Lockeres Ausrollen

Nach Sondierung der Alternativen: Woche Strandurlaub, Woche Bangkok, Woche Berge im Norden entscheiden wir uns dafür in Chiang Mai ein Auto zu mieten und die hochgelobte Strecke an der Grenze zu Myanmar doch noch motorisiert zu sehen. Also fahre ich im Bus zurück nach Chiang Mai und düse zurück nach Mae Hong Son.

Die Strecke danach gilt als die kurvenreichste Thailands (arme Laura!), führt durch dichtesten Wald und ist sehr hügelig mit immer wieder schönen Blicken auf den Grenzfluss und die Karstszenerie. Allerdings verhindern häufige Schauer und tiefhängende Wolken immer wieder die Aussicht. Wir halten am Mae Ngao Nationalpark Hauptquartier. In der Trockenzeit genießen hier hunderte Thaifamilien die Natur, wandern und campen im Freien. Jetzt allerdings sind Restaurant und Campingplatz geschlossen und nur ein paar Bauarbeiter arbeiten an Bungalows für die nächste Saison. Auch die Ranger schauen uns etwas verdattert an, und da alle Beschilderungen ausschließlich auf Thai sind, sind auch Wanderungen schlecht möglich. Gott sei Dank sitzen wir im Auto denken wir uns, denn eigentlich hatten wir diesen Ort hier als Übernachtung fest eingeplant!

Panorama mit Wolken

Panorama mit Wolken

Auf der Strecke sehen wir dann eines der vielen Flüchtlingslager unter anderem für Karen und Muslime, die unter der Militärdiktatur in Myanmar aufs brutalste verfolgt wurden und hier Zuflucht fanden. In Holzhütten leben über 60.000 (!) Flüchtlinge mitten im thailändischen Nirvana zusammen. Viele NGOs kümmern sich um die medizinischen und rechtlichen Belange der Flüchtlinge, dennoch scheint eine dauerhafte Bleibe in Thailand wohl für die meisten fraglich. Durch Drahtgitter ist das Camp verriegelt und die Armee kontrolliert die Straßen – illegale Migration der Flüchtlinge nach Thailand? Drogenschmuggel? Wir kommen dank „richtiger“ Hautfarbe und „no thai!“ problemlos durch.

P1170021

Mae La Flüchtlingslager

Mae La Flüchtlingslager

 

P1170020

In Mae Sot angekommen spüren wir zum letzten Mal das Grenzfeeling , schauen wehmütig über die Brücke nach Myanmar und ärgern uns ein wenig, dass es nur für einen Abstecher über die grüne Grenze gereicht hat. Wir sind aber sicher: wir kommen wieder. Unter der „Grenzpromenade“ auf der thailändischen Seite strecken sich die Hände der Zigaretten- und Pornoartikelschmuggler durch den Zaun – die thailändischen Polizisten hundert Meter weiter schauen wohl auf höhere Anweisung hin weg. Im Gegenzug gibt es auf der Thaiseite große Einkaufszentren und Elektronikgeschäfte, in denen die reicheren Burmesen die Errungenschaften der Neuzeit kaufen, die es in Myanmar wohl noch nicht überall zu geben scheint. Thailand profitiert auch massiv von Tausenden billigen Arbeitskräften aus Myanmar und Kambodscha, die gegen Bezahlung von 1-2 $ / Tag schwarz gefährliche und unbeliebte Arbeit in Thailand verrichten. Mit dem aktuellen Putsch fürchteten die Kambodschaner, dass dies nun nicht mehr geduldet wird und flohen zu Hunderttausenden aus dem Land. Hier allerdings ist keine Spur von Exodus zu sehen.

westlichster Punkt Thailands und unserer Reise

westlichster Punkt Thailands und unserer Reise

 

Auf der Fahrt in den Khao Yai Nationalpark halten wir noch in Kamphaeng Phet (Ziegelruinen) und Lopburi. Dabei müssen wir einmal bei einem sintflutartigen Regenfall eine halbe Stunde anhalten, da die Autobahn zu einem reißenden Bach wird und die LKWs „volllaufen“ und einfach auf der Spur oft unbeleuchtet liegen bleiben. In Lopburi kreuzen wir wieder unsere alte Strecke und wir erinnern uns, wie ängstlich, neugierig und grün hinter den Ohren (südostasienweise) wir exakt hier vor fünf Monaten im gleichen Café saßen. Die Affen machen immer noch die Straßen unsicher und lassen sich von den Autos ein Stück mitnehmen, um spätestens vor den Gleisen abzuspringen (weiter hat Mama gesagt, dürfen sie nicht).

Im gleichen Café wie vor fünf Monaten in Lopburi

Im gleichen Café wie vor fünf Monaten in Lopburi

 

P1170056

Im Khao Yai Nationalpark sind wir begeistert von der guten Organisation und Infrastruktur. Mehrere viewpoints bieten grandiose Aussicht über den dichtgrünen Wald und die Chance Elephanten, Tiger, Leoparden, Gauren und andere Tiere zu sehen. Um es gleich zu verraten: wir haben eher „andere Tiere“ gesehen, aber es war trotzdem fantastisch. Die erste Nacht verbringen wir auf der Ladefläche unseres Pick-Ups, die zweite im Zelt auf einem wunderschönen Campingplatz mittem im Herz des Nationalparks. Auf den Stellplätzen grasen Hirsche und Gibbons rascheln in den Baumkronen  und wecken uns morgens mit ihrem Gesang.

Trägt man jetzt so

Trägt man jetzt so

 

Ele crossing - leider nicht

Ele crossing – leider nicht

Unsere erste Wanderung geht entlang einem Flussbett, das bei Lauras letztem Besuch in der Trockenzeit total ausgetrocknet war und nun doch beeindruckende Wassermengen führt. Leider sind vom Wasser auch die Krokodile bedeckt, jedoch rückt uns eine andere Gefahr bedrohlich auf den Leib. Erst dachten wir: süß! Eine Raupe! Wie falsch wir lagen zeigte sich, als die Raupe dann zielstrebig unser Hosenbein begann hochzuklettern. Also holten wir uns im headquarter „leech socks“ oder einfach Stulpen, um Socken und Hose gegen die Blutegel abzudichten. Dennoch müssen wir auf den Wanderungen alle zehn Minuten anhalten und die Aufdringlichsten wegschnipsen, die sich schon bis zur Kniekehle vorgerobbt haben. Wir schaffen es tatsächlich bis zum Ende nicht „Blut zu spenden“…

guguck, ich will Dich beißen!

guguck, ich will Dich beißen!

 

ja was wurmt denn da?

ja was wurmt denn da?

 

P1170094

Blutegel können kommen

Blutegel können kommen

 

Wir ignorieren die Empfehlung, die längeren Wanderungen nur mit guide zu machen und wandern drei Tage durch das Dickicht. Die Wege im Nationalpark sind ordentlich zugewuchert, von gestürzten Baumriesen versperrt und nur teilweise ausreichend beschildert. Mit etwas Suche und dank Openstreetmaps (hat tatsächlich auch Wanderwege) gelangen wir aber ans Ziel. Unser Lieblingsplatz ist ein sehr schön angelegter Aussichtsturm, von dem aus man endloses Grasland und Salzleckstellen sehen kann – ein Magnet für Großtiere, der leider erfolglos bleibt. Dennoch ist die Stimmung im Abendlicht mit Grasland, See und Wald fantastisch. Wie von Zauberhand bleiben wir drei Tage lang trocken und hören nur abends den Regen auf Auto und Zelt prasseln.

P1170142

Hätte ich fast überfahren

Hätte ich fast überfahren

Streichelzoo

Streichelzoo

P1170109 P1170075 P1170069

abends gab es Pilzpfanne à la Múscarin

abends gab es Pilzpfanne à la Múscarin

perfekt getarnter Schmetterling

perfekt getarnter Schmetterling

Als letzter Stopp vor dem Flugzeug steht Ayutthaya auf dem Programm. Mit Leihrad und Lauras Rad geht es von Backsteinhaufen zu Backsteinhaufen. Liegt es am unglaublichen Angkor oder sind wir einfach tempeled out? Die Parks um die Tempel, der köstliche Nachtmarkt und die traurige Gewissheit, dass dies unsere letzte Station in Südostasien ist, erzeugen dennoch eine melancholische Zufriedenheit. Wir waschen noch einmal alle Wäsche, sortieren aus und um, machen die Räder Box-fertig und sind auch schon auf dem Weg nach Bangkok, um bei Plai die Boxen abzuholen und dann in den Flieger zu steigen! BKK-DOH-MUC-MAD-UIO …

ok, das ist cool

ok, das ist cool

P1170241 P1170229

Endgültige Karte Südostasien

Die letzten Bilder aus Südostasien

Advertisements

Ende mit Knall

Wir verlassen Chiang Mai per Minibus und fahren direkt nach Pai, um Zeit zu sparen und auch um den langweiligen, verkehrsreichem Highway aus Chiang Mai zu umgehen. Pai gilt als die „Khao San Road“ (= Bangkok’s Backpackermeile) des Nordens. Dicht an dicht drängen sich Gästehäuser, Restaurants und Bars – gut können wir uns vorstellen wie es hier in der Hauptsaison auf der Partymeile zugehen muss. Zum Glück, ist es aber zu dieser Zeit sehr ruhig und man sieht nur vereinzelt den ein oder anderen Teenager Falang, barfuß, oberkörperfrei (trotz kühler Temperaturen anscheinend ein Muss, wenn man den Anspruch hat besonders lässig oder besonders dämlich, je nach Betrachterstandpunkt, rüber zu kommen) mit einem Tubingreifen (ein Autoreifenschlauch mit dem man sich betrunken im Fluss treiben lassen kann) unterm Arm durch die Stadt tapsen.Abends profitieren wir vom breitem kulinarischem Angebot und essen israelisch.

Übermüdet nach grundlos schlechtem Schlaf starten wir den nächsten Tag ungewohnt spät erst um acht Uhr. Der erste Speichenbruch (hey, das hatten wir schon länger nicht mehr!) ereilt Toto nach 10 km. Nach steilen 25km werden wir am Pass mit einem Kaffee belohnt. Darauf kann man sich in Thailand verlassen, am Gipfel gibt es fast immer ein nettes Café oder ähnliches. Der Viewpoint hat heute seine Namen leider nicht verdient, man sieht nicht viel mehr als eine Nebelwand. Sicherlich wäre der Blick toll gewesen, trotzdem war es eine schöne Strecke, besonders die dann folgende bequeme 14 km Abfahrt bis Soppong:). So erreichen wir mittags ein Traumresort mit dem Namen Little Eden, geführt von einer deutsch sprechenden Thailänderin, die jahrelang in Berlin gelebt hat. Wir genießen den Nachmittag im Pool (dem Regen zum Trotz!) und in der Hängematte auf der Flussterrasse.

Kaffee am Pass ! Bei Nieselregen und 20°C bitter nötig

Kaffee am Pass ! Bei Nieselregen und 20°C bitter nötig

P1160887

Flussterrasse Little Eden Resort

P1160897

Am nächsten Tag geht es dann nach Mae Hong Son, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Die Strecke ist anstrengend und hügelig, wir haben zu wenig gefrühstückt, sind ständig hungrig und kommen nicht so richtig in den Tritt. So vertrödeln wir viel Zeit und machen kaum Kilometer. Plötzlich „platzt“ dann auch noch Totos Hinterreifen mit einem großen Knall, zum Glück schafft er es, nicht zu stürzen. Wir denken es handele sich um ein kaputtes Ventil und tauschen den Schlauch aus. Doch 500 m weiter das gleiche Schauspiel: Bumm! Wir entdecken einen Riss im Mantel, wo der Schlauch sich anscheinend durchdrückt und dann platzt. Nach einigem diskutieren, ob wir direkt einen Pick Up anhalten sollen oder es noch einmal so probieren wollen, flickt Toto den Mantel notdürftig. Unerwarteterweise schaffen wir tatsächlich die verbleibenden 50 Kilometer ohne weitere Panne. Leider gibt es in Mae Hong Son dann aber nur 26 Zoll Mäntel zu kaufen und auch die Motorradwerkstatt hat keine Reparaturtechnik für einen Mantelriss parat. So bleibt uns nichts anderes übrig, als den Riss mit noch mehr Flicken zu stabilisieren. Außerdem haben wir im Internet gelesen, dass das Einlegen eines Geldscheins helfen soll. Vermutlich ist das wohl eher als Opfer an den Reifengott zu verstehen, als dass es wirklich zur Stabilität beiträgt. Wir legen einen 10.000 Dong Schein ein- Just In Case!

Viewpoint?

Viewpoint?

Nach der ganzen Plagerei haben wir uns einen Ruhetag verdient, finden wir. Wir leihen einen Roller und scootern an die Grenze von Myanmar, wo es ein chinesisches Flüchtlingsdorf gibt, das berühmt ist für seinen Teeanbau ist. Die Chinesen haben sich 1949 auf der Flucht von den Kommunisten hier angesiedelt und ihr Dorf „Das Dorf, das Thailand liebt“ benannt. Cleverer Einschmeichlungsversuch, finden wir. Der Chinese weiß, wie er das Geld vom Touristen bekommt: Das Dorf ist eine Ansammlung von Teesouvenirläden und Restaurants. Spannender ist da fast der Abstecher zur unbesetzten „Grenze“ Myanmars (ob dieser Klapperzaun das Wort Grenze verdient hat, sei dahingestellt), wo wir etwas burmesische Luft schnuppern dürfen. Von Wanderungen in dieser Gegend wird streng ab geraten, da es hier wohl viele Drogenschmuggelpfade gibt. Bei der „strengen“ Grenzbewachung nicht schwer vorzustellen..

Mein kleiner Scooter fährt 210 -schwupps, der Burmese hat uns nicht gesehen- das macht Spaß..

Mein kleiner Scooter fährt 210 -schwupps, der Burmese hat uns nicht gesehen- das macht Spaß..

Die "Grenze"

Die „Grenze“

"Tourist oder Terrorist???"

„Tourist oder Terrorist???“

Hallo Myanmar!

Hallo Myanmar!

Teeladenidylle

Teeladenidylle

Der nächste Radtag soll uns nach Khun Yuam führen. Am ersten Pass im Café (wo auch sonst;)) sitzen wir einen Regenschauer aus und bemerken, dass Totos Mantel sich an der geflickten Stelle gefährlich ausbeult. Das hält nicht mehr lang, das steht außer Frage. Wir beratschlagen uns und beschließen umzukehren und diese Strecke auf den nächsten Radurlaub zu verschieben. Doch dann taucht plötzlich ein anderer tropfnasser Radfahrer aus der Nebelwand auf. Steve aus England macht seit drei Jahren eine Weltreise mit dem Fahrrad. Er gibt Toto ein Stück Radmantel, den er an der kaputten Stelle in den anderen Mantel einlegt und so das Durchtreten des Schlauches verhindert. Allerdings bemerken wir bei der Gelegenheit, dass der Mantel auch schon an einer zweiten Stelle reißt, die Toto dann auch noch flickt. Toto wertet es als Zeichen des Universums, dass Steve vorbeikommen ist und meint, wir sollen es noch einmal probieren und weiterfahren. Ich bin mäßig begeistert, da es mittlerweile nach Pause, Regen aussitzen und Rad reparieren schon sehr spät ist und sehe nicht, dass wir es noch vor Einbruch der Dunkelheit ans Ziel schaffen. Aber was soll man gegen ein Zeichen vom Universum schon sagen?? Das zweite Zeichen lässt dann auch nicht lange auf sich warten, 1 km schaffen wir bis: Knall! Das war‘s dann wohl! Der Hinterreifen ist wieder geplatzt, an der neuen Stelle. Die fünf verbleibenden Radtage werden wir so nicht mehr schaffen. Chiang Mai ist 6h mit dem Bus entfernt und selbst da ist es nicht sicher ob wir einen neuen Mantel bekommen. Die Zeit bis zum Flug reicht nicht mehr aus, so beschließen wir: Das war Radreise Südostasien 2014! Wir werden wiederkommen!

Wat in Mae Hong Son

Wat in Mae Hong Son

Nach nur eine Minute kommt ein Pickup, der uns netterweise nach Mae Hong Son zurückfährt. Der Fahrer, ein thailändischer Karen, arbeitet für eine NGO und kommt gerade von einem burmesischem Flüchtlingscamp. Er ist unglaublich nett, spricht gut Englisch und erzählt mir viel interessantes, während Toto auf der Ladefläche unsere Ladung sichert. Er sagt, sie haben ca. einmal im Monat einen Malariafall im Camp. Ich hatte mehr erwartet, da hier das höchste Risiko in Thailand besteht. Auf die Frage, ob in seinem Dorf noch traditionelle Kleidung getragen wird, sagt er, nur manche tragen das noch, außer natürlich Sonntags zur Kirche, da tragen alle traditionelle Kleidung. Zur Kirche??? Fleißige Missionare haben es anscheinend bis in die letzten Bergregionen Thailands geschafft. Ja, sagt er, nicht alle Karen seien Christen, sein Bruder sei zum Beispiel Buddhist. Er bringt uns bis zur Haustür von unserem Hotel und lehnt sogar das Geld ab, was wir ihm geben wollen. Das haben wir noch nie erlebt.

Nun ist es offiziell: Für mich gehen fünf Monate Südostasien ohne auch nur einen einzigen Platten zu Ende. Schwerste Panne: Kette einmal rausgesprungen. Mein Fahrrad ♥

Wieder „zu Hause“

Auf der thailändischen Seite der Grenze ist natürlich alles auf den ersten Blick gleich. Beim Kauf der ersten Radlerbedürfnisse (Pepsi & Kekse) fasziniert uns aber sofort wieder die ausgeprägte Freundlichkeit, das Interesse an uns, das niedrige (!) Preisniveau und das mangelnde Verlangen, uns abzuzocken! Im Gegensatz zum touristisch unberührten Nordosten, sprechen hier die meisten ein paar Brocken Englisch und fragen uns auch über unsere Tour aus.

Es geht am Mekong entlang und nach kurzer Strecke ist tatsächlich der letzte Kilometer gekommen, den wir mit diesem treuen Gefährten und Fixstern unserer Reise teilen. Sag zum Abschied leise „Sawadee kaaaap“ und er verschwindet hinter der nächsten Kurve. Sein Wasser haben wir über mehr als 2000km verfolgt und das Anschwellen dieses hier auf Donaugröße mäandernden bräunlichen Flusses zu den ungeheuren Wassermassen des Mekongdeltas miterlebt. Wir haben den Einfluss seines Pegelstands und seines Fischreichtums auf Leben und Traditionen der Menschen aller vier bereisten Länder gesehen und er ist uns in dieser Zeit so vertraut geworden wie die schöne blaue Donau.

goodbye Mekong!

goodbye Mekong!

Das Verlassen des Flussbetts hat für uns zur Folge, dass es immer steiler bergauf geht. Zunächst können wir uns noch dank eines Platzregens für eine Pause in ein Straßenrestaurant flüchten, dann aber heißt es wieder auf die Zähne beißen. Es geht tatsächlich von 300 MüN auf 1300 MüN in den an der laotischen Grenze gelegenen Phu Chi Fa Nationalpark und das Ganze auf 10km, d.h. eine Steigung von 10% im Durchschnitt – mitgerechnet sind noch nicht flache Passagen oder sogar kurze abschüssige Stellen. Wenn die Waden vom Lactat wieder so brennen, dass es nicht auszuhalten ist, schieben wir ein Stück bis es für die Oberarme nicht mehr möglich ist, die inzwischen dank Souvenirs vollbepackten Räder, weiter nach oben zu befördern. Teilweise müssen wir zu zweit an einem Rad zerren, um es überhaupt davon abzuhalten, ins Tal zu rollen.

Während wir uns Serpentine für Serpentine den Berg hochkämpfen ziehen sich um uns die dunkelsten Regenwolken zusammen, die ich je gesehen habe. Es ist Mittag und ich kann schon fast nichts mehr erkennen. Ich setze nach etwas Nachdenken die Sonnenbrille ab, aber es wird dadurch kaum besser – noch immer sind die Wolken finster und werden immer häufiger von Blitzen durchzuckt. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, brauchen wir noch mindestens vier Stunden für die Strecke, und am Weg gibt es nur notdürftige Hütten, die Bauern für ein Mittagsnickerchen nutzen und die für eine Sturmunterkunft sicher zu klapprig sind. Also hilft nur eins: Daumen hoch. Der erste Pick-Up hält und nach kurzem Gestikulieren dürfen wir Räder und Gepäck auf die Ladefläche schmeißen. Groß ist der Schock, als er dann plötzlich ohne uns anfährt und noch größer die Erleichterung, als er nach 30 Metern wieder anhält, da er nur einem entgegenkommenden PKW Platz machen wollte. Laura unterhält sich mit dem Fahrer und ich surfe auf fünfzig Säcken Reis und unseren Gepäcktaschen bei Tempo 50 und versuche dabei die Räder auf der Ladefläche zu halten. Ich beginne zu wünschen wieder in den Sattel zu steigen, als die Fahrt auch schon zu Ende ist, denn der Fahrer musste nur 2 km weiter. Allerdings hält er freundlicherweise für uns das Sammeltaxi an, das kurz darauf vorbeikommt und macht ihm klar, dass wir zum Pass wollen.

Wir laden also Gepäck und Räder in das Taxi und müssen dabei auch die bereits darin sitzenden Thais beladen, denn der Raum ist viel zu klein. Statt wie in Deutschland genervter Blicke sammeln wir dafür freundliches Zulächeln, Mithelfen beim Radverladen und kriegen am Ende frische Litschis geschenkt. Thailand wir hatten Dich vermisst – mehr als uns das die ganze Zeit über klar war. Kaum sind wir auf dem Pass angekommen als sich ein Unwetter sondergleichen aus den Wolken ergießt und wir können uns noch in den Bungalow der nächsten Unterkunft retten bevor es dicke Körner zu hageln (!) beginnt. Geduscht unter dem Balkon gucken wir dabei zu, wie der englische Rasen sich in einen 40cm tiefen Teich verwandelt und freuen uns sehr, dass wir „Weicheier waren“ und jetzt nicht mehr auf der Rampe den Pass hoch stehen.

Abendessen am Pass unter dem Regendach

Abendessen am Pass unter dem Regendach

ziemlich kalt hier oben

ziemlich kalt hier oben

misty Fu Chi Pha

misty Fu Chi Pha

Am nächsten Morgen hängen immer noch dicke Wolken um uns herum und erlauben nur ab und zu Blicke ins Tal, die dafür umso mystischer sind. Nach kurzer Fahrt beginnt es dann wieder zu tratschen – der erste richtige Härtetest für unsere Regenausrüstung, die sich sehr bewährt. Im Poncho kurbeln wir kräftig, damit uns nicht kalt wird. Die Thais arbeiten in Baumwollhemd und –rock auf den hier wieder terassierten Feldern am Hang, als ob es strahlendes Wetter wäre und sitzen kilometerlang im strömenden Regen ohne jeglichen Schutz auf den Ladeflächen ihrer Pick-ups. Wir freuen uns über die schöne Strecke durch dichten Wald mit immer wieder genialen Blicken und einen wärmenden Cappuccino und Nudelsuppe nach 40 Kilometern.

Dann folgt eine unglaubliche Abfahrt über 25 Kilometer, die wir uns tags zuvor teils „erschlichen“ hatten und als wir unten ankommen ist es wieder sommerlich warm und sogar auch sonnig. Schade, denn wir erreichen einen hot spring water fall und haben somit gar keine Lust mehr unter den angeblich 35°C warmen Wasserfall zu tauchen. Unser eigentliches Nachtquartier erweist sich dann als hässliche Kreuzungsstadt und alle weiteren Unterkünfte sind mal wieder Landbordelle, so dass wir tatsächlich nach 14 Stunden Fahrt, 168 Kilometern und 1400 Höhenmetern  Anstieg Chiang Rai erreichen.

P1160770

Wespennester

Wespennester

Ban Huak water fall (35°C)

Ban Huak water fall (35°C)

In Thailand hat jede Stadt einen Nachtmarkt, der neben Waren- auch Essensstände bietet und wir genießen es unglaublich wieder so eine Vielfalt und gute Qualität an kulinarischen Angeboten vor uns zu haben. Satt und zufrieden fehlt nur noch eins: die Thai-Massage, um den Muskelkater zu verhindern. Also lassen wir uns eine Stunde lang durchkneten. Lauras Masseuse ist fast schon zu filigran, aber meine Masseuse malträtiert meine Unterschenkel dermaßen und läuft zu guter Letzt auf ihren Hacken darauf rum, so dass ich es kaum zurück ins Hotel schaffe. Aus männlichem Stolz hatte ich mir verkniffen laut aufzustöhnen oder „Ich will hier raus!“ zu rufen und außerdem dachte ich, dass „muss so“. Allerdings hätte jeder, der Schmerzen nicht als primäres Ziel gehabt hätte, mein ununterdrückbares Mienenspiel nicht fehldeuten können. Wenigstens ist der Schmerz am nächsten Morgen besser und ich rede mir ein ohne Massage wäre er noch viel schlimmer gewesen.

Was machen wir am nächsten Tag? Richtig! Fahrrad fahren – juhu! Allerdings nur 15 km zum südlich gelegenen Tempel Wat Rong Khun. Ein modernes Bauprojekt, das 1997 vom thailändischen Künstler Chalermchai Kositpipat und Freiwilligen begonnen wurde und im Stil eine Mischung aus Zuckerguss, japanischen Mangas und buddhistischer Architektur ist. Ob der Bau allerdings aus purer buddhistischer Frömmelei entstanden ist, stellt das am Ende der Anlage platzierte „Künstler-outlet“ in Frage. Hier kann man Drucke, Statuen, Postkarten und Textilien des Künstlers in allen Variationen und Preisniveaus erstehen – es erinnert alles mehr an die Svarovksi-Welt. Wir wundern uns über die zahlreichen Risse in den Fresken und abgebrochenen Türme und lesen nachher im Hotel, dass der Tempel bei einem Erdbeben nur vier Wochen vor unserem Besuch der Stärke 7,1 schwer beschädigt wurde (haben wir wohl in Laos verschlafen). Die Reparaturen sind schon im Gange und werden wohl mindestens drei Millionen Euro kosten.

P1160783

Wat Rong Khun - weißer Wat in Chiang Rai - Baubeginn 1997 !

Wat Rong Khun – weißer Wat in Chiang Rai – Baubeginn 1997 !

P1160792

viele fromme Wünsche

viele fromme Wünsche

über die Frevel zur Erleuchtung - in der ARchitektur umgesetzt

über die Frevel zur Erleuchtung – in der ARchitektur umgesetzt

Hellraiser und Batman ebenso dabei wie Neo und Superman auf den Wandmalereien

Hellraiser und Batman ebenso dabei wie Neo und Superman auf den Wandmalereien

Am Nachmittag gehen wir zum wasweißichwievielten Mal ins Minoritätenmuseum. Es ist etwas veraltet, aber nett gestaltet und geht zum ersten Mal auf die Geschichte des Opiumanbaus im golden triangle genauer ein. Über Jahrzehnte wurde der Anbau und Handel erst durch die Kolonialherren und dann warlords unterstützt und ist nun schwer aus den Köpfen und Feldern der Minoritäten zu verdrängen. Allerdings gelang dies in den letzten Jahren dank alternativen Anbauprogrammen und Kontrollen immer besser, so dass Afghanistan und Pakistan zu den weltweit größten Produzenten aufstiegen.

Als wir aus dem Museum treten, trauen wir unseren Augen nicht. Wo vorher eine vierspurige Straße war, ist nun walking street: ein riesiger Kunsthandwerker-, Ramsch- und Fressbudenmarkt. Stundenlang lassen wir uns treiben, probieren asiatische Köstlichkeiten und beladen unsere Taschen mit Souvenirs – hoffentlich rächt sich das auf den letzten Kilometern nicht!

Von Chiang Rai nehmen wir den  Bus nach Chiang Mai. Eigentlich wollten wir eine kleine Strecke an der Myanmargrenze nehmen, allerdings ändern wir wegen Zeitmangel unsere Pläne. In Chiang Mai ist ebenfalls walking street. Allerdings sind wir etwas walked out und es sind am Ende immer doch die gleichen Schals, Taschen, Seifen und Holzschnitzereien. Also konzentrieren wir uns auf die lukullischen Genüsse.

so sieht der Militärputsch aus: selbst Straßenmusiker müssen jetzt die Regierungslieder singen

so sieht der Militärputsch aus: selbst Straßenmusiker müssen jetzt die Regierungslieder singen

Die Altstadt in Chiang Mai ist übersäht mit endlosen Tempelanlagen, die perfekt restauriert sind und mit ihrer Pracht, Eleganz und Vielfalt auch watgesättigte Touristen wie uns, begeistern können. Goldene Wandmalereien, holzgeschnitzte Fassaden und lebensechte verflossene Mönche sind die Highlights. Was für ein Gegensatz zur geschichtslastigen Altstadt ist das Viertel nördlich der Uni, wo hippe Cafés, Restaurants, Radläden und Shops mit Hightechprodukten aus dem Boden sprießen. Wir möchten nicht aus der Reihe tanzen und fläzen uns einen ganzen Tag ins Café wie es uns die Café-Kätzchen vormachen – ok, vielleicht nicht ganz so entspannt.

P1160830

Wat nördlich der Stadtmauer

Wat nördlich der Stadtmauer

P1160833

Wat in Chiang Mai (einer von 1000en)

Wat in Chiang Mai (einer von 1000en)

Gummimönch. Mme Toussauds wäre neidisch

Gummimönch. Mme Toussauds wäre neidisch

so fühlen wir uns auch an unserem Café-Tag

so fühlen wir uns auch an unserem Café-Tag

Westlich von Chiang Mai erheben sich direkt die Hügelketten an der Grenze zu Myanmar und wir erklimmen sie zum ersten Mal – per Scooter. Wir düsen zum Kloster Wat Doi Suthep, das der Legende nach an der Stelle errichtet wurde, an der ein weißer Elephant mit den Klosterheiligtümern verstarb. Er hat sich jedenfalls eine prächtige Stelle auf einem kleinen Gipfel mit Blick über die ganze Stadt Chiang Mai, die umliegende Ebene und die umschließenden Bergketten ausgesucht. Das Kloster selbst ist ein berühmter Wallfahrstort für Thais und die Touristen feiern die Aussicht, den Rummel oder gehen hier für drei Tage bis Monate in die Meditationsschule. Abschlussprüfung: 72h wach bleiben mit 1x Essen/Tag. Hinter dem Kloster geht es noch weiter bergauf bis zu hoch gelegenen hmong Dörfern, die dadurch verblüffen, dass sämtliche Zivilisation am Anstieg abgeprallt zu sein scheint. Die Bewohner tragen wieder traditionelle Kleidung, wohnen in simplen Holzhütten und leben von Kaffee- und Reisanbau – keine 25km von Chiang Mai entfernt. Die Landflucht der Töchter und Söhne in eine vermeintlich bessere westlich-moderne Welt scheint hier kein Problem zu sein oder hat noch nicht begonnen.

Klosterhof Wat Doi Suthep

Klosterhof Wat Doi Suthep

Laura gefällt die Mückenmenge in der Regenzeit nicht wirklich

Laura gefällt die Mückenmenge in der Regenzeit nicht wirklich

Wat Doi Suthep

Wat Doi Suthep

Von Chiang Mai geht es per Bus in den Norden nach Pai, bevor die letzten Kilometern an der Myanmargrenze entlang beginnen.

Mehr Bilder aus Nordthailand

Zur aktuellen Karte

Laos II – Luang Prabang bis Thailand

Nach der in Beton gegossenen billigen Konsum- und Partystadt Vang Vieng ist der Wechsel zum nächsten Programmpunkt heftig: Luang Prabang – alte Hauptstadt von Laos, ehemaliger laotischer Königssitz, die goldene Stadt und angeblich schönste Stadt Südostasiens erreichen wir in vollkommener Dunkelheit und als wir am nächsten Morgen aus unserem Gasthaus treten, sehen wir unzählige wunderschön erhaltene majestätische Holzhäuser, goldene Pagoden und grüne Straßen. Auf den Straßen ist kaum Verkehr, denn die Altstadt liegt auf einer Halbinsel umspült vom Nam Khan River und dem Mekong, den wir hier nach langer Entbehrung in alter Frische fließen sehen.

Hipstercafé LPB-Style

Hipstercafé LPB-Style

P1160534

Der Frühstückshunger treibt uns in eins der hippen Cafés, die genauso am Prenzlauer Berg eröffnen könnten (und leider genauso teuer sind). Nach zwei perfekten Cappucini, Vollkorn-French Toasts mit hausgemachtem Vanilleeis und exquisiten Gebäckstücken, die noch von den Künsten der französischen Kolonialherren zeugen, sind wir gestärkt für den Tag. Vom Hausberg Luang Prabangs mit thronender Pagode hat man einen unfassbaren Blick über das Mekongtal, die umrahmende Bergkulisse, den mündenden Nam Khan River und die an verschiedenen Stellen des Himmels sich ergießenden Tropengewitter, die uns immer öfter heimsuchen. Der Regenponcho ist unsere zweite Haut geworden.

P1160539

P1160558

 

Die Anzahl und Vielfalt der Klöster der Stadt ist wirklich überwältigend. Aus jedem grünen Winkel ragt irgendwo eine Pagode hervor. Zudem sind sie wirklich sehr kunstvoll gestaltet und dank UNESCO-Stempel und -Geld sind Malereien und Holzschnitzereien wohlrestauriert.

P1160604

P1160619

P1160649

P1160658

P1160659

Je länger wir durch die Innenstadt laufen, desto mehr beschleicht uns aber ein befremdliches Gefühl, dass diese Stadt leider schon den Zauber etwas eingebüßt hat. Boutique-Hotel reiht sich an Boutique-Hotel, tripadvisor Restaurants in Reih und Glied und das eigentlich frische, lebendige Luang Prabang hat sich an den Rand der Gentrifizierungszone geschoben, wo glücklicherweise unsere Unterkunft ist. Besonders zu leiden haben unter diesem Phänomen die unzähligen Klöster mit den noch unzähligeren Mönchen, die bei ihren Almosengängen früh morgens kaum noch Bewohner der Altstadt antreffen, sondern vorwiegend in (auch in meine) Objektive gucken. Wenigstens nimmt der chinesische Bustourismus zu und die buddhistischen Horden lassen sich mit dem Sammelbus direkt vor das Kloster fahren, um in Hektik Matte und Reis auszupacken und so eine fromme Tat zu tun. Wir quälen uns auch um fünf aus dem Bett für dieses Spektakel, aber in jedem kleinen Ort in Nordostthailand hatte das Ritual trotz eines Bruchteils der Mönchmasse mehr Flair, da es unberührter, unverfälschter und im Morgendunst zauberhafter wirkte.

P1160716

Mönche sammeln morgens Almosen

Mönche sammeln morgens Almosen

Viele NGOs und Expats sind in LPB ansässig und tragen mit ihren Ansprüchen und Investitionen zum phänomenalen kulinarischen Angebot der Stadt bei. Den Genüssen der französischen Bäckereien, Riverside-Restaurants und dem genialen Essen am Nachtmarkt sind wir natürlich auch nicht abgeneigt.

Auf dem Nachtmarkt werden auch die Seiden- und Wollschals angeboten und man steht vor dem moralischen Dilemma: 500$ für einen unglaublich schönen Schal bei einer fair trade Organisation oder 10$ (mit etwas geringerer Qualität) am Nachtmarkt. Die Lohnunterschiede und Gewinnspannen kann man sich ableiten – nur ist die Frage wie viel davon tatsächlich bei der einzelnen Weberin ankommt. Wir besichtigen eine der Musterfabriken für ethische Beschäftigung im Westen der Stadt und bewundern die flinken Hände der Frauen, die erstaunliche Muster in noch erstaunlicherer Geschwindigkeit zusammenknoten. Auch rückblickend aus Thailand können wir nur sagen, dass es in Laos und besonders Luang Prabang definitiv die schönsten und hochwertigsten Textilien ganz Indochinas zu kaufen gibt, die oft aus den nördlichen Bergdörfern stammen.

P1160689

P1160687

P1160691

P1160696

In unserem guest house lernen wir neben dem Reiseradler James, Yan und Maya kennen – zwei sehr nette Reisende aus Japan und China. Wir verstehen uns sofort prächtig und unterhalten uns über die verschiedenen Traditionen und Systeme unserer Länder. Wir schlagen vor, dass sie uns am nächsten Tag bei einer Radtour zu einem nahe (30km) gelegenen Wasserfall begleiten und wir finden am Abend gute Leihmountainbikes für die beiden. Fröhlich radeln wir durch wundervolle Natur und nur der erste Berg bringt die beiden nach ca. der Hälfte der Strecke ins Schwitzen. Auf der Abfahrt rast Laura vor und Yan folgt ihr unerschrocken. Als ich kurz darauf nachkomme sehe ich Yan allerdings ziemlich zerknautscht im Seitengraben liegen und sofort ist klar: das ist etwas Ernsteres. Sie ist ziemlich geschockt und am rechten Schlüsselbein hat sie eine dicke Schwellung. Es ist ein unglaubliches Glück, dass sie trotz Helmlosigkeit (hätte 50 Cent extra gekostet!) „nur“ einen Schlüsselbeinbruch und ein paar Kratzer am Knie hat.

Endlich kommt auch Laura wieder den Berg heraufgestrampelt und sieht das Malheur. Wir stoppen ein Pick-Up und fahren mit Rädern alle wieder zurück ins Krankenhaus der immerhin viertgrößten Stadt von Laos mit unglaublichen 47.000 Einwohnern. Laura bleibt bei Yan und verbindet zusammen mit dem thailändischen Austauscharzt den Bruch, während ich versuche das verbogene Rad wieder geradezubiegen. Leider mangelt es neben Verbandsmaterial, Schmerzmitteln und antibiotischen Salben auch an Fachkenntnis und nur auf wiederholtes Nachfragen gibt es eine Tetanusimpfung und der Arzt zu, dass er den Bruch wohl doch eher operieren oder lege artis verbinden lassen würde und rät zum Flug nach Bangkok. Yan findet tatsächlich am nächsten Morgen einen Flug nach Bangkok, wo sie einen ordentlichen Verband kriegt und wir sind froh, dass die Geschichte so glimpflich ausgegangen ist. Maya, die initial gar nicht mitwollte und der wir noch die Schaltung erklären mussten, überrascht uns alle damit, dass sie am Nachmittag nochmal zum Wasserfall fährt – und zwar die ganze Strecke. Es freut uns sehr, dass wir wenigstens sie vom Spaß überzeugen konnten, den Radfahren macht!

Wir sehen die Geschichte als Omen, Luang Prabang und damit Laos so schnell wie möglich zu verlassen und steigen auf ein slow boat, dass uns den Mekong aufwärts an die thailändische Grenze bringt. Die Fahrt dauert zwei Tage mit Zwischenstop in dem kleinen Ort Pakbeng inmitten der laotischen Wälder. Unser Fahrrad wird kurzerhand aufs Dach des Bootes geschnallt und wir genießen die ruhige Fahrt sehr, die im Gegensatz zu den Busfahrten ruhig, kurvenlos und gemütlich ist. So schaffe ich es nach drei Monaten (!) endlich die „Brüder K.“ fertig zu lesen und vor Freude darüber auch noch „Catfish and Mandalay“ – eine absolute Leseempfehlung für alle, die etwas mit Vietnam zu tun haben möchten oder nach der Lektüre auch nicht mehr!

Dorfleben am Fluss: nachmittags Waschstunde

Dorfleben am Fluss: nachmittags Waschstunde

das slow boat vom zweiten Tag

das slow boat vom zweiten Tag

P1160748

Mekong

Mekong

Im Grenzort Houayxay angekommen verbringen wir noch eine letzte Nacht auf laotischem Boden und stehen am nächsten Tag an der neu errichteten Freundschaftsbrücke zwischen Laos und Thailand, um in unser „Heimatland“ überzusetzen. Absurderweise müssen wir die Räder über die Brücke in einen Bus laden, da es verboten ist über die Brücke zu radeln – ärgerlich! Der Ärger weicht aber der Vorfreude auf die gute Infrastruktur, Küche und Freundlichkeit Thailands, die uns im gelobten Land auf der anderen Seite erwarten…

Photos aus Luang Prabang und der Mekongfahrt

Zur aktuellen Karte

Laos II – Der wilde Osten

Der laotische Grenzbeamte hat ungefähr das Arbeitstempo eines trächtigen Wasserbüffels in der Mittagssonne und daher stehen wir geschlagene 45 Minuten vor dem Gitterfenster und warten auf unseren Einreisestempel. Besonders bitter, denn eigentlich sind die Morgenstunden die beste Zeit, um noch ordentlich Kilometer zu machen. Heute scheint es aber wieder besonders unerbittlich, denn im Schatten vor dem Grenzposten um halb acht morgens zerfließen wir! Wir vertreiben uns die Zeit damit die strengen Einreise-, Impf- und Quarantänevorschriften für Tiere zu studieren und gucken amüsiert auf die Scooter mit locals, die ohne Pass- oder Warenkontrolle mit hunderten Hühnern im Gepäck vorbeiknattern und die streunenden Hunde und Katzen, die sich unter dem Schlagbaum hin- und herjagen und sich mal als Vietnamesen und mal als Laoten sehen.

laotischer "Supermarkt" - es gab dann auch kein Wasser.

laotischer „Supermarkt“ – es gab dann auch kein Wasser.

P1160345

Endlich können wir weiter und Laos empfängt uns gleich mal mit sehr steilen und schlechten Straßen, allerdings durch sehr schöne Karstlandschaft. Im Gegensatz zu Vietnam sind aber die meisten Reisfelder schon abgeerntet und stattdessen dümpelt braune Brühe in der brütenden Sonne vor sich hin. Die Minoritäten hier sind für ihre Webkunst bekannt und gerne hätten wir der einen oder anderen Frau ihren Sarong vom Leib gerissen, wenn das nicht falsch aufgefasst hätte werden können. In vielen der sehr ärmlichen Dörfern sieht man Tafeln mit Hilfsprojekten wie UNICEF-Brunnen, Modellprojekten für medizinische Versorgung oder Aufklärungskampagnen über Essens- und Hygieneratschläge.

am liebsten hätten wir ihren Rock gekauft - aber es wäre wohl unmoralisch gewesen!

am liebsten hätten wir ihren Rock gekauft – aber es wäre wohl unmoralisch gewesen!

Ernährungspyramide auf Minoritätisch: wenig Insekten essen!

Ernährungspyramide auf Minoritätisch: wenig Insekten essen!

Wir erreichen Viengxay, das als Geburtsstädte des laotischen Volkes gilt. Hier siedelten die ersten Bewohner Laos und die Stadt ist auch Zentrum der kommunistischen Befreiung Laos durch die sogenannten pathet lao gewesen. Von 1964 – 1973 Jahren tobte nicht nur der Vietnamkrieg, sondern die USA bombadierten die ländlichen Gebiete von Laos ohne Kriegserklärung und in Verletzung des Genfer Laos-Abkommens von 1962, das die Neutralität von Laos im Konflikt um Vietnam eigentlich garantieren sollte. Natürlich hielten sich die Viet Minh Truppen auch nicht daran und durch Laos ging ein Großteil des Ho Chi Minh Pfades, aber rechtfertigt das ein Bombardement, das in seiner Gesamttonnage allein in Laos die Sprengkraft des gesamten zweiten Weltkriegs übersteigt und Laos damit zum pro Kopf meistbombardiertesten Land der Welt macht?

Zahlreiche Höhlen in der eindrucksvollen Karstlandschaft dienten damals den kommunistischen Führern, aber auch der Zivilbevölkerung als Unterschlupf, in denen sie tagsüber verharrten. Nur nachts war es möglich Felder zu bestellen oder draußen zu arbeiten, da man tagsüber egal ob Zivilist oder Soldat von den amerikanischen Jagdfliegern verfolgt wurde. Doch selbst in den Höhlen war man nicht sicher – eine Rakete tötete nahe Viengxay über 450 Zivilisten, die sich dort vor den Bomben versteckt hielten. Oft wurden Bomben auch nur abgeworfen, da die Flugzeuge ihre primären Ziele in Vietnam nicht erreichen konnten und nicht mit der Sprengkraft an Bord wieder in Thailand landen wollten. Zudem wurden Bomben mit Zeitverzögerung in die Reisfelder geworfen, die dann nachts explodierten und die arbeitenden Bauern töteten. Die amerikanischen Soldaten galten daheim als besonders hart und heroisch, da sie wegen fehlender Kriegserklärung  bei Abschuss nicht offiziell als Amerikaner anerkannt wurden und somit auf sich allein gestellt waren.

Höhlen in Viengxay, wo die laotischen Kommunisten sich vor den amerikanischen Bomben schützten

Höhlen in Viengxay, wo die laotischen Kommunisten sich vor den amerikanischen Bomben schützten

junge Laotin

junge Laotin

Bombardementausmaß

Bombardementausmaß

Propagandistische Darstellung oder Verzerrung hin oder her – es fällt einem schwer sich angesichts dieses skrupellosen Luftkrieges gegen die laotische Bevölkerung mit geringem Effekt auf den Kriegsverlauf ein positives Bild der amerikanischen Politik dieser Jahrzehnte zu bilden. Lediglich die Journalisten und Demonstranten in den USA, die das Unrecht dieses lange auch für die amerikanische Öffentlichkeit geheim geführten Krieges aufdeckten, öffentlich machten und auf die Straße gingen lindern den Hass auf die Arroganz, Allmachtsphantasien und Gleichgültigkeit der US-Machthaber. Daneben heizte die CIA noch den Bürgerkrieg zwischen royalistischen Truppen und den pathet lao dadurch an, dass sie die hmong Minderheit als Söldner gegen die pathet lao bezahlte und nach der Niederlage der Repression der laotischen Kommunisten unterstützungslos zurückließ.

Am grausamsten aber ist der Einsatz von Streubomben, die auch heute noch j e d e n Tag einen Laoten das Leben kosten und viele weitere verstümmeln. Ca. 30% der Bomben explodierten nicht und stecken heute noch in Feldern, Schulhöfen, Wäldern, Flüssen und Bergen fest. Bei Berührung mit einer Machete, Pflug oder beim Aufheben können die etwa Tennisball großen bombies explodieren. Dadurch sind große Mengen an Ackerland, Wald und Baufläche für die Laoten nicht nutzbar und Tod und Verkrüppelung, sowie die unglaublich teure Entminung werden Laos für eine lange Zeit zu den ärmsten Ländern der Welt zählen lassen. Einige Organisationen versuchen wenigstens dringend benötigtes Bau- und Ackerland und die historischen Städten der Ebene der Tonkrüge zu entminen, um etwas Aufschwung möglich zu machen.

Die Ebene der Tonkrüge ist die Hauptsehenswürdigkeit der Gegend und besteht aus verstreuten gebrannten Steinkrügen, die vor ca. 1500 – 2000 Jahren von den Urlaoten wahrscheinlich als Grabmäler benutzt wurden. Die inmitten der fast europäisch anmutenden Hügellandschaft liegenden Tonkrüge wirken trotz ihrer teils immensen Dimensionen vollkommen verloren und es bleibt ein absolutes Rätsel, wie die Menschen sie damals ohne Bagger auf die Hügelkuppen geschafft haben. Wir hatten uns wegen zahlreicher Filme darüber allerdings mehr versprochen und so bleibt uns nur das slapstick Fotoschießen zum großen Amüsement der umstehenden Asiaten.

Tonkrug-Breakdance

Tonkrug-Breakdance

was winkt denn da?

was winkt denn da?

Trinkflasche vergessen

Trinkflasche vergessen

hier wurden früher Menschen beerdigt - wie pietätlos von uns!

hier wurden früher Menschen beerdigt – wie pietätlos von uns!

Die Landschaft hier im Osten ist unendlich bergig, unendlich dünn besiedelt, unendlich waldig und da wir noch Pläne für Thailand haben nehmen wir zweimal den Minibus und schnallen die Räder auf das Dach. Die Laoten sind die kurvige Fahrt im Minibus noch weniger gewöhnt als wir und erbrechen sich fast alle aus den Fenstern oder in Tüten, die zu Beginn der Fahrt ausgegeben werden.

So kommen wir zwischen Luang Prabang und Vang Vieng heraus und genießen eine unglaublich 30km Abfahrt in Richtung Vang Vieng durch beeindruckende Bergkulisse. Allerdings regnet es inzwischen jeden Tag mehrfach und oft stecken wir in Nebel- und Regenwolken fest.

keine Stelzenhäuser mehr

keine Stelzenhäuser mehr

Abfahrt von Phou Khoun

Abfahrt von Phou Khoun

P1160496

laotische Ingenieurskunst

laotische Ingenieurskunst

Was für ein Unterschied dazu ist Vang Vieng. In der inmitten schöner Karstlandschaft am Fluss gelegenen Stadt entwickelte sich in den 90er Jahren ein Drogen- und Partytourismus, da die Polizei dank der sprudelnden Einnahmen aus Opium, Marihuana und Alkohol ein Auge zudrückte und ihren Anteil durch „Kontrollen“ der Restaurants und Hotels erhielt. Immer wieder kam es zu Todesfällen, wenn vollgedröhnte Touristen in den zu flachen Fluss sprangen, einfach ertranken oder an drogeninduziertem Herzinfarkt starben. Erst als 2011 25 (!) Touristen starben, sahen die Behörden sich genötigt einzuschreiten und schlossen alle dubiosen und semidubiosen Etablissements. Seitdem stehen hunderte Gasthäuser und Restaurants leer und das zarte Pflänzchen Öko- und Boutiquetourismus versucht die Geldschwemme des Massentourismus zu ersetzen. Da dies aber in den letzten drei Jahren bei weitem nicht gelungen sind, überlegen Polizei und Gastgewerbe eine Rückkehr zum „alles ist erlaubt“. Eine weitere Kuriosität ist die Tatsache, dass fast jede Bar auf enormen flatscreens Friends-Episoden zeigt und man in den heißen Mittagsstunden bei Eiskaffee und Burger stundenlang diese ungewöhnliche und irgendwie lustig-skurrile Unterhaltung auf sich einrieseln lassen kann.

P1160515

der Todesfluss - eher ein Bach

der Todesfluss – eher ein Bach

Von Vang Vieng fahren wir mit dem Bus zurück nach Luang Prabang, in dem dank zwei sehr netter Medizinstudentinnen aus München zum ersten Mal Deutsch als Amtssprache herrscht.

Mehr Bilder aus Laos

Zur aktuellen Karte