Regenwolken über Hanoi

Aus dem Nachtbus aus Dong Le im Phong Nha Ke Bang NPA steigen wir etwas benommen aus. Die Strecke war reichlich kurvig und wir haben wenig Schlaf gefunden, trotz eines sehr modernen Busses. Die Hälfte der Vietnamesen schläft noch ihren tiefen Schlaf mit dem sie der Umgebungslärm dieses Landes von frühester Kindheit an gesegnet hat.

Cyclos im Stadtbild

Cyclos im Stadtbild

Vielleicht ein kurzes Wort zum Lärm. Im Verkehr ist es vollkommen normal bei jedem Überholmanöver seine Hupe – kurz bevor man überholt – einzusetzen, als freundliches „Platz da“. Das Problem daran ist, dass alle Autos und LKW sich extra ohrenbetäubende Hupen einbauen haben lassen, die meist mit der Größe des Gefährts korrelieren und so kann es schon sein, dass man sich nach einer unerwarteten LKW-Hupe zitternd im Seitenstreifen wiederfindet. Das Schlimmste ist, wenn der LKW schon vorbei ist und man innerlich abgeschaltet hat… Im Alltag herrscht fast überall ein dermaßenes Gedränge, dass das Sprechorgan Marktschreier, Scootermotoren und andere Gespräche übertönen muss. Dabei klingt die Sprache dann oft nach einem heftigen Streit, aber kurz darauf wird herzhaft gelacht.

unglaublich nah und extrem laut

unglaublich nah und extrem laut

An der Busstation in Hanoi ist es jedenfalls noch halbwegs ruhig um fünf Uhr morgens und so treten wir in den Nieselregen (!), der uns empfängt. Die Räder sind gut angekommen und so satteln wir – von der üblichen Motofahrertraube umringt – auf und rollen durch den morgendlichen Verkehr ins Stadtzentrum. Neben uns sind erstaunlich viele Fahrräder unterwegs, die frische Blumen, Gemüse, ausgenommene Schweine und Schüler in die Altstadt bringen. Die Fahrerinnen haben Reishüte an und nur die blauen Mülltütenmäntel gegen die Nässe stören das romantische Bild. Um die Seen, von denen es in Hanoi einige gibt – joggen die Hanoier zu dieser frühen Stunde mit eiserner Disziplin und auch die runzeligste Oma macht bei einer open air aerobic Gruppe mit hämmernden Bässen wie selbstverständlich mit.

Szene am Zentralmarkt

Szene am Zentralmarkt

Wir finden ein sehr nettes kleines Hotel mitten in der Altstadt. Überhaupt die Altstadt. Ein Gewirr von engen Gassen schlingt sich ungeordnet gleich einer wilden Pflanze durch die alten Häuser und es passiert oft, dass man überraschenderweise im Kreis läuft, obwohl man doch nur geradeaus gelaufen ist. Es gibt – verglichen mit Saigon – erstaunlich wenige touristische Souvenirgeschäfte und im Handwerkerviertel sind die Zünfte nach alter Art in Straßen eingeteilt. Hier findet man Spiegelmacher, dort Holzschnitzer, eine Gasse weiter hämmern die Messingschmiede und stören die Ruhe der daneben angesiedelten Verkäufern von Ahnenaltären. Schuhmacher und Goldschmiede haben ebenfalls feste kleine Shops. Zudem drängen sich Obst-, Blumen- und Souvenirhändler mit vollbeladenen Rädern über die Straßen. Das Passieren der Gehsteige ist unmöglich: überall stehen in Reih und Glied Scooter an Scooter und sollte sich tatsächlich mal ein 2m² großer Freiraum befinden, haben sich sicher die netten kleinen Plastikstühle eines street food Standes oder chinesisches Schach spielende Ladeninhaber darauf niedergelassen.

Blumenfrau in den Altstadtgassen

Blumenfrau in den Altstadtgassen

Eingestreut zwischen die lebendige Handelswelt sind alte  kleine Tempel und Pagoden zurückversetzt hinter die erste Reihe, wo in einer unglaublichen Farbenpracht (auch gerne LED und Neon) die Ahnen, der Erfolg und auch der schnöde Mammon mit Rauchopfern und Lebensmittelgaben verehrt wird. Etwas störend sind die teils aufdringlichen Verkäufer, die bei der kürzesten Pause mit einer Sekundenkleberdose an unseren Flip-Flops herumhantieren oder einem eine Ananas mehr in als unter die Nase halten. Dennoch geht der Authentizitäts- und Chaospunkt im direkten Vergleich klar nach Hanoi und nicht HCMC. Ist man vom Mäandern in den Gassen erschöpft ist sicher im Umkreis von 50 Metern das nächste Kaffee – Vietnam ist nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeproduzent – und viel zu exportieren bleibt bei unserem Konsum nicht.

Tempel in einem Hanoier Hinterhaus

Tempel in einem Hanoier Hinterhaus

Da der Himmel auch die nächsten Tage wolkenverhangen bleibt, führt uns unser Weg in die Museen der Stadt, die von gemischter Qualität sind. Als erstes erkunden wir das wundervolle Ethnologie Museum. Es stellt die 54 Minoritäten Vietnams liebevoll und mit hunderten Bild- und Videoquellen dar und arbeitet die Unterschiede zwischen red, black, blue & green Hmong, Thais, Mon, etc. heraus. Im Garten stehen die traditionellen Behausungen der Stämme, die wir bereits im Phong Nha Ke Bang NPA und an der chinesischen Grenze mit eigenen Augen sehen konnten. Eine große Halle zeigt die Kunsthandwerksschätze, die über die Jahre von den verschiedenen Kulturen hervorgebracht wurden.

Hüte je nach Rang mit aufwändiger Verzierung

Hüte je nach Rang mit aufwändiger Verzierung

Gemeinschaftshaus der hill tribes

Gemeinschaftshaus der hill tribes

Schattenspiel

Schattenspiel

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Verständlicherweise werden allerdings die Konflikt der ethnischen Viet, die das Land von Norden nach Süden eroberten und die Minoritäten in die Berge zurückdrängten ebenso verschwiegen, wie die Tatsache, dass einige Minoritäten an der Seite der Amerikaner aktiv gegen die Viets kämpften und darum auch noch heute zu den ärmsten und am wenigsten beachtetsten Bevölkerungsgruppen des Landes zählen.

Lustigerweise befindet sich auf dem Komplex eine Wanderausstellung über sexuelle Aufklärung und vietnamesische Teenager drücken sich in Scharen hindurch. Für uns ist es spannend, wie aufgeklärt und tolerant von offizieller Seite die Themen Jungfräulichkeit und Homosexualität dargestellt werden und die Kommentare der Kinder zu lesen, die noch von tiefer Scham und in traditionellen Sichtweisen zeugen. Eine sexuelle Revolution scheint sich in den Metropolen anzubahnen, aber auf dem Land erscheint sie uns noch Jahrzehnte weg.

In Reih und Glied dürfen wir endlich mal gaffen

In Reih und Glied dürfen wir endlich mal gaffen

Danach besichtigen wir den temple of literature – man könnte sagen die erste Universität Vietnams, die ca. 1000 n. Chr. eröffnet wurde und zunächst nur der adeligen Elite, dann aber auch den besten bürgerlichen Köpfen des Landes den Zugang zu Mandarinämtern und höhere Bildung verschaffte. Das Heiligtum ist eine Konfuziusstatue, die von Trauben von jungen Studenten – und ihren Eltern! – mit Opfergaben um Gnade bei der nächsten Klausur gebeten wird. Im Hof feiern frisch diplomierte ihren Abschluss.

Alle neune

Alle neune

Konfuzius hilft

Konfuzius hilft

Absolventen im Hof

Absolventen im Hof

Da unsere Suche nach einer Halongkreuzfahrt noch etwas länger dauert, bleiben wir noch einen weiteren Tag. Von gefeierten womens‘ museum hatten wir uns aber mehr als nur ein paar hübsche Exponate über die familiären Sitten erwartet, die im Grunde das KKK-Bild der traditionellen Rollenverteilung darstellen – nur ein paar kurze Lebensgeschichten von erfolgreichen Frauen stellen eine Alternative dar. Kein Wort zur im Land allgegenwärtigen „spa/karaoke“-Kultur, die tausende Frauen in die Prostitution zwingt, kein Wort zu Lohnunterschieden oder sexueller Freiheit von Frauen. Wie zum Hohn findet im Vorraum ein Mango-outlet statt, bei dem sich die Vietnamesinnen um highheels und Kleider an Wühltischen prügeln.

Wir feiern auch unseren Studienabschluss

Wir feiern auch unseren Studienabschluss

Den Abschluss macht das history museum of vietnam. Von der Steinzeit bis zu den aktuellen Parolen ist hier alles in doppelt und dreifacher Ausführung vorhanden. Leider steht der Punkt am Ende eines langen Tages und so fällt es uns schwer, uns in die vorwiegend auf Vietnamesisch beschrifteten – oft herausragenden – Exponate, einzudenken.  Der moderne Part über den Krieg mit den USA ist im Gegensatz zum Museum in HCMC allerdings vollkommen von schwülstiger Propaganda und „Onkel Hos Spazierstockcharme“ verstellt. Punkt in der Museenwertung geht somit an HCMC.

Von Hanoi aus lassen wir Räder (beim Service) und Gepäck (im Hotel) und checken auf eine dreitägige Kreuzfahrt in die Halong- und Bai Tu Long-Bay ein. So früh das Alter der sahnetortenessenden Kreuzfahrer zu erreichen schockiert uns auch etwas, aber dazu später mehr.

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