Quilotoa Loop – Anden satt

Nach dem Überqueren der Panamericana im Tal setzen wir uns recht bald zur Ruhe in einer schönen, luxuriösen Pension, waschen und trocknen unsere klammen Klamotten und das vom Morgentau noch nasse Zelt. Wir genießen es sehr den Elektro-Heizkörper auf Maximum aufzudrehen und unter einer warmen Dusche zu stehen. Die Hausherrin hat anscheinend einen runden Geburtstag, jedenfalls steht der Hof voller Jeeps und zahlreiche Familienangehörige schwirren umher. Lautsprecher dröhnen Salsa durch unsere Fenster, obwohl im weitläufigen Garten nur weit hinten die Kinder am Spielplatz umher tollen.

Am nächsten Morgen geht es auf gutem Asphalt kontinuierlich, aber machbar bergauf durch schöne Felderwirtschaft, bevor wir eine unfassbare 20km Abfahrt hinunter rauschen. Bis auf ein paar Busse ist es einsam und wir haben Zeit für die atemberaubenden Blicke in die Schluchten. Die Felder scheinen teilweise senkrecht in die Wände gearbeitet zu sein und die Viecher drücken sich an die Wand, denn sie stehen immer mit einem Bein am Abgrund. Die Sonne scheint und selbst bei der Abfahrt ist uns im T-Shirt gut warm – sehr ungewöhnlich für das andige Ecuador. Am Ende der wilden Fahrt sind wir unten im Flusstal sogar niedriger als unser Startpunkt in Tumbaco und wir müssen gnadenlose Serpentinen wieder hinauf nach Sigchos.

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ganz schön steil hier

ganz schön steil hier

Spandex - Erotik

Spandex – Erotik

Oben angekommen weht uns Blasmusik und Grillrauch entgegen. Es ist Fiesta de los Toros – das alljährliche Stadtfest – was für ein Glück! Hektisch suchen wir eine Unterkunft, doch es ist Sonntag und die Bomberos (Feuerwehr) sind geschlossen, der Pfarrer will uns nicht beherbergen und bei der Polizei recken sich die Hände der betrunkenen Gefangenen durch die Gitterstäbe der Ausnüchterungszelle, auf die wir gehofft hatten. Also checken wir in das einzige Hotel ein, wo jemand anwesend ist und rasen mit den Rädern zur unterhalb der Stadt gelegenen Arena.

Dort ist das Treiben bereits im vollen Gange. Junge Männer stehen auf dem Sandplatz und ein Stier treibt sie abwechselnd vor sich her. Die am wenigsten mutigen hüpfen schon beim Augenkontakt hinter die Absperrung. Die etwas mutigeren warten wenigstens bis der Stier mit den Hufen scharrt. Die Mutigsten aber haben wie die echten Toreros Tücher, mit denen sie den anstürmenden Angreifer kunstvoll in die Irre leiten oder sie springen sogar einfach mit breiten Beinen über die wütenden Hörner hinweg.

 

gut gelöst

gut gelöst

uff da da

uff da da

ziemlich bedrohlich

ziemlich bedrohlich

Das ganze begleitet eine fröhlich-anheizende Blasmusik und das je nachdem höhnische oder bewundernden Raunen der Meute. Auf den Straßen der Stadt war niemand mehr zu sehen – alle alt oder jung haben sich versammelt. Genüsslich am kandierten Apfel knabbernd oder frittierte Pommes mit Ei verschlingend haben alle den Blick fest auf den gerade anvisierten Helden in der Arena gerichtet. Wir haben es uns mit unseren Rädern neben einer netten ecuadorianischen Familie mit zwei kleinen Kindern gemütlich gemacht und genießen das Spektakel ebenso mit Pommes, Ei, Empanadas (Teigtaschen), kandiertem Apfel und kühler Cola.

Der Anden-Franz

Der Anden-Franz

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was machen die jungen Leute da nur?

was machen die jungen Leute da nur?

Nach ca. zwanzig Minuten sind die Stiere dann etwas träge, und werden in die Betongasse gelockt, um danach wieder auf der Ladefläche eines LKW verstaut zu werden. Sogleich wird ein frisches Exemplar losgelassen. Bei größeren bleiben nur die Mutigsten in der Arena, während bei den kleineren Exemplaren selbst Grundschüler sich an die Tiere heranwagen. Während des Umladens versammeln sich die Mutigsten vor dem Auslass, um beim Heranrasen des Bullen dann auseinanderzustauben. Der bei weitem am eleganteste und mutigste Torerito verharrt mit ausgebreitetem Tuch und ist sichtlich überrascht, wie nah ihm der Stier dann doch gekommen ist.

zefi

zefix

Teilweise allerdings ist der Gewinner im Duell aber auch der Stier. Desöfteren werden Halbstarke auf die Hörner genommen. Als Beweis der Manneskraft stehen sie meist strahlend wieder auf, manche humpeln allerdings eher mit schmerzverzerrtem Gesicht aus der Manege. Die meisten älteren Jungs haben sich im Schutzgraben zuvor mit Cerveza oder stärkerem Gebräu Mut angetrunken – der ein oder andere sichtlich zuviel. Einer kann von Schmerz und Getränken nicht genug kriegen und wird mehrfach halb erwischt. Doch statt einzusehen, dass Bier und Stier heute zu stark für ihn sind, wagt er sich wieder und wieder in die vorderste Reihe.

einen zu viel im Tee

einen zu viel im Tee

Schließlich ist es soweit: einer der größeren Stiere erwischt ihn voll an Brust und Kopf, sodass er regungslos liegen bleibt. Statt einer erschreckten Stille allerdings jolt das Publikum vor Schadenfreude und Gafflust auf. Nach ca. zwanzig Sekunden hebt der Kerl den Kopf kurz an, so dass man nicht weiß – guter Scherz oder bitterer Ernst?! Allerdings, klappt er dann wieder regungslos zusammen. Andere Jungs lenken den Stier ab, während ihn seine Kumpels aus der Manege bergen. Dabei halten sie ihn so dämlich, dass sein Kopf zwischen den Knien des Heraustragenden hin- und herschmettert. Nach einer Minute ist uns das Ganze dann doch zu schaurig und ich springe herunter in den Graben, dem internationalen hippokratischen Eid verpflichtet. Unten halten seine Kumpels seine Beine in die Höhe und hunderte Halbstarke stehen schaulustig um den leblosen Körper.

Ich drängele mich durch und sehe, dass die Augen des Kerls eher irgendetwas im Nirvana fixieren, als hier auf Erden. Er reagiert auf nichts – erst auf eine saftige Watschn konvergieren seine Pupillen wieder und er ist wieder halbwegs unter uns. Da wird er auch schon von seinen Kumpels aufrecht gestellt und einer macht mir mehr oder weniger kompromisslos klar, dass er ein Mann sei und keine weitere Hilfe benötigen würde. Dass er sich wieder aufrecht halten kann und Schmerzen verneint, ist mit seinem Foetor zusammen für mich Grund genug mich zurückzuziehen, da ich nicht weiß, ob der Zusammenprall oder die Promillezahl das eigentliche Problem bei ihm ist. Er fasst sich danach allerdings immer wieder schmerzgeplagt an die Schulter, so dass ihm wohl noch ein Besuch der örtlichen Notaufnahme bevorsteht, die wahrscheinlich sowieso aus allen Nähten platzt. Wir beschließen, da es dunkelt und sich die Auswirkungen der Erschöpfung und der Trunkenheit immer mehr zeigen, zurück ins Hotel zu fahren.

Kurvenlage

Kurvenlage

auah

auah

die Unfälle häufen sich gen Abend

die Unfälle häufen sich gen Abend

Am nächsten Morgen ist die Stadt immer noch ausgestorben und schläft ihren Kater aus. Wir erklimmen auf holprigen Pflastersteinen den Ortsausgang und sind froh, als nach einigen Kilometern die Steine aufhören und wir auf einer guten dirt road weiter bergauf kurbeln. Entlang des Weges stehen die Milcheimer der Bauern, deren jeweils ca. 20 Liter der von Hof zu Hof rumpelnde Milchlaster einsammelt. Es geht immer steiler bergauf und schon mittags sind wir ordentlich ausgepumpt. Wie gut, dass mit Chugchillan ein freundlicher Ort voller netter Hostels mit einem warmen Mittagsmenu auf uns wartet. Gestärkt von einer ordentlichen Mahlzeit, Kaffee und Eis schwingen wir uns wieder auf die Räder.

Die Steigung wird immer unerbittlicher und bald hinter der Stadt beginnt auch eine kilometerlange Baustelle. Hier holpern wir über den Schotter und weichen den geschäftigen Baustellentrucks aus, die hin- und herdonnern. Schließlich allerdings klettern wir auf perfektem frischen Asphalt weiter nach oben. Leider nimmt jetzt der eisige Wind an Fahrt auf und bläst uns für jeden erklommenen Meter einen halben zurück. Wir ziehen uns immer wärmer an, bis wir mit langen Handschuhen, Fleece, Schal und dicken Jacken immer noch frierend inzwischen nur noch schiebend dem Wind trotzen. Die Bauarbeiter schauen uns halb belustigt, halb mitleidig zu, aber helfen uns leider nicht, als wir nahezu kraftlos endlich den Gipfel erreichen. Was für eine Genugtuung, das Dorf Quilotoa unter uns liegen zu sehen – wir rollen vollkommen ausgekühlt und erschöpft und checken ins erstbeste Hotel ein, zu müde um auch nur nach einem Zeltplatz zu gucken. Das Hotel ist ein absoluter Glücksfall: in einem holzgetäfelten gemütlichen „Wohnzimmer“ pullert ein Holzofen und darauf dampfen bereits zwei schmiedeeiserne Kannen mit heißem Tee. Wir lassen uns in die Sessel fallen und tauen langsam wieder auf. So wohltuend ist die Wärme, dass wir uns sogar zum Sonnenuntergang wieder hinaus auf die windige Aussichtsplattform mit genialem Blick über die Lagune wagen und noch kurz durch das touristische, aber nette Dorf erkunden.

Toto entkommt aus der Zyklopenhöhle

Toto entkommt aus der Zyklopenhöhle

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Sigchosser Stadtmusikanten

Sigchosser Stadtmusikanten

Damit der Milchmann nicht 3x klingelt

Damit der Milchmann nicht 3x klingelt

Ankunft am Abend

Ankunft am Abend

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Danach geht es unter die heiße Dusche und danach mit den wärmsten Klamotten an die gedeckte Tafel. Zu unserer Überraschung und Freude sind noch zahlreiche andere Reisende aus ihren Zimmern gekrochen und wir lernen sehr nette Amerikaner (Daniel und seine Brüder), zwei sehr nette Französinnen, einen netten Deutschen, zwei sehr nette Schweizerinnen und viele mehr kennen. Die Gastfamilie spricht nur Kichwa (Quechua) und serviert nicht gerade deliziöses, aber allemal sättigendes und herrlich warmes Essen. Danach sind wir direkt reif für das Bett und heizen vorher noch den kleinen Ofen in unserem Zimmer auf bengalische Temperaturen auf, um durch die eisige Nacht zu kommen. Tatsächlich schlafen wir so gut wie nie und selbst am Morgen ist es noch angenehm warm.

Wir frühstücken in aller Ruhe, denn heute ist Ruhetag. Nachdem Frühstück brechen wir zu einer kleinen Wanderung am Kraterrand zu einer Aussichtsplattform auf. Als wir angekommen sind, haben wir allerdings doch Blut geleckt und machen die fünfstündige Tour um den See. Fantastische Blicke die Hänge hinunter über die irre steilen Felder, romantisch grasende Pferde und der bei Sonne türkis schimmernde Kratersee entschädigen für die erneuten Strapazen. Immer wieder führen atemraubende Steigungen auf fast 4000 Höhenmeter die Kraterzacken herauf und wir pumpen ordentlich trotz eigentlichem Ruhetag. Zudem hat der eisige Wind vom Vortag kaum nachgelassen und bläst uns an manchen Stellen fast in den Krater hinein.

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Am Ende kommen wir vom Weg ab und landen im Kraterinneren. Allerdings finden wir einen Trampelpfad zurück zum Weg auf dem Grat. Abends sprechen wir mit zwei britischen Frauen, die auf den gleichen Holzweg geraten waren, aber nicht mehr herausgefunden haben. Schließlich mussten sie auf dem Hosenboden über Geröll und Abhänge zum See hinunter, um den mühsamen Weg wieder zurück nach oben ins Dorf zu finden. Für sie war die Wanderung dann erst kurz vor Dunkelheit und nach über zehn Stunden vorbei. Wir raffen uns sogar noch zu einem Abendspaziergang durch das Dorf auf. Die einheimischen Frauen tragen tatsächlich alle die landesübliche Tracht mit Hackenschuhen, Kniestrümpfen, KNIEFREI (!), doppeltem Rock und Poncho, sowie geflochtenem Zopf mit bunten Bändern darum und Andenhut. Mit den beladenen Eseln und aufgesattelten Pferden gibt es im Abendlicht ein einmaliges Bild ab. Das gemeinsame Abendessen ist danach leckerer und noch gemütlicher, da weniger Reisende anwesend sind.

Am nächsten Morgen geht es in dicken Klamotten erstmal bergab, um danach mit erneut mächtigen Steigungen auf zweimal 4000 m aufzuwarten. Die Landschaft ist wesentlich langweiliger als die Tage zuvor mit dünn besiedeltem Grasland und weiter oben trockener Steppe. So haben wir wenig Abwechslung und kämpfen uns Meter um Meter im erneut heftigen Gegenwind voran. Endlich ist der höchste Punkt erreicht und eine tolle 20km Abfahrt führt uns in Serpentinen zurück ins Tal der Panamericana. Dort suchen wir bei einer Kirche Nachtquartier, als … Aber das ist eine andere Geschichte!

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dick vermummt bei abendlichem Windböen

dick vermummt bei abendlichem Windböen

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