Etwas andere Tage in Saigon / HCMC

Eine Woche waren wir in Saigon wegen dem Ärger mit dem Visum und weil HCMC eine Reihe von Attraktionen der etwas anderen Art bietet. Die eigentliche Innenstadt ist mit breiten Straßen, Baumbewuchs, kolonialen Gebäuden und Parks erstaunlich ruhig. In einem Antiquitätengeschäft chinesisches Schach spielende Senioren erfüllen das Cliché des alten mysteriösen Saigons in bester Weise. Wir fachsimpeln natürlich mit: „Jetzt Elephant auf IV3 und dann Kanone auf VII5, dann hat der rote General verloren.“

Straßenbild in Alt-Saigon

Straßenbild in Alt-Saigon

Elephant auf D4!

Elephant auf D4!

Allerdings ist der Verkehr sonst einigermaßen höllisch und unsere Radausflüge wurden dadurch zum Vergnügen der anderen Art. Der Verkehr ist wie eine organische Masse, die sich durch die Straße wälzt. Sobald man auf dem Rad ist, wird man verschlungen von diesem endlosen Scooter-Wurm, der sich amorph Hindernissen wie parkenden Autos, Fußgängern, Schildern und Gebäuden anpasst und wieder ausgespuckt mit einem Dröhnen im Ohr vom Dauerhupen, das hier als Art Sonar oder Reviermarkierung dient. Das schönste Bild ist das Linksabbiegen eines Scooterhaufens durch eine undurchdringliche Verkehrskolonne, bei dem es tatsächlich gelingt, dass sich die Scooter schadlos durchzwängen.

Als erstes geht es hoch hinaus auf den alles überragenden Bitexco Financial Tower. Hier gibt es im 51. Stock ein Café, von dem aus sich das hippe Zentrum mit grünen Bäumen in den Straßen, der geschwungene Saigon-River mit Kreuzfahrschiffen darauf, die endlosen Wellblechdächer der Peripherie und die anderen Türme der boomenden Skyline beobachten lassen. Es ist mit Sicherheit der teuerste Latte Macchiato unserer Reise, aber da die Aussichtsterasse eine Etage drunter allein 10$ Eintritt kostet, war er mit 7$ immer noch spottbillig.

Der Bitexco Tower - Café im 51. Stock mit abartiger Aussicht und abartigen Preisen: 1 Minute Aufzug verteuert die Cola von 50 Cent auf 7$ !

Der Bitexco Tower – 1 Minute Aufzug verteuert die Cola von 50 Cent auf 7$ !

7$ Latte Macchiato im Bitexco Tower

7$ Latte Macchiato im Bitexco Tower

Blick über den Saigon River

Blick über den Saigon River

Auf dem Ben Thanh Markt der Stadt gibt es jede Menge gefälschter Klamotten und wir bringen das Kunststück fertig, den Ausgangspreis von 550.000 VND auf 200.000 VND für ein „Nike-Polo“ zu drücken, nur um darauf festzustellen, dass es auf dem Einheimischenmarkt gegenüber für 150.000 VND oder noch billiger zu haben gewesen wäre. Außerdem zerren die Verkäufer buchstäblich an einem und brüllen ihr charmantes „BUY SOMETHING !! MADAME, SIR !!!“ in unsere Ohren. Allein die Kunsthandwerkabteilung hat eine etwas dezentere Herangehensweise und bietet tatsächlich einige hübsche und ausgefallene Souvenirs neben dem üblichen Ramsch.

Ben Thanh Markt in HCMC - Wahrzeichen der Stadt

Ben Thanh Markt in HCMC – Wahrzeichen der Stadt

Das historische Post Office ist, wie die nebenstehende Kathedrale „Notre Dame“, noch der französischen Kolonialherrschaft zu verdanken und begeistert mit viel Flair von anno dazumal. Heute ist aber auch hier mehr Souvenirgeschäft denn Paketannahme. Die hochgelobte Oper, die ebenfalls aus der Kolonialzeit stammt, besichtigen wir im Rahmen einer Ballettaufführung. Wir haben in so kurzer Zeit noch nie so viele Menschen auf den Hosenboden fliegen sehen. Dennoch war die Cola und Chips konsumierende Meute, die durchschnittlich 15 Minuten zu spät erschien ein guter Einblick in die westliche Kulturlandschaft von Vietnam und versicherte uns, dass bis zur Kristallisation eines Bildungsbürgertums westlichen Anstrichs in Vietnam wohl noch einige Jahrzehnte vergehen werden.

altes Postamt mit Fernsprechern

altes Postamt mit Fernsprechern

Heute v.a. Touristenmagnet und Souvenirshop

Heute v.a. Touristenmagnet und Souvenirshop

Notre Dame

Notre Dame

Im ehemaligen Regierungssitz von Südvietnam können wir die Stimmung der düsteren Krisensitzungen der amerikanischen Präsidenten nachvollziehen ob des nahenden „VC“ und die dramatischen Momente der Evakuation der US-Bürger und –Berater aus der Stadt. Auf dem Gelände wird ein Widerstandskämpfer verehrt, der sich monatelang zu einem Pilot Südvietnams ausbilden ließ, nur um dann den Präsidentenpalast mit zwei Granaten zu bewerfen. Der Präsident fand allerdings im immensen Bunkersystem Schutz.

Hubschrauberlandeplatz des ehemaligen südvietnamesischen Regierungssitzes: wurde an den zwei roten Stellen von einem als Helden verehrten infiltrierten VC durch die eigene Luftwaffe beschossen

Hubschrauberlandeplatz – durch die eigene Luftwaffe beschossen

Empfangssaal im ehemaligen Regierungssitz von Südvietnam: hier gaben sich die US-Berater die Klinke in die Hand und mehrfach saßen hier US-Präsidenten über dem Kriegsplan

Empfangssaal im ehemaligen Regierungssitz von Südvietnam: hier gaben sich die US-Berater die Klinke in die Hand und mehrfach saßen hier US-Präsidenten über dem Kriegsplan

Das War Remnants Museum bietet einen erstaunlich sachlichen und offensichtlich erschreckenden Eindruck über die Leiden der vietnamesischen Zivilbevölkerung, aber auch der amerikanischen Soldaten zur Zeit des Krieges. Eine herausragende Fotoausstellung von Fotographen beider Parteien zeigt die unaussprechlichen Momente des Horrors, der Verzweiflung, des Todes, aber auch der Hoffnung. Die Kriegsverbrechen beider Seiten, v.a. der amerikanischen Seite mit hemmungslosem Einsatz von agent orange und den Folgen auch heute noch für die Bevölkerung erschüttern tief. Jeder, der über einen Kriegseinsatz gleich welcher Art nachdenkt, sollte vorher dieses Museum besuchen und sich im Klaren darüber werden, welche unvermeidlichen Greuel so eine Entscheidung mit sich bringt. Im Hof stehen die massiven Kriegsmaschinen, die es dennoch nicht vermochten den Willen des vietnamesischen Volkes zu brechen.

 

Geheimnisvoll geht es in der Pagode des Jadekaisers zu. Hier verehren im Halbdunkel die Angehörigen des Daoismus im Räucherstäbchenrauch mit Verbeugungen und stummen Gebeten den Chef des Himmels und seine Generäle. Die zum Teil schaurigen Puppen ebenso gruselig wie der handgreifliche Wärter, der uns anschreit und uns grundlos (?!) des Platzes verweist. Freundlichkeit gehört wohl nicht zu den Tugenden dieser Religion.

furchteinflößende Generäle des Jadekaisers

furchteinflößende Generäle des Jadekaisers

Da hilft nur noch der Jadekaiser

Licht im Dunkel

Im vom Pharmakonzern FITO gesponserten Museum für traditionell-vietnamesische Medizin sieht man die geheimnisvollen alten Rezepte, Mörser, Wagen, Kräuterbücher und Gelehrtenbilder. Wegen fehlender Erklärungen  bleibt es allerdings beim großen Mysterium. Immerhin ist das Gebäude in einem alten Holzhaus wunderschön und die Stimmung zugegebenerweise dem Placeboeffekt dienlich. Ein abschließender grüner Tee mit Pilz stärkt Immunsystem und Kauflaune.

Wagenabteilung in dem Museum für traditionell vietnamesische Medizin

Wagenabteilung in dem Museum für traditionell vietnamesische Medizin

Zum krönenden Abschluss wird der Dam Sen Wasserpark – ein immenser Rutschenpark, der erstaunlich modern und gut in Schuss ist. Ganz geheuer sind uns die Rutschen, bei denen man sich zum Teil von über 20 Meter Höhe im Schuss in dunkle Röhren stürzt oder eine gigantische Halfpipe, die man mit einer Art Schlauchboot durchrast, dennoch nicht. Die quietschende vietnamesische Jugend überzeugt uns davon, dass Asiaten doch Emotionen haben und auch zeigen können.

Wo steigt man auf?

Wo steigt man auf?

Guguck! Lola nimmt Onkel Ho unter die Lupe - so löchrig ist der Dong

Guguck! Lola nimmt Onkel Ho unter die Lupe – so löchrig ist der Dong

Von HCMC haben wir den Nachtzug nach Danang genommen und die Räder schon zwei Tage vorher im Gepäckzug vorgeschickt und waren sehr froh, sie in Danang heil wiederzusehen. Die vorbeiziehenden Reisfelder mit Wasserbüffeln und zahllosen Reisbauern vor Bergkulisse waren die Reise auf diese Weise ebenso wert wie die sich über uns wegen unserer Taschen, Kleidung und Frieren im klimatisierten Zug amüsierenden Vietnamesen. Das Abteil hat zwei Fernseher und wird in dröhnender Lautstärke mit vietnamesischen Telenovelas beschallt. Der Bus hätte sogar 10 Stunden länger gedauert. Die nächsten Tage werden wir im stimmungsvollen Hoi An verbringen, um dann nach Norden wieder per Rad in Richtung Hue weiterzufahren.

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