Kampf mit äußeren Umständen und innerem Schweinehund

In Kambodscha zu dieser (Trocken)zeit Rad zu fahren ist hart. Die Landschaft ist wenig abwechslungsreich und besteht aus lichtem Wald, dessen Unterholz abgebrannt wird, und aus Reisfeldern, die allerdings brach liegen und eher bräunlichem Gestrüpp gleichen. Die Orte in Kambodscha sind authentisch und das Terrain pfannkuchenflach unspektakulär. Wald links, Wald rechts, Reisfeld. Das Thermometer erreicht bis zu 40°C und von 11.oo Uhr bis 15.oo Uhr kämpft man sich Meter für Meter voran mit vom Sonnenstich leeren Köpfen und immer auf der Suche nach der nächsten orangenen Kühltruhe (kalte Cola) oder dem nächsten Baum (karger Schatten).

endloser nordkambodschanischer Wald

endloser nordkambodschanischer Wald

Eigentlich lieben wir Fahrrad fahren, aber wie Laura sagt: Jeden Tag Reiten, Spuren lesen und abends am Marterpfahl ist eben auf Dauer auch ein wenig fad. Fast sieben Wochen am Stück waren wir vor Siem Reap unterwegs von einigen eingestreuten „Ruhetagen“ abgesehen, die wir mit Besichtigungen aller Art oder fiebriger Erkältung verbracht hatten. Leider kommt in unserem Fall noch dazu, dass der Dunst der Trockenzeit Berge in der Ferne unsichtbar macht und so das Ganze noch ein wenig eintöniger wird.

Von der Strecke Siem Reap – Phnom Penh hatten wir gelesen, sie sei eher fad und die Straße viel befahren. Wir hatten immer gesagt, 100% Radfahren ist für Asphaltnazis und wenn wir mögen steigen wir in Bus oder Bahn – es erschien uns hier eine gelinde gesagt günstige Gelegenheit. Daher beschlossen wir in Siem Reap in den Bus zu steigen und uns in die Hauptstadt transportieren zu lassen (350km). Zum ersten Mal hatten wir einen Bus mit geräumigem Gepäckraum, in dem unsere Räder sogar stehend verstaut wurden. Beim Blick aus dem Bus klopften wir uns für unsere Entscheidung stillschweigend auf die Schulter. Es grenzte braches Reisfeld an Reisfeld, die Straße war sehr schlecht Straßenbautätigkeit auf weiten Strecken, vielen Schlaglöchern und teils nur einspurig asphaltiert mit heftigem Bus- und LKW-Verkehr.

Nach knapp 9h (350 km!) und zwei Rastpausen für die pinkel- und snackbedürftige Belegschaft erreichten wir Phnom Penh. Laura hatte sich die ganze Fahrt über das Pinkeln verkniffen und raste nach dem Öffnen der Türen erstmal weg. Vollkommen durchgerüttelt stieg ich aus um mich in einer Traube von Tuktukfahrern wieder zu finden, die Fahrten ins nächste Hotel anboten. Dankend mit in der Luft rudernden Armbewegungen konnte ich sie vorerst abschütteln.

wartende Cyclo-"Tuktuk"s

wartende Cyclo-„Tuktuk“s

Der Bus hatte mitten auf einer vielbefahrenen Straße im Zentrum angehalten und die Scooter, Tuktuks, Handwagen und Autos flossen in einem steten Strom direkt am Bus vorbei. Also zog ich mich auf den Bürgersteig der anderen Straßenseite zurück, denn nachdem unsere Räder das erste eingeladene Gut waren, würden sie wohl nicht … Mh? … Oh shit! Und schon luden die fleißigen Hände des kambodschanischen Kofferboys unser erstes Rad aus der Luke. Also stürzte ich mit umgehängter Lenkertasche und Laptoptasche über die Straße, um das Rad abzunehmen.

Nach Abstellen neben dem Bus machte mir die gestikulierende kambodschanische Traube vor der Gepäckluke klar, dass ich es wohl besser auf den Bürgersteig stellen sollte, also drehte ich mich um und zack: knallte fast in ein Geistermoped. Die verkehrt herum auf dem Moped sitzende Mitfahrerin konnte ihr Tablett mit Chili-Schnecken gerade noch kunstvoll wegziehen. Richtig – in Kambodscha ist es ja völlig normal mehrere hundert Meter  gegen den Strom zu fahren, um sich bei Gelegenheit in die eigene Fahrbahn einzuordnen. Puh! Kaum hatte ich es auf der wiederum anderen Seite abgestellt folgte schon mein Rad hinterher. Von Laura immer noch keine Spur.

Es folgten einige Taschen der Mitreisenden. Währenddessen diskutierten die umstehenden Tuktukfahrer über die verrückten ausgeladenen Räder, klingelten wie wild, betätigten die Schaltung, fragten: „How much, sir? How much, sir?“, prüften drückend den Reifendruck, stemmten sich auf den Rahmen und wunderten sich, warum in Buddhas Namen das Licht brannte, obwohl es nur 5m über die Straße geschoben worden war. Etwas angekekst und gestresst stand ich dazwischen. Wann kommt Laura? Aber keine Zeit nachzudenken, denn schon kamen unsere Taschen aus dem Bus. Also hin und paarweise über die Straße. Beim zum Bus gehen mit dem ängstlichen Blick über die Schulter und der Gewissheit, gleich sei die Laptoptasche oder ein Rad weg.

Aber endlich waren alle Taschen auf einem Haufen und Laura tauchte auch wieder auf und wie immer: alle westlichen Ängste und Vorurteile umsonst – alle Taschen da, Räder in bester Ordnung und bei den Umstehenden nur Freude über das seltene Schauspiel und Interesse für die fremden Dinge. Das Beste und Schönste an Kambodscha nämlich sind die Menschen.

Schon nach der Grenze fiel uns im Vergleich zu Laos eine nochmal gesteigerte Freundlichkeit und frenetische Begrüßungskultur auf, die uns über die Strapazen der unglaublichen Hitze hinweghalf. Kinder schreien „Hello!!!“, winken und laufen hinter uns her, sobald sie einen oder mehrere dieser Vorgänge koordinieren können. Oft nur mit zerschlissenen Hemden bekleidet oder gänzlich nackt ist es für sie selbstverständlich Fremde herzlich zu begrüßen. Die Eltern selbst grüßen ein wenig dezenter, aber nicht minder freundlich und bringen auch den Kleinsten bei, Fremdlinge zu begrüßen und so winkte uns (passiv) schon manche Säuglingshand hinterher.

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freundliche Kambodschaner – sogar mit Superkräften

Bis auf eine Hand voll aufdringlicher Souvenir- und Getränkehändler um Angkor herum sind die Kambodschaner sehr höflich und versuchen einem, jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Im Gegensatz zu Laos und auch Thailand (!) sprechen sehr viele Leute ordentlich bis gut Englisch – eine Diskrepanz, die frappierend ist und Hoffnung für die Zukunft des Landes macht.

Nach nun insgesamt fast zwei Wochen ohne Gepäckradeln möchten wir nun aber tretend die Strecke ab morgen Richtung Meer fortsetzen, das wir in zwei Tagen bei Kampot erreichen werden. Wir haben in Phnom Penh über ein Büro das Visum für Vietnam ausstellen lassen, um pünktlich zu Lauras Geburtstag auf der Trauminsel Phu Quoc anzulegen.

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