Abschluss der Nordrunde

Von Yen Minh brechen wir auf, um nach fast zwei Wochen insgesamt unsere Nordtour in Cao Bang zu beenden. Nach Totos langer Krankheit erwartet uns gleich am ersten Tag eine schwere Etappe mit 1600 Höhenmetern und einem sehr steilen Anstieg direkt am Morgen. Totos Schwäche zeigt sich deutlich und wir überlegen das Ganze abzubrechen und in den Bus zu steigen. Da die Steigung aber nach dem ersten Berg deutlich angenehmer wird, beschließt Toto es noch weiter zu versuchen und gegebenenfalls später einen Bus auf der Strecke anzuhalten. Wir lassen es langsam angehen mit vielen Pausen und erreichen – angetrieben von der schönen Landschaft – Dong Van am frühen Nachmittag.

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alles ok, trotz residueller Krankheit

alles ok, trotz residueller Krankheit

Am nächsten Tag erwartet uns nur eine kurze Etappe von 22km nach Meo Vac, doch immer noch merkt man, dass Toto nicht fit ist. Uns überkommen Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war schon loszufahren oder ob er sich noch hätte länger ausruhen müssen. Die Strecke ist die höchstgelobteste in unserem Reiseführer und der Grund warum wir hergekommen sind. Zu Recht, wie wir schnell merken. Kaum zu glauben, dass die Reisfeldidylle der letzten Tage noch zu übertreffen ist. Die Straße schlängelt sich hoch oben über einem Flusstal entlang, am Horizont sieht man endlos erscheinende Bergketten – atemberaubend! Wie magnetisch an den Felsen geklebt, sitzen die Hüttensiedlungen der Bewohner zwischen den unmenschlich steilen Feldern, die diese beackern. Pfade, die wohl nicht mal ein Maultier schafft winden sich die Hänge hoch.

bloss nicht lächeln

bloss nicht lächeln

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In Meo Vac beschließen wir uns noch einen Ruhetag zu gönnen, um Totos Gesundheit zu stabilisieren.  So bleiben wir bis Sonntag und schauen noch den wohl größten Minoritätenmarkt der Region an. Hier werden auch Großtiere wie Rinder gehandelt. Leider sind wir wohl etwas zu früh dran um 6 Uhr (wir müssen ja noch radfahren an dem Tag), die meisten Händler scheinen noch auf dem Weg zum Markt zu sein, sodass es noch nicht sehr voll ist und es eine weniger eindrucksvolle Erfahrung bleibt als in Yen Minh. Über 15km (!) kommen uns auf dem Rad dann noch zum Markt strömende Händler entgegen, eher Langschläfer in der Region oder sehr lange Laufwege?! Über Bao Lac und Tinh Tuc fahren wir dann in drei Tagen nach Cao Bang. Fehlende Unterkunftsmöglichkeiten machen es nötig lange Distanzen von jeweils mehr als 80 km am Tag in dem bergigen Terrain zu bewältigen (2200 Höhenmeter an einem Tag, neuer Rekord!) – das ist noch einmal eine Herausforderung. Zum Glück ist Toto aber wieder fit! In Bao Lac treffen wir Nils, einen deutschen Studenten, der eine Tour auf dem Motorrad durch Vietnam unternimmt. Dieser erzählt uns grinsend, wenn ein Berg kommt, sei das kein Problem, dann schalte er einfach einen Gang runter. Wir massieren doch etwas neidisch unsere schmerzenden Beine…

500 für eine Kuh? Dass ich nicht lache ...

500 für eine Kuh? Dass ich nicht lache …

exotische Tracht

exotische Tracht

Es scheint die Ecke der Deutschen zu sein, denn einen Abend später treffen wir eine Gruppe thüringischer Schmetterlingsforscher, die in Kooperation mit der Uni Hanoi hier im abgelegenen Berggebiet die seltensten Exemplare fangen, mit 10%igem Ammoniak töten und in Butterbrotpapier nooch heeme bringen. Definitiv ein lustiges freak Treffen.

In Cao Bang angekommen, möchten wir noch den Wasserfall „Ban Gioc“ an der chinesischen Grenze und die Nguom Ngao Höhle besichtigen. Da uns langsam die Zeit unseres Visums davonläuft, wissen wir, dass wir die Runde von 200 km nicht mit dem Rad schaffen können und leihen uns deshalb ein Motorrad. Leider gibt es in Cao Bang keine Automatikroller sondern nur Schaltmotorräder… ganz wohl ist uns bei der Sache nicht, aber wir freuen uns, wenn ein Berg kommt, einfach einen Gang runter schalten zu können. Ein paar Youtube-Videos später wissen wir, dass die Schaltung links und die Bremse rechts ist und dass es bei den asiatischen Rollern keine Kupplung gibt.. Um 6 Uhr morgens machen wir uns auf den Weg und schwören uns nicht schneller als 30 km/h zu fahren, um möglichst sicher anzukommen. Es kommt dann, wer hätte das gedacht, natürlich alles ganz anders! Nach fast zwei Monaten in Vietnam mit nur best asphaltierten Straßen, finden wir uns plötzlich auf einer schlechten dirt road wieder, mit Löchern die teilweise so groß sind, dass sie das Motorrad samt seiner Insassen verschlucken könnten. So geht es zwei Stunden über 40 km, wir nehmen es noch mit Humor und singen lauthals,  um uns bei Laune zu halten (zur Verwunderung der Minoritätendorfbewohner, aber die sind eh immer verwundet wenn sie uns sehen, insofern macht es wohl keinen Unterschied). Belohnt werden wir von einer sehr abgelegenen Gegend mit vielen kleinen authentischen Stammesdörfern. Die Landschaft besteht mal wieder aus schönen Reisfeldern und Kalkfelsen, aber auch aus etwas neuem: Zum ersten Mal sieht man neben Wasserbüffeln und Kühen Pferde grasen! Wir wundern uns, warum bisher keine der anderen Minoritäten diese praktischen Lastentiere gezüchtet hat. Schwer bepackt schleppen sie Holz und Zuckerrohr von A nach B. Zudem ist Fohlenzeit und in fast jedem Dorf stehen mehrere kleine Pferde im zum Hof gehörigen Gatter.

Minority mom

Minority mom

Zum ersten Mal Pferde hinter Cao Bang

Zum ersten Mal Pferde hinter Cao Bang

Den Rest des Weges zum Wasserfall ist dann wieder gut asphaltiert. Der Wasserfall ist Teil des Grenzflusses Quay Son zu China, wir können also zum ersten Mal wirklich nach China herüberschauen. Dort wird gerade ein typisch asiatischer Film gedreht: Ein Mädchen im weißen Gewand springt mit einem Schwert von einem Krangerüst und fliegt vor den Wasserfall. Der Wasserfall ist wirklich beeindruckend schön, wie aus einem Kitsch-Gemälde entsprungen! Danach motoradeln wir zur Höhle, die in einer malerischen Umgebung von grünen Maisfeldern und Kalkfelsen liegt. Sie wurde 1979 von den Dorfbewohnern als Schutz vor dem Angriff der Chinesen genutzt. Der unterirdische Fluss, der diese Höhle geformt hat, fließt auch jetzt noch durch sie durch. Man sieht ihn nie, aber man hört ihn im Dunkeln geheimnisvoll gluckern und plätschern.

Das linke Ufer ist China

Das linke Ufer ist China

Lotus-Stalaktit

Lotus-Stalaktit

Einen Kilometer lang geht es durch den Felsen, teilweise muss man auf allen Vieren durch kleine Öffnungen krabbeln,  manchmal kommt man in riesige Hallen. Alles ist schön beleuchtet, es ist sehr neblig und in der Ferne murmelt das Wasser. Erstaunlicherweise nochmal eine ganz andere Erfahrung als die anderen Höhlen, die wir besichtigt haben. Für den Rückweg suchen wir einen anderen  der drei möglichen Wege aus als auf der Hinfahrt. Am Anfang ist es nur schlechter Asphalt, sonst wären wir wahrscheinlich umgekehrt, doch dann kommt über mindesten 60 km die schlechteste Straße, sofern sie es überhaupt verdient hat als selbige bezeichnet zu werden, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Irgendwann tut uns alles nur noch weh, ich stütze mich im umgekehrten Vierfüßlerstand hinten auf der Maschine ab, um irgendwie die Schläge abzufedern und Toto fährt teilweise im Stehen. Am langersehnten Ende der Schotterpiste haben wir natürlich auch unsere 30 km/h Grenze vergessen und wollen nur noch schnellst möglich von diesem Teil absteigen.  Auf wunderbare Weise kommen wir nach einer gefühlten Ewigkeit ohne Platten (!!) am Abend in Cao Bang an. Ich habe die Rückenschmerzen meines Lebens, meine Beine schmerzen schlimmer als nach zehn Fahrradtagen, aber nun sind wir uns sicher: Gerne treten wir aus eigener Kraft die Hänge hoch! Wir beneiden keine Motorradfahrer! Um nichts in der Welt möchten wir tauschen!!!! Am Abend verlassen wir den Norden und nehmen den Nachtbus nach Hanoi…

Jetzt sind wir aus Hanoi auf dem Weg nach Westen, um übermorgen in Nameo nach Laos zu flüchten, bevor der Chinese Vietnam angreift (und unser Visum ausläuft).

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Mehr Bilder aus dem Norden (ganz unten)

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