Wieder „zu Hause“

Auf der thailändischen Seite der Grenze ist natürlich alles auf den ersten Blick gleich. Beim Kauf der ersten Radlerbedürfnisse (Pepsi & Kekse) fasziniert uns aber sofort wieder die ausgeprägte Freundlichkeit, das Interesse an uns, das niedrige (!) Preisniveau und das mangelnde Verlangen, uns abzuzocken! Im Gegensatz zum touristisch unberührten Nordosten, sprechen hier die meisten ein paar Brocken Englisch und fragen uns auch über unsere Tour aus.

Es geht am Mekong entlang und nach kurzer Strecke ist tatsächlich der letzte Kilometer gekommen, den wir mit diesem treuen Gefährten und Fixstern unserer Reise teilen. Sag zum Abschied leise „Sawadee kaaaap“ und er verschwindet hinter der nächsten Kurve. Sein Wasser haben wir über mehr als 2000km verfolgt und das Anschwellen dieses hier auf Donaugröße mäandernden bräunlichen Flusses zu den ungeheuren Wassermassen des Mekongdeltas miterlebt. Wir haben den Einfluss seines Pegelstands und seines Fischreichtums auf Leben und Traditionen der Menschen aller vier bereisten Länder gesehen und er ist uns in dieser Zeit so vertraut geworden wie die schöne blaue Donau.

goodbye Mekong!

goodbye Mekong!

Das Verlassen des Flussbetts hat für uns zur Folge, dass es immer steiler bergauf geht. Zunächst können wir uns noch dank eines Platzregens für eine Pause in ein Straßenrestaurant flüchten, dann aber heißt es wieder auf die Zähne beißen. Es geht tatsächlich von 300 MüN auf 1300 MüN in den an der laotischen Grenze gelegenen Phu Chi Fa Nationalpark und das Ganze auf 10km, d.h. eine Steigung von 10% im Durchschnitt – mitgerechnet sind noch nicht flache Passagen oder sogar kurze abschüssige Stellen. Wenn die Waden vom Lactat wieder so brennen, dass es nicht auszuhalten ist, schieben wir ein Stück bis es für die Oberarme nicht mehr möglich ist, die inzwischen dank Souvenirs vollbepackten Räder, weiter nach oben zu befördern. Teilweise müssen wir zu zweit an einem Rad zerren, um es überhaupt davon abzuhalten, ins Tal zu rollen.

Während wir uns Serpentine für Serpentine den Berg hochkämpfen ziehen sich um uns die dunkelsten Regenwolken zusammen, die ich je gesehen habe. Es ist Mittag und ich kann schon fast nichts mehr erkennen. Ich setze nach etwas Nachdenken die Sonnenbrille ab, aber es wird dadurch kaum besser – noch immer sind die Wolken finster und werden immer häufiger von Blitzen durchzuckt. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, brauchen wir noch mindestens vier Stunden für die Strecke, und am Weg gibt es nur notdürftige Hütten, die Bauern für ein Mittagsnickerchen nutzen und die für eine Sturmunterkunft sicher zu klapprig sind. Also hilft nur eins: Daumen hoch. Der erste Pick-Up hält und nach kurzem Gestikulieren dürfen wir Räder und Gepäck auf die Ladefläche schmeißen. Groß ist der Schock, als er dann plötzlich ohne uns anfährt und noch größer die Erleichterung, als er nach 30 Metern wieder anhält, da er nur einem entgegenkommenden PKW Platz machen wollte. Laura unterhält sich mit dem Fahrer und ich surfe auf fünfzig Säcken Reis und unseren Gepäcktaschen bei Tempo 50 und versuche dabei die Räder auf der Ladefläche zu halten. Ich beginne zu wünschen wieder in den Sattel zu steigen, als die Fahrt auch schon zu Ende ist, denn der Fahrer musste nur 2 km weiter. Allerdings hält er freundlicherweise für uns das Sammeltaxi an, das kurz darauf vorbeikommt und macht ihm klar, dass wir zum Pass wollen.

Wir laden also Gepäck und Räder in das Taxi und müssen dabei auch die bereits darin sitzenden Thais beladen, denn der Raum ist viel zu klein. Statt wie in Deutschland genervter Blicke sammeln wir dafür freundliches Zulächeln, Mithelfen beim Radverladen und kriegen am Ende frische Litschis geschenkt. Thailand wir hatten Dich vermisst – mehr als uns das die ganze Zeit über klar war. Kaum sind wir auf dem Pass angekommen als sich ein Unwetter sondergleichen aus den Wolken ergießt und wir können uns noch in den Bungalow der nächsten Unterkunft retten bevor es dicke Körner zu hageln (!) beginnt. Geduscht unter dem Balkon gucken wir dabei zu, wie der englische Rasen sich in einen 40cm tiefen Teich verwandelt und freuen uns sehr, dass wir „Weicheier waren“ und jetzt nicht mehr auf der Rampe den Pass hoch stehen.

Abendessen am Pass unter dem Regendach

Abendessen am Pass unter dem Regendach

ziemlich kalt hier oben

ziemlich kalt hier oben

misty Fu Chi Pha

misty Fu Chi Pha

Am nächsten Morgen hängen immer noch dicke Wolken um uns herum und erlauben nur ab und zu Blicke ins Tal, die dafür umso mystischer sind. Nach kurzer Fahrt beginnt es dann wieder zu tratschen – der erste richtige Härtetest für unsere Regenausrüstung, die sich sehr bewährt. Im Poncho kurbeln wir kräftig, damit uns nicht kalt wird. Die Thais arbeiten in Baumwollhemd und –rock auf den hier wieder terassierten Feldern am Hang, als ob es strahlendes Wetter wäre und sitzen kilometerlang im strömenden Regen ohne jeglichen Schutz auf den Ladeflächen ihrer Pick-ups. Wir freuen uns über die schöne Strecke durch dichten Wald mit immer wieder genialen Blicken und einen wärmenden Cappuccino und Nudelsuppe nach 40 Kilometern.

Dann folgt eine unglaubliche Abfahrt über 25 Kilometer, die wir uns tags zuvor teils „erschlichen“ hatten und als wir unten ankommen ist es wieder sommerlich warm und sogar auch sonnig. Schade, denn wir erreichen einen hot spring water fall und haben somit gar keine Lust mehr unter den angeblich 35°C warmen Wasserfall zu tauchen. Unser eigentliches Nachtquartier erweist sich dann als hässliche Kreuzungsstadt und alle weiteren Unterkünfte sind mal wieder Landbordelle, so dass wir tatsächlich nach 14 Stunden Fahrt, 168 Kilometern und 1400 Höhenmetern  Anstieg Chiang Rai erreichen.

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Wespennester

Wespennester

Ban Huak water fall (35°C)

Ban Huak water fall (35°C)

In Thailand hat jede Stadt einen Nachtmarkt, der neben Waren- auch Essensstände bietet und wir genießen es unglaublich wieder so eine Vielfalt und gute Qualität an kulinarischen Angeboten vor uns zu haben. Satt und zufrieden fehlt nur noch eins: die Thai-Massage, um den Muskelkater zu verhindern. Also lassen wir uns eine Stunde lang durchkneten. Lauras Masseuse ist fast schon zu filigran, aber meine Masseuse malträtiert meine Unterschenkel dermaßen und läuft zu guter Letzt auf ihren Hacken darauf rum, so dass ich es kaum zurück ins Hotel schaffe. Aus männlichem Stolz hatte ich mir verkniffen laut aufzustöhnen oder „Ich will hier raus!“ zu rufen und außerdem dachte ich, dass „muss so“. Allerdings hätte jeder, der Schmerzen nicht als primäres Ziel gehabt hätte, mein ununterdrückbares Mienenspiel nicht fehldeuten können. Wenigstens ist der Schmerz am nächsten Morgen besser und ich rede mir ein ohne Massage wäre er noch viel schlimmer gewesen.

Was machen wir am nächsten Tag? Richtig! Fahrrad fahren – juhu! Allerdings nur 15 km zum südlich gelegenen Tempel Wat Rong Khun. Ein modernes Bauprojekt, das 1997 vom thailändischen Künstler Chalermchai Kositpipat und Freiwilligen begonnen wurde und im Stil eine Mischung aus Zuckerguss, japanischen Mangas und buddhistischer Architektur ist. Ob der Bau allerdings aus purer buddhistischer Frömmelei entstanden ist, stellt das am Ende der Anlage platzierte „Künstler-outlet“ in Frage. Hier kann man Drucke, Statuen, Postkarten und Textilien des Künstlers in allen Variationen und Preisniveaus erstehen – es erinnert alles mehr an die Svarovksi-Welt. Wir wundern uns über die zahlreichen Risse in den Fresken und abgebrochenen Türme und lesen nachher im Hotel, dass der Tempel bei einem Erdbeben nur vier Wochen vor unserem Besuch der Stärke 7,1 schwer beschädigt wurde (haben wir wohl in Laos verschlafen). Die Reparaturen sind schon im Gange und werden wohl mindestens drei Millionen Euro kosten.

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Wat Rong Khun - weißer Wat in Chiang Rai - Baubeginn 1997 !

Wat Rong Khun – weißer Wat in Chiang Rai – Baubeginn 1997 !

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viele fromme Wünsche

viele fromme Wünsche

über die Frevel zur Erleuchtung - in der ARchitektur umgesetzt

über die Frevel zur Erleuchtung – in der ARchitektur umgesetzt

Hellraiser und Batman ebenso dabei wie Neo und Superman auf den Wandmalereien

Hellraiser und Batman ebenso dabei wie Neo und Superman auf den Wandmalereien

Am Nachmittag gehen wir zum wasweißichwievielten Mal ins Minoritätenmuseum. Es ist etwas veraltet, aber nett gestaltet und geht zum ersten Mal auf die Geschichte des Opiumanbaus im golden triangle genauer ein. Über Jahrzehnte wurde der Anbau und Handel erst durch die Kolonialherren und dann warlords unterstützt und ist nun schwer aus den Köpfen und Feldern der Minoritäten zu verdrängen. Allerdings gelang dies in den letzten Jahren dank alternativen Anbauprogrammen und Kontrollen immer besser, so dass Afghanistan und Pakistan zu den weltweit größten Produzenten aufstiegen.

Als wir aus dem Museum treten, trauen wir unseren Augen nicht. Wo vorher eine vierspurige Straße war, ist nun walking street: ein riesiger Kunsthandwerker-, Ramsch- und Fressbudenmarkt. Stundenlang lassen wir uns treiben, probieren asiatische Köstlichkeiten und beladen unsere Taschen mit Souvenirs – hoffentlich rächt sich das auf den letzten Kilometern nicht!

Von Chiang Rai nehmen wir den  Bus nach Chiang Mai. Eigentlich wollten wir eine kleine Strecke an der Myanmargrenze nehmen, allerdings ändern wir wegen Zeitmangel unsere Pläne. In Chiang Mai ist ebenfalls walking street. Allerdings sind wir etwas walked out und es sind am Ende immer doch die gleichen Schals, Taschen, Seifen und Holzschnitzereien. Also konzentrieren wir uns auf die lukullischen Genüsse.

so sieht der Militärputsch aus: selbst Straßenmusiker müssen jetzt die Regierungslieder singen

so sieht der Militärputsch aus: selbst Straßenmusiker müssen jetzt die Regierungslieder singen

Die Altstadt in Chiang Mai ist übersäht mit endlosen Tempelanlagen, die perfekt restauriert sind und mit ihrer Pracht, Eleganz und Vielfalt auch watgesättigte Touristen wie uns, begeistern können. Goldene Wandmalereien, holzgeschnitzte Fassaden und lebensechte verflossene Mönche sind die Highlights. Was für ein Gegensatz zur geschichtslastigen Altstadt ist das Viertel nördlich der Uni, wo hippe Cafés, Restaurants, Radläden und Shops mit Hightechprodukten aus dem Boden sprießen. Wir möchten nicht aus der Reihe tanzen und fläzen uns einen ganzen Tag ins Café wie es uns die Café-Kätzchen vormachen – ok, vielleicht nicht ganz so entspannt.

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Wat nördlich der Stadtmauer

Wat nördlich der Stadtmauer

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Wat in Chiang Mai (einer von 1000en)

Wat in Chiang Mai (einer von 1000en)

Gummimönch. Mme Toussauds wäre neidisch

Gummimönch. Mme Toussauds wäre neidisch

so fühlen wir uns auch an unserem Café-Tag

so fühlen wir uns auch an unserem Café-Tag

Westlich von Chiang Mai erheben sich direkt die Hügelketten an der Grenze zu Myanmar und wir erklimmen sie zum ersten Mal – per Scooter. Wir düsen zum Kloster Wat Doi Suthep, das der Legende nach an der Stelle errichtet wurde, an der ein weißer Elephant mit den Klosterheiligtümern verstarb. Er hat sich jedenfalls eine prächtige Stelle auf einem kleinen Gipfel mit Blick über die ganze Stadt Chiang Mai, die umliegende Ebene und die umschließenden Bergketten ausgesucht. Das Kloster selbst ist ein berühmter Wallfahrstort für Thais und die Touristen feiern die Aussicht, den Rummel oder gehen hier für drei Tage bis Monate in die Meditationsschule. Abschlussprüfung: 72h wach bleiben mit 1x Essen/Tag. Hinter dem Kloster geht es noch weiter bergauf bis zu hoch gelegenen hmong Dörfern, die dadurch verblüffen, dass sämtliche Zivilisation am Anstieg abgeprallt zu sein scheint. Die Bewohner tragen wieder traditionelle Kleidung, wohnen in simplen Holzhütten und leben von Kaffee- und Reisanbau – keine 25km von Chiang Mai entfernt. Die Landflucht der Töchter und Söhne in eine vermeintlich bessere westlich-moderne Welt scheint hier kein Problem zu sein oder hat noch nicht begonnen.

Klosterhof Wat Doi Suthep

Klosterhof Wat Doi Suthep

Laura gefällt die Mückenmenge in der Regenzeit nicht wirklich

Laura gefällt die Mückenmenge in der Regenzeit nicht wirklich

Wat Doi Suthep

Wat Doi Suthep

Von Chiang Mai geht es per Bus in den Norden nach Pai, bevor die letzten Kilometern an der Myanmargrenze entlang beginnen.

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