen Bodens leben die Leute hier von der Herstellung von Lehm- Dachziegeln und Lehmquadern, die fast jede Familie vor ihrem Haus herstellt. In einer kreisrunden Vertiefung wird die Erde, Wasser und Stroh mit den bloßen Wadln gestampft, bis sie geschmeidig und glatt ist, dann auf einer Art Pizzablech rasend schnell und gekonnt zu den Ziegeln geformt und zum Trocknen in die Sonne gelegt. Ein runder Ofen raucht gemütlich vor jedem Hof und brennt die Ziegel schließlich haltbar. Fast jedes Haus besteht hier im Gegensatz zu Ecuador aus Lehmquadern, was den Ortschaften ein gemütliches und urtümliches Flair verleiht. Darüber ist stets grelle Wahlwerbung gepinselt. Jede Partei hat hier ein Symbol – Stier, Schlapphut, Hacke oder eine Flagge – das man auf dem Wahlzettel ankreuzen muss (wohl eine Folge des noch verbreiteten Analphabetentums).

Lehmziegelproduktion auf dem Weg hinter Cajamarca

Lehmziegelproduktion auf dem Weg hinter Cajamarca

mobiler Webstuhl

mobiler Webstuhl

Wahlwerbung an JEDEM Haus

Wahlwerbung an JEDEM Haus

was soll man dazu sagen?

was soll man dazu sagen?

34 km geht es bergauf, dann eine rasante Abfahrt zu einer großen Lagune wo wir eine ausgedehnte Nachmittagspause einlegen, danach sind die letzten 10 km eine große Baustelle und zur Belohnung zum Schluss eine große Steigung. Vor Huamachuco sehen wir auf dem Berg eine gigantische Tagebaumine. Die Gegend hier ist für ihren Gold-, Silber- und Kupferbergbau berühmt, der allerdings ein sehr konträres Echo in der Bevölkerung hervorruft. Die ländlichen Gegenden verfluchen ihn, da er die Bauern ihrer Felder beraubt, das Wasser durch Quecksilber, Arsen und Zyanid vergiftet und die Landschaft entstellt. In den Städten hingegen profitieren einige Menschen von den gut bezahlten Jobs und die Bergbau-Unis, sowie die peruanische Regierung propagieren heftig ihre Studiengänge mit Flyern, die sie auch uns in die Hand drücken. Angeblich kommen aber nur ca. 1-3% des Umsatzes dem peruanischen Staat zugute, die direkt mit den Staatsschulden verrechnet werden und die eigentlichen Profiteure sind die kanadischen, chinesischen, schweizer und amerikanischen Betreiber. Der Goldraub der neuen Konquistadoren scheint also weiterzugehen…

Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass der Profit für Peru viel zu gering im Vergleich zu den Erlösen der internationalen Konzerne ist und das die lokale Bevölkerung überhaupt nicht profitiert, sondern wenn dann eine Ingenieurselite. Nachzulesen beim Deutschlandfunk, einer Analyse von Quetzal und dem Vorschlag einer Alternative durch eine fair trade Mine, bei der die einfachen Bergleute mehr verdienen und die sich um Nachhaltigkeit bemüht. Etwas anders sieht es natürlich finanzen.net. So betrugen die Einnahmen des Staates 2006 nur 12% des Reingewinns der Konzerne, obwohl die Rohstoffe dem Staat für immer abhanden gekommen sind. Die Proteste richten sich vor allem gegen die Wasserverunreinigung mit Arsen, Chrom und Quecksilber, deren Grenzwerte oft um mehr als das zehntausendfache überschritten werden und daher die Bevölkerung an den Tropf von Nestlé und CocaCola hängen, die mit ihrem Preisdiktat über Flaschenwasser den Bergmannslohn wieder zunichte machen.

Protest gegen die Minen, die das Wasser vergiften

Protest gegen die Minen, die das Wasser vergiften

Huamachuco selbst kommt uns dann wie aus dem Nichts gestampft vor. Die gigantische Plaza de Armas mit ihren wohlgeschnittenen Buchsbäumen, der 50 Meter hohen und 30 Meter langen Peruflagge und ständiger Dance-Hits-Beschallung wirkt in der sonst fast unbewohnten Umgebung einfach nur unwirklich. Eine Oase der Zivilisation. Wir halten wieder vor der Kirche und fragen einen netten Mann, wo es zur Pfarrei geht. Er führt uns hin, aber leider sind die Padres ausgeflogen. So versuchen wir es am Bischofssitz und die rüstige Lady dort erinnert sich, dass vor kurzem Martina bei Ihnen war – die schweizer Radlerin, deren Blog wir hinterherrollen. Sie beratschlagt sich mit ihren drei Freundinnen und gibt uns schließlich kurzerhand das gleiche Zimmer, obwohl die Padres nicht zu erreichen sind. Am nächsten Tag müssen wir uns dann aber schnell verstecken, als ein spontanes Treffen der Pfarrer im Nachbarzimmer stattfand – eigenverantwortliches Handeln von Frauen ist in einem katholischen Haus wohl immer noch eher ungewöhnlich.

Huamachuco Altstadt

Huamachuco Altstadt

Flagge ungefähr 40m lang

Flagge ungefähr 40m lang

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Poncho aber kniefrei!

Poncho aber kniefrei!

Peru: Hüte wie in Mexiko, v.a. die Frauen

Peru: Hüte wie in Mexiko, v.a. die Frauen

typisches Bild: Spinnen beim Gehen

typisches Bild: Spinnen beim Gehen

Buschkunst

Buschkunst

Den ganzen Tag über wird uns von einer Teenager-Gruppe in unserem Hof die Generalprobe eines Theaterstücks über die Legende des Volkes Huamachuco aufgeführt. Am Schluss muss nochmal das Zepter geklebt werden. Höflichst klopfen sie an unserer Tür, da wir eine Steckdose für die Heißklebepistole haben, stellen sich mit Namen vor und bedanken sich am Ende. Sie fragen uns noch ein wenig aus und erklären, dass sie an einem regionalen Theaterwettbewerb in Trujillo teilnehmen und unbedingt gewinnen wollen, da sie dann nach Lima zum Nationalentscheid fahren dürften. Wie enthusiastisch und diszipliniert sie proben (ohne Lehrer) und uns die Story erklären, könnte den verlümmelten deutschen Assi-Teens mal zum Vorbild gereichen.

Die Nacht ist trotz indoor frostig und wir schaffen es dank Erkältung eine Rolle Klopapier zu verschnupfen und nippen immer wieder am Kamillentee wegen Rachenschmerzen. Buhuuu. Dennoch satteln wir am nächsten Morgen hochmotiviert auf, um bei den ersten Kurbelumdrehungen aufzustecken. Keine Luft, keine Energie, keine Lust. So kehren wir reumütig zu Señora Pancha zurück und verbringen einen entspannten Tag in Cafés und im Internet. Abends fällen wir dann die Entscheidung wegen nun seit einer Woche anhaltender Krankheit aus der Andenkälte an die wärmere Küste per Bus abzufahren und in der berühmten casa de ciclistas in Trujillo uns auszukurieren.

Also hieven wir tags darauf unsere Räder auf einen Minibus und quetschen uns selbst in die engen Sitzreihen. Die Leute fragen uns: warum fahrt ihr nicht mit eueren Freunden? Anscheinend sind vier Radfahrer vor fünf Minuten an der Busstation vorbeigeradelt. Wir sagen: krank. Als wir nach 15km allerdings die Radler passieren sind es Quique und Alizia, die wir in Quito kennen und schätzen gelernt haben, sowie zwei Schweizer und wir wollen am liebsten rausspringen und sie umarmen. Aber es wäre wohl keine gute Idee gewesen, mit ihnen trotz Krankheit die harten Tage über Angasmarca zu fahren – wir hoffen, sie in Caraz/Huaraz wiederzufinden. Also kurven wir runter nach Trujillo in einem echt spektakulären Wüstental mit vielen Tagebau- und Untertage-Minen.

Nach der ersten Küsten-Ceviche – dem Nationalgericht Perus – schlürfen wir genüsslich in einem traumhaften kolonialen Haus einen echten Cappucino mit traumhafter crema und warten auf Antwort der casa de ciclistas.

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