Ruhetage in Yen Minh

Unserem Tatendrang vom Vortag zum Trotz ereilt Toto während der Nacht Halsschmerzen und leicht erhöhte Temperatur. Wir diskutieren lange, ob wir trotzdem fahren sollen, entscheiden uns, ob der Schwere der Etappe und der mangelnden Möglichkeit das Etappenziel näher zu wählen, dagegen. Eine gute Entscheidung wie sich zeigt, da Toto innerhalb weniger Stunden hohes Fieber entwickelt. Nicht auszumalen, wie es ihm damit am Berg ergangen wäre! Etwas bedauern wir, dass wir es nicht zum sonntäglichen Markt in Dong Van schaffen, der hochangepriesen wird und über den wir sogar schon ein Video im Ethnologiemuseum gesehen haben. Nach einiger Recherche bringen wir dann aber in Erfahrungen, dass auch hier ein allsonntägliches Minoritätentreffen stattfindet. Am nächsten Morgen wird schnell klar: Dieser Markt steht dem in Dong Van in puncto Trubel und Farbenspektakel um nichts nach. Und noch besser: Wir sind tatsächlich die einzigen Touristen und mindestens eine genauso große Kuriosität für die bunten Minoritäten wie sie für uns. Es scheint tatsächlich so, als verirrten sich nicht oft westliche hierher. Logisch, wenn man bedenkt, dass die meisten mit dem Motorrad unterwegs sind und von Ha Giang direkt in einem Tag nach Dong Van fahren. Welch glücklicher Zufall, dass wir dies erleben durften! Definitiv eines der Highlights auf der ganzen Reise!

Vorbereitung um 5 Uhr morgens zum Sunday Market in Yen Minh

Vorbereitung um 5 Uhr morgens zum Sunday Market in Yen Minh    

Es kommt uns vor als wäre hier die Zeit vor 200 Jahren einfach stehen geblieben (von dem Stand mit dem Plastikspielzeug mal abgesehen). Wie die ersten Entdecker wandern wir durch die engen Gassen, ernten neugierige, freundliche, erstaunte und auch manch ärgerlichen Blick, so scheint es jedenfalls. Einige sind so scheu, dass sie sich gar nicht trauen richtig hinzu schauen, neigen den Kopf nach unten und schielen dann aus dem Augenwinkel nach oben. Toto ist natürlich ein besonders skurriler Riese! Aber auch ich bin, so merken wir schnell in dem Gedränge, fast einen Kopf größer als alle Männer! Welch seltsamer Anblick muss es gewesen sein, wie sich zwei blasse Riesen durch das Gedränge schieben und ständig mit den Köpfen in den Schnüren der aufgespannten Planen verfangen. Wir widerum sind fasziniert von Getümmel und Farbenpracht.

2 Stunden später sind die engen Marktgassen verstopft

2 Stunden später sind die engen Marktgassen verstopft

Im Ethnologiemuseum haben wir gelernt, dass in dieser Region vorwiegend Angehörige der Tay und Nung Minorität und in zwei kleinen Gebieten die Hmong und Dau (sprich: Sau) wohnen. Diese spalten sich wieder in unzählige Untergruppen auf: White Tay, Black Tay, Flower Hmong, Green Hmong, Red Dau etc. Den Überblick zu behalten scheint für uns unmöglich. Die Stämme haben nicht nur verschiedene Kleidung, sondern auch eigene Sprachen. Die Kinder lernen zwar alle Vietnamesisch in der Schule, jedoch können viele ältere, so erzählt uns unser Guide Mu aus Sapa während unserer Halong Bay Kreuzfahrt, gar kein Vietnameisch. Die Tay und die Nung sprechen die gleiche Sprache. Wenn eine Dau Frau heiratet darf sie 9 Monate nicht mit ihrem Schwiegervater reden und sich 6 Monate in Gegenwart anderer nicht setzen. Die Hmong, wie schon in einem vorherigen Blockartikel erwähnt, praktizieren auch heute noch Brautkidnapping. Soviel zur funny facts Sammlung…

 

Nung Mädchen

Nung Mädchen

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Einige Stämme sind klar auseinander zu halten. „Die mit dem roten Kopftuch und Silberplimmbimm und den Hals“ zum Beispiel oder „Die mit dem Schal noch zusätzlich über dem Kopftuch quer um den Kopf“. Alle anderen haben bunte Kopftücher und Seiden- oder Woll-Ao Dais – die geschlitzte schürzenähnliche vietnamesische Rumpfkleidung. Die Männer sehen mit groben schwarzen geknöpften Hemden alle gleich aus. Grundsätzlich gilt: je älter, desto imposanter. Die Furchen des harten Lebens hier verleihen ihren Besitzern eine unheimliche Aura von Autorität und den Zauber einer anderen Zeit. Als Statussymbol so scheint es uns wird oft noch der Mopedhelm über Kopftuch getragen.

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Einige Marktfrauen haben nur einige Knollen Knoblauch vor sich liegen, andere bieten lange Stoffbahnen feil. Separiert ist die Abteilung für lebende Tiere, wo zahlreiche Ferkel um ihr Leben quieken. Sie sind an Leinen oder mittels Bambusgeflechten verschnürt. Besser haben es die kleinen Welpen, die ebenfalls angeboten werden. Aber wir sind uns immer noch nicht sicher, ob sie als Wachhund oder Sattmachhund gedacht sind. Bestimmt dreißig Frauen stehen hier auch in Reih und Glied alle mit einem in einem Bambuskorb gefangenen Hühnchen. Es ist kaum zu glauben, dass es sich dafür lohnt aus den fernen Bergdörfern zum Markt zu kommen!

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In der Reis- und Maisabteilung stehen wiederum bestimmt 50 verschiedene Händler mit exakt gleich aussehenden Reis- und Maiskörben und bieten ihre Ware feil. Nach welchen Kriterien man hier Ware oder Händler auswählen soll, ist uns völlig unklar. Daneben liegen schön aufgereiht die Zuckerrohre von dünn bis dick sortiert.

Gemüse und Reisabteilung

Gemüse und Reisabteilung

Nach 2h Trubel bringe ich den Patienten zurück ins Bett, wo er schnell tiefen Fieberträumen verfällt. Das alte Dilemma „Fieber im Malariagebiet“ – Medikamente nehmen oder nicht – löst sich gottseidank von selbst: Wir finden heraus, dass tatsächlich ein westliches Krankenhaus im Rahmen eines Projektes der Verbesserung der Gesundheit der Bergvölkerung in dieser abgelegenen Region gibt. Wir zögern nicht und pilgern den Kilometer aus der Stadt hinaus, um Totos Blut mikroskopieren zu lassen. Dort angekommen steht grade zufällig die (Chef?)ärztin vor ihrem Luxustoyota, offensichtlich wollte sie gerade heimfahren und redet auf uns auf Vietnamesisch ein. Wir versuchen ihr mit Hilfe von Google Translate zu verstehen zu geben, dass wir sie nicht verstehen und ob man hier einen Malariatest machen kann. Ihre Antwort, die sie in Google Translate auf Totos Handy eingibt lautet: No Fever, hard heart! Äh, bitte was? Da die ganzen vietnamesischen Akzente auf der Handytastatur fehlen, funktioniert das Übersetzen aus dem Vietnamesischen wohl nicht so gut…Nach einigem hin und her, können wir sie dann aber davon überzeugen, dass Toto hohes Fieber hat und sie bringt uns ins Labor, wo tatsächlich eine einzelne Laborantin am Sonntag Dienst schiebt. Wovon wir die Ärztin aber nicht überzeugen konnten war, dass wir sie WIRKLICH NICHTS verstehen, denn sie redet bis zum Schluss einfach unablässig auf uns ein und hofft wohl, dass wenn sie es oft genug sagt, wir vielleicht plötzlich Vietnamesisch sprechen. Zeichensprache Fehlanzeige! Während Toto Blut abgenommen wird, unterhalte ich mich noch ein wenig mit ihr nach folgendem Muster: Sie redet vietnamesisch, ich zucke mit den Schultern und zeige aufs Handy, worauf sie etwas eintippt, mit meist lustigen Ergebnissen, aber doch hin und wieder verständlich (How old is this male?). Sie scheint hingegen gut zu verstehen, was ich eintippe. Ich erzähle ihr, dass wir Ärzte aus Deutschland sind, in der Hoffnung, dass sie sich vielleicht mehr Mühe gibt. Ihre Gegenfrage: Wie lange habt ihr schon gearbeitet? Hm..da können wir wohl nicht punkten! Sie erzählt, sie arbeitet seit sieben Jahren. Am Ende sagt sie, wir sollen in 2 Stunden oder um 2 Uhr wiederkommen (Google Translate war da leider nicht eindeutig). Als wir nach 2,25 h um 13:20 Uhr wiederkommen ist von der Ärztin oder der Laborantin keine Spur. Wir entdecken Totos Ergebnis auf dem Tisch im Labor durch die Glastür, können es aber nicht lesen. Auch nach 2 Uhr kommt niemand, also beschließen wir ins Labor einzubrechen (die Tür war unverschlossen) und übersetzen mit Hilfe von Google: Not found parasitemia. Hoffentlich keine Fehlübersetzung…Wir hinterlassen noch ein wenig Geld für die Mühen und machen uns auf den Heimweg. Am Abend wird deutlich, auch morgen wird es noch nicht weiter gehen. Das Fieberthermometer kratzt mal wieder an den 40 Grad. Vorsorglich schicke ich den abfotografierten Untersuchungsbefund noch an eine Freundin, dessen Freundesmutter Vietnamesisch spricht..sicher ist sicher!

Aktuell geht es Toto endlich wieder gut und wir hoffen, morgen das beschauliche Yen Minh nach sechs Tagen verlassen zu können! Neben dem tollem Markt hatte diese Zwangspause aber auch noch etwas Gutes für sich: Wir haben mit der Planung für Südamerika begonnen!

Blick aus unserem Hotelzimmer - den konnten wir jetzt lange genug genießen!

Blick aus unserem Hotelzimmer – den konnten wir jetzt lange genug genießen!

Frau Holle?

Frau Holle?

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