Abfahrt in den Dschungel

Zurück in Riobamba verbringen wir eine weitere Nacht in „unserem“ Hotel, das wir eigentlich nur immer wieder aufsuchen, weil hier irgendwann das Paket aufschlagen soll. Naja, gut für die Inhaber – niemals wären wir hier sonst insgesamt vier Nächte abgestiegen … Beim Gang zur Post am Nachmittag erfahren wir dann, dass es möglich sei, die Steuern zu umgehen, indem man eine Berichtigung der Adresse (dann ohne den Hotelnamen) an den Zoll schickt. Wegen Wochendende natürlich noch nichts zu machen, aber immerhin ein Licht am Ende des Tunnels, in dem wir feststecken.

Am nächsten Morgen brechen wir dann in Richtung Macas auf. Die Route ist recht hügelig und wir merken, dass wir länger nicht mehr auf dem Sattel saßen. Besonders hübsch ist es auch gerade nicht: Hügellandschaft mit Viehwirtschaft und gesichtslose Ortschaften. Es geht dann immer deutlicher nach oben, dafür wird es auch schöner. Die Dichte der Siedlungen nimmt ab, die Hänge werden steiler, der Fluss wilder und ab und zu blitzen steile Felsgipfel hinter den Wolken hervor. Endlich ist das Ende des Anstiegs erreicht und das Tal weitet sich zu einer idyllischen Landschaft. Wasserfälle ergießen sich aus den steinigen Wänden um uns herum und die Häuser sind zu Holzhütten mit romantisch geflochtenen Heudächern geworden.

Holzhaus mit Heudach

Holzhaus mit Heudach

kurz vor den Lagunen

kurz vor den Lagunen

Quinoafeld

Quinoafeld

Wir sind sehr erschöpft und nur noch kurz vor den Lagunen, die unser Tagesziel waren. Allerdings knicken wir ein, als uns eine nette Frau vor ihrem Forellenrestaurant anspricht: 6$ für einen Riesenteller mit fangfrischer Forelle aus dem Fluss, Mais, Kartoffeln, Frischkäse und Salat – wir sind dabei. Zumal ist es drinnen halbwegs warm dank Kaminofen und wir entkommen dem eisigen Wind, der am Abend aufgedreht hat. Am Nebentisch schlagen sich die Poncho-Männer der Nachbardörfer die Mägen voll und trotten langsam einer nach dem anderen nach Hause. So müssen auch wir schlussendlich wieder in die Kälte und schlagen unser Zelt hinter dem Restaurant und auf/neben dem Heuhaufen auf.

Keine gute Wahl – wie sich zwei Stunden später herausstellt, als die Jugendlichen des Dorfes per Auto anbrausen, auf dem Parkplatz neben uns ein Feuer entfachen und laut quatschen. Natürlich entdecken sie auch schnell unser Zelt und umschleichen es aus Neugierde mit Taschenlampen. Wir tun kein Auge zu und warten nur darauf, dass einer den Reißverschluss aufzieht und uns bedroht. Aber natürlich passiert wieder nichts und alle Sorge ist umsonst. Nach zwei Stunden Gitarrenmusik, Feuergeknister und Kauderwelsch verschwinden sie alle in der Nacht. Wir sind kaum eingedöst, als der Nachtbus aus Macas hält, die Meute auf die Toiletten neben uns rennt und auch sie wieder unser Zelt begutachten. Oh je. Laura hatte den abgelegenen Zeltplatz unter den Wasserfällen fünf Minuten Fußweg von der Straße vorgeschlagen und ihr lauter Atem verrät dass sie 1.) nicht schläft und 2.) ich mich nicht um die Dusche am Morgen zu sorgen brauche, da mir sowieso ordentlich der Kopf gewaschen wird.

So ist es dann auch und erst nach zwei Extrastunden Morgenschlaf sind wir wieder versöhnt und fit für den Tag. Früh morgens ist es sowieso bitterkalt und wegen den tief hängenden Wolken mit Nieselregen erreicht uns diesmal auch nicht die wärmende Sonne. Mit allen Kleidungsstücken, die wir besitzen, rollen wir zu den Lagunen, die im Nebel mystisch wirken und eher nicht zum Baden einladen. Gott sei Dank geht es nochmal kurz bergauf, so dass wir auf Betriebstemperaturen kommen, bevor die Abfahrt beginnt.

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auf der Insel wurden früher Gefangene gehalten: entweder sie konnten nicht schwimmen, oder sie sind beim Fluchtversuch wegen dem kalten Wasser und Wind erfroren

auf der Insel wurden früher Gefangene gehalten: entweder sie konnten nicht schwimmen, oder sie sind beim Fluchtversuch wegen dem kalten Wasser und Wind erfroren

mystische Lagunen von Atillo

mystische Lagunen von Atillo

Mit Abfahrt ist hier ein Höhenunterschied von 3500 m (!) reinem downhill gemeint. Das entspricht bei einer durchschnittlichen Steigung von 5% schlappen 70km bergab – wir reiben uns die Hände vor Vorfreude! Schon nach den ersten Kurven wandelt sich die Landschaft komplett. Statt dürrem Gras beginnt ein dichter, tropischer Wald, zu dem nur die Temperaturen noch nicht so recht passen wollen. Statt mystischer Stille piepen und pfeifen die Vögel ihr Konzert und immer wieder rauschen mächtige Wasserfälle über die Straße. Ziehen die Wolken kurz auf, bietet sich ein grandioser Blick über die steile Schlucht und die mächtigen Baumwipfel.

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zahlreiche Wasserfälle auf der Abfahrt

zahlreiche Wasserfälle auf der Abfahrt

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Gut 25km rasen wir am Stück hinunter und entledigen uns Stück für Stück unserer Zwiebelschale, als uns eine Gruppe Herren am Wegesrand mit eindeutigem Winken aufhält. „No hay paso!“ – Weg gesperrt! rufen sie und wir halten fassungslos an. Ein Erdrutsch habe kurz vor uns die Straße versperrt. Es waren doch ein paar Autos und Busse an uns vorbeigefahren, wundern wir uns – ob es tatsächlich dieselben waren? Wir fragen, ob man über den Rutsch steigen könne, und sie meinen: ja – mit Fahrrad müsste es gehen. Puh! Wir dachten schon, wir müssten die 25km wieder zurückstrampeln …

Also rollen wir weiter und tatsächlich: nach drei Kurven stehen Busse und Autos ratlos vor einem mächtigen Erdrutsch, der gut zwei Meter hoch die Fahrbahn versperrt. Bäume, Sträucher, Felsbrocken und Lehm versperren für gut 40 Meter die Straße. Ein Bagger steht auf der Bergseite des Rutsches und man sieht eindeutige Spuren, dass er schon begonnen hat aufzuräumen. Aber nun steht er still und kurz darauf zeigt sich warum: „SALGAN! – Weg da!“ schreit der Fahrer und die Menschen nahe der Erdmassen rennen schnell zur Seite, denn auf einmal lösen sich weit oben weitere Brocken und donnern herunter.

Aber die Ecuadorianer scheinen das alles gewöhnt zu sein, denn sie steigen fröhlich aus den Bussen aus und tragen Sack, Pack und Omas über die Erde, um kurzerhand in den auf der anderen Seite wartenden Bus zu springen. Nur die Autofahrer schauen fassungslos aus der Windschutzscheibe und überlegen sich: warten oder 250km Umweg über Baños fahren?! Schließlich lassen auch wir uns nicht lumpen und hieven die Räder und die Taschen darüber, sind aber doch sehr froh als wir in wieder sicherer Entfernung unser Mittagessen mümmeln.

nur zu Fuß geht's über den Erdrutsch

nur zu Fuß geht’s über den Erdrutsch

etwas zu kalt, um einladend zu sein

etwas zu kalt, um einladend zu sein

Leider ist die Abfahrt weniger entspannend als erwartet, denn es geht gleich danach saftig bergauf und das gleich mehrfach. Inzwischen ist es aufgerissen und die Sonne tropisch warm, so dass die Anstiege zur schweißtreibenden Tortur werden, obwohl wir nur noch die dünnsten Radklamotten anhaben. Über uns kreisen große Vögel und siehe da – es sind Geier. Sie haben wohl mitbekommen, dass wir schwächeln und warten auf das leckere Gringofleisch. In die Waldspitzen mischen sich nun auch die ersten Palmen und immer wieder gibt es gigantische Blicke über die sich formierenden Flüsse, die dem Amazonasbecken zuströmen. Davon motiviert entkommen wir den Aasfressern.

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Endlich sehen wir Macas unter uns liegen und rauschen die letzten Kilometer hinab. Die Stadt ist sehr überschaubar und unspektakulär. Wir probieren unser Glück im ersten Hostel: 35$ die Nacht – in der Pampa?! Nein danke. Nächster Versuch bei der Kirche am Hauptplatz und siehe da: Padre Daniel hat Erbarmen und sein liebenswerter Hausmeister Don Carlos zeigt uns ein gigantisches Zimmer mit Fluss- und Amazonasblick. Sogar die Toilette im Hof wird extra für uns aufgesperrt gelassen. Alle sind rührend nett und wir freuen uns sehr, dass wir zum ersten Mal eine nette Erfahrung mit einem kirchlichen Unterschlupf machen. Es dunkelt schon und mit der schön beleuchteten Kathedrale im Rücken kochen wir ein Chili sin carne und freuen uns über den über dem Amazonas stehenden Vollmond.

Am nächsten Tag (es ist Montag) laufen wir hochmotiviert zur Post und erhalten tatsächlich die Adresse für die Paketkorrektur. Der Code zum Bezahlen der Steuern ist natürlich immer noch nicht da. Also schicken wir die E-Mail ab, kaufen ein und satteln auf. Es ist schon recht spät, als wir losradeln wollen, doch dann: „bling“. E-Mail vom Zoll: Mailer Daemon! Adresse falsch. Also mit Sack und Pack zurück zur Post. Nach einer halben Stunde finden sie dann den Fehler und wir versenden die E-Mail erneut. Allerdings sind wir jetzt so spät dran, dass wir es heute sicher nicht mehr nach Puyo schaffen. Reumütig schieben wir zurück und „checken“ erneut bei Don Carlos ein, der sich wie ein Schnitzel freut, uns noch eine Nacht beherbergen zu dürfen.

Wir rollen hinunter zum Fluss, der im Kiesbett in viele Arme aufgegliedert zum Tubing und Rafting einlädt. Den Nachmittag radeln wir dann zum Frustabbau auf die andere Flussseite, wo eine geniale Straße durch die ehemaligen Missionskirchen und indigenen Dörfer führt. Leider begrenzen die wohl durch die Forellenmayonaise erworbenen Turbulenzen auf der Bristol Stool Scale meinen Radius. Wir müssen umdrehen und mit vielen Zwischenstopps unter offenen Turnhallen (Regenschauer) und im Bananenfeld (andere Schauer) erreichen wir wieder Macas.

Der Fluss in Macas

Der Fluss in Macas

koloniales Haus für indigene Bevölkerung

koloniales Haus für indigene Bevölkerung

Lustigerweise treffen wir vor der Kirche dann Joaquín und Juli wieder –zwei der Argentinier, die wir bei Carlos in Cuenca kennengelernt hatten. Auf Herbergssuche laden wir sie zu uns ein und Padre Daniel gewährt auch ihnen Unterschlupf, so dass wir unser Zimmer mit ihnen teilen und einen interessanten Abend verbringen. Es ist nämlich ein originär deutscher Missionar aus einem benachbarten Dorf betagt gestorben und ihm zu Ehren findet die ganze Nacht eine Gedenkwache in der Kirche statt. Viele von ihm Bekehrte, Missionarskollegen, sowie Nonnen aus unserem Kloster haben sich versammelt und auch wir wohnen dem Gedenkgottesdienst bei, nachdem wir mehr oder minder kompromisslos eingeladen wurden. Die von Gitarre begleiteten Gesänge, die Beleuchtung der Kirche und die versammelten Würdeträger der katholischen Kirche (mit noch deutlich mehr Blingbling als bei uns) erzeugen eine tolle Stimmung.

Am nächsten Tag brechen wir dann nach heftigem Regen früh auf und freuen uns sehr auf die Strecke „mitten durch den Dschungel“. Leider regnet es weiter und die Straße ist wesentlich langweiliger als erwartet. Links und rechts steht Anwesen mit Zaun an Anwesen mit Zaun und von wildem Dschungel keine Spur. Wenigstens ist es halbwegs flach, so dass wir ordentlich Meter machen können. Als wir schon in den Bus steigen wollen, klart es endlich auf und nach einer Flussüberquerung wird dann auch der Wald halbwegs wild und die Dichte der Orte nimmt ab. Die Steigungen häufen sich jetzt aber und mit mehr als 100km auf der Kette säuern auch die Muskeln langsam an. Vor Puyo wird es dann wieder fad und wir sind froh, als wir endlich die Stadt erreichen.

noch der beste Blick: Wald zwischen Macas und Puyo

noch der beste Blick: Wald zwischen Macas und Puyo

Am nächsten Morgen – inzwischen Routine wie das Zähneputzen – der Gang zur Post. Der Zoll hatte uns geschrieben: Zur Adressänderung bräuchte es nur folgende Dokumente: Schreiben des Absenders (Thermarest, USA), Passportkopie des Absenders (Thermarest, USA), lindgrüner Passierschein A37, … Also bleibt uns nur die Hoffnung darauf, dass der Bezahlcode für die Steuern da ist. Ist er aber natürlich nicht. Der initial mürrische Postbeamte greift nach Schilderung des Problems zum Hörer und unfassbar – er hat einen Kumpel beim Zoll! Nach kurzem Gespräch sagt er uns: „Problem erledigt, Paket geht raus.“ Wir fragen uns, ob wir lachen oder weinen sollen, oder ob er uns gar einfach nur abwimmeln will? Er sagt, wir könnten am Nachmittag die Adressänderung überprüfen und tatsächlich – Paket wurde verschickt und ist in 72h in Riobamba.

Wir beschließen, die Stundenzahl mal wieder nicht zu wörtlich zu nehmen und außerdem steht das Wochenende an. Also suchen wir uns eine Tour in den Dschungel, von dem wir bisher noch nichts gesehen haben, denn Puyo gilt als gutes Sprungbrett in die Nationalparks des Oriente.

Aber das ist eine neue Geschichte …

Zur aktuellen Karte

Fotos der Abfahrt

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