Cotopaxi – ich will ein Taxi!

In den 16h vor der Abfahrt aus Quito ändern wir vier Mal unsere Pläne. Ich bin eigentlich dagegen, durch den Cotopaxi Nationalpark zu fahren. Zitate aus anderen Blogs: „Only for tough riders“, „Don’t recommend other ciclists to take this route“, „Hard, harder, Cotopaxi“. Toto zeigt sich jedoch wild entschlossen. So stelle ich mich also mental auf harte drei Tage ein. Am Abend hat es sich Toto dann plötzlich anders überlegt, sagt: nee das ist zu schwer für die ersten Tage. Ich habe mich jetzt aber schon so an den Gedanken gewöhnt, dass nun ich darauf bestehe. Dann erzählt uns Daniel, ein andere Deutscher, von einem alternativen Weg, wo man erst später in den Nationalpark einbiegt und bis Machachi auf der geteerten Panamericana fährt. Dies erscheint uns ein guter Kompromiss. Zufrieden legen wir uns schlafen.

Am nächsten Morgen bekommt Santiago unseren Plan mit und redet ihn uns wieder aus. Die Route sei zu steil, die andere wäre viiiieeeel einfacher. Ich glaub das ja nicht, aber gut, Planänderung fünf Minuten vor Abfahrt. Mit der Gewissheit nach über einem Monat Radpause nun wahrscheinlich die bisher härtesten Tage der ganzen Reise vor uns zu haben, schwingen wir uns etwas gequält auf das Rad. Doch erstmal überwiegt die Freude. Endlich geht es weiter! Am Anfang rollt es auch richtig gut auf dem Asphalt aus Tumbaco raus. Es ist hügelig, der Asphalt ist teilweise nicht der beste, aber wir freuen uns auf dem Rad zu sitzen.

Auf den ersten 20 km kommen wir trotz Höhe und Steigung gut voran. Dann plötzlich, kurz nach Sangolqui, stehen wir vor einer Baustelle. Die Absperrung lässt sich jedoch leicht mit dem Fahrrad überwinden. Die nächste halbe Stunde schieben wir unsere Räder (teilweise eines zu zweit) eine absurd steile, sandige Straße hoch. Oben machen wir erstmal erschöpft eine Kekspause. Leider wird es danach nicht besser. Nun folgen die schon in den anderen Blogs angekündigten „Pflastersteine“, wobei hierbei bis zu Kindskopf große Steine gemeint sind, die aus der Erde ragen. Radfahren ist nur unter Schmerzen möglich und auch nur wenn die Straße leicht bergab geht. In der Ebene und bergauf (was meistens der Fall ist) müssen wir schieben. So vergehen ca. drei Stunden auf 10 km. Wir sind am Ende. Die Beine schmerzen, die Arme noch viel mehr.

Cobblestones ... argh

Cobblestones … argh

 

Toto spricht einen Passanten an, ob es möglich wäre in der Schule von Rumipamba zu übernachten. Der Mann ist super nett und hilfsbereit und zeigt uns stattdessen das Gemeindehaus, vor dessen Tür wir unser Nachtlager aufschlagen. Wir schaffen es noch im Hellen zu kochen, sobald die Sonne untergeht ist es empfindlich kalt auf 3000 m. Trotz der Strapazen des Tages, muss ich sagen, waren viele Tage in Asien deutlich unangenehmer. Es erleichtert so ungemein zu wissen, dass man genug Essen, Trinken und einen Kocher dabei hat, sodass man jederzeit aufhören kann zu fahren, wenn man nicht mehr kann. In Asien mussten wir immer zusehen, dass wir in die nächste Stadt kommen, egal in welcher Verfassung. Die Nacht ist eher unerholsam, die Hunde des Nachbarn bellen, die Luftballons der Kinderferienfreizeit rascheln im Wind, Transporter brummen vorbei und morgens mache ich die Augen auf, da ich das Geräusch von Stöckelschuhen glaube gehört zu haben. Ich blicke in das Gesicht einer Kuh, die sich neugierig zu uns runter beugt. Zum Glück haben wir unsere Fahrräder als Zaun vor uns aufgestellt…

in Rumipamba

in Rumipamba

Weiter geht es dann wie am Tag zu vor mit sehr viel schieben und ein wenig mühsamen Radfahren. Plötzlich nach einer Kurve dann der erste Blick auf den schneebedeckten Cotopaxi – wow, das entschädigt! Wie mit Zuckerguss überzogen ragt er, noch etwas schüchtern hinter Wolken versteckt, aus der grünen Ebene heraus. Wir haben mit Radfahrern gesprochen, die in den ganzen Tagen nicht einmal die Spitze zu sehen bekommen haben, da ist das als erster Blick ja schonmal vielversprechend.

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erste Cotopaxisichtung

erste Cotopaxisichtung

Irgendwann überquert die Straße dann einen Fluss, wo wir zum ersten Mal mit Hilfe unseres Wasserfilters unsere Wasservorräte auffüllen. Danach quälen wir uns nochmals eine absurde Steigung hoch und werden zu unserem Erstaunen oben mit Schotter überrascht. Eine deutliche Verbesserung zu diesen fürchterlichen Steinen. Statt 10% können wir nun 80% der Zeit tatsächlich fahren. Auf dem Schotterweg fahren wir in die weite Ebene des Nationalparks und wir sehen zum ersten Mal den Cotopaxi in seiner ganzen Größe. Immer wieder schieben sich kleine Wolken vor ihn, doch schließlich ist er unverhangen! Haben wir ein Glück! Der Anblick hält dann auch bis zum Abend an. Leider bringt die Ebene aber auch einen starken Gegenwind mit sich. Trotzdem kommen wir viel besser voran. Die ganze Landschaft erinnert an einen Westernfilm. Als dann auch noch ein Vater mit seiner Tochter in Ponchos gehüllt auf riesigen (!!) Pferden auf uns zugedonnert kommt, ist das Bild komplett. Sehr freuen wir uns auch über unsere ersten Alpakas am Wegesrand, die recht drollig aus ihrem Pelz schauen.

Alpakasichtung im Sturm, da weht es Laura glatt den Helm vom Kopf

Alpakasichtung im Sturm

schöne Route

schöne Route

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir schließlich das Nordgate, der Eingang zum Cotopaxi Nationalpark. Gleichzeitig mit uns ist dort eine riesige amerikanisch/kanadische Gruppe des Biking Dutchman, einem Fahrradreiseveranstalter aus Quito, die mit einem Truck hier hoch gefahren werden, um dann bergab nach Machachi runterfahren. Bergabfahren, welch schöne Vorstellung! Vom Tor sollen es jetzt noch ca. 12 km zum Campingplatz sein. Leider ist die Schotterpiste hier wieder deutlich schlechter mit gröbsten Schotter und viel Sand, sodass wir wieder zu unserem geliebten Fahrradwandern übergehen. Mehrfach überlegen wir ob wir nicht einfach schon am Wegesrand zelten sollen, der Blick aus dem Zelt auf den Cotopaxi wäre toll gewesen. Die weite Ebene und der potentiell starke Wind, der abends noch aufziehen könnte, halten uns aber davon ab. So wandern wir vor bis zur Kreuzung, um die letzten Kilometer bergab wieder auf einer besseren Straße zum Campingplatz zu rollen.

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Fuchs du hast die Gans gestohlen.. ach nee, da hinten kommt sie ja schon mit ihrem grünen Helm!

Fuchs du hast die Gans gestohlen.. ach nee, da hinten kommt sie ja schon mit ihrem grünen Helm!

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Der Campingplatz entpuppt sich entgegen unserer Erwartung bloß als eine blanke Wiese. Zu müde um weiter drüber nach zu denken, gehen wir tief in die Wiese und bauen unser Zelt halbwegs windgeschützt direkt an der Cotopaxiflanke auf, leider sind wir nun so nah dran, dass wir den Gipfel nicht mehr sehen können, schade! Nach einem schnellem und warmen (!) Abendbrot, kriechen wir direkt ins Zelt, es ist sooo kalt! 3880 m sind wir nun hoch. Zum Glück habe ich den warmen Schlafsack von Roos bekommen. Toto zieht sich warm an und verbringt ebenfalls eine fröstelfreie Nacht. Ich werde nochmal von einem Pferd geweckt, was einen unheimlich großen Schatten auf unser Zelt wirft, aber sich dann zu meiner Erleichterung doch dagegen entscheidet an uns zu knabbern oder sich gar auf uns nieder zu lassen. Am Boden liegend fühlt man sich dem großen Tier doch etwas ausgeliefert.

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abends wird es doch empfindlich kalt

abends wird es doch empfindlich kalt

Das Frühstück halten wir kurz am nächsten Tag und freuen uns stattdessen auf die Abfahrt in wärmere Gefilde. Nach 2 km entdecken wir dann den eigentlich Campingplatz – mit Duschen und super Blick auf den Cotopaxi, Mist! Nach einigen weiteren Kilometern auf einer steil abfallenden Schotterstraße, die ich mehr gerutscht als wirklich gefahren bin, fängt dann eine beste Asphaltstraße an. Mit bis zu 70 km/h rauschen wir ins Tal, welch Wonne! Dafür fahren wir Rad! Ich verstehe die Leute nicht, die sich über unasphaltierte Straßen freuen. Was gibt es schönere als eine perfekt geteerte Abfahrt, bei der man sich lediglich drum kümmern muss, sich rechtzeitig in die Kurven zu legen und sonst keinerlei Sorgen hat?? Eine schöne Belohnung für die harten Tage! Im Tal kreuzen wir die 4-spurige Panamericana. Beim Anblick des Verkehrsaufkommens sind wir froh über unsere Wahl. Es wäre hier zwar leichter gewesen, aber Spaß hätte es sicher nicht gemacht. Zum Glück müssen wir sie nur überqueren, um direkt die nächste Schleife zu fahren: den Quilotoa Loop.

Tschüss, Cotopaxi!

Tschüss, Cotopaxi!

Doppelspitze des Vulkans Illiniza

Doppelspitze des Vulkans Illiniza

Schotterabfahrt vom Cotopaxi

Schotterabfahrt vom Cotopaxi

Bilder aus dem Cotopaxi Nationalpark

Zur aktuellen Karte

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