Kühler Empfang mit erwärmendem neuen Heim

In Quito stehen wir lange in der Immigrationsschlange, um uns den kostenlosen (!) Drei-Monats-Stempel zu holen. Im Vergleich zu Asien ist das natürlich paradiesisch. Auch unser Gepäck und die Räder treffen kurz darauf unbeschadet ein. Schwieriger gestaltet sich die Suche nach einem Taxi, das uns nach Quito bringt, denn alle sind nur kleine Autos, in die kaum ein Rad passen würde. Wir sind sehr froh, als dann endlich ein kleinerer Van auftaucht, der Lauras Rad mit Box und mein Rad lose so gerade hineinzwängt. Wir quetschen uns zu zweit auf den Beifahrersitz und vergessen in der Eile natürlich uns am offiziellen Taxistand ein Ticket geben zu lassen – ein Fehler, den wir bald bitter bereuen werden.

Nach kurzem Geplänkel über Fußball-WM, Sicherheitslage und Musik bringt der Taxifahrer das Gespräch auf den Fahrpreis und meint, 50 Dollar wären gerechtfertigt. Ein absoluter Witz, da der offizielle Fahrpreis 25 Dollar sind. Ein bisschen mehr wegen der Räder schön und gut aber das Doppelte?! Wir lehnen entrüstet ab und schlagen 30 vor, was zur Folge hat, dass wir in den Randbezirken von Quito am Straßenrand stehenbleiben und für 15 Dollar mit Rädern in den Boxen aussteigen dürfen. Haha, sehr lustig. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und die Gewissheit, dass wir nie wieder in ein Taxi steigen, ohne vorher einen Preis ausgemacht zu haben.

Im Hostel in Quito kommen wir übermüdet und total verfroren an, da sobald die Sonne untergeht ein eisiger Wind weht, so dass die nominell 8°C einem eher wie knapp unter dem Gefrierpunkt vorkommen. Das Personal ist unfreundlich, unser Zimmer ist winzig, dunkel, muffig und das Bad nur über einen Sprint durch die Kälte erreichbar. Wir ziehen alle Klamotten an, die wir besitzen und bibbern immer noch unter vier Wolldecken. Ungläubig blicken wir uns um und beten, dass es nicht zur Gewohnheit wird in Südamerika für ein Viertel der Qualität das Vierfache vom Preis in Südostasien zu bezahlen.

Am nächsten Morgen sieht alles schon viel freundlicher aus, es gibt leckeres Frühstück und wir tauen durch die kraftvollen Sonnenstrahlen im kleinen Garten des Hostels langsam wieder auf. Unsere Räder müssen noch etwas warten – ab in die Stadt!

DSC_0909 DSC_0918 DSC_0922

Von der Basilica del Voto Nacional hat man von den Glockentürmen eine aberwitzig gute Aussicht über die Metropole Quito, die sich in einem Talkessel über mehr als 50km von Nord nach Süd erstreckt. Im Norden ragen die modernen Hochhäuser in die Höhe und im Süden erwecken die Terracottadächer der Altstadt (erstes Weltkulturerbe überhaupt 1972!) mit den vielen eingestreuten Kirchtürmen und Klosterhöfen eher den Eindruck einer italienischen Kleinstadt. Die umliegenden Berghänge sind extrem steil und die angrenzenden Wohnviertel scheinen mit aller Gewalt die Gipfel erklimmen zu wollen, so verwegen klettern sie an den Hängen empor. Die Basilica ist Notre Dame nachempfunden, individualisiert und ecuadorinisiert durch Krokodile,  Schildkröten, Leguane, Ameisenbären und andere hier heimische Tiere, die die Fassade zieren.

Wir lassen uns in einem kleinen Straßenimbiss nieder und gucken Brasilien – Chile. Als die Teller kommen, wissen wir auch, warum man hier das drei- bis vierfache der asiatischen Preise zahlt. Beim besten Willen ist der Masse an Reis, Fisch und Suppe nicht beizukommen und locker wären wir von einem Gericht satt geworden.

wer soll das bitte schaffen?

wer soll das bitte schaffen?

DSC_0931

Danach schlendern wir durch die netten Gassen und belebten Straßen der Altstadt und fühlen uns deutlich näher an Europa als auf einem anderen Kontinent. Viele wunderschöne Kolonialbauten, dazwischen überbordende barocke Kirchen, freundliche Stadtplätze und fröhliche Menschen lassen Quito im besten Licht erscheinen. Nur die schuhputzenden Straßenjungen und fliegenden Händler erinnern uns daran, dass wir doch nicht in Südeuropa sind.

kolonialer Charme

kolonialer Charme

DSC_0934

italienisches Flair

italienisches Flair

DSC_0937

Plaza San Francisco

Plaza San Francisco

Am nächsten Morgen schrauben wir unsere Räder zusammen und können sie auch gleich ausprobieren. Es ist Ciclopaseo! Jeden Sonntag werden die Hauptstraßen Quitos gesperrt und Tausende Radler jeden Alters und jeder Radqualität rasen oder eiern durch die Straßen. Überhaupt ist Quito überraschend umwelt- und radfreundlich mit vielen Fahrradwegen, bewachten Radparkplätzen, Parks und einem gut getakteten Bussystem (Fahrpreis 25 Dollarcents). Daher und dank des ständig blasenden frischen Andenwindes herrscht trotz der 2-Millionen-Metropole eine unglaublich frische und angenehme Luft mitten in der Stadt. Auch wir genießen die ersten Meter auf dem Rad und kommen dank der Höhe an den Steigungen ordentlich ins Schnaufen. Jeden Kilometer gibt es kostenlose Luft-, Flick- und Reparaturstationen.

traditionelle Kleidung - häufig im Stadtbild

traditionelle Kleidung – häufig im Stadtbild

Maler in der Altstadt von Quito

Maler in der Altstadt von Quito

Nachmittags sitzen wir im Subway als ein freundlicher Herr hereinschneit, der sich gleich als deutscher Reiseradler (Peter) herausstellt – er hatte unsere Räder vor dem Laden stehen sehen. Wir unterhalten uns nett über Ausrüstung, Streckenplanung und Freud und Leid des Radelns. Er schenkt uns liebenswerterweise seinen Radführer von Lateinamerika, da er „nur noch nach Lima“ fährt und dann schon wieder nach Deutschland abreist. Außerdem gibt er uns reihenweise Tipps für die Strecke und bestätigt uns in dem Plan, ab morgen in der „casa de ciclistas“ in einem Vorort von Quito zu bleiben.

Tags darauf ist Wachwechsel vor dem Präsidentenpalast. Senor Correa persönlich nimmt die Huldigungen des Volkes entgegen, Schlachtensiege Ecuadors werden aufgezählt, Freiheitsslogans gebrüllt und die Nationalhymne gesungen. Zusammen mit den farbenprächtigen Wachen, den Scharfschützen auf den Dächern und den begeisterten Ecuadorianern ein absolutes Erlebnis.

Senor Correa

Senor Correa

Wachwechsel

Wachwechsel

Danach satteln wir zum ersten Mal unsere Räder und holpern über Kopfsteinpflaster und schlechte Straßen nach Tumbaco. Die Abfahrt von der Altstadt ist dermaßen steil, dass man mit beiden Bremsen kaum das schwere Rad einfangen kann und dank des Belags schmerzen die Handgelenke nach kurzer Zeit. Nach ca. der Hälfte der Strecke entkommen wir dem Verkehr und radeln auf einem wunderschönen Radweg (eine alte Bahnstrecke) nach Tumbaco. Wir hatten uns vorher per Telefon angekündigt und schon einen guten Eindruck, aber die Freundlichkeit und die Offenheit, mit der uns Santiago und seine Familie, sowie Quique und Alizia (zwei spanische Radreisende) empfangen, ist nicht zu glauben.

Santiagos Familie lebt auf einer alten Hacienda mit großer Gartenanlage, die genügend Platz für bis zu zehn Zelte bietet! Außerdem gibt es einen überdachten „Bunker“, wo Radler ohne Zelt (oder undichtem) trocken campieren können. Ohne Vorurteile oder Anforderungen werden Radler jeder Nation mit offenen Armen empfangen. Dein Haus ist mein Haus gilt hier und wir teilen Küche, Bad, Wohnzimmer und Gespräche mit allen (vom Hund bis zur Oma). Nicht eine Minute während unserer Zeit hier haben wir das Gefühl, dass wir „nicht dazugehören“ und als wir nach einer Woche nach Galapagos aufbrechen, ist es, als würden wir ein trautes Heim verlassen. Quique und Alizia sind seit fast zwei Jahren unterwegs von Alaska nach Feuerland und wir genießen die familiäre Atmosphäre in vollen Zügen. Es sind Freunde, Sprachkurs, Kochkurs und Touristeninformation in einem. Santiago betreibt im Hof seine professionelle Radwerkstatt und ist natürlich selber Radler. Er sprudelt von Tipps über unsere Routenplanung und kennt sich auch in Quito und auf den Galapagosinseln bestens aus. Bei Santiago gucken wir auch das Frankreichspiel, zittern bis zur letzten Minute und wagen die Prognose, dass Deutschland die WM gewinnt, weil Mustafi sich verrissen hat und Lahm wieder rechts hinten spielen „muss“.

Tumbaco ist zwar eine halbe Stunde mit dem Bus von Quito weg, aber für 35 US-Dollarcents erreicht man Quito bequem per Bus und wir nutzen dies öfter zum Besichtigen und Shoppen. Leider muss ich in den kalten Zeltnächten feststellen, dass die Matte aus Deutschland zu dünn ist und brauche eine neue. Aus dem gleichen Grund deckt sich Laura noch mit Thermounterwäsche, Handschuhen und Mütze ein und wir kaufen beide noch warme Wanderschuhe. Die Geschäfte in Quito sind bestens sortiert, aber leider kosten die Qualitätsartikel deutlich mehr als daheim.

Von den Sehenswürdigkeiten begeistert uns noch das moderne und gutsortierte Nationalmuseum, das unglaubliche Töpfer- und Goldkunst der Prä- und Inkaperiode zeigt, sowie das Musem für moderne Kunst, Ethnologie und Musikinstrumente. Der Stil der Handwerkskunst und die Kultur unterscheiden sich massiv von Südostasien und wir sind schließlich doch froh, den Kulturkreis und die Klimazone noch einmal gewechselt zu haben.

Schließlich steigt die Vorfreude auf den Besuch von Mona und die Zeit auf den Galapagosinseln. Mit gebuchten Flügen warten wir auf sie, verstauen Räder und Gepäck bei Santiago und brechen nachts auf zum ersten Trip in Südamerika.

Mehr Bilder aus Quito

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s