Bedrückendes und Begeisterndes

Drei Tage in Phnom Penh. Zeit genug, um die Schatten der Vergangenheit Kambodschas genauso zu erleben, wie das Abheben der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Aber der Reihe nach.

Phnom Penh von der rooftop Bar

Phnom Penh von der rooftop Bar

1975 erreichten nach ca. fünfjährigem Bürgerkrieg die Khmer Rouge die Stadt Phnom Penh und wurden von der Bevölkerung erleichtert empfangen, da sie zwar einen entsetzlichen Ruf hatten, aber doch den endlich ersehnten Frieden versprachen. Innerhalb von nur DREI Tagen zwangen sie die Bewohner Phnom Penhs (DREI MILLIONEN !!!) die Stadt zu verlassen, da amerikanisches Bombardement drohe. In endloser Kolonne mussten die Bewohner je nach damaligem Aufenthaltsort in Dörfer nach Nord, Ost, Süd und West marschieren. War die Mutter im Süden, so mussten minderjährige Kinder dennoch nach Norden laufen. Lag man auf der Intensivstation, so schob man Infusionsständer mit sich, um nach kurzer Zeit zu verenden. Die Straßen waren so voll, dass der Strom oft stockte – bei Widerrede, Fragen oder Nichtbefolgung drohte der sofortige Tod. Leichen des Krieges und von Kranken, Alten und Schwachen lagen herum. Autos und Wertgegenstände waren als bürgerliche Relikte verboten und so trug jeder bei sich nur seinen Reisscheffel und hatte maximal einen Handkarren oder Fahrrad dabei.

Hof von Tuol Sleng

Hof von Tuol Sleng

In der drei Tage zuvor noch belebten Stadt, die als Perle Indochinas galt, blieben ca. 30.000 siegreiche rote Khmer zurück. Sie wussten wohl zu gut, dass sie in der urbanen Umgebung zu wenig gewesen wären, um die gewaltigen Massen auf Dauer zu kontrollieren und auf Grund der zerstörten Infrastruktur wollten sie die Menschen zum Reis bringen, statt den Reis in die Städte bringen zu lassen. Hinzu kam der Hass der seit Jahren auf dem Land kämpfenden roten Khmer gegen die besser gestellten und „arroganten“ Stadbewohner des alten Regimes, die durch Erziehung und harte Arbeit auf dem Land von den Werten und den Gesetzen Angkars – der ominösen machthabenden „Organisation“ – überzeugt werden sollten. Selbige Evakuierung geschah in allen größeren Städten des Landes. Sämtliche Ausländer inklusive den stinkwütenden DDR- und russischen Botschaftern, die mit französischen Plakaten die ungebildeten Khmer empfangen hatten, wurden in der französischen Botschaft zusammengepfercht und einige Wochen später nach Thailand exiliert.

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Nach Errichtung der Vision vom Agrarkommunismus wurde von der paranoid-ängstlichen Führung das Foltergefängnis Tuol Sleng (S-21) in Phnom Penh zunehmend gefüllt. Ein Posten im alten Regime, ein akademisches Studium, eine Brille, ein gepfiffenes Lied aus der alten Zeit, zwei für gestohlen gehaltene Bananen, das Denunzieren von nachts unter den Stelzenhäusern spionierend-instruierten Waisenkindern oder auf Grund von Krankheit nicht erbrachte Arbeitskraft in der Kolonne reichten aus, um per Kastenwagen ins S-21 gebracht zu werden.

Einzelzellen

Einzelzellen

Hier wurden die Insassen mit Elektroschocks, Folterinstrumentarium, water boarding und Ausziehen von Nägeln per Zange zu lächerlichen Geständnissen aller Art (CIA-, KGB-Spione, Reis gestohlen, Angkar verraten) gezwungen. Sie mussten diese Hölle ca. 3-6 Monate über sich ergehen lassen und denunzierten aus Angst, Schmerz und Verzweiflung auch oft noch Familie, Freunde oder Bekannte nur um zu entkommen.

ermordete Opfer - viele erschienen uns deutlich unter 15 Jahren zu sein

ermordete Opfer – viele erschienen uns deutlich unter 15 Jahren zu sein

Es entkamen jedoch von ca. 20.000 Insassen exakt sieben Personen. Der Rest wurde nach Wochen der Folter nach Choeung Ek gebracht – 15km südlich von Phnom Penh – heute bekannt als killing fields. Hier wurden die LKWs nachts abgeladen und oft abgemagerten, ausgezehrten und verletzten Menschen mit verbundenen Augen und Händen getötet. Um teure Munition zu sparen, wurden sie mit Spitzhacken, Beilen, Bambusstäben, Eisenstangen und Macheten verstümmelt, zu Tode geprügelt, um ihnen dann teils die Kehle durchzuschneiden. Auch Frauen und Babys (!) wurden ermordert. Letztere wurden mit dem Kopf gegen die Rinde eines Baumes geschlagen, die bei Entdeckung von Choeung Ek von Blut, Gehirn und Knochensplittern bedeckt, kaum noch sichtbar war. Die Toten und zu Tode verwundeten wurden dann in die Gruben mit den bereits verwesenden Körpern gestoßen und mit DDT besprüht, um den bestialischen Gestank zu überdecken. Um die Schreie zu übertönen erklangen neben dem Dröhnen eines Generators unabhörlich revolutionäre Kampfgesänge.

Choeung Ek - killing fields

Choeung Ek – killing fields

Die Sprache ist hier etwas direkt, aber die Brutalität des Museums ist immer noch ein Witz gegenüber den Ängsten, die die Insassen von S-21 und die Kambodschaner im Rest des Landes durchgemacht haben. Die schieren Zahlen drücken diesen in Kambodscha herrschenden Wahnsinn aus: 25% der Bevölkerung starben in lächerlichen vier Jahren durch Mord, Hunger, verschuldete Krankheit und Folter. Beim Diktatorenquartett bringt das Pol Pot die erfolgreichste Mordopfer/Bevölkerungszahl.

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Die sieben Überlebenden waren Häftlinge, die sich durch Portraitieren der Führer als Maler oder Reparieren der Geräte in die Gunst der Khmer gestellt hatten und durch unsägliches Glück bei der Befreiung durch die Truppen Vietnams den letzten Todesmärschen und Ermordungen entkamen. Heute sitzen sie teils im Hof von S-21 und sind wichtige Zeugen auch im Prozess gegen die Khmer Rouge Anführer.

Massengräber. Auch heute noch viele unausgegraben. Die Regenzeit wühlt oft Knochen, Kleiderfetzen und Zähne aus der Erde

Massengräber. Auch heute noch viele unausgegraben. Die Regenzeit wühlt oft Knochen, Kleiderfetzen und Zähne aus der Erde

Stichwort Prozess: Der Prozess der Aufarbeitung ist in Kambodscha durch die immense Zahl an beteiligten Tätern, deren weitere Tätigkeit in Amt und Würden, Weiterexistieren der Khmer Rouge in abgelegenen Gebieten bis Mitte der 90er Jahre und Weiterbestehen der entsetzlichen Furcht erst in den letzten Jahren etwas in Gang gekommen. Tatsächlich wurde erst 2010 (!!!) der Leiter von S-21 alias Duch als erster und bisher einziger verurteilt und sitzt in Haft. Weitere hochrangige Angeklagte entzogen und entziehen sich durch Korruption der Behörden bis in die aktuelle Regierung, eigenes Alter, Krankheit und Tod bis zum heutigen Tag den Verhandlungen. Pol Pot selbst starb nach Aufenthalt in der Grenzregion zu Thailand unbehelligt im Alter von 82 Jahren.

Ausstellung über die Führungsriege

Ausstellung über die Führungsriege

Im Museum sind außer uns nur westliche Touristen und die einzigen Kambodschaner sind die Guides. Allerdings lesen wir, dass durch das ECCC (Khmer Tribunal Programm) auch Dorfälteste, religiöse Führer, Schulleiter und Professoren in die Stätten von S-21 und Choeung Ek geführt werden. In den touristischen Buchläden liegen die Klassiker über die Greueltaten in billigen Raubkopien in Massen auf Englisch aus. Auf Khmer gibt es so gut wie keine Bücher. Es bleibt zu hoffen, dass das kambodschanische Volk die Vergangenheit nicht unaufgearbeitet lässt.

Flucht aussichtslos

Flucht aussichtslos

Als Deutscher erkennt man trotz anderer Verhältnisse Hohenschönhausen und Auschwitz wieder und errötet, da die BRD nach dem Sturz der Khmer Rouge durch die Vietnamesen Pol Pot und seine Banden weiter als rechtmäßige Regierung Kambodschas ideell und finanziell unterstütze – inklusive  UN-Abgesandten. Im Kampf gegen das Vorrücken des Kommunisten war wohl jedes Mittel recht – auch nachgewiesene Völkermörder, so sie sich denn von der Sovietunion distanzierten.

Zellen im Hafttrakt

Zellen im Hafttrakt

Unser Rückweg führt uns am Kanta Bopha Kinderkrankenhaus vorbei, vor dem eine Reihe Mütter mit Kind wartet. Wir hatten in Siem Reap den bewegenden Film von Dr. Beat Richner – einem schweizer Kinderarzt gesehen. Er war als junger Arzt bei Einmarsch der Khmer Rouge in Phnom Penh und begann sofort nach Wiederöffnung des Landes in Phnom Penh seine Hilfsprojekte. Bis zum heutigen Tag hat er mehrere Kinderkrankenhäuser in Phnom Penh und Siem Reap erbaut, ausgestattet und bestreitet seit Jahren erfolgreich einen Großteil der kinderärztlichen Versorgung des Landes. Den Widerständen von Korruption, Sicherheitslage und mangelnder Finanzierung zum Trotz kämpft er bis heute um die Leben der kambodschanischen Zukunft. Mit seinem Cello (Spitzname Beatocello) begeisterte er früher junge Patienten und trommelt heute unablässig die Einnahmetrommel. Für Geburtstage, Ostern oder Weihnachten ist eine Spende sicherlich eine Alternative zum Zweit- oder Dritt-Iphone.

Kinder im Hof von Tuol Sleng

Kinder im Hof von Tuol Sleng

Im heutigen quirligen Phnom Penh erkennen wir aber die Freude des Landes über den Frieden und den Optimismus mit dem die Kambodschaner ihre Zukunft angehen. Jeder noch so kleine Raum wird genutzt, um ein kleines Geschäft zu betreiben. Zahlreiche hippe Cafés, Kunstgalerien, moderne Restaurants und schicke Hotels zeugen von den Investitionen der wieder heimisch gewordenen ausländischen Investoren und der wieder entstandenen Mittelschicht ebenso wie der Kreativität und dem Fleiß der Kambodschaner.

Mönche beim Abendspaziergang.

Mönche beim Abendspaziergang.

Die unerschütterliche Hilfsbereitschaft von Menschen wie Beat Richner und die Entwicklung der Stadt verbunden mit der Freundlichkeit der Menschen mit den objektiv besten Englischkenntnissen der bisher durchreisten Länder, lässt uns hoffen für dieses geschundene Land.

belebter russian market

belebter russian market

Mehr Bilder aus Phnom Penh

Für die ganz Interessiert mit ausdrücklicher Leseempfehlung: Cambodia Year Zero

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