Abstecher zum Chimborazo – der Sonne ganz nah

Früh brechen wir aus Ambato auf. Leo hatte uns gesagt, wenn wir um 8 Uhr losfahren, schaffen wir es um 13 Uhr oben am Chimborazo zu sein. In 5h über 60 km von 2500 auf 4400? Wir sind ein wenig skeptisch. Anstatt die Hauptstraße von Ambato nach Guaranda zu nehmen, entscheiden wir uns für die nördlich parallel verlaufende (ebenfalls geteerte) antike Via Flores. Verkehr gibt es hier kaum. Ab und wann donnert mal ein LKW etwas zu nah für meinen Geschmack an uns vorbei. Ansonsten herrscht Stille. Der Weg schlängelt sich gemütlich in einem wirklich schönen Flusstal nach oben. Die Steigung ist absolut machbar – nicht einmal müssen wir schieben.

wunderschönes Flusstal der Via Flores

wunderschönes Flusstal der Via Flores

Wie sehr lieben wir Tumbaco und Santiago!

Wie sehr lieben wir Tumbaco und Santiago!

Aber es geht kontinuierlich bergauf und bald merken wir auch, dass die Luft wieder dünner wird. Teilweise zieht ein recht starker Gegenwind auf. Wir machen windgeschützt hinter einer Schule früh Mittagspause und genießen den Maissnack, den uns die nette Familie von Bryan vor zwei Tagen mitgegeben hatte. Sehr köstlich! Karamelisierter gerösteter Mais! Weiter pedalen wir das Tal hinauf. Wie erwartet, sind wir weder um 13 Uhr, noch 2h später auch nur ansatzweise in der Nähe des Zieles. Plötzlich dann trotzdem schon der erste Blick auf den Chimborazo. Direkt über einem – besser gesagt über dem ersten – Straßenstand in the middle of nowhere mit dem eher in ein Touristenzentrum passenden Namen: „Bar Internacional – Don Max“.

Bar Internacional ?! Außer Spanisch und Quechua nicht viel zu holen außer Mais und Yucca!

Bar Internacional ?! Außer Spanisch und Quechua nicht viel zu holen neben Mais und Yucca!

International ist hier aber wenig und auf Spanisch erzählt Don Max uns, dass er bereits gefranchised hat und noch zwei weitere „Filialen“ hier im Nationalpark habe, zwischen denen er pendele. Zu essen gibt es wunderbar warmen, gesalzenen Mais (Choclo) und dazu eine ungekühlte, sehr kalte Cola. Mmmh, das kommt gerade richtig. Genau an dieser Stelle kommt auch der Weg von Simiatug rein. Eine harte Alternative die wir uns kurz von Quilotoa aus überlegt hatten. Beim Anblick der berühmten „Pflastersteine“ stoßen wir einen erleichterten Seufzer aus und freuen uns, dass wir uns für den Weg über Ambato und die Via Flores entschieden haben.

Nach der Stärkung geht es zurück aufs Rad. Langsam müssen wir uns Gedanken machen, wo wir übernachten wollen. Das Ziel, ein verlassenes Steinhaus irgendwo am Vulkan, ist definitiv nicht vor der Dunkelheit zu erreichen. Plötzlich macht Toto abrupt halt und ruft: „Laura!“ Ich denke, oh nein, ein Platten. Aufgeregt gestikuliert er aber und zeigt zur anderen Talseite. Dann sehe ich es auch: Ein Freibad! Genaugenommen 5 oder 6 Becken auf der anderen Flussseite, in denen sich zahlreiche Ecuadorianer tummeln. Das müssen die heißen Quellen(Aguas Calientes) sein. Nach kurzer Beratung beschließen wir, dass wir uns das nicht entgehen lassen gehen. Ruckzuck umgezogen sitzen wir unter lauter Ecuadorianern, die mit uns über Fußball diskutieren in den wärmenden Becken. Welch Wohltat für meine stark schmerzenden Beine und Hintern. Eine Stunde entspannen wir, obwohl wir noch nicht wissen wo wir übernachten werden.

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Es ist mittlerweile nach vier, wir diskutieren ob wir gleich hier zelten sollen, entscheiden uns dann aber doch noch etwas weiter zu fahren, denn von den Bädern aus sieht man den Chimborazo gar nicht. Wir fragen die Ecuadorianer wie lange es noch dauert bis man direkt am Chimborazo ist: Eine halbe Stunde. Mhm, Mist! Mittlerweise wissen wir, dass man die Zeitangaben mal 6 multiplizieren muss, und 3h – das schaffen wir nicht mehr! Ein paar Kurven weiter kreuzt die Straße den Fluss, der nun zum ersten Mal sehr klar ist. Wir beschließen die Chance zu nutzen, um noch vor der Dunkelheit unsere leeren Wasservorräte zu füllen. Nach dem wir 7 Liter gefiltert haben, kommt plötzlich ein älterer Bauersmann vorbei. Toto fragt ihn, ob wir hier irgendwo unser Zelt aufschlagen können. Er lädt uns sofort zu seiner Tochter ein, die ein Haus ein wenig weiter oben am Hang habe. Wir diskutieren, ob wir nicht doch noch ein bisschen weiterfahren sollen, denn noch immer ist nichts vom Chimborazo zu sehen. Doch siegt dann die Vernunft, es ist schon kurz vor 5, wer weiß ob wir noch etwas anderes geeignetes finden. Außerdem – wer weiß – das Haus liegt recht weit oben…

Und tatsächlich: als wir den steilen Berg durch den Sand hochschieben, taucht sie plötzlich auf, die schneebedeckte Spitze des Chimbo, welch Glück: ein Campingplatz mit Vulkanblick! Als wir ankommen, sind die Tochter des Bauers, Enkelsohn Gustavo, Enkeltochter Lisbeth und Babyenkeltochter Sarah noch recht schüchtern und zurückhaltend. Wir aber sind froh eine sichere Bleibe für die Nacht gefunden zu haben und dürfen unser Zelt direkt vor der Haustür aufschlagen. Die Kinder tauen langsam auf und stellen viele Fragen: Was kostet das? Wie funktioniert dies? Mit was für Benzin kann man kochen? Wow, da ist ja sogar ein Kompass dran! Welche Fächer haben die Kinder in Deutschland in der Schule? Alles wird ausprobiert und inspiziert. Als wir dann Abendbrot kochen erwähnt Lisbeth, dass ihr ja auch „ein bisschen“ Spaghetti schmecken. Kurzerhand kochen wir also all unsere Nudelvorräte für die ganze Familie, in der Hoffnung, dass wir es morgen schon aus dem Nationalpark schaffen und nicht hungern müssen. Im Gegenzug servieren sie uns einen süßen Reismilchschleim und wir essen alle zusammen in ihrer Hütte.

Die Spaghetti erweisen sich dann wohl doch als eher ungewöhnlich für den Andengeschmack – der einzige der richtig reinhaut, ist der Opa, aber der isst dann aber auch für vier. Jedes Mal Nachnehmen wird mit einem „que dios le bendiga“ (dass Gott sie segne) vergolten. Nach dem Abendbrot rennen wir noch schnell um die nächste Kurve um den ganzen, mittlerweile wolkenfreien Chimborazo zu bewundern. Wir unterhalten uns noch etwas mit der Familie, lustig ist der Opa, der immer „Claro“ sagt – egal was man ihm erzählt. Toto zeigt ihnen Open Street Map auf seinem Handy und Opa sagt „Claro“ – :D! Früh ziehen wir uns dann wegen der Kälte in unser Zelt zurück und verbringen fröstelnd wieder eine Nacht auf knapp 4000 Metern. Die Räder bleiben unverschlossen „No pasa nada“ – passiert nichts, erklärt uns die Familie. So ist es dann auch. Im Hinterkopf haben wir natürlich auch noch, dass der Hund anschlagen würde, falls sich jemand nähert. Neben dem Hund, gibt es noch drei Lamas, 39 Meerschweinchen, ein paar Riesenhühner und ca. 10 Rinder zur Fleischproduktion. Außerdem gehört der Familie quasi die ganzen Ländereien hier in diesem Talabschnitt, erklären sie uns. Der Mann der Tochter arbeitet in Peru und kommt nur alle 21 Tage nach Hause.

abendlicher Chimborazo von unserem Zeltplatz aus

abendlicher Chimborazo von unserem Zeltplatz aus

Am nächsten Morgen kriecht Toto früh aus dem Zelt. Ich schaffe es nicht, mich zu überreden, gleich aus dem warmen Schlafsack zu schlüpfen. Es ist sooo kalt. Als ich schlussendlich rauskomme, ist das Frühstück fertig und die Kinder servieren uns dazu noch sehr süßen frischen Kamillentee. Toto bietet ihnen an, dass sie jetzt unser Zelt ausprobieren dürfen. Artig schlüpfen sie hinein und waren die nächste Stunde nicht mehr zu sehen oder zu hören. Als wir dann wirklich schon alles andere gepackt haben und nur noch das Zelt fehlt, schauen wir vorsichtig hinein und tatsächlich: sie haben wohl ernsthaft zelten gespielt und sind dabei eingeschlafen – gemütlich eingekuschelt in unsere Schlafsäcke. Nicht so richtig von der Idee angetan da jetzt wieder rauszukommen, lassen sie uns noch weiter warten und gehen zur Kissenschlacht über. Schlussendlich spricht Mama dann ein Machtwort und wir können zusammenpacken.

Vor der Haustür beim Frühstück

Vor der Haustür beim Frühstück

Lisbeth und Gustavo freuen sich über ihr neues Geschwisterchen

Lisbeth und Gustavo freuen sich über ihr neues Geschwisterchen

unsere tolle Gastfamilie für eine Nacht!

unsere tolle Gastfamilie für eine Nacht!

Wir verabschieden uns und machen uns auf dem Weg zum Vulkan. Lisbeth winkt uns noch lange hinterher. Der Weg ist kürzer als gedacht, so dass wir schon am frühen Mittag auf 4400 m am Chimborazo ankommen. Von hieraus geht es nur noch bergab nach Riobamba, was auf 2500 m liegt. Der Chimbo ist übrigens der höchste Berg Ecuadors und dank Äquatornähe der am nächsten an der Sonne gelegenen Punkt der Welt. Die Landschaft ist sehr karg – so muss es auf dem Mond aussehen. Es ist so windig, dass es mich ständig vom Rad weht. Wir sehen zum ersten Mal Viñacus, die grazilen Cousins der Lamas. Nach einer windgeschützten Mittagspause und Aufwärmen in der Sonne am brandneuen Touristeninfocenter (Refugios derzeit in restauro), beginnen wir die Abfahrt. Schwieriger als gedacht! Der Gegenwind ist so stark, dass wir trotz ordentlichem Gefälle schwer reintreten müssen, um überhaupt voranzukommen. In etwas tieferen Lagen bessert sich dann zum Glück die Lage und wir können gemütlich ins Tal rollen lassen. Auf der Abfahrt gibt es noch ein paar tolle Blicke von der anderen Seite auf den Chimborazo. Um 14 Uhr erreichen wir dann bereits Riobamba, wo wir hoffen, dass mein Paket mit der neuen Thermarestmatratze angekommen ist..*seufz*

Am ende der via flores

Am Ende der Via Flores

Trockene steinwueste

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Vicuñas - elegantere lamas, wiederangesiedelt aus peru und chile

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Viel nichts um uns herum

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Chimborazo von der anderen Seite - Er huellt sich gegen mittag ein

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