Goooooooodbye Vietnaaaaaaaaaaaam !!!

Nach der Runde im Norden steigen wir – mal wieder – morgens um fünf bedröppelt und verschlafen aus dem Nachtbus in Hanoi und freuen uns auf ein europäisches Frühstück mit Cappuccino bevor es auf die lange „Nudelsuppentour“ nach Laos geht. Allerdings haben wir die Rechnung ohne die Wirte gemacht, die um diese Uhrzeit alle noch tief und fest schlafen – wir rütteln vergeblich an den Gittern. Also nutzen wir die Gunst der Stunde und pedalen im noch ruhigen Stadtverkehr zur Busstation, da wir die ersten Kilometer nach Mai Chau mit dem Bus hinter uns legen wollen. Immerhin kriegen wir in einer Bäckerei schon Donuts.

In My Dinh (Busstation) angekommen stellen wir allerdings fest, dass es nur kleine Busse ohne Gepäckträger nach Mai Chau und Hoa Binh gibt. Der Busfahrer versucht uns davon zu überzeugen, dass die Räder sicher in den Kofferraum passen. Nach unseren Erfahrungen vom Bus in den Phong Nha Ke Bang NPA und den verbogenen Schutzblechen inspizieren wir das lächerlich kleine Loch, lächeln und danken. Zudem sollen wir tatsächlich das Fünffache des normalen Preises bezahlen – es stinkt uns! Also zeigen wir dem Vietnamesen die lange Nase und beschließen die Strecke in zwei Tagen zu radeln.

Wir ziehen uns auf der Busstationstoilette um. Auf den in den Exkrementen schwimmenden Schuhen balancierend, die Radklamotten zwischen den Zähnen, ziehen wir uns in bestialischem Gestank um. Die Lenkertasche mit den anderen Klamotten über der Schulter versuchen wir nichts, aber auch gar nichts zu berühren. Es gibt Momente, in denen ist das Desinfektionsmittel aus der Neurologie unser treuester Freund – oder ist das schon Waschzwang?

Leider ist der Verkehr um uns herum inzwischen zu einem immensen hupenden Wurm aus Scootern und Lastwagen geschwollen und die Hitze hat sich wie eine lähmende Glocke über die Megacity gelegt – jetzt heißt es: Zähne zusammenbeißen. Nach 30 km lichtet sich der Moloch und Reisfelder und Karstfelsen übernehmen die Szenerie. Zudem hat man jetzt wieder fünf Minuten Ruhe zwischen den Lastwagenhupen. Um ein Uhr – dem unterträglichsten Teil des Tages – trinken wir zuckerhaltige Farbstofflösung und flacken uns für eine gute Stunde in die Hängematten, die in Vietnam zu jedem guten Café gehören, um unseren schlechten Nachtschlaf nachzuholen.

Reisfeld aus der Regentropfenperspektive

Reisfeld aus der Regentropfenperspektive

In Hoa Binh angekommen feiern wir unseren Radleifer mit Süßkartoffelpommes und einem Pincher Bia Hoi. Das ist Bier, das täglich unter „fragwürdigen Bedingungen“ (lonely planet) gebraut wird und dem fleißigen Vietnamesen abends sehr billig die Kehle schmiert (1,5 Liter = 1$). Leider sind wir danach stark angeschwipst, da wir kaum mehr Alkohol gewöhnt sind und nüchtern erst wieder aus, als wir nachts im Hotel feststellen, dass an meinem Hinterrad erneut VIER Speichen gebrochen sind ohne dass wir es gemerkt haben (!). Wir hatten doch erst knapp zwei Wochen zuvor in Hanoi ALLE SPEICHEN ersetzen lassen!?! Frustriert versuche ich die Speichen zu ersetzen, aber das Rad ist dermaßen verzogen, dass die Speichen sich nicht einziehen lassen. Nach dem Lockern aller Speichen kann ich zwar neue Speichen einziehen, allerdings eiert das Rad danach so, dass ich spontan einen Heulkrampf bekomme und nur Lauras unerschütterlicher Optimismus mich zurück auf die Erde holt: „Alles kein Problem – erst mal schlafen – morgen zum Radladen …“ „Buhuuu… für Dich ist immer alles so einfach…!“

Am nächsten Morgen bringe ich ich das Hinterrad zu einem Hinterhofradladen – er weiß sofort, was zu tun ist und sagt mir, in vier Stunden bekäme er das hin. Also nutzen wir den Tag zum Lesen immer in der Schwebe zwischen Angst und Hoffnung, dass wir nach Hanoi zurückfahren müssen, um das Ding ein für allemal zu ersetzen. Tatsächlich hole ich dann aber nachmittags ein perfekt ausjustiertes Laufrad ab und zahle für den Service 2,5$. Beim Einbau dann aber der Schock: es ist total unmittig ausgerichtet und sägt mir halb den Rahmen auseinander beim Rollen. Schockiert und ratlos bringe ich es zurück. Nun ist selbst der Hinterhofschrauber ratlos. Er legt dann eine Unterlegscheibe ein, damit es nicht mehr am Rahmen schleift, hängt die Hinterradbremse aus und erklärt mir: eine Bremse reicht. Ich sehe das naturgemäß etwas anders und frage ihn, wo ich ein neues Rad kaufen kann: Hanoi! Alles klar, na super, noch ein Tag im Eimer denke ich und kehre ins Hotel zurück.

Radreparatur mit kritischen Betrachtern

Radreparatur mit kritischen Betrachtern

Das Problem gegoogelt sind wir dann allerdings schlauer: Der Typ hat zwar das Laufrad super ausjustiert, aber leider nicht mittig. Wir müssen also bloß alle Schrauben der einen Seite lockern und die andere Seite festziehen – Kinderspiel! Drei Stunden später steht das Rad dann tatsächlich mittig und hat nur noch einen minimalen Seitenschlag, den man als „Hobbyzentrierer“ – zu denen ich mich zähle – laut Onlineanleitung tolerieren kann. Das Beste daran: wir können morgen aus dieser trostlosen Stadt, die außer einer gigantischen Staumauer nichts bietet, weiterfahren! Zur Feier des Tages gibt es dann noch eine neue Kette, denn die alte springt nur noch über die Ritzel …

Die Strecke von Hoa Binh nach Mai Chau ist dann tatsächlich sehr schön – auch wenn es in der prallsten Mittagshitze einen erbarmungslosen 800 Höhenmeter Anstieg hinaufgeht, der total in der Sonne liegt und kein Wind geht. Mein Shirt ist so nass, dass ich bei den Pausen, die wir jeden Kilometer machen müssen, je 100ml Schweiß auswringen kann – mhm! Der Anstieg ist unerbittlich und nur eine angstgestörte Kuh, die panisch vor uns Reißaus nimmt und jedes Mal um eine Kurve weiter galoppiert unterhält uns. Kommen wir wieder um die Ecke beginnt das Spiel von neuem – so treiben wir sie über 8km vor uns her! Der arme Besitzer muss sie wohl später mit seinem Scooter nach Hause holen…

Am schlimmsten Teil des Anstiegs hält plötzlich ein Minibus mit zwei Mountainbiketouristen vor uns und der vietnamesische Guide springt heraus und hält uns eiskalte Isogetränke hin! Gerührt trinken wir die kühle Erfrischung und freuen uns über diese nette Geste! Er versichert uns auch, es sei nicht mehr weit – und tatsächlich: nach einiger Zeit (ich schiebe nur noch) sind wir oben! Der Blick über das Tal von Mai Chau und die Abfahrt hinunter sind der wohlverdiente Lohn und ein absoluter Traum!

Arbeitsoutfit Mai Chau

Arbeitsoutfit Mai Chau

Mai Chau liegt in einer Idylle aus Reisfeldern eingebettet und ist eigentlich bekannt wegen seiner white thai Minorität, die hier ansässig ist. Zwei der Orte sind sehr touristisch und unter jedem Stelzenhaus gibt es hier Textilien zu kaufen. Mit unseren Rädern erkunden wir die Gegend: kaum verlässt man diese zwei Orte ist man in einer der schönsten Gegenden Vietnams! In den unverschämt grünen Reisfeldern liegen die Stelzenhaussiedlungen der white thai. Die Menschen hier tragen zwar keine komplette Tracht wie in Nordvietnam, aber schöne bunte Wickelröcke und Kopftücher. Unter vielen Häusern stehen Webstühle und die alten Frauen weben bunte Stoffe und versichern uns somit, dass die Andenken tatsächlich aus dieser Gegend stammen! Die alten Frauen (hier gilt man wegen Strapazen über 40 als alt!) haben schwarze Zähne – darüber hatten wir schon in Hanoi gelesen, da bei den white thai Schwarz als Schönheitsideal gilt – zumindest am Zahn.

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Stoffe im touristischen Ban Lak (Mai Chau)

Stoffe im touristischen Ban Lak (Mai Chau)

schwarz lackierte Zähne - Schönheitsideal der white thai (Mai Chau)

schwarz lackierte Zähne – Schönheitsideal der white thai (Mai Chau)

Frappierend ist, dass uns hier JEDER freundlichst grüßt und interessiert ist. Sind es die alten Bräuche und Sitten der einzelnen Stämme, die Nähe zu Laos oder das Profitieren vom Ökotourismus? Wir haben in Vietnam und eigentlich auf der ganzen Reise bis auf Kambodscha noch keine Gegend gesehen, wo wir uns so willkommen gefühlt haben! Das freut uns natürlich, denn so kann Vietnam das etwas ramponierte Image auf die letzten Tage doch noch erheblich aufpolieren!

Dazu kommt, dass wir in Mai Chau ein absolut umwerfendes Hotel gefunden haben. Topmodern, inmitten der Reisfelder gelegen und mit dem nettesten Vietnamesen (nicht schwer), aber auch einem der nettesten und hilfsbereitesten Menschen, die wir überhaupt je getroffen haben (schwer)! Wir haben nämlich festgestellt, dass wir im Trubel der Radsorgen unseren Kasettenabzieher verloren haben. Für Fachleute: das Teil braucht man, um Speichen auf der Antriebsseite zu ersetzen und auf Grund der Erfahrungen wollen wir sicher nicht nach Laos fahren ohne Möglichkeit, Speichen zu ersetzen… Unsere Hoffnung sind die MTB-Tourguides, die Touren in Mai Chau anbieten. Tatsächlich treffen wir einen auf der Straße, der abends extra zu uns ins Hotel kommt, das Teil aber leider nicht hat. Wir rufen dann einen anderen Anbieter an und es stellt sich heraus: es ist der nette Typ, der uns die Getränke am Berg gebracht hatte! Auch er ist extrem liebenswürdig, kommt auch extra zu uns ins Hotel und bietet uns an, mich kostenlos zurück nach Hanoi zu nehmen und das Teil mit mir zu besorgen, da auch er es leider nicht hat. Der Gipfel ist aber unser Hotelmanager, der das Problem mitkriegt und nach endlosen Telefonaten mit unserem Radladen in Hanoi das Teil per Busshuttle nach Mai Chau bringen lässt! Wir müssen erneut nicht die 140 km zurück nach Hanoi – was für ein unglaublicher Service! Aus lauter Begeisterung und auf Grund fiebriger Turbulenzen auf der Bristol Stool Scale bleiben wir vier Nächte in dieser schönen Gegend…

Stelzenhaus

Stelzenhaus

Sonnenuntergang Mai Chau

Sonnenuntergang Mai Chau

unser Tophotel im Reisfeld (Valley View Hotel)

unser Tophotel im Reisfeld (Valley View Hotel)

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Die Strecke zur Grenze ist dann eine der schönsten, die wir in Vietnam gesehen haben. Es geht entlang eines rostroten Flusses inmitten von Bambuswald und grünen Reisfeldern durch Minoritätendörfer mit Stelzenhäusern. Alle Leute sind extrem freundlich, grüßen frenetisch und feuern uns an. Wir machen Pause in einem kleinen Shop. Die ganze Großfamilie ist versammelt – die Frauen haben rotschwarze Zähne und die kleinen Jungs schwirren um uns herum und sind begeistert, ihre drei Brocken Englisch anwenden zu können. Wir schütteln nur den Kopf und erkennen Vietnam nicht wieder… Voller Wehmut saugen wir diese schönen letzten Eindrücke aus dem Land auf, dass uns mit Sicherheit am meisten begeistert und am meisten entsetzt hat. Zum absoluten Cliché passt dann auch noch, dass hier mehrere chop stick Fabriken nebeneinander stehen. Der Bambus wird getrocknet, die geraden Teile zu chop sticks oder Jalousielatten gesägt und die Knotenpunkte verkohlt und zu Kohlebriketts gepresst. Lustig ist auch, dass hier viele LKW mit Aufschriften wie „Brennstoffhandel Angerer – Alsleben“ herumfahren, die der Abwrackprämie zum Trotz oder auf Grund von Entwicklungshilfe (?) den langen Weg an die laotisch-vietnamesische Grenze gefunden  haben.

chop sticks für ganz Vietnam

chop sticks für ganz Vietnam

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verrückte Falangs - haha!

verrückte Falangs – haha!

mit 4 Jahren schon Vollzeithirte - die Armut im Grenzgebiet zu Laos ist sehr spürbar.

mit 4 Jahren schon Vollzeithirte – die Armut im Grenzgebiet zu Laos ist sehr spürbar.

Für ihn ist Fußball alles.

Für ihn ist Fußball alles.

kurz vor der Grenze

kurz vor der Grenze

Nun bricht auch die Reiserntesaison an und in langer Kolonne bündeln die Dorfbewohner die Reishalme und legen sie zum Trocknen vor die Hütten. Das Grenzgebiet ist sehr abgelegen, die Straße wird immer schlechter und uns wird klar: Vietnam geht geographisch dem Ende zu. Im letzten Ort tauschen wir ein paar Dollar in laotisches Geld und stehen am letzten Tag unseres Visums bei Sonnenaufgang vor dem Grenzposten. Ein lachendes und ein weinendes Auge blicken auf das Land der Drachensöhne zurück. Mit Sicherheit werden wir eines Tages dieses faszinierende Land noch einmal bereisen, da es trotz zwei vollen Monaten noch viele Ecken gibt, die wir überhaupt nicht gesehen haben…

Reisernte

Reisernte

mystische Morgenstimmung in Quan Son

mystische Morgenstimmung in Quan Son

Pause bei den white thai

Pause bei den white thai

schwarz lackierte Zähne (links hinten)

schwarz lackierte Zähne (links hinten)

tolles Flusstal auf dem Weg zur Grenze

tolles Flusstal auf dem Weg zur Grenze

sattes Grün

sattes Grün

Papa!!!! Falang!!!!

Papa!!!! Falang!!!!

melancholisch an der Grenze

melancholisch an der Grenze

Zur aktuellen Karte

Mehr Bilder vom Weg zurück nach Laos

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