Höhenrausch und Abschied aus Tumbaco

Nur noch zu zweit wachen wir in Quito nach Monas Abreise auf und fahren – natürlich – wieder in „unsere“ casa de ciclistas nach Tumbaco. Dort erwarten uns neben unserem Gepäck und den Rädern ein strahlender Santiago und viele neue Radler. In unserer Abwesenheit waren bereits wieder über 20 (!) Radler zu Gast und für die kommende Woche sind wir im Schnitt ca. zehn.

Wir genießen die Zeit zum Plauschen, Austausch über Technik und gemeinsame Unternehmungen. Selbst Quique und Alizia aus Spanien, die eigentlich schon lääängst weg sein wollten, sind nach über einem Monat immer noch da und wir genießen das fröhliche Wiedersehen. Mit Alex aus Salzburg, der aus Feuerland kommt, kommen zudem beim Dialekt Heimatgefühle auf. Außerdem sind noch zwei extrem nette Kolumbianer in der casa. So verbringen wir Tag um Tag mit netten Gesprächen, Vervollständigen unserer Ausrüstung und gemeinsamen Kochen. Es fällt uns sichtlich schwer, uns von Quito, der casa und unserer Ersatzfamilie loszureißen…

Mein neues Tattoo

Mein neues Tattoo

Santiagos Innenhof

Santiagos Innenhof

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das nette Esszimmer mit dem noch netteren Alex

das nette Esszimmer mit dem noch netteren Alex

Gemeinsam mit Alvaro aus Spanien und Alex, sowie einer Couchsurferin wagen wir uns zum Abschied noch auf den Rucu Pichincha, den Hausberg Quitos. Zunächst bringt einen die Seilbahn „El Telefériqo“ direkt aus der Stadt auf 4000 Meter, von wo aus der Wanderweg startet. Beim Aussteigen aus der Gondel wird uns die Luft schon etwas knäpplich, allerdings wohl eher wegen der Aufregung, die die Besteigung unseres ersten 4000ers mit sich bringt. Schon von der Bergstation ist der Blick über das Tal von Quito mit der sich lang erstreckenden Stadt und den umrahmenden Bergketten überragend. Sogar der Cotopaxi zeigt sich kurz in seiner Pracht, um sich danach würdevoll zu verhüllen.

Wir verzichten auf das Angebot den Berg per Leihpferd zu erklimmen. Der Weg führt zunächst gemütlich, dann immer steiler die Flanke des Pichincha entlang. Die Vegetation wird immer kärglicher und die Schritte kosten im oberen Teil dann doch mehr Kraft als gewohnt. Der Weg ist sehr gut ausgetreten und es herrscht bis auf ein paar Wolken Kaiserwetter. Bei plötzlichem Nebel soll er allerdings schwierig zu finden sein und schon einige leichtsinnige Flip-Flop-Besteiger das Leben gekostet haben. Schon bald zeigt sich, wer als Schluchtenscheisser geboren ist, denn Alex zeigt uns, wer hier Herr im Ring ist. Mit seinen mächtigen Ösi-Wadeln enteilt er uns kurzhosig und ist fast eine Stunde vor uns auf dem Gipfel (weiterhin kurzhosig trotz eisiger Temperaturen dort). Wir schleppen uns in der „Todeszone“ – den letzten steinigen 200 Höhenmetern Schritt für Schritt am Grat entlang. Es ziehen leider immer mehr Wolken auf, es wird empfindlich kühl und es pfeift doch ordentlich. Wir sind nun froh, dass wir Santiagos Rat befolgt haben und hüllen uns in Fleece, Thermoshirts, Handschuhe und Mütze. So kommen wir dennoch verfroren oben an und genießen alleine mit Alex den Blick über das freie Tal nach Quito und die mystische Wolkenwand nach Westen. Zur Feier des Tages (4696m!) natürlich mit Ecuadorianischem Gipfelrum.

die Luft ist dünn, aber wir sind dünner (oder dümmer?)

die Luft ist dünn, aber wir sind dünner (oder dümmer?)

Andenkitsch

Andenkitsch

Darf ich vorstellen: Das Bergflughuhn

Darf ich vorstellen: Das Bergflughuhn

karge Vegetation

karge Vegetation

Oben auf dem Gipfel umkreist uns eine Art Adler-Huhn-Kreuzung und die Viecher sind vor allem auf unsere Brotzeit scharf. Wir taufen sie Bergflughuhn. Kurz nach uns kommen zwei Koblenzer des Weges und wir bitten sie, doch ein Foto von uns zu machen. Unter dem Schild des Gipfels posieren wir, als der Herr die geniale Idee hat: „Und jetzt alle hochspringen!“ Also springen wir, nur leider steht Laura genau unter dem Schild und knallt daher volle Latte gegen dessen Unterkante. Auf die Zähne beißend unterdrückt sie ihre Schmerzen, heult aber innerlich vor Wut und Schmerzen.

Passend zum Aufheitern spurtet kurz danach ein viel zu kalt bekleideter Kanadier auf den Gipfel und fragt uns, ob er auch ein Foto haben könne. Ob es uns was ausmache, wenn er sich ausziehe. Nein, kein Problem, sagen wir und denken, er macht ein Macho-Oben-Ohne Foto. Was dann kommt, nun ja… Wenigstens Laura lenkt es etwas von ihrem Kopfschmerz ab und später erfahren wir, dass es in den USA und Kanada zu einer Art Volkssport geworden ist. Dieses neimodische Zeigs immer…

kälteunempfindlicher Kanadier

kälteunempfindlicher Kanadier

"Und alle springen !!!"

„Und alle springen !!!“

Gipfelschnaps: Anejo del Ecuador

Gipfelschnaps: Anejo del Ecuador

Nach einer weiteren halben Stunde kommen auch Alvaro und die Couchsurferin. Da uns schon schwer fröstelt, beginnen wir bald mit dem Abstieg, der leichter ist als gedacht. Laura quält sich mit sich besserndem Schädelbrummen nach unten. Wir geben richtig Gas, um wieder aufzutauen und rasten erst wieder kurz vor der Bergstation, wo uns auffällt, dass Alvaro und seine Begleiterin so weit zurückgefallen sind, dass sie nicht mehr zu sehen sind. Wir picknicken und warten eine halbe Stunde, aber nichts zu sehen. Also trinken wir noch eine weitere Stunde einen Kaffee an der Bergstation, aber immer noch nichts zu sehen. Wir fragen uns: haben wir sie verpasst? Brauchen sie noch etwas Privatssphäre? Schließlich entscheiden wir uns, dass eines dieser Szenarien wahrscheinlicher ist, als „dass etwas passiert ist“ und fahren ab. Bei Santiago erzählt uns Alvaro allerdings später, dass sich das Mädchen den Fuß verknackst hatte und sie wohl kurz nachdem wir gefahren waren, erst angekommen sind. Darum, liebe Freunde: gemeinsam rauf – gemeinsam runter! Dann ist der Berg Dein Freund! Wir fühlen uns natürlich sehr schlecht, dass wir nicht gewartet haben, aber es ist ja Gott sei Dank nichts passiert.

Alle am Gipfel

Alle am Gipfel

Südquito

Südquito

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Zum Abschied in der casa wollen wir noch einmal für die ganze Familie und die Radler kochen und entscheiden uns der Authentizität zu Liebe für Fleischpflanzerl (Anm. Laura: Frikadellen, Buletten, Bratklops, usw.) und Kartoffelsalat, die tatsächlich auch in der Ferne ohne große Zutatenprobleme zur Freude aller gelingen.

Ja da guckt der Ecuadorianer!

Ja da guckt der Ecuadorianer!

Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat

Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat

Es treffen weiter immer mehr Radler ein und langsam stößt die casa an ihre Kapazitätsgrenzen – kurz: es wird Zeit, aufzubrechen. Es wird auch immer mehr deutsch gesprochen: Daniel und Andreas, sowie ein Ami, ein Franzose und eine Kolumbianerin gesellen sich dazu. Andreas fliegt ab Quito wieder nach Deutschland zurück und nimmt liebenswerterweise unsere defekte Kamera und unsere Hängematte (Nachtfrost!!) wieder mit nach Hause. Zwei fantastisch freundliche Niederländerinnen treffen aus Feuerland ein und beenden ihre Reise in Quito. Beim Plausch erzählen sie uns von der Nachttemperatur in Bolivien (-20°C). Da klappen uns natürlich die Kinnladen runter, denn Lauras Schlafsack geht gerade einmal bis -5°C Extremwert. Mehr im Spaß meine ich, ob Laura ihr ihren Schlafsack abkaufen könne, woraufhin sie ihn uns für unsere Reise leiht und dafür unseren mit nach Europa nimmt. Unglaublich, wie hilfsbereit und freundlich Menschen sein können – TAUSEND DANK, Roos und Andreas!!

So kommt dann letztendlich der Tag des Aufbruchs. Wir sind aufgeregt wie am ersten Tag der Reise. Einen vollen Monat haben wir keinen Kilometer mehr auf dem Rad gemacht (außer der bissl Radelei durch Quito). Angst vor dem fremden Land, dem Ausgeraubtwerden, den kalten Nächten, den Raubwanzen, den Materialdefekten und natürlich mächtig Vorfreude auf die Andenlandschaft, die Menschen, die Kultur der fremden Länder und den neuen kulinarischen Genüssen mischen sich. Nach einem melancholischen Frühstück mit der Familie und dem Verabschieden schwingen wir uns auf die Räder und winken der versammelten Radlergemeinschaft zu. Die casa wird kleiner und kleiner und bald fordern die schmerzenden Oberschenkelmuskeln die Aufmerksamkeit – es geht zum Cotopaxi und das vor allem eins: BERGAUF… !

und mit ein paar Radlern!

und mit ein paar Radlern!

zum Abschied mit Santiago

zum Abschied mit Santiago

Bilder vom Rucu Pichincha und der casa

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