Mekong-Delta – zwei Gesichter

Wir stehen sehr früh auf und sitzen pünktlich um sechs im Sattel aus Rach Gia heraus. Noch schneller waren nur ca. 1 Million Vietnamesen, die schon seit Stunden auf den Beinen sind. Markt und Geschäfte sind aufgebaut und aus allen Kesseln dampft es schon eifrig. Hühnerbeine, Fische und Unidentifizierbares drehen sich über den Kohlegrills, auf die ein Ventilator gerichtet ist, so dass wir immer wieder leckere Feinstaub- und Fettwolken durchqueren.

Scooterdschungel in Rach Gia

Scooterdschungel in Rach Gia

Kaum auf der Hauptstraße reihen wir uns in die endlose Kolonne von Scootern ein, die in beide Richtungen rollt. Die Gesetze dabei sind einfach: jeder macht dem anderen Platz und nimmt Rücksicht. Es ist kein aggressives Fahren, sondern ein Nebeneinander. Aggressoren sind lediglich LKWs und Busse. Die Busse rasen im Affenzahn zwischen den Spuren oder mehr auf der Gegenfahrbahn vorbei an den Fußgängern ganz rechts, den Scootern links und den Radlern dazwischen – eine schwarze Abgaswolke hinter sich herziehend. Dabei hupen sie ohrenbetäubend. Viele haben sich extra kunstvolle Melodiehupen einbauen lassen. Sie scheren dann allerdings alle 500m wieder nach rechts, um Trauben von Schulkindern und Erwachsenen ein- und auszuladen, nur um sich danach mit umso größerer Durchsetzungskraft wieder ins Gewühl zu stürzen.

Das Fahren erfordert daher ziemliche Konzentration, denn es kommen zahlreiche Geisterscooter aus kleinen Wegen, die erstmal einige hundert Meter auf der Gegenfahrbahn fahren, um sich dann einzureihen. Zudem wollen hunderte Essenswagen und O-beinig radelnde Schulkinder (meist zu dritt auf dem Rad) überholt werden. Die Kunst ist es dann noch den vielen Kindern und lachenden Müttern zuzuwinken, die unter den Vordächern „Hello!!“ rufen und frenetisch (aber nicht so frenetisch wie die Kambodschaner) winken. Zweimal touchiere ich Lauras Gepäcktaschen in diesem real life Autoscooter, sonst passiert nichts.

Wir hatten von diesem starken und wegen des ständigen Hupens nervigen Verkehr schon bei vielen anderen Radlern gelesen. Wiederum andere allerdings waren vom Mekongdelta grenzenlos begeistert. Die Diskrepanz erklärte sich nach 20km.

darf es etwas weniger Verkehr sein? Ja, gern auch gar keiner.

darf es etwas weniger Verkehr sein? Ja, gern auch gar keiner.

Wir verlassen die Hauptstraße und biegen auf eine kleine Straße entlang einem der unzähligen Kanäle. Hier ist sofort eine himmlische Ruhe. Man kann sich sogar unterhalten, ohne sich anzuschreien und nur jedes dritte Wort zu verstehen. Uns bleibt nun auch die Zeit für den Blick nach rechts und links.

Rechts im Kanal treiben eine Art Wassertangpflanzen, die teils sehr dicht stehen – wir wundern uns, dass hier überhaupt die Schiffsschrauben noch durchkommen. Es tuckern gemütlich Boot um Boot an uns vorbei und uns entgegen. Zum Teil sind sie bemalt mit schaurigen Augen vorne am Bug. Alles was zu viel für einen Scooter ist, wird auf dem Boot transportiert: Tonnen von Wassermelonen und Ananas, Holz vom ganzen Baumstamm bis kleinen Brettern, Ziegelsteine, Sand und natürlich Reis.

typische Häuser am Kanal mit Bootsverkehr

typische Häuser am Kanal mit Bootsverkehr

Links hinter den Häusern steht Feld an Feld der Reis. Diesmal allerdings nicht wie in Kambodscha trocken und grau, sondern im sattesten Grün. Es gibt hier keinen Quadratzentimeter, der nicht landwirtschaftlich genutzt wird. Fast jede Pflanze ist eine Nutzpflanze und so züchtet jeder im eigenen Vorgarten Kürbisse, Gurken, Melonen, Bananen und trocknet den Reis vor seinem Holzhaus. Ist da noch ein m² im Seitenstreifen der Straße frei? Dann nichts wie aufgeackert und die Kräuter für das Familienessen angebaut.

Reisbauer

Reisbauer

Vollkommen gigantisch wird es dann nach weiteren 10km. Wir besteigen eine kleine Fähre und sie bringt uns auf eine der vielen „Inseln“, die nur von Kanälen umspült werden und nicht per Auto erreicht werden können. Im Inselinneren wird Reis angebaut und an den Kanälen entlang steht Haus an Haus. Der einzige Weg ist ein 1m breiter Betonweg, der vor den Häusern entlang am Kanal entlang geführt wird. Hier spielt sich das gesamte Leben der Mekongdeltabewohner ab.

Frau trampelt ihren Reis breit

Frau trampelt ihren Reis breit

Das Moped vor uns hat Obst, Gemüse, Fleisch und Backwaren und hält ab und zu an, um den Insulierten etwas zu verkaufen. Auf dem Weg liegt der frische Reis zum trocknen. Die ersten Male steigen wir noch ab, aber die Scooterspuren im Reis und die Vietnamesen bedeuten uns, einfach durch die Körner zu pflügen. Ab und zu geht eine Fabrikhalle über den Weg bis ans Ufer. Meist sind es Reisdreschen, wo der Reis gedroschen und über Förderbänder bis direkt ins Schiff geladen wird. Auf dem Kanal nach wie vor geschäftiges Treiben: Transport, Handel und Fischfang. Kleine Stege führen in den Kanal, wo Abwasch und Hygiene verrichtet wird. Immer wieder kommen auch aus dem Inselinneren kleine Kanäle zur Bewässerung der Reisfelder, die man dann über aberwitzige Brückenkonstruktionen passiert. Manche sind nur einen halben Meter breit und haben natürlich kein Geländer, wiederum andere so steil, dass man nur mit Schwung und Angst den höchsten Punkt erreicht, um dann auf der anderen Seite genauso steil wieder abzustürzen.  Der Weg ist tatsächlich hervorragend, kaum eine Unebenheit und kein Schlamm.

auf einer der hunderten Brücken

auf einer der hunderten Brücken

Mehr Reis zum Trocknen

Mehr Reis zum Trocknen

Nach 20km dieses Vergnügens lassen wir uns auf einem kleinen Steg nieder, um von den einheimischen Jungs beäugt eine Mango zu essen. Heimlich werden Fotos gemacht von den exotischen Besuchern. Im Vergleich zu den Kambodschanern sind die Vietnamesen doch deutlich schüchterner und zurückhaltender in ihren Begrüßungen.

einer der Tausenden Kanäle

einer der Tausenden Kanäle

Mehrmals überqueren wir die Kanäle mit kleinen Fähren, die für Centbeträge Fußgänger, Räder und Scooter über den Kanal rudern. Die Schönste ist eine winzige Fähre, die nur aus zwei leeren Benzinfässern besteht und auf die wir mit den Rädern kaum passen.

auf den zwei Benzinfässern - leer zum Glück

auf den zwei Benzinfässern – leer zum Glück

Ein paar Kilometer weiter sitzt ein Vietnamese am Ufer und lässt ein Hühnerküken auf dem Wasser in einer Art Angel laufen, so dass seine Füße gerade die Oberfläche erreichen. Laura meint: „Bringt er ihm schwimmen bei?!“ Ich meine: „Er wartet, bis ein Krokodil beißt“. Aber keins von beiden stimmt, denn plötzlich reißt er ruckartig die Angel (samt Küken) nach oben und es windet sich ein großer welsartiger Fisch am Ufer, der offensichtlich vom Küken angelockt wurde und dafür den Preis des gerechten Mittagessenstods auf dem Grill stirbt.

aparte Angeltechnik - der Köder hat weniger Spaß

aparte Angeltechnik – der Köder hat weniger Spaß

Um diese kleinen Wege zu finden, hatten wir uns am Vorabend ein Potpourri aus Google Maps, OpenStreetMap und auch alten russischen Militärkarten gemixt, die es sämtlich als Android-Apps gibt. Mir ist es vollkommen unverständlich wie eine Navigation in dieser von keiner Karte der Welt erfassten Gegend ohne GPS überhaupt möglich sein soll. Uns kommt zugute, dass wir in Vietnam auch 1,3 GB Internet haben und somit auch Satellitenbilder zu Rate ziehen können, denn die meisten Wege sind weder bei Google noch OSM überhaupt verzeichnet. Natürlich verfahren wir uns im Kanal- und Brückengewirr ein paar Mal, aber dadurch gelangen wir von roads less travelled auf roads NOT travelled und finden jedes Mal mit Ortung und Einheimischen wieder zur gewünschten Strecke. Im Zweifel gibt es eben doch eine Brücke, Fähre oder Weg, der einen sinnvoll weiterbringt.

Kanalkulisse

Kanalkulisse

Die Vegetation ist dermaßen üppig, dass man ständig von sattestem Grün umgeben ist. Es ist unglaublich zu sehen, was mit unendlicher Wasserzufuhr und unendlicher Hitze und Sonne dem Land abzugewinnen ist. Insgesamt leben in der Deltaregion ca. 15 Millionen Menschen, die alle ernährt werden und es wird natürlich noch reichlich exportiert. Die unendliche Hitze kombiniert mit den vielen Wasseroberflächen führt allerdings auch zu mäßig bis schwer zu ertragender Schwüle, die uns in den Mittagsstunden zu einer vietnamesischen Mittagspause nötigt. Das geht so: Man bestellt eine vietnamesische Köstlichkeit für 1$ zu essen, trinkt eiskalten Zuckerrohrsaft für 25 Cent und legt sich danach eine Stunde in die Hängematten, die in jedem Restaurant zur Siesta einladen und häufig frequentiert sind.

Reishüte für jung und alt - früh wird man zum Cliché erzogen

Reishüte für jung und alt – früh wird man zum Cliché erzogen

Nachmittags macht sich dann die nahende Regenzeit bemerkbar, denn der Himmel verdunkelt sich und wir erreichen nach über hundert wundervollen Kilometern mit dem kühlen Sturm des heranziehenden Gewitters unser Ziel Can Tho. Eine lässige Oma auf dem Rücksitz unseres Fahrrads ist das letzte Highlight dieses Tages.

Leopardenoma auf dem eigenen Rücksitz

Leopardenoma auf dem eigenen Rücksitz

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