Zwei Unterkünfte, wie sie unterschiedlicher wohl kaum sein könnten…

Nach dem Quilotoaloop und einer Etappe mit knapp 2000 Höhenmetern Anstieg sind wir ordentlich im Eimer und suchen nach einer Bleibe für die Nacht. In Pujili versuchen wir uns zu den Bomberos durchzufragen, doch die Richtungsangaben ändern sich von Kreuzung zu Kreuzung und schließlich sind wir durchs ganze Dorf gebraust und haben mäßig Lust wieder bergauf zu keuchen. Also folgen wir dem Tipp Martinas und fahren auf der noch gesperrten neuen Panamericana nach Salcedo. Was eher aussieht wie die Fahrt auf einer Flugzeuglandebahn, fühlt sich eher wie die Fahrt auf dem wohl breitesten Fahrradweg der Welt an, denn Autoverkehr ist noch verboten, da sämtliche Absperrungen und Markierungen fehlen.

Die Gegend ist noch rural, aber da relativ nah an der „Panam“ schon deutlich dichter besiedelt als in den entlegenen Bergen. Daher ist es schwierig einen unbeobachteten Zeltplatz zu finden. Schließlich erspähen wir rechts der Straße eine Kirche und hoffen, uns unter den Schutz von ganz oben stellen zu können. Zur Kirche führt ein sehr sandiger steiler Pfad. Laura bleibt mit den Rädern unten, während ich hinaufrase, um den Pfarrer um Erlaubnis zu bitten. Leider gibt es keinen Pfarrer und die Kirche ist verschlossen. Auf dem Fußballplatz davor könnte man schon campieren denke ich, als ich den Sand wieder runterstolpere.

Unten gestikuliert Laura und kauderwelscht mit einer Bäuerin, die wohl in der Zwischenzeit vorbeigekommen war. Sie erfasst unsere Lage sofort und verweist uns zu einem „weißen Zementhaus weiter hinten“. Da können wir ungestört campen, denn das sei ihr Haus – die Kirche sei wegen vorbeiziehender Ganoven nicht sicher genug. Sehr lieb, nur wo bitte soll dieses Haus sein? Alles klar: ich zeig es Euch, sagt sie und spurtet mit ihrem geschulterten Besen auch schon den Sandweg hinauf. Als Laura im steilen Sand stecken bleibt, schiebt sie sofort mit an und Laura wird nachher behaupten, sie habe besser geschoben als wenn ich ihr helfe – Frechheit! Auf dem Weg erzählt die Bäuerin, dass sie vier Kinder habe und neben zwei Kühen für Milchproduktion zahlreiche Meerschweinchen und Geflügel züchte.

Endlich sind wir da – im Gewirr von gleich aussehenden Häusern hätten wir ihr Haus natürlich nie gefunden. Sie öffnet uns die Tür und erklärt, dass hier ihre Eltern gelebt hätten und es jetzt leerstünde und zack: wir sind Besitzer eines Drei-Zimmer-Heims. In den ersten zwei Zimmern stehen alte Möbel und Baumaterialien, aber das dritte Zimmer ist blank geputzt und vollkommen leer. Perfekt, um unsere Räder und uns zu beherbergen. Wir können unser Glück noch nicht fassen, wie einfach es ist, Leute für Übernachtungen anzusprechen – wir wurden ja förmlich angesprochen und mitgenommen!

Also breiten wir unsere Matten aus und hocken uns in den Windschatten hinter das Haus, um zu kochen. Es blubbert gerade, als wir verdächtige Geräusche aus dem Inneren hören und glauben, es wäre auch schon der erste Dieb da. Ich schaue nach und ein Jugendlicher steht etwas ratlos und schüchtern an der Tür. Es ist aber nur ihr jüngster Sohn Bryan, der uns eine Glühbirne bringt, damit wir Licht machen können. Wir laden ihn zum heißen Tee und Brot mit Marmelade ein.  Er ist sofort Feuer und Flamme, überaus neugierig und erzählt viel. Ich war als vierzehnjähriger definitiv weder so aufgeschlossen noch so freundlich. Er geht in Latacunga zur Schule und genießt gerade seinen einen Monat Sommerferien.

Er erzählt, dass in seiner Schule die Lehrer gerne noch mit der Hand die aufsässigen Schüler züchtigen. Sein Papa arbeitet in Spanien im Baugewerbe und kommt nur einmal im Jahr zu Weihnachten für einen Monat zurück. Über Skype und Internet seien sie in Kontakt – voller Vorurteile hatten wir den einfachen Häusern dieser Gegend keinen Internetanschluss zugetraut. Ob wir überhaupt facebook hätten?! Alles klar: das 21. Jahrhundert sitzt uns gegenüber! Seine älteren Geschwister gehen alle zum College bzw. zur Universität von Cotopaxi.

Thema Lieblingstiere: Da meines das Meerschweinchen ist, bietet er uns eines seiner über hundert (!) Tiere an, um es als Reisebegleiter im Schuhkarton spazieren zu fahren. Kurz darüber nachgedacht habe ich ja schon, aber letztlich siegen die Vernunft und das Mitleid mit dem wahrscheinlich „see“krank werdenden Geschöpf, das so aber nach einem halben Jahr auf dem Grill landen wird…

Wir erzählen ihm von unserer Radreise und ihn interessieren peinlich genau die Preise unserer Ausrüstung: Was kostet das Fahrrad? Wieviel der Kocher? Dann versuche ich sein plattes Rad zu flicken, aber das Ventil ist hin und unsere Ersatzventile passen leider nicht. Schließlich ist es dunkel geworden und nur die Sterne und die weiße Kappe des Cotopaxi erleuchten das Gelände. Wir probieren die Glühbirne, die aber an keinem Gehäuse funktioniert. Wir verabschieden Bryan, verabreden uns zum Abschied gegen acht Uhr und putzen Zähne. Kaum liegen wir gerade waagrecht, als es voller Elan gegen die Tür poltert. Also aufspringen, Hose an und: Bryan und sein älterer Bruder stehen vor der Tür: es könne nicht sein, dass das Licht nicht funktioniere. Also probieren sie es nochmal und inspizieren den Sicherungskasten. Ich versichere Ihnen mehrfach, dass wir ausreichend Taschenlampen hätten und außerdem schon im Bett gewesen seien und heute gar kein Licht mehr brauchen würden. Doch es ist gegen Ihren Gastgeberstolz und so werkeln sie am Sicherungskasten umher in völliger Dunkelheit.

Außerdem drücken sie jedem von uns zwei Mandarinen und eine Banane in die Hand. Schließlich lassen sie sich davon überzeugen, dass wir es morgen versuchen könnten, es zu reparieren und ziehen unbefriedigt von dannen, da sie uns nicht helfen konnten. Wir schlüpfen wieder in den Schlafsack, um keine zehn Minuten später wieder von dem keinen Widerspruch duldenden Geklopfe aus dem Bett geholt, aufzuspringen. Diesmal sind es Bryan und seine Mama, die anscheinend die Geschichte gehört hat und uns nun zu sich nach Hause einlädt. Dort gäbe es Licht und überhaupt sei es viel gemütlicher und wärmer dort. Ouhja, sagt Bryan – Mitkommen! Doch wir haben uns schon mit Sack und Pack eingerichtet und außerdem taugt uns der leere Raum vollkommen, so dass wir dieses überaus liebenswürdige Angebot ausschlagen müssen. Schweren Herzens ziehen sie ab und lassen uns dann tatsächlich schlafen.

Am nächsten Morgen um sieben scheppert die Tür erneut. Bryan ist bestens gelaunt und steht mit einem Liter warmer Milch zum Frühstück, sowie selbstgemachten Maiskaramell vor der Tür. Ungläubig hinsichtlich dieser Gastfreundschaft schmeißen wir den Kocher erneut an und frühstücken zusammen. Unsere Haferflockenpampe scheint ihm nicht wirklich zu munden, allerdings ist er zu gut erzogen und zu nett, um sie nicht doch aufzuessen. Die frische warme Milch ist köstlich. Wir verstauen unsere Habseligkeiten und Bryan lässt uns keinen Moment unbeaufsichtigt und hilft an jeder Ecke.

Schließlich rollen wir die bepackten Räder aus dem Haus und er lotst uns den Weg zurück zur Straße. Dabei erzählt er stolz den Nachbarn von seinen Gästen aus Deutschland. Wir fahren durch das Haus seines Onkels, der uns mit Handschlag und freundlichen Worten begrüßt und uns samt seiner drei Söhne zur Straße eskortiert. Dort steht dann ein fünf Mann starkes Abschiedskommando bereit, um uns mit freundlichen Worten und Handschlag zu verabschieden. Wir sind gerührt und überwältigend von der Freundlichkeit und Selbstlosigkeit dieser hartarbeitenden Menschen und schütteln noch nach Kilometern den Kopf über unsere Vorurteile und die Realität. Así somos (So sind wir) sagt der Onkel und meint damit die Gastfreundschaft – besser kann man es wohl nicht beschreiben.

Bryan Aguilar nahe Latacunga - que familia chèvere!!!

Bryan Aguilar nahe Latacunga – que familia chèvere!!!

Nach einem eher langweiligen Vormittag passieren wir Ambato, durch das wir eigentlich durchradeln wollten, doch plötzlich ist rechts die zweite Casa de Ciclistas in Ecuador und nach unserer grandiosen Erfahrung in Tumbaco halten wir an. Leo, der Inhaber öffnet uns und bittet uns herein. Ähnlich wie in Tumbaco betreibt er eine Werkstatt auf dem Hof. Er meint, es wäre schon recht spät weiterzufahren (11 Uhr vormittags) und wir beschließen, einen kurzen Tag zu machen und zu bleiben. Leo zeigt uns ein Zimmer, wo wir unsere Sachen parken können, bringt uns einen Guavensaft, drückt uns sein Gästebuch in die Hand und schlägt vor gemeinsam Mittagessen zu gehen. Trotz dieser offensichtlich netten Gesten und Worte haben wir das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt und fühlen uns ein wenig seltsam.

Wir gehen gemeinsam in ein Lokal und fragen Leo darüber aus, wie er dazu kam, eine casa de ciclistas zu eröffnen. Auf Tour traf er zwei Schweden, die er zu sich nach Hause eingeladen hat und so nahm alles seinen Lauf. Erstaunlich ist, dass er sich eigentlich nicht für uns und unsere Pläne interessiert, sondern nur auf unsere Fragen antwortet. Er rät uns von unserem Plan ab, durch den Chimborazo-Nationalpark zu fahren, da es dort immer regne und abartig kalt sei. Stattdessen schlägt er vor, wir sollten das doch per Bus (??) machen und dann von Banos nach Puyo in den Regenwald fahren. Ein Ratschlag, über den wir uns Tage danach nur noch stirnrunzelnd wundern können… Danach wollen wir einkaufen gehen, doch Leo besteht darauf, uns zu begleiten, da er sowieso noch eine Stunde Mittagspause habe und trottet uns im Supermarkt hinterher.

Er lässt mehrfach fallen, dass er ja so arm sei. Er habe im Internet nun angegeben, dass er 5$ pro Nacht von den Radfahrern verlange, da es sonst Überhand nehme, was seiner Frau zu viel sei. Das steht etwas im Gegensatz zum eher spärlich gefüllten Tagebuch, das nur ein paar Dutzend Radfahrer seit 2011 ausweist. Zur Erinnerung, bei Santiago waren wir Nummer 68 und 69 – im Jahr 2014!! Er spare auf ein Zimmer extra für Radler, damit er wieder mehr beherbergen könne und träume von einer Europareise, die ihn mindestens 10.000 $ kosten würde, was nicht zu machen sei. Diese doch etwas zu aufdringlich platzierten Bemerkungen stehen etwas im Gegensatz zu zwei großen Flachbildschirmen im Haus, einer ziemlich modernen Küchenausstattung, seinem schicken Radgeschäft und der Tatsache, dass er einen VW Golf fährt.

Am Nachmittag sind wir dann allein auf dem Hof, waschen, lesen und entspannen. Am Abend sitzen wir in der Küche, als plötzlich Edeline, seine fünfjährige Tochter zur Tür hereingehüpft kommt. Vollkommen überdreht nimmt sie sofort Laura an die Hand, als wäre es ihre ältere Schwester seit Lebzeiten und schlägt vor, ihr ihr Zimmer zu zeigen. Keine Widerrede und so kriegt Laura eine Einführung in die Puppenwelt und die geheimsten Geheimnisse des kleinen Mädchens. Danach rasen Laura und Edeline mit Plastikbobbycars durch den Hof um die Wette. Einen kleinen Moment der Unachtsamkeit nutzt Laura, um zu entkommen und so schnappt sich Edeline mich und auch ich kriege eine Einführung in die Puppenwelt. Dann fragt sie mich, ob ich einen Sticker will und naiv wie ich bin, willige ich ein. Nachdem sie ihn mir auf den Handrücken geklebt hat, verlangt sie eine Spende in ihre Spendenbox. Moment mal, so war das aber nicht abgemacht will ich einwenden und fühle mich wie in Vietnam…

Kurz danach erscheint Leo und fragt uns, ob es OK ist, wenn wir eine halbe Stunde auf seine Tochter aufpassen, denn er müsse zum Volleyball und seine Frau sei gleich zu Hause. Kein Problem sagen wir und sind froh, dass Edeline gerade TV guckt und wir in Ruhe Abendessen können. Nach der halben Stunde wollen wir uns zu ihr gesellen, aber sie liegt weinend auf dem Bett. Sie sei ganz alleine, niemand kümmere sich um sie. Etwas ratlos trösten wir sie und können sie davon überzeugen einen Film zusammen zu schauen. Ihre Stimmung dreht dann wieder um 180° und sie frisiert Puppen, malt auf der Wandtafel und streichelt ihren Hund immer eine Sekunde abwechselnd. Alles während sie den laufenden Film geradezu perfekt Wort für Wort mitspricht – sie muss ihn wohl schon hunderte Male gesehen haben. Schließlich ist uns das Spiel-Gezappe zu blöde und wir einigen uns auf „Edeline Lehrer – wir Schüler-Spiel“ und malen abwechselnd, was wirklich ganz lustig ist.

Was weniger lustig ist, dass nach gut drei Stunden (!) immer noch keiner der Eltern wieder da ist und wir langsam sehr müde werden. Wir schauen den Film weiter und Edeline ist immer noch knallwach, als plötzlich Mama nach Hause kommt. Kein Wort der Erklärung, gar der Entschuldigung. Kein Wimpernzucken, dass es womöglich seltsam sei, seine fünfjährige Tochter mit völlig wildfremden Leuten drei Stunden alleine zu lassen. Wir gehen demonstrativ schnurstracks ins Bett und sie holt noch mehrfach mehrere Sachen aus unserem Zimmer, wobei sie uns das Gefühl gibt, doch sehr fehl am Platz zu sein.

Wir schlafen ein, um am nächsten Morgen um halb sieben aufzustehen. Wir sollten ja früh aus der Stadt heraus hatte Leo gesagt, doch wir können noch nicht einmal auf Toilette, denn da baumelt ein dickes Vorhängeschloss. Natürlich hat uns keiner gesagt, wo ein Schlüssel ist – immerhin müssen wir noch nicht so dringend. Also packen wir unsere Sachen und schließlich geht Leos Frau aufs Klo ohne uns zu grüßen oder auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Inzwischen haben wir mit der casa abgeschlossen und wollen nur noch weg. Wir packen alles aufs Rad, da die Küche auch noch verriegelt ist. Irgendwann macht Leos Frau sie dann auf und wir verschlingen schnell unser Müsli, um dann startklar zu sein.

Dann steht auch Leo auf und öffnet uns das verschlossene Tor – die letzte Barrikade vor der Freiheit. Mit allem Gepäck auf der Straße – ah ist das befreiend! Nichts für ungut: es ist sehr nett von seiner Familie, Radfahrer unterzubringen. Aber wenn es offensichtlich keinem der Familie Spaß macht und man sich als Gast immer nur fehl am Platz vorkommt, wozu dann das Ganze?

Für uns bleibt die Erkenntnis, dass casa de ciclistas nicht gleich casa de ciclistas ist, und – während wir die köstlichen Maissnacks futtern, dass die wahre Gastfreundschaft wohl eher auf dem Land zu finden ist und wenn man ihr begegnet, sie das westliche Misstrauen und den Egoismus so kraftvoll zerschmettert, dass man weinen möchte.

Zur aktuellen Karte

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s