Sarayaku – Bei den Wilden (part II)

Als es dunkelt, begeben wir uns also im Gänsemarsch zum Dorfzentrum und müssen 50 Meter vorher alle Taschenlampen ausknipsen, da die Zeremonie in völliger Dunkelheit stattfindet… Wir quetschen uns durch die versammelten Leute und finden einen Platz hinten in der Ecke. Im Saal ist es stockfinster, nur ab und zu leuchten grelle Taschenlampen, Handydisplays oder Feuerzeuge Neuankömmlingen oder dem Hayawaska verteilenden Schamanengehilfen den Weg. Die Schamanen unterhalten sich in unverständlicher, lallender Sprache und kichern immer wieder hysterisch laut auf – laut 2pac haben sie schon Droge intus und tauschen Visionen aus. Es scheinen meist lustige Situationen zu sein, zumindest ist „heiter“ eine deutlich zu gedämpfte Beschreibung für die Stimmung der Schamanen. Die Dunkelheit,  dass man nicht so richtig weiß was passiert und wer neben einem sitzt erzeugt eine mystische bis unheimliche Stimmung. Ein Schamanentreffen und wir dürfen dabei sein, wie cool! Nach dem ersten Gänsehauteffekt wird es dann aber auf Dauer eher langweilig und wir wünschen uns selbst einen kleinen Schluck Hayawaska oder wenigstens ein Hefeweizen. Wie wir am nächsten Tag erfahren, war das Gebräu von einer hier noch unbekannten Pflanze von einem befreundeten Dorf zu schwach gekocht, sodass sie vier mal nachtrinken mussten um richtig high zu werden. Normalerweise wird dieser Zustand wohl schon nach einer halben Stunde erreicht. Nach zwei Stunden hält es nur noch Claudi mit uns aus, doch dann beginnt das eigentliche Spektakel.

Die Schamanen schnappen sich jetzt nach und nach die Kranken des Ortes – meist um die 50-60 Jahre alt (soweit das Licht es zulässt zu sagen) und vor allem mit schwereren orthopädischen Gebrechen. Dann stimmen sie einen rituellen Singsang an und bitten die Ahnen um Hilfe – glücklich wer Charcaut mit Nachnamen heißt. Die „Geheilten“ wackeln danach ähnlich gebrechlich am Krückstock wieder zu ihrem Platz zurück – vielleicht setzt der Erfolg erst morgen ein? Ein Kopfschmerzpatient scheint auch dabei zu sein, jedenfalls nimmt ihn ein Schamane ordentlich ins Gebet und raschelt danach eine gefühlte Ewigkeit mit einem speziellen Blätterpuschel um seinen Kopf.

Die Atmosphäre in der Dunkelheit wird zu späterer Stunde immer magischer. Jetzt gibt es gar keine Lichtquellen mehr und nur der monotone Singsang durchdringt die Dunkelheit. Auf einmal flammt ein Feuerzeug auf und erleuchtet für Sekunden die markanten indianischen Gesichtszüge des Hauptschamanen. Der resultierende Rauchgeruch lässt uns vermuten, dass Hayawaska nicht die einzige zugeführte halluzinogene Droge ist. Wäre das Treiben in Deutschland erlaubt, dann wäre Polytoxikomanie keine Diagnose, sondern ein Beruf. Bei solcher Zuversicht der Leute an die heilende Wirkung, solch magiedurchwebter Luft und solch imposanten Schamanen fällt es aber auch uns auf Dauer schwer, noch an partialagonistische µ-Opioid-Antagonisten und das westliche Gesundheitssystem zu glauben – ist unser gesamtes Wissenschaftssystem überhaupt belegt oder aus fremder Perspektive betrachtet auch nur ein naiver Irrglaube?!

Schließlich, jenseits der Geisterstunde, drohen wir im Singsang in die ewigen Schlafgründe abzudriften und beschließen, lieber in der Dunkelheit nach Hause zu trotten – immer noch fasziniert, dass es solche Sitzungen im 21. Jahrhundert und nur ein paar Flugstunden von den amerikanischen Südstaaten entfernt, im gar nicht so tiefen Amazonas gibt.

Am nächsten Tag geht es im Kanu auf dem Hauptfluss des Sarayaku Territoriums abwärts. Nach kurzer Zeit sind wir sehr froh, nicht die Kanutour gebucht zu haben, denn tatsächlich ist das vorbeirauschende Ufer zwar sehr grün, sehr hoch und sehr dicht, allerdings auf Dauer auch sehr langweilig. Interessant zu sehen wie sich der Indianer vorn mit dem hinten per Zeichensprache, bestehend aus kompliziertesten, geradezu lächerlich komplex anmutenden Handbewegung  kommuniziert – sie scheinen sich zu verstehen, jedenfalls kommen wir an. Oder alles nur ein Gag? Wir halten, um einen Riesenbaum zu umwandern, der tatsächlich einfach nur sagenhaft groß ist. Auf dem Weg treffen wir einen Indianer, der immer barfuß unterwegs ist und den ein giftiger Fisch vor drei Tagen in den Fuß gestochen hatte. Der Fuß ist rot, dick und eklige Flüssigkeit quillt aus der Wunde. Giftige Fische hatten wir im Studium eher nicht und so entlassen wir den Patienten mit Ibuprofen, „Hochlegen“ und dem Versprechen eines Hausbesuchs bei der Rückkehr. Was wohl der Schamane gemacht hätte?

ziemlich großer Baum

ziemlich großer Baum

 

zu wild !

zu wild !

Riesenbaum

Riesenbaum

Gerrardo gibt Gas

Gerrardo gibt Gas

Kanufahren auf einem Amazonas-Zustrom

Kanufahren auf einem Amazonas-Zustrom

Uferidylle à la Pocahontas

Uferidylle à la Pocahontas

Wir tuckern weiter flussabwärts zum Tambo von 2pacs Schwiegerfamilie. Das Tambo ist eine Art Ferienwohnung, bei der alle sonst getrennten Zimmerhäuser in einer Palmenhütte zusammengefasst sind. Die Familien verbringen hier ihre Ferien oder langen Wochenenden, um dem „Lärm des Dorfes“ zu entkommen, was einigermaßen spaßig ist, da sowieso alle mehr oder weniger einsam im Wald leben. Die Hauptlärmquellen – ihre Hähne und Hunde bringen sie sowieso mit zum Tambo, damit sie nicht in der Zwischenzeit daheim vom Jaguar verspeist werden.

Das mehr oder minder selbstversorgende Leben der Indianer zu sehen, ist würdevoll und ernüchternd zugleich. Einerseits ist eine nachhaltige Wirtschaft auf eigenem Territorium natürlich eine faszinierende Alternative zum westlichen Konsum. Andererseits gieren die Leute hier nach modernem Werkzeug, Jeans, T-Shirt und jagen mit Gewehren – Dinge, die sich mit Kochbananen, Yucca, Gesammeltem und Gejagtem kaum ertauschen lassen. Sie lassen sich vom Staat Schulen und Krankenhaus (inklusive Flugzeug bei Notfällen) in ihrem Dorf errichten, obwohl sie natürlich keinerlei Steuern zahlen. Ist es in so einem Fall das Recht des Staates die Indianer zu enteignen, um ganz Ecuador durch die Ölexporte zu helfen?!

Küche mit Speisekammer

Küche mit Speisekammer

Auf dem Rückweg – wie versprochen – der Besuch im Tambo des Giftfischopfers. Hier wird fangfrischer Fisch gegrillt – mit Kochbananen und Chilisalz ein herrlicher Snack! Super lecker und garnicht freudlos!! Auffallend ist, wie viele Kinder alle Familien haben – Gerrardo erklärt: Kein TV, keine Zeitung, keine Kneipe – da bleibt nur eine Form der Unterhaltung…

Plötzlich große Aufregung: Das Kanu der Familie ist verschwunden! Es hat sich anscheind gelöst und treibt nun den Fluss hinab. Flink sitzen der 10-jährige Sohn von unserem Guide und der ebensoalte Stalin (hoffentlich haben wir uns bei dem Namen verhört..) in unserem Boot und jagen den breiten Fluss dem Kanu hinterher. Eine andere Kindheit  als in der Stadt..

Tambo 2 mit Giftfischopfer

Tambo 2 mit Giftfischopfer

Fisch- und Kochbananensnack

Fisch- und Kochbananensnack

mit einem Haps ...

mit einem Haps …

Wir tuckern zurück, als plötzlich eine rot-braune Wasserschlange auf unser Boot zusteuert. Wir verpassen sie nur um einen Meter und drehen nochmal bei, um die angeblich giftige Schlange zu fotographieren. 2pac erklärt uns, dass sein Volk sämtliche giftigen Schlangen kurzerhand mit einem gezielten Machetenwurf töten würde. Es geht ihnen hier eben um ein nachhaltiges Leben in ihrem Lebensraum, und nicht um ökologisches Gesülze à la bundesdeutscher Krötenfreunde.

Danach springen wir in einen klaren Nebenfluss mit etwas mulmigen Gefühl wegen Giftschlangen, Zerkarien, usw. 2pac schnappt sich zwei kleine Jungs von ca. zehn Jahren und zeigt ihnen, wie man tieftaucht und geht mit ihnen und Netz auf Fischfang. Ich frage Gerrardo, wie man hier schwimmen lernt und imitiere Brust- und Kraulbewegungen als Alternativen. Offensichtlich kennt er aber nur Hundekraul und fühlt sich etwas auf den Schlips getreten, da er die westliche Weise nicht kennt und um zu demonstrieren wie gut Indianer schwimmen können, verschwindet er zu unserer Verblüffung mit einem lautem Plumps im Wasser, um eine Minute später triumphierend an einer anderen Stelle wieder aufzutauchen. Inzwischen haben die Jungs einen Fisch im Netz und brechen ihm mit der bloßen Hand das Genick – man lebt hier eben von der Natur und kauft kein Hühnerbrustfilet bei Aldi.

Wasserschlange, angeblich giftig

Wasserschlange, angeblich giftig

Badefluss und Dreckfluss

Badefluss und Dreckfluss

Wieder zurück im Dorf frösteln wir ordentlich dank kaltem Wasser und Fahrtwind auf dem Kanu, doch nicht lange, denn es ist Blasrohrstunde (aber nur für Männer!) ! 2pac erklärt uns, dass die soundsoIndianer zwei Wochenmärsche von hier Meister in der Blasrohrherstellung seien und zeigt uns, wie man aus Palmdornen und Wolle die tödliche Waffe (für Vögel und Affen) präpariert. Für uns Menschen sei das Pfeilgift Curare aber nicht gefährlich, da wir Zucker und Salz essen würden, was das Gift neutralisiert. Gut zu wissen – Zeit für eine Fortbildung in der Regensburger Anästhesie. Christophe ist dann der einzige, der den Pfeil in die Nähe der Kokosnuss schießt, die 10m entfernt im Baum hängt.

Blasrohrunterricht

Blasrohrunterricht

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Christophe konnte es am besten

Christophe konnte es am besten

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Am letzten Tag besichtigen wir dann zunächst die Keramikkunst der Indianerfrauen. Hier gilt nämlich KKC statt KKK: Kinder, Keramik und Chicha sind Frauenarbeit und jeder Mann gilt als homosexuell, der sich an diese Arbeiten macht. Auf dem Feld arbeiten beide Geschlechter, aber jagen und fischen gehen wiederum nur die Männer. Schwul zu sein, sei kein Problem mehr, aber die meisten „Betroffenen“ würden es doch vorziehen in die Stadt zu ziehen, um sich nicht dem Gespött des Dorfes auszusetzen. Halb bewundernd, halb befremdet erzählt er auch vom Nachbarvolk, bei dem die stärksten Männer auch mehrere Frauen haben dürften. Diese wohnten allerdings in verschiedenen Häusern und werden turnusmäßig besucht – um Streit zu minimieren.

Dann gehen wir wieder zum Dorfplatz, zum Haus des Dorfvorstehers. Es werden gerade die Schamanen verabschiedet und auch uns wird – immer von der Dame des Hauses – Chicha gereicht. Mhm … qué rico! Die Schamanen sind wieder halbwegs nüchtern und sehen bei Tageslicht auch nur noch halb so wild aus. Sarayaku ist in sieben Teile gegliedert, deren Anführer auch da sind und jeweils mit einem Holzstab Macht und Würde demonstrieren. Die Jungs des Dorfes kicken auf dem Dorfplatz zu lautem Reggaeton den Sonntagskick aus. Wir besichtigen nochmal genau die Bank, deren Tresor auf dem morschen Holzboden zum Herausschneiden einlädt, und deren Schatzmeisterin kurzerhand ihr kleines Kind auf den sechs Wartestühlen zum Nickerchen gelegt hat. Die Uhren ticken hier eben einfach anders…

Shamanen unter sich

Shamanen unter sich

Die Shamanen trinken Chicha

Die Shamanen trinken Chicha

Die Stöcke der örtlichen Anführer

Die Stöcke der örtlichen Anführer

Der Vizepräsident von Sarayaku

Der Vizepräsident von Sarayaku

Die Bank

Die Bank

Die Tochter der Bankangestellten

Die Tochter der Bankangestellten

echte Indianerkörper beim Sonntagskick

echte Indianerkörper beim Sonntagskick

Für uns auch sehr interessant ist die Stippvisite beim Arzt des Dorfes. Er ist gerade mit dem Studium fertig und erzählt, dass man als junger Mediziner verpflichtend das PJ und das erste Jahr in abgelegenen Gebieten ableisten muss. 18 Tage 24h Dienst und dann 12 Tage frei. Puh! Im Unterschied zu Quito gäbe es hier keinerlei chronischen Krankheiten. Diabetes und Hypertonie seien durch gesunde Kost und aktives Leben nicht existent. Die Leute mißtrauen zwar Impfungen und der westlichen Medizin, wenn es aber hart auf hart kommt, suchen sie auch ihn auf. Besonders schwierig sei es dann, den Leuten klar zu machen, dass nicht alle Pillen auf einmal aufzuessen seien… Im Notfall könne er – bei guten Bedingungen ein Flugzeug ordern. Ansonsten könne er alles hier machen – Beatmung per Ambu mit einer Schwester vor Ort inbegriffen. Unsere vorsichtige Nachfrage wie denn die Zirrhoseraten wären, immerhin fängt man hier mit 3 Monaten an Chicha zu trinken, beantwortet er mit es gäbe 10 Hepatitis B Fälle unbekannter Ursache, die er gerade untersuchen würde. Keine Alkoholzirrhose? Das überrascht! Auch unerwartet: Es gibt fast keine Unfälle! Die Kinder wuseln den ganzen Tag zwischen Flussufer und offenem Feuer herum, gerne auch mit einer Machete in der Hand, die halb so groß ist wie sie selbst. Zeigt sich wohl mal wieder das Überbehütung kein Schutz vor Unfällen bietet, sondern eher das Gegenteil! Respekt, vor diesen jungen Ärzten, die wahrscheinlich in einem Jahr hier mehr Erfahrung sammeln als wir im kompletten Assistentendasein.

Ich frage 2pac noch, ob es das Problem der Demenz hier gäbe. Gerrardo hatte uns zuvor mehrfach versichert, dass viele Leute hier über 90 Jahre alt würden – bei erst in den 80er Jahren begonnenen Aufzeichnungen natürlich schwer zu überprüfen (und zu glauben).  2pac scheint Demenz tatsächlich nicht zu kennen, erzählt aber von einem 20jährigen, der schon immer „seltsam“ gewesen sei. Die Eltern hätten ihn dann von ihrem Grund verstoßen, so dass er in den letzten Monaten immer häufiger gestohlen habe. Zur Strafe sei er in der Gefängniszelle auf dem Dorfplatz eingekerkert worden, aus dieser aber kürzlich ausgebrochen und nach Puyo geflohen. Zuvor habe er noch allen Bewohnern Sarayakus mit dem Tode gedroht. Psychische Krankheiten und ihre Behandlung scheinen hier jedenfalls gänzlich unbekannt.

Danach – man glaubt es kaum – gehen wir zu einer weiteren Familie und genießen ein letztes Mal die Chicha (hier ist sie am stärksten). Chichando ist ein stehender Begriff und bedeutet so viel wie Austausch, Konversation und soziales Gefüge. Der Verkauf von Chicha und jeglichem Alkohol sei übrigens im gesamten Gebiet verboten, da die Männer oft das mühsam Ersparte von Monaten an einem Abend versoffen hätten. Es existiert sowieso nur ein winziger Laden, der außer Reis, Öl und Mehl nicht viel zu bieten hat. Neuerdings gibt es Coca Cola. Außerdem erklärt Gerrardo uns, dass es in Sarayaku selbstverständlich ist, dass wenn man in ein fremdes Haus kommt, man zum Essen und Trinken eingeladen wird. Wenn eine Frau Chicha bereitet hat läutet sie früh am Morgen die Glocke, sodass alle Nachbarn wissen, dass sie vorbeikommen können, um davon zu trinken. Einmal im Monat wird vom ganzen Dorf bei einer Minga gemeinnützige Arbeit getan wie: Wege aufräumen und freihacken, Riesenkanus zu Wasser lassen, Gemeinschaftshäuser bauen oder die Landebahn freischneiden.

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Laura wagt sich an die Chicha

Laura wagt sich an die Chicha

Zum Abschied schenkt uns 2pac noch die Federn eines Urwaldvogels, die wir leider nicht transportieren können, aber so haben wir wenigstens einen Grund, Michèlle und die netten Franzosen wieder zu treffen und sie in Paris abzuholen!

Laura krönt sich zur Häuptlingsfrau

Laura wird zur Häuptlingsfrau gekrönt

Dann ist es schon wieder Zeit in den Flieger zu steigen. In gewohnter Weise fliegen die Franzosen voraus und wir hinterher. Zum Abschied versammelt sich der ganze Ortsteil und winkt uns zu – sehr rührend. Bei nur etwa 60 Touristen, die dieses Dorf pro Jahr sieht, glauben wir sogar, dass es etwas halbwegs Besonderes ist. Von oben sehen wir nochmal den „roten Platz“ und die Dächer der Hütten, von denen wir nun zu wissen glauben, wie das tägliche Leben in Mitten des Amazonas aussieht.  Und das Fazit? Wir haben uns getäuscht, authentisch und Tourismus passt doch zusammen. Klar, war es nicht „Indian sees white man for the first time“ (vgl. Hier), aber dennoch hatten wir nicht das Gefühl, das für uns irgendetwas inszeniert wurde. Eher im Gegenteil, hat man oft gemerkt, dass selbst die Guides nicht ausgebildet sind und oftmals unbeholfen im Umgang sind mit Touristen. Auch haben wir gelernt, dass nur weil sie Kontakt zu modernen Welt haben (westliche Kleidung, Internet..), es nicht bedeutet, dass sie weniger Indianer sind. Das Leben des Indianers unterscheidet sich trotzdem um 200% von dem eines anderen Ecuadorianers. Sie weben keine Kleidung mehr aus Pflanzen, da die westliche Kleidung zu günstig ist, als dass sich der Aufwand lohnen würde, dennoch zeigt sich ihre Tradition in der Architektur, Essen, Jagd, Ackerbau, Regenwaldkenntnis, Schamanentum etc.  Sie haben Zugang zum Internet. Zum Glück. Wie hätten sie sonst so aufgeklärt sein können und sich gegen die Ölkonzerne wehren können?  Sie sind Indianer, die sich mit der Zeit weiterentwickeln. Dennoch sind sie Indianer mit einer faszinierenden Andersartigkeit, trotz des westlichen Einflusses.  Wir sind jedenfalls begeistert und froh, dass wir dies erleben durften!

Laura, aktivier doch mal die Gegensteuerungswellendynamik, bitte.

Laura, aktivier doch mal die Gegensteuerungswellendynamik, bitte.

Landeanflug auf Shell Airport

Landeanflug auf Shell Airport

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Sarayaku – bei den Wilden (part I)

Auf der Suche nach einer Tour in den richtigen Amazonasdschungel streifen wir also durch die Gassen von Puyo. In Macas waren alle Reiseagenturen geschlossen oder boten nur oberflächliche 1-Tages-Trips zu geschminkten Schamanen an. Auch heute haben wir fürchterliche Angst, dass uns ein zu künstliches Paket geschnürt wird. Am Abend zuvor war schon ein wirklich netter Guide zu uns ins Hostel gekommen, der eine Kanu-Zelt-Exkursion vorgeschlagen hatte, die uns recht zugesagt hatte. Allerdings hatten uns viele Reisende vor zu viel Kanufahrerei gewarnt, da bei lautem Geknatter und Dieselgestank auch der zutraulichste Jaguar reißaus nimmt…

Bei der ersten Agentur müssen wir uns eine Weile gedulden, weil vor uns eine Gruppe von vier Franzosen da ist, die anscheinend den ähnlichen Plan einer 4-Tages-Exkursion haben und ihn sich in aller Ausführlichkeit erläutern lassen. Die Frau der Agentur ist sehr nett und das Angebot klingt auch gut, ist aber eher auf eine kulturelle Begegnung mit einem Indianerdorf (Sarayaku) mitten im Dschungel ausgelegt. Die Dame stellt klar, dass man an Tieren höchstens Insekten (wow!) und Vögel sehen wird. Wenigstens ehrlich. Außerdem erfahren wir, dass der Preis für uns beide wegen Anreise im Flugzeug (!) eher unbezahlbar ist, außer wir würden uns der Vierergruppe vor uns anschließen. Die Idee mit einer Propellerchessna über die Baumwipfel zu düsen statt stundenlanger Kanufahrt ist natürlich sehr verlockend…Trotzdem, wir sind uns eigentlich einig, wir wollen keinen Kulturquatsch. Sobald Touristen da sind kann es doch nicht mehr authentisch sein, oder?

Bei der zweiten Agentur ist wieder die Franzosengruppe vor uns und wir fragen kurzerhand, ob wir uns gemeinsam erkundigen wollen. Der Agenturtyp ist maximal unsympathisch: verraucht mit Goldkette und wir trauen ihm keine authentische Dschungeltour zu. Bleibt die Agentur von gestern Abend, die sich allerdings als ziemlich unprofessionell herausstellt. Flugpreise zu teuer, Abreise erst in zwei Tagen möglich und dann noch die Angst, dass man außer Kanufahren wenig zu sehen kriegt.

Wir gehen gemeinsam mit Michèlle, Claudi, Christophe und Manu einen Kaffee trinken, um zu beratschlagen und stellen sehr schnell fest, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Sie behaupten steif und fest, es würde ihnen nichts ausmachen, den Trip mit uns zu verbringen. Sie teilen unsere Bedenken bezüglich der Authentizität. Im Endeffekt entscheiden wir uns dann aber doch für das erste kulturelle Angebot, da es sehr tief im Jungle ist, der Flug reizt und die Dame uns versichert, dass wir unserem Guide zu so viele Regenwaldwanderungen nötigen können wie wir wollen und kein geschminkter Schamane für uns tanzen wird. Also morgen um neun ab zum Regionalflughafen von Shell, der tatsächlich nach der ersten Ölbohrfirma benannt ist, die hier aufkreuzte, da es im angrenzenden Amazonasgebiet unter der Erde große Menge des verborgenen Schatzes gibt.

Voilà Michèlle

Voilà Michèlle

Voilà Christophe

Voilà Christophe

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Voilà Manu

Claudi am Steuer, das wird teuer

Claudi am Steuer, das wird teuer

Am nächsten Morgen um neun geht aber erstmal gar nichts, denn es regnet und in diesem Fall sind Start und Landung auf den Dschungelpisten nicht möglich. Die Tatsache, dass die Frau der Agentur und unser guide Gerrárdo um neun aber auch erst mit dem Einkaufen für die Tour beginnen, lässt bei uns die Frage aufkommen, ob überhaupt je neun Uhr Abflug geplant war… Naja, nach einer Stunde lichten sich die Wolken und wir rollen zum Flughafen. In einem Hangar warten zwei Propellerchessnas auf uns: eine mit fünf Plätzen und eine mit drei. Gepäck und Reisende werden akribisch genau gewogen, um die Austarierung zu gewährleisten. Während wir warten treffen noch einige Indianer ein, die vom Stadtausflug in ihre Dörfer zurückkehren wollen. Unser persönliche Favorit: ein  langhaariger Indianer, Gesicht und Frisur wie aus dem Bilderbuch, mit Stock durchstochene Ohrläppchen, knallenge Jeans und Chucks. So sieht wohl Anpassung aus! Dann die eher unangenehmen Informationen: die Piloten sind maximal 25 Jahre alt, die Fluggesellschaft gibt es seit drei Monaten (!), das Wetter sei eher suboptimal. Uns wird versichert: Der Flug ist total sicher, außer wenn das Wetter schlecht ist… so wie heute… äh, Moment?! Außerdem schauen die Mechaniker immer wieder kritisch auf den Flügel unserer Drei-Personen-Maschine, basteln mit Tesafilm daran herum und starten schließlich tatsächlich einen Testflug mit unserer Maschine!! Alles sicher?

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Lauras Gesicht nimmt nach und nach die Farbe des frisch gestrichenen weißen Heckflügels an, vor allem als wir erfahren, dass die Gruppen falsch eingeteilt sind, so dass wir kurzerhand mit Michèlle und dem Guide tauschen und somit der ganze Balance-Akt umsonst war. Naja, die Franzosen heben ab und wir blicken misstrauisch hinterher, um kurz danach selbst in unserem Tesa-geklebten Gefährt Platz zu nehmen. Es fühlt sich doch eher an wie das 50-Pfennig-Flugzeug vor Norma. Dann kommt auch noch der vermeintliche Pilot um die Ecke gehumpelt. Gehumpelt? Ja, er hat ein Gipsbein! Die letzte Landung war wohl unsanft?! Das kann doch alles nicht wahr sein. Braucht man keine Füße zum Steuern eines Flugzeugs? Nachdem dieser sich 10 Minuten an der Cockpittür rumgedrückt hat, steigt dann aber doch ein anderer mit zwei gesunden Beinen ein. Na wenigstens das! Beim Starten der Maschine wirft er noch einen fragenden Blick zum Mechaniker, dieser erwidert mit einer „nicht sicher“ Handgeste. Schön! Laura überlegt sich kurz, ob sie das Ganze nicht doch noch abblasen möchte, doch dann rollen wir schon los.

Der Bonanza River im Sarayaku Territory

Der Bonanza River im Sarayaku Territory

Das Abheben läuft dann erstaunlich glatt und bald lassen wir Straßen, Ziegeldächer und freies Land hinter uns und es übernimmt das endlose Blätterdach des Amazonas. Wow! Hier gibt es nur noch vereinzelt stehende Palmdachhütten und endlos viele klare oder rostrote Flusstäler, die das endlose Grün durchziehen. So ruhig schweben wir über den Wald, dass die Anspannung von uns weicht und wir den Flug richtig genießen. Nur einmal, als der Kopilot nach rechts hinten deutet und der Pilot daraufhin sich quer in die Luft stellt, um das Bemerkte zu sehen, sackt unser Herz wieder unter die Ladeluke. Nach einer halben Stunde kommt dann die Landebahn in Sicht – oder sollten wir sagen: der Feldweg?! Nach Anflug über ein Flusstal rumpeln wir über Stock, Gras und Steine. Als wir stehen, werden wir sofort von einer Traube Kindern umringt und erblicken die winkenden Franzosen, die ebenfalls wohlbehalten angekommen sind.

Die erste Überraschung ist die Tatsache, dass es gar nicht so heiß und feucht wie erwartet ist. Die zweite, dass die Kinder (ab zwölf Jahren bis gefühlte zwölf Wochen) alle Taschen und Vorräte brav ins Dorfzentrum tragen und dafür zur Belohnung ein trockenes Brötchen kriegen – anscheinend die höchste Belohnung im Urwald. Darunter auch eine der Töchter unseres Guides, wir nennen sie, ob ihres Wesens und ihres unaussprechlichem wirklichen Namen, Frechdachs. Ein sehr extrovertiertes Wesen, die uns quasi über die ganze Zeit begleitet und Toto zum Einstand gleich mal fragt: Hat deine Freundin ein Kind? Warum machst du ihr keins? – Äh, bitte was? Nach eigener Aussage ist sie 6 Jahre alt, Papa sagt aber ne, vielleicht 4 oder 5. Hier nimmt man das nicht so genau.

Toto mit dem Frechdachs

Toto mit dem Frechdachs

Das Dorfzentrum ist – wie sich später herausstellt – gar nicht das Dorfzentrum, sondern das Wohnzimmer der Familie, die uns unterbringt. Hier baut man keine Zimmer, sondern Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Vorratskammer sind einzelne total offene Häuser mit Palmdach. Im Wohnzimmer ist auch eine Tafel gedeckt und wir kriegen das erste authentische Dschungelmahl – Hühnercurry mit Reis … Danach passiert ewig nichts und erst viel später schlendern wir zum Dorfplatz. Unser Guide zeigt uns das Gemeindehaus, die Bank, die Kirche und das Internetcafé, wo die jungen Sarayakuaner ins facebook gehen. Oh je. Das hatten wir uns anders vorgestellt. Laura scharrt ungeduldig mit den Hufen und will endlich IN DEN DSCHUNGEL! Viel ist hier gesponsert. Die Einrichtung des Internets und des Satellitentelefons wurde von Belgiern zur Lehrerausbildung vor Jahren gesponsert, die weitere Unterhaltung zahlt nun Frankreich, Osnabrück zahlt für ein Tapirschutzprogramm, wieder andere zahlen für Müllsammeldienste… die Liste ist lang und steht etwas im Gegensatz zu dem angeblich autarken Leben, was der Guide nicht müde wird zu betonen: „Wir sind nicht abhängig!“ Naja… das kann man wohl sehen wie man will. Andererseits ist es wohl auch schwer möglich, sich als Amazonasdorf weiter zu entwickeln, wenn als einzige Währung der Tauschhandel existiert und so niemand an Geld kommt. Insgesamt aber scheint es doch eine positive Unterstützung zu sein..

unser Schlafsaal

unser Schlafsaal

Die Küchenzeile

Die Küchenzeile

Im Dorfzentrum/Versammlungsraum

Im Dorfzentrum/Versammlungsraum

beim Mittagessen

beim Mittagessen

Im bunt bemalten Dorfzentrum findet gerade ein Treffen von Schamanen der Sarayaku und mehrer befreundeter Dschungelvölker statt. Die Schamanen tragen sogar traditionelle Kleidung.  Als die Herren fertig sind, dürfen wir einen Film auf einem riesigen Plasma-TV gucken – immerhin passiert etwas, denken wir uns. Wir gucken zwei Filme und sind tatsächlich schwer beeindruckt. Nachdem wir schon etwas genervt waren von dem ständigen wir sind autark, aber lassen uns alles sponsern und uns gefragt haben, ob sie tatsächlich irgendwas geleistet haben, ändert der Film unsere Sicht komplett. Die Filme dokumentieren den Kampf des kleinen Dorfes gegen den Goliath der Öl-Riesen. Diese begannen in den 90er Jahren auf Genehmigung der ecuadorianischen Regierung mit der Erkundung der Ölreserven auf dem Territorium der Sarayaku. Die Indianer wurden dazu (angeblich) nie um Rat oder Genehmigung gefragt und traten dem Treiben vehement entgegen. Sie mussten es allerdings hinnehmen, dass mittels Dynamit jahrzehntelang auf ihrem Land nach Öl gesucht wurde. Klage um Klage vor ecuadorianischen Gerichten wurde abgewiesen oder nicht bearbeitet. Der Film startet dann mit dem Einzug der Indianer in Venezuela vor dem amerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dort gewinnen sie tatsächlich den Prozess: Es wird die Räumung aller Dynamitladungen anordnet und für zukünftige Planungen das Einverständnis der Sarayaku verlangt. Wirklich sehr, sehr beeindruckend wie geschickt und ausdauernd sich das kleine, vermeintlich hinterwäldlerische Volk gegen die mächtigen Ölkonzerne und die ecuadorianische Regierung wehrt und es versteht, die Medien für seine Zwecke einzusetzen. Wer weiß, wieviele – selbst weiter entwickelte – Städte in der Lage wären sich auf diesem Niveau zu wehren.

Dorfzentrum/Versammlungsraum

Dorfzentrum/Versammlungsraum

Schamanen auf dem Dorfplatz

Schamanen auf dem Dorfplatz

Angeblich kamen schon in den 80er Jahren die ersten Touristen nach Sarayaku und hinterließen einen Camcorder, in der Voraussicht, dass hier eines Tages das gleiche Ungemach (Ölausbeutung) drohen würde, dass dem nördlichen Amazonasteil Ecuadors um Lago Agrio widerfahren war. Die Filme sind extrem gut gemacht dank Kooperation mit Amnesty International, Greenpeace, dem Einheiraten einer Belgierin in das Volk und dem Medien-Studiums eines Häuptlingssohns mit resultierendem PR-knowhow. Die Filme gibt es hier und hier nachzusehen.  Das Urteil wurde übrigens 2012 gefällt, bis heute ist trotzdem laut Sarayaku nicht ein einziger Sprengkörper geräumt.

Danach dämmert es schon und aus dem Wald schwillt der nächtliche Chor der Frösche, Grillen und Vögel an. Das Abendessen wird – wie alle Mahlzeiten – auf dem Holzfeuer-Dreifuß zubereitet und unser Guide erklärt uns noch, dass die Aktivität des morgigen Tages von den nächtlichen Träumen abhängt, die hier einen hohen Stellenwert haben.

Wir sind hocherfreut, als die Träume anscheinend „Wanderung“ ergeben haben  und wir die Gummistiefel überstreifen und losmarschieren. Um das Dorf herum liegen die Felder (Chakras) der einzelnen Familien, die diese in Wechselwirtschaft mit Brandrodung für 5-10 Jahre bewirtschaften und auf denen sie Yucca, Kochbananen, Bananen, verschiedene Palmen und Kartoffelsorten anbauen. Dazwischen erklärt uns 2pac (unser zweiter guide, Aussprache Tupack) immer wieder Heilpflanzen, von denen die meisten für den Darm gut seien – anscheinend das medizinische Hauptproblem der Urwaldindianer. Ob es auch eine Kopfschmerzpflanze gäbe? Kopfschmerzen?! Nein, das gäbe es hier so gut wie nicht und wenn dann sei eine Reinigung durch einen Schamanen durchzuführen.

Pflanze gegen Fieber

Pflanze gegen Fieber

Die Frau der Agentur hatte Recht: Insekten und Vögel sind die einzigen Tiere, die wir tatsächlich sehen, obwohl wir viele Tapirabdrücke sehen und es angeblich auch einmal nach Wasserschwein riecht!? Dennoch ist die Wanderung genau das, was wir ersehnt haben, denn der Wald wird immer dichter und wir schlagen uns am Ende mit der Machete durch unberührten Regenwald. In den Gummistiefeln laufen wir Blasen und der arme Claudi hat noch dazu Undichte erwischt, so dass ihm der viele Matsch und das Flusswasser in die Socken laufen. An einem klaren Bach versuchen sich 2pac und ich am Fischen und es stellt sich heraus, dass man deutlich eleganter aussieht, wenn man das Fischen zum Überleben braucht und sich nicht den Angelhaken in die Kniekehle wirft… Nur leider beißt heute keine Urwaldforelle. Trotzdem, Angelunterricht beim Indianer, wer kann das schon vorweisen?

 

beim Fischen

beim Fischen

sieht leider etwas professioneller aus

sieht leider etwas professioneller aus

Nach guten sechs Stunden sind wir ganz schön erledigt und auch etwas hungrig, als 2pac uns kurzer Hand eine Palme fällt und es köstliches Palmherz als Stärkung gibt. Auf dem Rückweg zeigt er uns auch noch, wie man aus einer anderen Palmenart schnell einen Rucksack für erlegtes Wild anfertigt. Zurück im Dorf, sind zwei weitere betagtere Franzosen eingetroffen – uns ist schon ganz schummerig vor lauter Nasallauten und dem Spanisch-Französisch-Mischmasch in unserem Schädel!

2pac zeigt wie man das erlegte Tier abtransportiert

2pac zeigt wie man das erlegte Tier abtransportiert

Dennoch hätten wir es mit unserer Begleitung nicht besser treffen können. Die vier jungen Franzosen kennen sich von einer Reise in Thailand und sind seit über zehn Jahren immer wieder in wechselnder Begleitung miteinander unterwegs. Alle vier sind unglaublich nett, optimistisch, unkompliziert, geben sich mühe mit unserem schlechten Französisch und noch dazu sehr witzig. Den Altersunterschied merkt man nicht und wir sind froh, so nette Leute an einem so seltsamen Ort kennenlernen zu dürfen.

Nach dem stärkenden Nachmittagsessen, zeigen uns die Frauen noch die Zubereitung des örtlichen Zaubertrankes – der Chicha. Hierfür werden Yuccaknollen gekocht, zermanscht und von den Frauen gekaut, um sie danach – je nach berauschender Wirkung – kurz oder lang in einem Keramiktopf gären zu lassen. Bei vielen Gelegenheiten kriegen wir die soziale Rolle dieses Getränks zu spüren, das hier als icebreaker, Sattmacher, Babynahrung (ab drei Monaten) und in stärkerer Form als Sonntagsschoppen dient. Das Ablehnen des Getränks käme einer Kriegserklärung gleich, wird uns erklärt und so kosten auch wir vom magen- und kopfverdrehenden Trunk, der für unsere Geschmacksknospen leider sehr säuerlich und eher eklig anmutet.

Chicha Zubereitung

Chicha Zubereitung

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Vor dem Abendessen unternehmen wir noch eine kleine Wanderung am Fluss entlang, um die heiligen Vögel des Stammes zu besichtigen, die wie eine Mischung aus Pfau und Huhn in den Bäumen am Fluss entlang sitzen. Normalerweise findet man sie, um eine Lagune, aber da diese ausgetrocknet sei, sei der in ihr lebende Anaconda-Geist weitergezogen und habe alle befreundeten Naturgeister mitgenommen. 2pac erklärt uns weiterhin, dass beim Töten eines solchen Tieres die einem vorbestimmte Lebenszeit von über hundert auf 20 Jahre abnehmen kann und sich schlagartig der Himmel verdunkelt, Blitze niederschießen und es für Tage beginnt zu regnen. Ungläubig schaue ich in sein Gesicht und kann nichts anderes als feste Überzeugung feststellen – die Alten sagten es so und er habe es selbst schon einmal erlebt.

heiliger Vogel

heiliger Vogel

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schräger Vogel

dressierter Vogel

dressierter Vogel

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bei unserer Rückkehr ist die Yuca fertig gestampft und die Frauen gehen zum kauen über

bei unserer Rückkehr ist die Yuca fertig gestampft und die Frauen gehen zum kauen über

durchgekaute Yuca

durchgekaute Yuca

Überhaupt die fremde spirituelle Welt… Nebenbei erwähnt Gerrardo,  dass schon seit gestern im Dorfzentrum die Schamanen mit den befreundeten Schamanen, die Nächte durch ein Ritual begehen würden zur Heilung Kranker und zur Reinigung des Dorfes. Dabei würden sie von der legendären halluzinogenen Droge Hayawaska kosten, die ihnen erlaubt mit Zukunft, Vergangenheit und Geisterwelt Kontakt aufzunehmen. Wir fragen uns, warum wir gestern vor lauter Langeweile Fußnägel kauen mussten und nicht dabei sein durften und laden uns mehr oder minder selbst zur heutigen Nacht ein. Wenigstens kann man nicht behaupten, dass es eine für den gringo inszenierte Veranstaltung ist.

Als es dunkelt, begeben wir uns also im Gänsemarsch zum Dorfzentrum und müssen 50 Meter vorher alle Taschenlampen ausknipsen, da die Zeremonie in völliger Dunkelheit stattfindet. ..

Fortsetzung folgt!

 

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Abfahrt in den Dschungel

Zurück in Riobamba verbringen wir eine weitere Nacht in „unserem“ Hotel, das wir eigentlich nur immer wieder aufsuchen, weil hier irgendwann das Paket aufschlagen soll. Naja, gut für die Inhaber – niemals wären wir hier sonst insgesamt vier Nächte abgestiegen … Beim Gang zur Post am Nachmittag erfahren wir dann, dass es möglich sei, die Steuern zu umgehen, indem man eine Berichtigung der Adresse (dann ohne den Hotelnamen) an den Zoll schickt. Wegen Wochendende natürlich noch nichts zu machen, aber immerhin ein Licht am Ende des Tunnels, in dem wir feststecken.

Am nächsten Morgen brechen wir dann in Richtung Macas auf. Die Route ist recht hügelig und wir merken, dass wir länger nicht mehr auf dem Sattel saßen. Besonders hübsch ist es auch gerade nicht: Hügellandschaft mit Viehwirtschaft und gesichtslose Ortschaften. Es geht dann immer deutlicher nach oben, dafür wird es auch schöner. Die Dichte der Siedlungen nimmt ab, die Hänge werden steiler, der Fluss wilder und ab und zu blitzen steile Felsgipfel hinter den Wolken hervor. Endlich ist das Ende des Anstiegs erreicht und das Tal weitet sich zu einer idyllischen Landschaft. Wasserfälle ergießen sich aus den steinigen Wänden um uns herum und die Häuser sind zu Holzhütten mit romantisch geflochtenen Heudächern geworden.

Holzhaus mit Heudach

Holzhaus mit Heudach

kurz vor den Lagunen

kurz vor den Lagunen

Quinoafeld

Quinoafeld

Wir sind sehr erschöpft und nur noch kurz vor den Lagunen, die unser Tagesziel waren. Allerdings knicken wir ein, als uns eine nette Frau vor ihrem Forellenrestaurant anspricht: 6$ für einen Riesenteller mit fangfrischer Forelle aus dem Fluss, Mais, Kartoffeln, Frischkäse und Salat – wir sind dabei. Zumal ist es drinnen halbwegs warm dank Kaminofen und wir entkommen dem eisigen Wind, der am Abend aufgedreht hat. Am Nebentisch schlagen sich die Poncho-Männer der Nachbardörfer die Mägen voll und trotten langsam einer nach dem anderen nach Hause. So müssen auch wir schlussendlich wieder in die Kälte und schlagen unser Zelt hinter dem Restaurant und auf/neben dem Heuhaufen auf.

Keine gute Wahl – wie sich zwei Stunden später herausstellt, als die Jugendlichen des Dorfes per Auto anbrausen, auf dem Parkplatz neben uns ein Feuer entfachen und laut quatschen. Natürlich entdecken sie auch schnell unser Zelt und umschleichen es aus Neugierde mit Taschenlampen. Wir tun kein Auge zu und warten nur darauf, dass einer den Reißverschluss aufzieht und uns bedroht. Aber natürlich passiert wieder nichts und alle Sorge ist umsonst. Nach zwei Stunden Gitarrenmusik, Feuergeknister und Kauderwelsch verschwinden sie alle in der Nacht. Wir sind kaum eingedöst, als der Nachtbus aus Macas hält, die Meute auf die Toiletten neben uns rennt und auch sie wieder unser Zelt begutachten. Oh je. Laura hatte den abgelegenen Zeltplatz unter den Wasserfällen fünf Minuten Fußweg von der Straße vorgeschlagen und ihr lauter Atem verrät dass sie 1.) nicht schläft und 2.) ich mich nicht um die Dusche am Morgen zu sorgen brauche, da mir sowieso ordentlich der Kopf gewaschen wird.

So ist es dann auch und erst nach zwei Extrastunden Morgenschlaf sind wir wieder versöhnt und fit für den Tag. Früh morgens ist es sowieso bitterkalt und wegen den tief hängenden Wolken mit Nieselregen erreicht uns diesmal auch nicht die wärmende Sonne. Mit allen Kleidungsstücken, die wir besitzen, rollen wir zu den Lagunen, die im Nebel mystisch wirken und eher nicht zum Baden einladen. Gott sei Dank geht es nochmal kurz bergauf, so dass wir auf Betriebstemperaturen kommen, bevor die Abfahrt beginnt.

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auf der Insel wurden früher Gefangene gehalten: entweder sie konnten nicht schwimmen, oder sie sind beim Fluchtversuch wegen dem kalten Wasser und Wind erfroren

auf der Insel wurden früher Gefangene gehalten: entweder sie konnten nicht schwimmen, oder sie sind beim Fluchtversuch wegen dem kalten Wasser und Wind erfroren

mystische Lagunen von Atillo

mystische Lagunen von Atillo

Mit Abfahrt ist hier ein Höhenunterschied von 3500 m (!) reinem downhill gemeint. Das entspricht bei einer durchschnittlichen Steigung von 5% schlappen 70km bergab – wir reiben uns die Hände vor Vorfreude! Schon nach den ersten Kurven wandelt sich die Landschaft komplett. Statt dürrem Gras beginnt ein dichter, tropischer Wald, zu dem nur die Temperaturen noch nicht so recht passen wollen. Statt mystischer Stille piepen und pfeifen die Vögel ihr Konzert und immer wieder rauschen mächtige Wasserfälle über die Straße. Ziehen die Wolken kurz auf, bietet sich ein grandioser Blick über die steile Schlucht und die mächtigen Baumwipfel.

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zahlreiche Wasserfälle auf der Abfahrt

zahlreiche Wasserfälle auf der Abfahrt

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Gut 25km rasen wir am Stück hinunter und entledigen uns Stück für Stück unserer Zwiebelschale, als uns eine Gruppe Herren am Wegesrand mit eindeutigem Winken aufhält. „No hay paso!“ – Weg gesperrt! rufen sie und wir halten fassungslos an. Ein Erdrutsch habe kurz vor uns die Straße versperrt. Es waren doch ein paar Autos und Busse an uns vorbeigefahren, wundern wir uns – ob es tatsächlich dieselben waren? Wir fragen, ob man über den Rutsch steigen könne, und sie meinen: ja – mit Fahrrad müsste es gehen. Puh! Wir dachten schon, wir müssten die 25km wieder zurückstrampeln …

Also rollen wir weiter und tatsächlich: nach drei Kurven stehen Busse und Autos ratlos vor einem mächtigen Erdrutsch, der gut zwei Meter hoch die Fahrbahn versperrt. Bäume, Sträucher, Felsbrocken und Lehm versperren für gut 40 Meter die Straße. Ein Bagger steht auf der Bergseite des Rutsches und man sieht eindeutige Spuren, dass er schon begonnen hat aufzuräumen. Aber nun steht er still und kurz darauf zeigt sich warum: „SALGAN! – Weg da!“ schreit der Fahrer und die Menschen nahe der Erdmassen rennen schnell zur Seite, denn auf einmal lösen sich weit oben weitere Brocken und donnern herunter.

Aber die Ecuadorianer scheinen das alles gewöhnt zu sein, denn sie steigen fröhlich aus den Bussen aus und tragen Sack, Pack und Omas über die Erde, um kurzerhand in den auf der anderen Seite wartenden Bus zu springen. Nur die Autofahrer schauen fassungslos aus der Windschutzscheibe und überlegen sich: warten oder 250km Umweg über Baños fahren?! Schließlich lassen auch wir uns nicht lumpen und hieven die Räder und die Taschen darüber, sind aber doch sehr froh als wir in wieder sicherer Entfernung unser Mittagessen mümmeln.

nur zu Fuß geht's über den Erdrutsch

nur zu Fuß geht’s über den Erdrutsch

etwas zu kalt, um einladend zu sein

etwas zu kalt, um einladend zu sein

Leider ist die Abfahrt weniger entspannend als erwartet, denn es geht gleich danach saftig bergauf und das gleich mehrfach. Inzwischen ist es aufgerissen und die Sonne tropisch warm, so dass die Anstiege zur schweißtreibenden Tortur werden, obwohl wir nur noch die dünnsten Radklamotten anhaben. Über uns kreisen große Vögel und siehe da – es sind Geier. Sie haben wohl mitbekommen, dass wir schwächeln und warten auf das leckere Gringofleisch. In die Waldspitzen mischen sich nun auch die ersten Palmen und immer wieder gibt es gigantische Blicke über die sich formierenden Flüsse, die dem Amazonasbecken zuströmen. Davon motiviert entkommen wir den Aasfressern.

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Endlich sehen wir Macas unter uns liegen und rauschen die letzten Kilometer hinab. Die Stadt ist sehr überschaubar und unspektakulär. Wir probieren unser Glück im ersten Hostel: 35$ die Nacht – in der Pampa?! Nein danke. Nächster Versuch bei der Kirche am Hauptplatz und siehe da: Padre Daniel hat Erbarmen und sein liebenswerter Hausmeister Don Carlos zeigt uns ein gigantisches Zimmer mit Fluss- und Amazonasblick. Sogar die Toilette im Hof wird extra für uns aufgesperrt gelassen. Alle sind rührend nett und wir freuen uns sehr, dass wir zum ersten Mal eine nette Erfahrung mit einem kirchlichen Unterschlupf machen. Es dunkelt schon und mit der schön beleuchteten Kathedrale im Rücken kochen wir ein Chili sin carne und freuen uns über den über dem Amazonas stehenden Vollmond.

Am nächsten Tag (es ist Montag) laufen wir hochmotiviert zur Post und erhalten tatsächlich die Adresse für die Paketkorrektur. Der Code zum Bezahlen der Steuern ist natürlich immer noch nicht da. Also schicken wir die E-Mail ab, kaufen ein und satteln auf. Es ist schon recht spät, als wir losradeln wollen, doch dann: „bling“. E-Mail vom Zoll: Mailer Daemon! Adresse falsch. Also mit Sack und Pack zurück zur Post. Nach einer halben Stunde finden sie dann den Fehler und wir versenden die E-Mail erneut. Allerdings sind wir jetzt so spät dran, dass wir es heute sicher nicht mehr nach Puyo schaffen. Reumütig schieben wir zurück und „checken“ erneut bei Don Carlos ein, der sich wie ein Schnitzel freut, uns noch eine Nacht beherbergen zu dürfen.

Wir rollen hinunter zum Fluss, der im Kiesbett in viele Arme aufgegliedert zum Tubing und Rafting einlädt. Den Nachmittag radeln wir dann zum Frustabbau auf die andere Flussseite, wo eine geniale Straße durch die ehemaligen Missionskirchen und indigenen Dörfer führt. Leider begrenzen die wohl durch die Forellenmayonaise erworbenen Turbulenzen auf der Bristol Stool Scale meinen Radius. Wir müssen umdrehen und mit vielen Zwischenstopps unter offenen Turnhallen (Regenschauer) und im Bananenfeld (andere Schauer) erreichen wir wieder Macas.

Der Fluss in Macas

Der Fluss in Macas

koloniales Haus für indigene Bevölkerung

koloniales Haus für indigene Bevölkerung

Lustigerweise treffen wir vor der Kirche dann Joaquín und Juli wieder –zwei der Argentinier, die wir bei Carlos in Cuenca kennengelernt hatten. Auf Herbergssuche laden wir sie zu uns ein und Padre Daniel gewährt auch ihnen Unterschlupf, so dass wir unser Zimmer mit ihnen teilen und einen interessanten Abend verbringen. Es ist nämlich ein originär deutscher Missionar aus einem benachbarten Dorf betagt gestorben und ihm zu Ehren findet die ganze Nacht eine Gedenkwache in der Kirche statt. Viele von ihm Bekehrte, Missionarskollegen, sowie Nonnen aus unserem Kloster haben sich versammelt und auch wir wohnen dem Gedenkgottesdienst bei, nachdem wir mehr oder minder kompromisslos eingeladen wurden. Die von Gitarre begleiteten Gesänge, die Beleuchtung der Kirche und die versammelten Würdeträger der katholischen Kirche (mit noch deutlich mehr Blingbling als bei uns) erzeugen eine tolle Stimmung.

Am nächsten Tag brechen wir dann nach heftigem Regen früh auf und freuen uns sehr auf die Strecke „mitten durch den Dschungel“. Leider regnet es weiter und die Straße ist wesentlich langweiliger als erwartet. Links und rechts steht Anwesen mit Zaun an Anwesen mit Zaun und von wildem Dschungel keine Spur. Wenigstens ist es halbwegs flach, so dass wir ordentlich Meter machen können. Als wir schon in den Bus steigen wollen, klart es endlich auf und nach einer Flussüberquerung wird dann auch der Wald halbwegs wild und die Dichte der Orte nimmt ab. Die Steigungen häufen sich jetzt aber und mit mehr als 100km auf der Kette säuern auch die Muskeln langsam an. Vor Puyo wird es dann wieder fad und wir sind froh, als wir endlich die Stadt erreichen.

noch der beste Blick: Wald zwischen Macas und Puyo

noch der beste Blick: Wald zwischen Macas und Puyo

Am nächsten Morgen – inzwischen Routine wie das Zähneputzen – der Gang zur Post. Der Zoll hatte uns geschrieben: Zur Adressänderung bräuchte es nur folgende Dokumente: Schreiben des Absenders (Thermarest, USA), Passportkopie des Absenders (Thermarest, USA), lindgrüner Passierschein A37, … Also bleibt uns nur die Hoffnung darauf, dass der Bezahlcode für die Steuern da ist. Ist er aber natürlich nicht. Der initial mürrische Postbeamte greift nach Schilderung des Problems zum Hörer und unfassbar – er hat einen Kumpel beim Zoll! Nach kurzem Gespräch sagt er uns: „Problem erledigt, Paket geht raus.“ Wir fragen uns, ob wir lachen oder weinen sollen, oder ob er uns gar einfach nur abwimmeln will? Er sagt, wir könnten am Nachmittag die Adressänderung überprüfen und tatsächlich – Paket wurde verschickt und ist in 72h in Riobamba.

Wir beschließen, die Stundenzahl mal wieder nicht zu wörtlich zu nehmen und außerdem steht das Wochenende an. Also suchen wir uns eine Tour in den Dschungel, von dem wir bisher noch nichts gesehen haben, denn Puyo gilt als gutes Sprungbrett in die Nationalparks des Oriente.

Aber das ist eine neue Geschichte …

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Fotos der Abfahrt

Busausflug nach Cuenca

..ist es natürlich nicht! Das Paket sollte am Mittwoch ankommen, am Samstag noch keine Spur davon. Am Wochenende erreiche ich natürlich auch niemanden von Thermarest. Wir machen einen Ruhetag in Riobamba, einer erstaunlich netten Stadt. Wenn auch etwas ausgestorben, da am Sonntag so gut wie alle Läden und selbst die Cafés geschlossen haben. Wenigstens die Eisdiele verkauft uns ein halbes Kilo Eis – das entschädigt.

sehr coole Idee: offene Bahnhofseinfahrt als Stadtplatz - weniger cool: geht nur bei sehr wenigen Zügen

sehr coole Idee: offene Bahnhofseinfahrt als Stadtplatz – weniger cool: geht nur bei sehr wenigen Zügen

Riobamba Altstadt

Riobamba Altstadt

Straßenverkauf in Riobamba

Straßenverkauf in Riobamba

Am Nachmittag rollen plötzlich 40 (!) Radfahrer und zwei deutsche Feuerwehrautos mit niederländischen Kennzeichen vor unserem Hotel ein. Unter dem Motto vom Mittelpunkt der Welt zum Ende der Welt machen sie eine 4,5-monatige Radreise von Quito nach Ushuaia. Sehr fix. Auf Grund der kurzen Zeit müssen sie jeden Tag ca. 100 km mit teilweise über 2000 Höhenmetern (Gepäck ist dafür im Feuerwehrauto) bewältigen. Ruhetage sind rar gesät. Die Routenführung von Quito hierher war bis jetzt durchgängig PanAm… schwierig. Wie Hardy, ein Dortmunder Teilnehmer, uns sagte: „Ich habe mich schon immer gefragt, wie es wäre, auf dem Seitenstreifen der deutschen Autobahn zu fahren. Jetzt weiß ich es!“

der Truck der bike-dreams

der Truck der bike-dreams

die selbstgemalte Werbung begeistert uns immer wieder

die selbstgemalte Werbung begeistert uns immer wieder

Am Abend gehen wir dann mit Hardy, dem Schwaben Alfred und dem Niederländer Jan-Willem essen. Die Gruppe besteht größtenteils aus Niederländern und Australiern, insgesamt sind zehn Nationen dabei. Mit „an Bord“ ein Mechaniker und eine Ärztin. Um 8 Uhr morgens wird zusammen losgefahren, keiner darf früher oder später starten. Unterwegs reißt das Feld dann natürlich schnell auseinander, so dass die meisten trotzdem einzeln fahren. Auch wenn uns der Comfort und die Vorteile so einer geführten Reise einleuchten, wird uns schnell klar – das würden wir keine Woche durchhalten! Schon nach fünf Tagen Fremdbestimmtheit auf der Galapagoskreuzfahrt hätte ich den Guide und seine Glocke am liebsten von Bord geschmissen, der uns durch Bimmeln zum nächsten Programmpunkt oder eher zum nächsten Appell gerufen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das 4,5 Monate lang wäre. Feste Startzeiten, feste Ruhetage, feste Route, straffer Zeitplan…puh, hier ist Anpassungsfähigkeit gefragt! Hut ab, an die Teilnehmer!

Am Montag ziehen wir dann unseren Ausflug nach Cuenca vor. Es liegt nicht an unserer Radstrecke, soll aber eine der schönsten Städte Ecuadors sein. So schaukeln wir fünf Stunden mit dem Bus die PanAm herunter. Nur Stunden vorher finden wir einen netten Gastgeber, Carlos, der ein ganzes Haus nur für Couchsurfer mitten in der Altstadt hat. So wohnen wir mit vier Argentiniern, einer Amerikanerin und einem Jordanier in einem riesigen Haus. Carlos kommt immer am Nachmittag vorbei, um zu quatschen oder gemeinsam in die Stadt zu gehen. Super nett! Was aber nun feststeht, dass das Spanisch der Argentinier überhaupt nichts mit Italienisch zu tun hat, also ich versteh zumindestens nichts. Toto leider auch nicht. Das wird noch spannend!

Die Stadt erinnert an Regensburg: alte Häuser, Gassen, Studentenstadt, Unesco Weltkulturerbe. Wir fühlen uns heimisch. Gleich am Morgen treffen wir im Museum die zwei Schweizerinnen Giulia und Tessa aus Quilotoa wieder, wir verabreden uns zum Abendessen. Später laufen wir dann in die Arme von Adam, einem der drei amerikanischen Brüder, die wir ebenfalls in Quilotoa kennengelernt haben. Und schließlich treffen wir auch seinen Bruder Daniel, den Medizinstudenten, leider nehmen die drei schon am Abend den Bus nach Guayaquil. Die Reisewege hier in Ecuador sind wohl doch bei allen sehr ähnlich.

nette Straßenkunst

nette Straßenkunst

Das Rathaus von Cuenca

Das Rathaus von Cuenca

Don Pedro, Don Carlos, Don Ignacio, Don Juan und Don John

Don Pedro, Don Carlos, Don Ignacio, Don Juan und Don John

Am Nachmittag fliege ich dann förmlich (trotz Wanderschuhen) eine nasse Steintreppe zehn Meter runter und lande schmerzhaft auf dem Rücken – autsch. Gleich stürzen irgendwelche Männer auf mich zu und hieven mich (wie eine alte Frau) auf die Beine. Ich will doch gar nicht aufstehen, aua! , ich stemme mich dagegen, doch sie gewinnen schlussendlich. Es tut fürchterlich weh, ich kann kaum laufen. Nach eingängiger Inspektion habe ich mir wohl die Illiosakralregion geprellt oder ausgerenkt und außerdem die Gelenkapseln des linken Mittelfingers gerissen. Naja, hätte schlimmer sein können. Wir gehen passend zum Thema ins Medizinhistorische Museum und ich jammer noch etwas vor mich hin. Das Museum ist im wunderschönen alten Krankenhaus untergebracht und stellt allerlei skurille Dinge aus… Besonders begeistert uns der Werbeflyer für Valium – bei Spannungskopfschmerz 5mg 1-1-1 !!

eine weitere Spezialität von Cuenca: Panama (eigentlich Montecristo) Hüte

eine weitere Spezialität von Cuenca: Panama (eigentlich Montecristo) Hüte

Was wohl der Oberarzt dazu sagen würde?

Was wohl der Oberarzt dazu sagen würde?

medizinhistorisches Museum im alten Krankenhaus

medizinhistorisches Museum im alten Krankenhaus

Danach treffen wir unsere Mitbewohnerin, die Amerikanerin Macy auf der Straße, der wir ein Stück köstlichen Kuchen für einen Dollar abkaufen. Sie bäckt jeden Morgen einen Kuchen, den sie dann verkauft. „That’s how I survive.“ Ob sich das lohnt? Auf den Ratschlag, sie könnte ihr Macbook Air Pro veräußern, verzichten wir allerdings. Am Abend treffen wir dann Giulia und Tessa und verbringen einen sehr lustigen Abend mit den supernetten Architekturstudentinnen aus Zürich. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder in der Schweiz!

"Ich war wie Du bist, und Du wirst sein, wie ich bin - MERK DIR DAS!"

„Ich war wie Du bist, und Du wirst sein, wie ich bin – MERK DIR DAS!“

Wer wohl der größere Mediziner ist?

Wer wohl der größere Mediziner ist?

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Nach einem Telefonat mit Thermarest, kenne ich nun die Trekkingnummer des Pakets und weiß, dass es im Zoll irgendwo in Ecuador hängt. Wie lange das noch dauert weiß niemand. Für diesen Fall hatten wir uns überlegt eine drei Tageswanderung, den sogenannten Inka Trail von Ingapirca nach Norden zu machen. Leider bin ich aber zu lädiert, so dass wir noch einen gemütlichen Tag in Cuenca verbringen, ins Museum für moderne Kunst gehen und lesen. Auch am nächsten Tag keine Neuheiten vom Paket. Also fahren wir in den nahegelegen Cajas Nationalpark, um eine Probewanderung für den Inka Trail zu machen. Es ist kalt (4000m), die Landschaft ist öde, trockenes Grasland und Seen und es regnet. Zur Verteidigung bleibt zu sagen, dass Toto den NPA mochte – ich weiß nicht warum! Das Ergebnis der Probewanderung ist dann, dass ich in nächster Zeit auf keinen Fall irgendwo hinwandern werde und wir beschließen, dass Toto mit einem der Argentinier den Trail alleine macht und ich in Cuenca warte.

Lagunen, Wind, Kälte, Gras, Wanderwege: Cajas NPA

Lagunen, Wind, Kälte, Gras, Wanderwege: Cajas NPA

gute Wanderwege im Cajas NPA

gute Wanderwege im Cajas NPA

Märchenwald mit Prinzessin

Märchenwald mit Prinzessin

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Doch dann kommt es anders. Auf der Rückfahrt plötzlich die Nachricht: Der Zoll hat mein Paket gefunden, wer hätte es gedacht! Und jetzt wollen sie, dass ich Steuern zahle… Bitte was? Steuern auf einen Umtausch von einer Matte?? Keinerlei Informationen wo das Paket nun ist. In Quito? In Riobamba? Wie, warum und vor allen Dingen was man bezahlen muss. Nach frustranen Versuchen über diverse Hotlines etwas zu erfahren gehen wir schließlich zur Post. Dessen charmanter, herzerwämender Mitarbeiter klärt uns dann auf, dass das Paket in Quito liegt, ich 28 (!!) Dollar zahlen muss, warum weiß er nicht und sei ihm auch scheißegal. Außerdem bräuchte er jetzt eine Ausweiskopie, nein nicht das Original, eine Kopie. Selber machen kann er die nicht, weil er nämlich bis hierhin (Geste zum Hals) in Arbeit steckt (großes Gelächter von den Kollegen). Zurück mit der Kopie können wir natürlich nicht den Betrag zahlen, denn das wäre zu einfach. Stattdessen müssen wir unsere Telefonnummer hinterlassen. Der Zoll wird uns dann, vielleicht am Montag (in vier Tagen) anrufen und uns eine Nummer mitteilen. Mit dieser Nummer müssen wir dann wiederkommen und können dann Bezahlen. Nach dem Bezahlen dauert es dann auch nur noch läppische drei Tage, also ungefähr, vielleicht auch mehr. Das macht dann drei Wochen warten. Was soll man dazu noch sagen?

Wir beschließen zurück zu unseren Rädern nach Riobamba zu fahren und von da aus einen Rundweg über Baños durch den Amazonas zu radeln als Alternative zur geplanten Südamazonasstrecke. So sind wir dann in einer Woche wieder in Riobamba, können das Paket mitnehmen und einen Bus direkt in den Süden nach Loja nehmen, um Zeit zu sparen.

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Abstecher zum Chimborazo – der Sonne ganz nah

Früh brechen wir aus Ambato auf. Leo hatte uns gesagt, wenn wir um 8 Uhr losfahren, schaffen wir es um 13 Uhr oben am Chimborazo zu sein. In 5h über 60 km von 2500 auf 4400? Wir sind ein wenig skeptisch. Anstatt die Hauptstraße von Ambato nach Guaranda zu nehmen, entscheiden wir uns für die nördlich parallel verlaufende (ebenfalls geteerte) antike Via Flores. Verkehr gibt es hier kaum. Ab und wann donnert mal ein LKW etwas zu nah für meinen Geschmack an uns vorbei. Ansonsten herrscht Stille. Der Weg schlängelt sich gemütlich in einem wirklich schönen Flusstal nach oben. Die Steigung ist absolut machbar – nicht einmal müssen wir schieben.

wunderschönes Flusstal der Via Flores

wunderschönes Flusstal der Via Flores

Wie sehr lieben wir Tumbaco und Santiago!

Wie sehr lieben wir Tumbaco und Santiago!

Aber es geht kontinuierlich bergauf und bald merken wir auch, dass die Luft wieder dünner wird. Teilweise zieht ein recht starker Gegenwind auf. Wir machen windgeschützt hinter einer Schule früh Mittagspause und genießen den Maissnack, den uns die nette Familie von Bryan vor zwei Tagen mitgegeben hatte. Sehr köstlich! Karamelisierter gerösteter Mais! Weiter pedalen wir das Tal hinauf. Wie erwartet, sind wir weder um 13 Uhr, noch 2h später auch nur ansatzweise in der Nähe des Zieles. Plötzlich dann trotzdem schon der erste Blick auf den Chimborazo. Direkt über einem – besser gesagt über dem ersten – Straßenstand in the middle of nowhere mit dem eher in ein Touristenzentrum passenden Namen: „Bar Internacional – Don Max“.

Bar Internacional ?! Außer Spanisch und Quechua nicht viel zu holen außer Mais und Yucca!

Bar Internacional ?! Außer Spanisch und Quechua nicht viel zu holen neben Mais und Yucca!

International ist hier aber wenig und auf Spanisch erzählt Don Max uns, dass er bereits gefranchised hat und noch zwei weitere „Filialen“ hier im Nationalpark habe, zwischen denen er pendele. Zu essen gibt es wunderbar warmen, gesalzenen Mais (Choclo) und dazu eine ungekühlte, sehr kalte Cola. Mmmh, das kommt gerade richtig. Genau an dieser Stelle kommt auch der Weg von Simiatug rein. Eine harte Alternative die wir uns kurz von Quilotoa aus überlegt hatten. Beim Anblick der berühmten „Pflastersteine“ stoßen wir einen erleichterten Seufzer aus und freuen uns, dass wir uns für den Weg über Ambato und die Via Flores entschieden haben.

Nach der Stärkung geht es zurück aufs Rad. Langsam müssen wir uns Gedanken machen, wo wir übernachten wollen. Das Ziel, ein verlassenes Steinhaus irgendwo am Vulkan, ist definitiv nicht vor der Dunkelheit zu erreichen. Plötzlich macht Toto abrupt halt und ruft: „Laura!“ Ich denke, oh nein, ein Platten. Aufgeregt gestikuliert er aber und zeigt zur anderen Talseite. Dann sehe ich es auch: Ein Freibad! Genaugenommen 5 oder 6 Becken auf der anderen Flussseite, in denen sich zahlreiche Ecuadorianer tummeln. Das müssen die heißen Quellen(Aguas Calientes) sein. Nach kurzer Beratung beschließen wir, dass wir uns das nicht entgehen lassen gehen. Ruckzuck umgezogen sitzen wir unter lauter Ecuadorianern, die mit uns über Fußball diskutieren in den wärmenden Becken. Welch Wohltat für meine stark schmerzenden Beine und Hintern. Eine Stunde entspannen wir, obwohl wir noch nicht wissen wo wir übernachten werden.

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Es ist mittlerweile nach vier, wir diskutieren ob wir gleich hier zelten sollen, entscheiden uns dann aber doch noch etwas weiter zu fahren, denn von den Bädern aus sieht man den Chimborazo gar nicht. Wir fragen die Ecuadorianer wie lange es noch dauert bis man direkt am Chimborazo ist: Eine halbe Stunde. Mhm, Mist! Mittlerweise wissen wir, dass man die Zeitangaben mal 6 multiplizieren muss, und 3h – das schaffen wir nicht mehr! Ein paar Kurven weiter kreuzt die Straße den Fluss, der nun zum ersten Mal sehr klar ist. Wir beschließen die Chance zu nutzen, um noch vor der Dunkelheit unsere leeren Wasservorräte zu füllen. Nach dem wir 7 Liter gefiltert haben, kommt plötzlich ein älterer Bauersmann vorbei. Toto fragt ihn, ob wir hier irgendwo unser Zelt aufschlagen können. Er lädt uns sofort zu seiner Tochter ein, die ein Haus ein wenig weiter oben am Hang habe. Wir diskutieren, ob wir nicht doch noch ein bisschen weiterfahren sollen, denn noch immer ist nichts vom Chimborazo zu sehen. Doch siegt dann die Vernunft, es ist schon kurz vor 5, wer weiß ob wir noch etwas anderes geeignetes finden. Außerdem – wer weiß – das Haus liegt recht weit oben…

Und tatsächlich: als wir den steilen Berg durch den Sand hochschieben, taucht sie plötzlich auf, die schneebedeckte Spitze des Chimbo, welch Glück: ein Campingplatz mit Vulkanblick! Als wir ankommen, sind die Tochter des Bauers, Enkelsohn Gustavo, Enkeltochter Lisbeth und Babyenkeltochter Sarah noch recht schüchtern und zurückhaltend. Wir aber sind froh eine sichere Bleibe für die Nacht gefunden zu haben und dürfen unser Zelt direkt vor der Haustür aufschlagen. Die Kinder tauen langsam auf und stellen viele Fragen: Was kostet das? Wie funktioniert dies? Mit was für Benzin kann man kochen? Wow, da ist ja sogar ein Kompass dran! Welche Fächer haben die Kinder in Deutschland in der Schule? Alles wird ausprobiert und inspiziert. Als wir dann Abendbrot kochen erwähnt Lisbeth, dass ihr ja auch „ein bisschen“ Spaghetti schmecken. Kurzerhand kochen wir also all unsere Nudelvorräte für die ganze Familie, in der Hoffnung, dass wir es morgen schon aus dem Nationalpark schaffen und nicht hungern müssen. Im Gegenzug servieren sie uns einen süßen Reismilchschleim und wir essen alle zusammen in ihrer Hütte.

Die Spaghetti erweisen sich dann wohl doch als eher ungewöhnlich für den Andengeschmack – der einzige der richtig reinhaut, ist der Opa, aber der isst dann aber auch für vier. Jedes Mal Nachnehmen wird mit einem „que dios le bendiga“ (dass Gott sie segne) vergolten. Nach dem Abendbrot rennen wir noch schnell um die nächste Kurve um den ganzen, mittlerweile wolkenfreien Chimborazo zu bewundern. Wir unterhalten uns noch etwas mit der Familie, lustig ist der Opa, der immer „Claro“ sagt – egal was man ihm erzählt. Toto zeigt ihnen Open Street Map auf seinem Handy und Opa sagt „Claro“ – :D! Früh ziehen wir uns dann wegen der Kälte in unser Zelt zurück und verbringen fröstelnd wieder eine Nacht auf knapp 4000 Metern. Die Räder bleiben unverschlossen „No pasa nada“ – passiert nichts, erklärt uns die Familie. So ist es dann auch. Im Hinterkopf haben wir natürlich auch noch, dass der Hund anschlagen würde, falls sich jemand nähert. Neben dem Hund, gibt es noch drei Lamas, 39 Meerschweinchen, ein paar Riesenhühner und ca. 10 Rinder zur Fleischproduktion. Außerdem gehört der Familie quasi die ganzen Ländereien hier in diesem Talabschnitt, erklären sie uns. Der Mann der Tochter arbeitet in Peru und kommt nur alle 21 Tage nach Hause.

abendlicher Chimborazo von unserem Zeltplatz aus

abendlicher Chimborazo von unserem Zeltplatz aus

Am nächsten Morgen kriecht Toto früh aus dem Zelt. Ich schaffe es nicht, mich zu überreden, gleich aus dem warmen Schlafsack zu schlüpfen. Es ist sooo kalt. Als ich schlussendlich rauskomme, ist das Frühstück fertig und die Kinder servieren uns dazu noch sehr süßen frischen Kamillentee. Toto bietet ihnen an, dass sie jetzt unser Zelt ausprobieren dürfen. Artig schlüpfen sie hinein und waren die nächste Stunde nicht mehr zu sehen oder zu hören. Als wir dann wirklich schon alles andere gepackt haben und nur noch das Zelt fehlt, schauen wir vorsichtig hinein und tatsächlich: sie haben wohl ernsthaft zelten gespielt und sind dabei eingeschlafen – gemütlich eingekuschelt in unsere Schlafsäcke. Nicht so richtig von der Idee angetan da jetzt wieder rauszukommen, lassen sie uns noch weiter warten und gehen zur Kissenschlacht über. Schlussendlich spricht Mama dann ein Machtwort und wir können zusammenpacken.

Vor der Haustür beim Frühstück

Vor der Haustür beim Frühstück

Lisbeth und Gustavo freuen sich über ihr neues Geschwisterchen

Lisbeth und Gustavo freuen sich über ihr neues Geschwisterchen

unsere tolle Gastfamilie für eine Nacht!

unsere tolle Gastfamilie für eine Nacht!

Wir verabschieden uns und machen uns auf dem Weg zum Vulkan. Lisbeth winkt uns noch lange hinterher. Der Weg ist kürzer als gedacht, so dass wir schon am frühen Mittag auf 4400 m am Chimborazo ankommen. Von hieraus geht es nur noch bergab nach Riobamba, was auf 2500 m liegt. Der Chimbo ist übrigens der höchste Berg Ecuadors und dank Äquatornähe der am nächsten an der Sonne gelegenen Punkt der Welt. Die Landschaft ist sehr karg – so muss es auf dem Mond aussehen. Es ist so windig, dass es mich ständig vom Rad weht. Wir sehen zum ersten Mal Viñacus, die grazilen Cousins der Lamas. Nach einer windgeschützten Mittagspause und Aufwärmen in der Sonne am brandneuen Touristeninfocenter (Refugios derzeit in restauro), beginnen wir die Abfahrt. Schwieriger als gedacht! Der Gegenwind ist so stark, dass wir trotz ordentlichem Gefälle schwer reintreten müssen, um überhaupt voranzukommen. In etwas tieferen Lagen bessert sich dann zum Glück die Lage und wir können gemütlich ins Tal rollen lassen. Auf der Abfahrt gibt es noch ein paar tolle Blicke von der anderen Seite auf den Chimborazo. Um 14 Uhr erreichen wir dann bereits Riobamba, wo wir hoffen, dass mein Paket mit der neuen Thermarestmatratze angekommen ist..*seufz*

Am ende der via flores

Am Ende der Via Flores

Trockene steinwueste

Trockene Steinwueste

Vicuñas - elegantere lamas, wiederangesiedelt aus peru und chile

Vicuñas – elegantere Lamas, wiederangesiedelt aus Peru und Chile

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Viel nichts um uns herum

Viel nichts um uns herum

Chimborazo von der anderen Seite - Er huellt sich gegen mittag ein

Chimborazo von der anderen Seite – Er huellt sich gegen Mittag ein

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Zwei Unterkünfte, wie sie unterschiedlicher wohl kaum sein könnten…

Nach dem Quilotoaloop und einer Etappe mit knapp 2000 Höhenmetern Anstieg sind wir ordentlich im Eimer und suchen nach einer Bleibe für die Nacht. In Pujili versuchen wir uns zu den Bomberos durchzufragen, doch die Richtungsangaben ändern sich von Kreuzung zu Kreuzung und schließlich sind wir durchs ganze Dorf gebraust und haben mäßig Lust wieder bergauf zu keuchen. Also folgen wir dem Tipp Martinas und fahren auf der noch gesperrten neuen Panamericana nach Salcedo. Was eher aussieht wie die Fahrt auf einer Flugzeuglandebahn, fühlt sich eher wie die Fahrt auf dem wohl breitesten Fahrradweg der Welt an, denn Autoverkehr ist noch verboten, da sämtliche Absperrungen und Markierungen fehlen.

Die Gegend ist noch rural, aber da relativ nah an der „Panam“ schon deutlich dichter besiedelt als in den entlegenen Bergen. Daher ist es schwierig einen unbeobachteten Zeltplatz zu finden. Schließlich erspähen wir rechts der Straße eine Kirche und hoffen, uns unter den Schutz von ganz oben stellen zu können. Zur Kirche führt ein sehr sandiger steiler Pfad. Laura bleibt mit den Rädern unten, während ich hinaufrase, um den Pfarrer um Erlaubnis zu bitten. Leider gibt es keinen Pfarrer und die Kirche ist verschlossen. Auf dem Fußballplatz davor könnte man schon campieren denke ich, als ich den Sand wieder runterstolpere.

Unten gestikuliert Laura und kauderwelscht mit einer Bäuerin, die wohl in der Zwischenzeit vorbeigekommen war. Sie erfasst unsere Lage sofort und verweist uns zu einem „weißen Zementhaus weiter hinten“. Da können wir ungestört campen, denn das sei ihr Haus – die Kirche sei wegen vorbeiziehender Ganoven nicht sicher genug. Sehr lieb, nur wo bitte soll dieses Haus sein? Alles klar: ich zeig es Euch, sagt sie und spurtet mit ihrem geschulterten Besen auch schon den Sandweg hinauf. Als Laura im steilen Sand stecken bleibt, schiebt sie sofort mit an und Laura wird nachher behaupten, sie habe besser geschoben als wenn ich ihr helfe – Frechheit! Auf dem Weg erzählt die Bäuerin, dass sie vier Kinder habe und neben zwei Kühen für Milchproduktion zahlreiche Meerschweinchen und Geflügel züchte.

Endlich sind wir da – im Gewirr von gleich aussehenden Häusern hätten wir ihr Haus natürlich nie gefunden. Sie öffnet uns die Tür und erklärt, dass hier ihre Eltern gelebt hätten und es jetzt leerstünde und zack: wir sind Besitzer eines Drei-Zimmer-Heims. In den ersten zwei Zimmern stehen alte Möbel und Baumaterialien, aber das dritte Zimmer ist blank geputzt und vollkommen leer. Perfekt, um unsere Räder und uns zu beherbergen. Wir können unser Glück noch nicht fassen, wie einfach es ist, Leute für Übernachtungen anzusprechen – wir wurden ja förmlich angesprochen und mitgenommen!

Also breiten wir unsere Matten aus und hocken uns in den Windschatten hinter das Haus, um zu kochen. Es blubbert gerade, als wir verdächtige Geräusche aus dem Inneren hören und glauben, es wäre auch schon der erste Dieb da. Ich schaue nach und ein Jugendlicher steht etwas ratlos und schüchtern an der Tür. Es ist aber nur ihr jüngster Sohn Bryan, der uns eine Glühbirne bringt, damit wir Licht machen können. Wir laden ihn zum heißen Tee und Brot mit Marmelade ein.  Er ist sofort Feuer und Flamme, überaus neugierig und erzählt viel. Ich war als vierzehnjähriger definitiv weder so aufgeschlossen noch so freundlich. Er geht in Latacunga zur Schule und genießt gerade seinen einen Monat Sommerferien.

Er erzählt, dass in seiner Schule die Lehrer gerne noch mit der Hand die aufsässigen Schüler züchtigen. Sein Papa arbeitet in Spanien im Baugewerbe und kommt nur einmal im Jahr zu Weihnachten für einen Monat zurück. Über Skype und Internet seien sie in Kontakt – voller Vorurteile hatten wir den einfachen Häusern dieser Gegend keinen Internetanschluss zugetraut. Ob wir überhaupt facebook hätten?! Alles klar: das 21. Jahrhundert sitzt uns gegenüber! Seine älteren Geschwister gehen alle zum College bzw. zur Universität von Cotopaxi.

Thema Lieblingstiere: Da meines das Meerschweinchen ist, bietet er uns eines seiner über hundert (!) Tiere an, um es als Reisebegleiter im Schuhkarton spazieren zu fahren. Kurz darüber nachgedacht habe ich ja schon, aber letztlich siegen die Vernunft und das Mitleid mit dem wahrscheinlich „see“krank werdenden Geschöpf, das so aber nach einem halben Jahr auf dem Grill landen wird…

Wir erzählen ihm von unserer Radreise und ihn interessieren peinlich genau die Preise unserer Ausrüstung: Was kostet das Fahrrad? Wieviel der Kocher? Dann versuche ich sein plattes Rad zu flicken, aber das Ventil ist hin und unsere Ersatzventile passen leider nicht. Schließlich ist es dunkel geworden und nur die Sterne und die weiße Kappe des Cotopaxi erleuchten das Gelände. Wir probieren die Glühbirne, die aber an keinem Gehäuse funktioniert. Wir verabschieden Bryan, verabreden uns zum Abschied gegen acht Uhr und putzen Zähne. Kaum liegen wir gerade waagrecht, als es voller Elan gegen die Tür poltert. Also aufspringen, Hose an und: Bryan und sein älterer Bruder stehen vor der Tür: es könne nicht sein, dass das Licht nicht funktioniere. Also probieren sie es nochmal und inspizieren den Sicherungskasten. Ich versichere Ihnen mehrfach, dass wir ausreichend Taschenlampen hätten und außerdem schon im Bett gewesen seien und heute gar kein Licht mehr brauchen würden. Doch es ist gegen Ihren Gastgeberstolz und so werkeln sie am Sicherungskasten umher in völliger Dunkelheit.

Außerdem drücken sie jedem von uns zwei Mandarinen und eine Banane in die Hand. Schließlich lassen sie sich davon überzeugen, dass wir es morgen versuchen könnten, es zu reparieren und ziehen unbefriedigt von dannen, da sie uns nicht helfen konnten. Wir schlüpfen wieder in den Schlafsack, um keine zehn Minuten später wieder von dem keinen Widerspruch duldenden Geklopfe aus dem Bett geholt, aufzuspringen. Diesmal sind es Bryan und seine Mama, die anscheinend die Geschichte gehört hat und uns nun zu sich nach Hause einlädt. Dort gäbe es Licht und überhaupt sei es viel gemütlicher und wärmer dort. Ouhja, sagt Bryan – Mitkommen! Doch wir haben uns schon mit Sack und Pack eingerichtet und außerdem taugt uns der leere Raum vollkommen, so dass wir dieses überaus liebenswürdige Angebot ausschlagen müssen. Schweren Herzens ziehen sie ab und lassen uns dann tatsächlich schlafen.

Am nächsten Morgen um sieben scheppert die Tür erneut. Bryan ist bestens gelaunt und steht mit einem Liter warmer Milch zum Frühstück, sowie selbstgemachten Maiskaramell vor der Tür. Ungläubig hinsichtlich dieser Gastfreundschaft schmeißen wir den Kocher erneut an und frühstücken zusammen. Unsere Haferflockenpampe scheint ihm nicht wirklich zu munden, allerdings ist er zu gut erzogen und zu nett, um sie nicht doch aufzuessen. Die frische warme Milch ist köstlich. Wir verstauen unsere Habseligkeiten und Bryan lässt uns keinen Moment unbeaufsichtigt und hilft an jeder Ecke.

Schließlich rollen wir die bepackten Räder aus dem Haus und er lotst uns den Weg zurück zur Straße. Dabei erzählt er stolz den Nachbarn von seinen Gästen aus Deutschland. Wir fahren durch das Haus seines Onkels, der uns mit Handschlag und freundlichen Worten begrüßt und uns samt seiner drei Söhne zur Straße eskortiert. Dort steht dann ein fünf Mann starkes Abschiedskommando bereit, um uns mit freundlichen Worten und Handschlag zu verabschieden. Wir sind gerührt und überwältigend von der Freundlichkeit und Selbstlosigkeit dieser hartarbeitenden Menschen und schütteln noch nach Kilometern den Kopf über unsere Vorurteile und die Realität. Así somos (So sind wir) sagt der Onkel und meint damit die Gastfreundschaft – besser kann man es wohl nicht beschreiben.

Bryan Aguilar nahe Latacunga - que familia chèvere!!!

Bryan Aguilar nahe Latacunga – que familia chèvere!!!

Nach einem eher langweiligen Vormittag passieren wir Ambato, durch das wir eigentlich durchradeln wollten, doch plötzlich ist rechts die zweite Casa de Ciclistas in Ecuador und nach unserer grandiosen Erfahrung in Tumbaco halten wir an. Leo, der Inhaber öffnet uns und bittet uns herein. Ähnlich wie in Tumbaco betreibt er eine Werkstatt auf dem Hof. Er meint, es wäre schon recht spät weiterzufahren (11 Uhr vormittags) und wir beschließen, einen kurzen Tag zu machen und zu bleiben. Leo zeigt uns ein Zimmer, wo wir unsere Sachen parken können, bringt uns einen Guavensaft, drückt uns sein Gästebuch in die Hand und schlägt vor gemeinsam Mittagessen zu gehen. Trotz dieser offensichtlich netten Gesten und Worte haben wir das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt und fühlen uns ein wenig seltsam.

Wir gehen gemeinsam in ein Lokal und fragen Leo darüber aus, wie er dazu kam, eine casa de ciclistas zu eröffnen. Auf Tour traf er zwei Schweden, die er zu sich nach Hause eingeladen hat und so nahm alles seinen Lauf. Erstaunlich ist, dass er sich eigentlich nicht für uns und unsere Pläne interessiert, sondern nur auf unsere Fragen antwortet. Er rät uns von unserem Plan ab, durch den Chimborazo-Nationalpark zu fahren, da es dort immer regne und abartig kalt sei. Stattdessen schlägt er vor, wir sollten das doch per Bus (??) machen und dann von Banos nach Puyo in den Regenwald fahren. Ein Ratschlag, über den wir uns Tage danach nur noch stirnrunzelnd wundern können… Danach wollen wir einkaufen gehen, doch Leo besteht darauf, uns zu begleiten, da er sowieso noch eine Stunde Mittagspause habe und trottet uns im Supermarkt hinterher.

Er lässt mehrfach fallen, dass er ja so arm sei. Er habe im Internet nun angegeben, dass er 5$ pro Nacht von den Radfahrern verlange, da es sonst Überhand nehme, was seiner Frau zu viel sei. Das steht etwas im Gegensatz zum eher spärlich gefüllten Tagebuch, das nur ein paar Dutzend Radfahrer seit 2011 ausweist. Zur Erinnerung, bei Santiago waren wir Nummer 68 und 69 – im Jahr 2014!! Er spare auf ein Zimmer extra für Radler, damit er wieder mehr beherbergen könne und träume von einer Europareise, die ihn mindestens 10.000 $ kosten würde, was nicht zu machen sei. Diese doch etwas zu aufdringlich platzierten Bemerkungen stehen etwas im Gegensatz zu zwei großen Flachbildschirmen im Haus, einer ziemlich modernen Küchenausstattung, seinem schicken Radgeschäft und der Tatsache, dass er einen VW Golf fährt.

Am Nachmittag sind wir dann allein auf dem Hof, waschen, lesen und entspannen. Am Abend sitzen wir in der Küche, als plötzlich Edeline, seine fünfjährige Tochter zur Tür hereingehüpft kommt. Vollkommen überdreht nimmt sie sofort Laura an die Hand, als wäre es ihre ältere Schwester seit Lebzeiten und schlägt vor, ihr ihr Zimmer zu zeigen. Keine Widerrede und so kriegt Laura eine Einführung in die Puppenwelt und die geheimsten Geheimnisse des kleinen Mädchens. Danach rasen Laura und Edeline mit Plastikbobbycars durch den Hof um die Wette. Einen kleinen Moment der Unachtsamkeit nutzt Laura, um zu entkommen und so schnappt sich Edeline mich und auch ich kriege eine Einführung in die Puppenwelt. Dann fragt sie mich, ob ich einen Sticker will und naiv wie ich bin, willige ich ein. Nachdem sie ihn mir auf den Handrücken geklebt hat, verlangt sie eine Spende in ihre Spendenbox. Moment mal, so war das aber nicht abgemacht will ich einwenden und fühle mich wie in Vietnam…

Kurz danach erscheint Leo und fragt uns, ob es OK ist, wenn wir eine halbe Stunde auf seine Tochter aufpassen, denn er müsse zum Volleyball und seine Frau sei gleich zu Hause. Kein Problem sagen wir und sind froh, dass Edeline gerade TV guckt und wir in Ruhe Abendessen können. Nach der halben Stunde wollen wir uns zu ihr gesellen, aber sie liegt weinend auf dem Bett. Sie sei ganz alleine, niemand kümmere sich um sie. Etwas ratlos trösten wir sie und können sie davon überzeugen einen Film zusammen zu schauen. Ihre Stimmung dreht dann wieder um 180° und sie frisiert Puppen, malt auf der Wandtafel und streichelt ihren Hund immer eine Sekunde abwechselnd. Alles während sie den laufenden Film geradezu perfekt Wort für Wort mitspricht – sie muss ihn wohl schon hunderte Male gesehen haben. Schließlich ist uns das Spiel-Gezappe zu blöde und wir einigen uns auf „Edeline Lehrer – wir Schüler-Spiel“ und malen abwechselnd, was wirklich ganz lustig ist.

Was weniger lustig ist, dass nach gut drei Stunden (!) immer noch keiner der Eltern wieder da ist und wir langsam sehr müde werden. Wir schauen den Film weiter und Edeline ist immer noch knallwach, als plötzlich Mama nach Hause kommt. Kein Wort der Erklärung, gar der Entschuldigung. Kein Wimpernzucken, dass es womöglich seltsam sei, seine fünfjährige Tochter mit völlig wildfremden Leuten drei Stunden alleine zu lassen. Wir gehen demonstrativ schnurstracks ins Bett und sie holt noch mehrfach mehrere Sachen aus unserem Zimmer, wobei sie uns das Gefühl gibt, doch sehr fehl am Platz zu sein.

Wir schlafen ein, um am nächsten Morgen um halb sieben aufzustehen. Wir sollten ja früh aus der Stadt heraus hatte Leo gesagt, doch wir können noch nicht einmal auf Toilette, denn da baumelt ein dickes Vorhängeschloss. Natürlich hat uns keiner gesagt, wo ein Schlüssel ist – immerhin müssen wir noch nicht so dringend. Also packen wir unsere Sachen und schließlich geht Leos Frau aufs Klo ohne uns zu grüßen oder auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Inzwischen haben wir mit der casa abgeschlossen und wollen nur noch weg. Wir packen alles aufs Rad, da die Küche auch noch verriegelt ist. Irgendwann macht Leos Frau sie dann auf und wir verschlingen schnell unser Müsli, um dann startklar zu sein.

Dann steht auch Leo auf und öffnet uns das verschlossene Tor – die letzte Barrikade vor der Freiheit. Mit allem Gepäck auf der Straße – ah ist das befreiend! Nichts für ungut: es ist sehr nett von seiner Familie, Radfahrer unterzubringen. Aber wenn es offensichtlich keinem der Familie Spaß macht und man sich als Gast immer nur fehl am Platz vorkommt, wozu dann das Ganze?

Für uns bleibt die Erkenntnis, dass casa de ciclistas nicht gleich casa de ciclistas ist, und – während wir die köstlichen Maissnacks futtern, dass die wahre Gastfreundschaft wohl eher auf dem Land zu finden ist und wenn man ihr begegnet, sie das westliche Misstrauen und den Egoismus so kraftvoll zerschmettert, dass man weinen möchte.

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Quilotoa Loop – Anden satt

Nach dem Überqueren der Panamericana im Tal setzen wir uns recht bald zur Ruhe in einer schönen, luxuriösen Pension, waschen und trocknen unsere klammen Klamotten und das vom Morgentau noch nasse Zelt. Wir genießen es sehr den Elektro-Heizkörper auf Maximum aufzudrehen und unter einer warmen Dusche zu stehen. Die Hausherrin hat anscheinend einen runden Geburtstag, jedenfalls steht der Hof voller Jeeps und zahlreiche Familienangehörige schwirren umher. Lautsprecher dröhnen Salsa durch unsere Fenster, obwohl im weitläufigen Garten nur weit hinten die Kinder am Spielplatz umher tollen.

Am nächsten Morgen geht es auf gutem Asphalt kontinuierlich, aber machbar bergauf durch schöne Felderwirtschaft, bevor wir eine unfassbare 20km Abfahrt hinunter rauschen. Bis auf ein paar Busse ist es einsam und wir haben Zeit für die atemberaubenden Blicke in die Schluchten. Die Felder scheinen teilweise senkrecht in die Wände gearbeitet zu sein und die Viecher drücken sich an die Wand, denn sie stehen immer mit einem Bein am Abgrund. Die Sonne scheint und selbst bei der Abfahrt ist uns im T-Shirt gut warm – sehr ungewöhnlich für das andige Ecuador. Am Ende der wilden Fahrt sind wir unten im Flusstal sogar niedriger als unser Startpunkt in Tumbaco und wir müssen gnadenlose Serpentinen wieder hinauf nach Sigchos.

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ganz schön steil hier

ganz schön steil hier

Spandex - Erotik

Spandex – Erotik

Oben angekommen weht uns Blasmusik und Grillrauch entgegen. Es ist Fiesta de los Toros – das alljährliche Stadtfest – was für ein Glück! Hektisch suchen wir eine Unterkunft, doch es ist Sonntag und die Bomberos (Feuerwehr) sind geschlossen, der Pfarrer will uns nicht beherbergen und bei der Polizei recken sich die Hände der betrunkenen Gefangenen durch die Gitterstäbe der Ausnüchterungszelle, auf die wir gehofft hatten. Also checken wir in das einzige Hotel ein, wo jemand anwesend ist und rasen mit den Rädern zur unterhalb der Stadt gelegenen Arena.

Dort ist das Treiben bereits im vollen Gange. Junge Männer stehen auf dem Sandplatz und ein Stier treibt sie abwechselnd vor sich her. Die am wenigsten mutigen hüpfen schon beim Augenkontakt hinter die Absperrung. Die etwas mutigeren warten wenigstens bis der Stier mit den Hufen scharrt. Die Mutigsten aber haben wie die echten Toreros Tücher, mit denen sie den anstürmenden Angreifer kunstvoll in die Irre leiten oder sie springen sogar einfach mit breiten Beinen über die wütenden Hörner hinweg.

 

gut gelöst

gut gelöst

uff da da

uff da da

ziemlich bedrohlich

ziemlich bedrohlich

Das ganze begleitet eine fröhlich-anheizende Blasmusik und das je nachdem höhnische oder bewundernden Raunen der Meute. Auf den Straßen der Stadt war niemand mehr zu sehen – alle alt oder jung haben sich versammelt. Genüsslich am kandierten Apfel knabbernd oder frittierte Pommes mit Ei verschlingend haben alle den Blick fest auf den gerade anvisierten Helden in der Arena gerichtet. Wir haben es uns mit unseren Rädern neben einer netten ecuadorianischen Familie mit zwei kleinen Kindern gemütlich gemacht und genießen das Spektakel ebenso mit Pommes, Ei, Empanadas (Teigtaschen), kandiertem Apfel und kühler Cola.

Der Anden-Franz

Der Anden-Franz

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was machen die jungen Leute da nur?

was machen die jungen Leute da nur?

Nach ca. zwanzig Minuten sind die Stiere dann etwas träge, und werden in die Betongasse gelockt, um danach wieder auf der Ladefläche eines LKW verstaut zu werden. Sogleich wird ein frisches Exemplar losgelassen. Bei größeren bleiben nur die Mutigsten in der Arena, während bei den kleineren Exemplaren selbst Grundschüler sich an die Tiere heranwagen. Während des Umladens versammeln sich die Mutigsten vor dem Auslass, um beim Heranrasen des Bullen dann auseinanderzustauben. Der bei weitem am eleganteste und mutigste Torerito verharrt mit ausgebreitetem Tuch und ist sichtlich überrascht, wie nah ihm der Stier dann doch gekommen ist.

zefi

zefix

Teilweise allerdings ist der Gewinner im Duell aber auch der Stier. Desöfteren werden Halbstarke auf die Hörner genommen. Als Beweis der Manneskraft stehen sie meist strahlend wieder auf, manche humpeln allerdings eher mit schmerzverzerrtem Gesicht aus der Manege. Die meisten älteren Jungs haben sich im Schutzgraben zuvor mit Cerveza oder stärkerem Gebräu Mut angetrunken – der ein oder andere sichtlich zuviel. Einer kann von Schmerz und Getränken nicht genug kriegen und wird mehrfach halb erwischt. Doch statt einzusehen, dass Bier und Stier heute zu stark für ihn sind, wagt er sich wieder und wieder in die vorderste Reihe.

einen zu viel im Tee

einen zu viel im Tee

Schließlich ist es soweit: einer der größeren Stiere erwischt ihn voll an Brust und Kopf, sodass er regungslos liegen bleibt. Statt einer erschreckten Stille allerdings jolt das Publikum vor Schadenfreude und Gafflust auf. Nach ca. zwanzig Sekunden hebt der Kerl den Kopf kurz an, so dass man nicht weiß – guter Scherz oder bitterer Ernst?! Allerdings, klappt er dann wieder regungslos zusammen. Andere Jungs lenken den Stier ab, während ihn seine Kumpels aus der Manege bergen. Dabei halten sie ihn so dämlich, dass sein Kopf zwischen den Knien des Heraustragenden hin- und herschmettert. Nach einer Minute ist uns das Ganze dann doch zu schaurig und ich springe herunter in den Graben, dem internationalen hippokratischen Eid verpflichtet. Unten halten seine Kumpels seine Beine in die Höhe und hunderte Halbstarke stehen schaulustig um den leblosen Körper.

Ich drängele mich durch und sehe, dass die Augen des Kerls eher irgendetwas im Nirvana fixieren, als hier auf Erden. Er reagiert auf nichts – erst auf eine saftige Watschn konvergieren seine Pupillen wieder und er ist wieder halbwegs unter uns. Da wird er auch schon von seinen Kumpels aufrecht gestellt und einer macht mir mehr oder weniger kompromisslos klar, dass er ein Mann sei und keine weitere Hilfe benötigen würde. Dass er sich wieder aufrecht halten kann und Schmerzen verneint, ist mit seinem Foetor zusammen für mich Grund genug mich zurückzuziehen, da ich nicht weiß, ob der Zusammenprall oder die Promillezahl das eigentliche Problem bei ihm ist. Er fasst sich danach allerdings immer wieder schmerzgeplagt an die Schulter, so dass ihm wohl noch ein Besuch der örtlichen Notaufnahme bevorsteht, die wahrscheinlich sowieso aus allen Nähten platzt. Wir beschließen, da es dunkelt und sich die Auswirkungen der Erschöpfung und der Trunkenheit immer mehr zeigen, zurück ins Hotel zu fahren.

Kurvenlage

Kurvenlage

auah

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die Unfälle häufen sich gen Abend

die Unfälle häufen sich gen Abend

Am nächsten Morgen ist die Stadt immer noch ausgestorben und schläft ihren Kater aus. Wir erklimmen auf holprigen Pflastersteinen den Ortsausgang und sind froh, als nach einigen Kilometern die Steine aufhören und wir auf einer guten dirt road weiter bergauf kurbeln. Entlang des Weges stehen die Milcheimer der Bauern, deren jeweils ca. 20 Liter der von Hof zu Hof rumpelnde Milchlaster einsammelt. Es geht immer steiler bergauf und schon mittags sind wir ordentlich ausgepumpt. Wie gut, dass mit Chugchillan ein freundlicher Ort voller netter Hostels mit einem warmen Mittagsmenu auf uns wartet. Gestärkt von einer ordentlichen Mahlzeit, Kaffee und Eis schwingen wir uns wieder auf die Räder.

Die Steigung wird immer unerbittlicher und bald hinter der Stadt beginnt auch eine kilometerlange Baustelle. Hier holpern wir über den Schotter und weichen den geschäftigen Baustellentrucks aus, die hin- und herdonnern. Schließlich allerdings klettern wir auf perfektem frischen Asphalt weiter nach oben. Leider nimmt jetzt der eisige Wind an Fahrt auf und bläst uns für jeden erklommenen Meter einen halben zurück. Wir ziehen uns immer wärmer an, bis wir mit langen Handschuhen, Fleece, Schal und dicken Jacken immer noch frierend inzwischen nur noch schiebend dem Wind trotzen. Die Bauarbeiter schauen uns halb belustigt, halb mitleidig zu, aber helfen uns leider nicht, als wir nahezu kraftlos endlich den Gipfel erreichen. Was für eine Genugtuung, das Dorf Quilotoa unter uns liegen zu sehen – wir rollen vollkommen ausgekühlt und erschöpft und checken ins erstbeste Hotel ein, zu müde um auch nur nach einem Zeltplatz zu gucken. Das Hotel ist ein absoluter Glücksfall: in einem holzgetäfelten gemütlichen „Wohnzimmer“ pullert ein Holzofen und darauf dampfen bereits zwei schmiedeeiserne Kannen mit heißem Tee. Wir lassen uns in die Sessel fallen und tauen langsam wieder auf. So wohltuend ist die Wärme, dass wir uns sogar zum Sonnenuntergang wieder hinaus auf die windige Aussichtsplattform mit genialem Blick über die Lagune wagen und noch kurz durch das touristische, aber nette Dorf erkunden.

Toto entkommt aus der Zyklopenhöhle

Toto entkommt aus der Zyklopenhöhle

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Sigchosser Stadtmusikanten

Sigchosser Stadtmusikanten

Damit der Milchmann nicht 3x klingelt

Damit der Milchmann nicht 3x klingelt

Ankunft am Abend

Ankunft am Abend

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Danach geht es unter die heiße Dusche und danach mit den wärmsten Klamotten an die gedeckte Tafel. Zu unserer Überraschung und Freude sind noch zahlreiche andere Reisende aus ihren Zimmern gekrochen und wir lernen sehr nette Amerikaner (Daniel und seine Brüder), zwei sehr nette Französinnen, einen netten Deutschen, zwei sehr nette Schweizerinnen und viele mehr kennen. Die Gastfamilie spricht nur Kichwa (Quechua) und serviert nicht gerade deliziöses, aber allemal sättigendes und herrlich warmes Essen. Danach sind wir direkt reif für das Bett und heizen vorher noch den kleinen Ofen in unserem Zimmer auf bengalische Temperaturen auf, um durch die eisige Nacht zu kommen. Tatsächlich schlafen wir so gut wie nie und selbst am Morgen ist es noch angenehm warm.

Wir frühstücken in aller Ruhe, denn heute ist Ruhetag. Nachdem Frühstück brechen wir zu einer kleinen Wanderung am Kraterrand zu einer Aussichtsplattform auf. Als wir angekommen sind, haben wir allerdings doch Blut geleckt und machen die fünfstündige Tour um den See. Fantastische Blicke die Hänge hinunter über die irre steilen Felder, romantisch grasende Pferde und der bei Sonne türkis schimmernde Kratersee entschädigen für die erneuten Strapazen. Immer wieder führen atemraubende Steigungen auf fast 4000 Höhenmeter die Kraterzacken herauf und wir pumpen ordentlich trotz eigentlichem Ruhetag. Zudem hat der eisige Wind vom Vortag kaum nachgelassen und bläst uns an manchen Stellen fast in den Krater hinein.

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Am Ende kommen wir vom Weg ab und landen im Kraterinneren. Allerdings finden wir einen Trampelpfad zurück zum Weg auf dem Grat. Abends sprechen wir mit zwei britischen Frauen, die auf den gleichen Holzweg geraten waren, aber nicht mehr herausgefunden haben. Schließlich mussten sie auf dem Hosenboden über Geröll und Abhänge zum See hinunter, um den mühsamen Weg wieder zurück nach oben ins Dorf zu finden. Für sie war die Wanderung dann erst kurz vor Dunkelheit und nach über zehn Stunden vorbei. Wir raffen uns sogar noch zu einem Abendspaziergang durch das Dorf auf. Die einheimischen Frauen tragen tatsächlich alle die landesübliche Tracht mit Hackenschuhen, Kniestrümpfen, KNIEFREI (!), doppeltem Rock und Poncho, sowie geflochtenem Zopf mit bunten Bändern darum und Andenhut. Mit den beladenen Eseln und aufgesattelten Pferden gibt es im Abendlicht ein einmaliges Bild ab. Das gemeinsame Abendessen ist danach leckerer und noch gemütlicher, da weniger Reisende anwesend sind.

Am nächsten Morgen geht es in dicken Klamotten erstmal bergab, um danach mit erneut mächtigen Steigungen auf zweimal 4000 m aufzuwarten. Die Landschaft ist wesentlich langweiliger als die Tage zuvor mit dünn besiedeltem Grasland und weiter oben trockener Steppe. So haben wir wenig Abwechslung und kämpfen uns Meter um Meter im erneut heftigen Gegenwind voran. Endlich ist der höchste Punkt erreicht und eine tolle 20km Abfahrt führt uns in Serpentinen zurück ins Tal der Panamericana. Dort suchen wir bei einer Kirche Nachtquartier, als … Aber das ist eine andere Geschichte!

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dick vermummt bei abendlichem Windböen

dick vermummt bei abendlichem Windböen

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