Laos II – Der wilde Osten

Der laotische Grenzbeamte hat ungefähr das Arbeitstempo eines trächtigen Wasserbüffels in der Mittagssonne und daher stehen wir geschlagene 45 Minuten vor dem Gitterfenster und warten auf unseren Einreisestempel. Besonders bitter, denn eigentlich sind die Morgenstunden die beste Zeit, um noch ordentlich Kilometer zu machen. Heute scheint es aber wieder besonders unerbittlich, denn im Schatten vor dem Grenzposten um halb acht morgens zerfließen wir! Wir vertreiben uns die Zeit damit die strengen Einreise-, Impf- und Quarantänevorschriften für Tiere zu studieren und gucken amüsiert auf die Scooter mit locals, die ohne Pass- oder Warenkontrolle mit hunderten Hühnern im Gepäck vorbeiknattern und die streunenden Hunde und Katzen, die sich unter dem Schlagbaum hin- und herjagen und sich mal als Vietnamesen und mal als Laoten sehen.

laotischer "Supermarkt" - es gab dann auch kein Wasser.

laotischer „Supermarkt“ – es gab dann auch kein Wasser.

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Endlich können wir weiter und Laos empfängt uns gleich mal mit sehr steilen und schlechten Straßen, allerdings durch sehr schöne Karstlandschaft. Im Gegensatz zu Vietnam sind aber die meisten Reisfelder schon abgeerntet und stattdessen dümpelt braune Brühe in der brütenden Sonne vor sich hin. Die Minoritäten hier sind für ihre Webkunst bekannt und gerne hätten wir der einen oder anderen Frau ihren Sarong vom Leib gerissen, wenn das nicht falsch aufgefasst hätte werden können. In vielen der sehr ärmlichen Dörfern sieht man Tafeln mit Hilfsprojekten wie UNICEF-Brunnen, Modellprojekten für medizinische Versorgung oder Aufklärungskampagnen über Essens- und Hygieneratschläge.

am liebsten hätten wir ihren Rock gekauft - aber es wäre wohl unmoralisch gewesen!

am liebsten hätten wir ihren Rock gekauft – aber es wäre wohl unmoralisch gewesen!

Ernährungspyramide auf Minoritätisch: wenig Insekten essen!

Ernährungspyramide auf Minoritätisch: wenig Insekten essen!

Wir erreichen Viengxay, das als Geburtsstädte des laotischen Volkes gilt. Hier siedelten die ersten Bewohner Laos und die Stadt ist auch Zentrum der kommunistischen Befreiung Laos durch die sogenannten pathet lao gewesen. Von 1964 – 1973 Jahren tobte nicht nur der Vietnamkrieg, sondern die USA bombadierten die ländlichen Gebiete von Laos ohne Kriegserklärung und in Verletzung des Genfer Laos-Abkommens von 1962, das die Neutralität von Laos im Konflikt um Vietnam eigentlich garantieren sollte. Natürlich hielten sich die Viet Minh Truppen auch nicht daran und durch Laos ging ein Großteil des Ho Chi Minh Pfades, aber rechtfertigt das ein Bombardement, das in seiner Gesamttonnage allein in Laos die Sprengkraft des gesamten zweiten Weltkriegs übersteigt und Laos damit zum pro Kopf meistbombardiertesten Land der Welt macht?

Zahlreiche Höhlen in der eindrucksvollen Karstlandschaft dienten damals den kommunistischen Führern, aber auch der Zivilbevölkerung als Unterschlupf, in denen sie tagsüber verharrten. Nur nachts war es möglich Felder zu bestellen oder draußen zu arbeiten, da man tagsüber egal ob Zivilist oder Soldat von den amerikanischen Jagdfliegern verfolgt wurde. Doch selbst in den Höhlen war man nicht sicher – eine Rakete tötete nahe Viengxay über 450 Zivilisten, die sich dort vor den Bomben versteckt hielten. Oft wurden Bomben auch nur abgeworfen, da die Flugzeuge ihre primären Ziele in Vietnam nicht erreichen konnten und nicht mit der Sprengkraft an Bord wieder in Thailand landen wollten. Zudem wurden Bomben mit Zeitverzögerung in die Reisfelder geworfen, die dann nachts explodierten und die arbeitenden Bauern töteten. Die amerikanischen Soldaten galten daheim als besonders hart und heroisch, da sie wegen fehlender Kriegserklärung  bei Abschuss nicht offiziell als Amerikaner anerkannt wurden und somit auf sich allein gestellt waren.

Höhlen in Viengxay, wo die laotischen Kommunisten sich vor den amerikanischen Bomben schützten

Höhlen in Viengxay, wo die laotischen Kommunisten sich vor den amerikanischen Bomben schützten

junge Laotin

junge Laotin

Bombardementausmaß

Bombardementausmaß

Propagandistische Darstellung oder Verzerrung hin oder her – es fällt einem schwer sich angesichts dieses skrupellosen Luftkrieges gegen die laotische Bevölkerung mit geringem Effekt auf den Kriegsverlauf ein positives Bild der amerikanischen Politik dieser Jahrzehnte zu bilden. Lediglich die Journalisten und Demonstranten in den USA, die das Unrecht dieses lange auch für die amerikanische Öffentlichkeit geheim geführten Krieges aufdeckten, öffentlich machten und auf die Straße gingen lindern den Hass auf die Arroganz, Allmachtsphantasien und Gleichgültigkeit der US-Machthaber. Daneben heizte die CIA noch den Bürgerkrieg zwischen royalistischen Truppen und den pathet lao dadurch an, dass sie die hmong Minderheit als Söldner gegen die pathet lao bezahlte und nach der Niederlage der Repression der laotischen Kommunisten unterstützungslos zurückließ.

Am grausamsten aber ist der Einsatz von Streubomben, die auch heute noch j e d e n Tag einen Laoten das Leben kosten und viele weitere verstümmeln. Ca. 30% der Bomben explodierten nicht und stecken heute noch in Feldern, Schulhöfen, Wäldern, Flüssen und Bergen fest. Bei Berührung mit einer Machete, Pflug oder beim Aufheben können die etwa Tennisball großen bombies explodieren. Dadurch sind große Mengen an Ackerland, Wald und Baufläche für die Laoten nicht nutzbar und Tod und Verkrüppelung, sowie die unglaublich teure Entminung werden Laos für eine lange Zeit zu den ärmsten Ländern der Welt zählen lassen. Einige Organisationen versuchen wenigstens dringend benötigtes Bau- und Ackerland und die historischen Städten der Ebene der Tonkrüge zu entminen, um etwas Aufschwung möglich zu machen.

Die Ebene der Tonkrüge ist die Hauptsehenswürdigkeit der Gegend und besteht aus verstreuten gebrannten Steinkrügen, die vor ca. 1500 – 2000 Jahren von den Urlaoten wahrscheinlich als Grabmäler benutzt wurden. Die inmitten der fast europäisch anmutenden Hügellandschaft liegenden Tonkrüge wirken trotz ihrer teils immensen Dimensionen vollkommen verloren und es bleibt ein absolutes Rätsel, wie die Menschen sie damals ohne Bagger auf die Hügelkuppen geschafft haben. Wir hatten uns wegen zahlreicher Filme darüber allerdings mehr versprochen und so bleibt uns nur das slapstick Fotoschießen zum großen Amüsement der umstehenden Asiaten.

Tonkrug-Breakdance

Tonkrug-Breakdance

was winkt denn da?

was winkt denn da?

Trinkflasche vergessen

Trinkflasche vergessen

hier wurden früher Menschen beerdigt - wie pietätlos von uns!

hier wurden früher Menschen beerdigt – wie pietätlos von uns!

Die Landschaft hier im Osten ist unendlich bergig, unendlich dünn besiedelt, unendlich waldig und da wir noch Pläne für Thailand haben nehmen wir zweimal den Minibus und schnallen die Räder auf das Dach. Die Laoten sind die kurvige Fahrt im Minibus noch weniger gewöhnt als wir und erbrechen sich fast alle aus den Fenstern oder in Tüten, die zu Beginn der Fahrt ausgegeben werden.

So kommen wir zwischen Luang Prabang und Vang Vieng heraus und genießen eine unglaublich 30km Abfahrt in Richtung Vang Vieng durch beeindruckende Bergkulisse. Allerdings regnet es inzwischen jeden Tag mehrfach und oft stecken wir in Nebel- und Regenwolken fest.

keine Stelzenhäuser mehr

keine Stelzenhäuser mehr

Abfahrt von Phou Khoun

Abfahrt von Phou Khoun

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laotische Ingenieurskunst

laotische Ingenieurskunst

Was für ein Unterschied dazu ist Vang Vieng. In der inmitten schöner Karstlandschaft am Fluss gelegenen Stadt entwickelte sich in den 90er Jahren ein Drogen- und Partytourismus, da die Polizei dank der sprudelnden Einnahmen aus Opium, Marihuana und Alkohol ein Auge zudrückte und ihren Anteil durch „Kontrollen“ der Restaurants und Hotels erhielt. Immer wieder kam es zu Todesfällen, wenn vollgedröhnte Touristen in den zu flachen Fluss sprangen, einfach ertranken oder an drogeninduziertem Herzinfarkt starben. Erst als 2011 25 (!) Touristen starben, sahen die Behörden sich genötigt einzuschreiten und schlossen alle dubiosen und semidubiosen Etablissements. Seitdem stehen hunderte Gasthäuser und Restaurants leer und das zarte Pflänzchen Öko- und Boutiquetourismus versucht die Geldschwemme des Massentourismus zu ersetzen. Da dies aber in den letzten drei Jahren bei weitem nicht gelungen sind, überlegen Polizei und Gastgewerbe eine Rückkehr zum „alles ist erlaubt“. Eine weitere Kuriosität ist die Tatsache, dass fast jede Bar auf enormen flatscreens Friends-Episoden zeigt und man in den heißen Mittagsstunden bei Eiskaffee und Burger stundenlang diese ungewöhnliche und irgendwie lustig-skurrile Unterhaltung auf sich einrieseln lassen kann.

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der Todesfluss - eher ein Bach

der Todesfluss – eher ein Bach

Von Vang Vieng fahren wir mit dem Bus zurück nach Luang Prabang, in dem dank zwei sehr netter Medizinstudentinnen aus München zum ersten Mal Deutsch als Amtssprache herrscht.

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