Angkor (Siem Reap)

Seit – unglaublich – einer Woche sitzen wir schon an einem Fleck. Die Stadt Siem Reap bietet die touristische Infrastruktur für die Tempelfelder von Angkor, der alten Khmer-Hauptstadt, die nördlich in der Umgebung verstreut liegen. Für uns war es wieder einmal der totale Kulturschock als wir aus den endlosen Stelzenhaus-in-Wald-Siedlungen in diese teilweise fast europäisch anmutende Stadt hineinfuhren. Dieses Mal haben wir die Angebote an gutem Essen, guten Hotels mit Pool, Souvenirshops und Wäscheservice aus vollem Herzen genossen. Lag es an sechs Wochen am Stück ruralen Radelns zuvor oder warum verschreckte uns diesmal die Touristenhorde nicht?

endloser nordkambodschanischer Wald

endloser nordkambodschanischer Wald

Die Perversion abends bei einem dickleibigen österreichischen Wirt zu sitzen, der „Heimatbier“ Erdinger anbietet und mit einem „Heast, Schatzi?!“ seine kambodschanische Frau zum Klopfen eines gigantischen Wiener Schnitzels schickt, war für uns einfach nur sehr angenehm. Ebenso den Sack von dirt road verdreckter Radklamotten bei einer der vielen Hinterhofwäschereien abzugeben und abends gebügelt, gefaltet, mit einem Lächeln und mit Aufpreis wegen „very bad clothes – my hands are hurting!“ zurückzubekommen.

Ich soll Dir was abgeben??

Ich soll Dir was abgeben??

Im Gegensatz zur Kao San Road (Epizentrum der weißen Hölle in Bangkok) tummeln sich hier Touristen aller Couleur: Busladungen von Chinesen, Japanern genauso wie viele Europäer in den besten Jahren und natürlich einige Backpacker. Es ist aber kein Cool- und Alternativsein um jeden Preis.

Allerdings gibt es dann eben doch nicht alles in Kambodscha, denn für den von mir zerknöchelten E-Book-Reader haben wir selbst in den besten Elektronikgeschäften keinen Ersatz gefunden. Der Versuch Pauschaltouristen einen abzukaufen ist bisher auch noch erfolglos. Angeblich soll es in Phnom Penh einen Laden geben…

Sanskrit Schriftzüge statt E-Book-Reader

Sanskrit Schriftzüge statt E-Book-Reader

Für die ungeheure Menge an Tempeln, die die Khmerkönige des 9.-13. Jahrhunderts wie Rosinenbomber über der Reisfeldebene abwarfen, entschieden wir uns für das Dreitagesticket (satte 40$), da wir für die Highlights ein Programm eines deutschen Reiseführers gefunden hatten, das sich als sehr gut erwies. Als Climax sah dieses den ungeheuren Tempel von Angkor Wat vor, der angeblich das größte religiöse Gebäude der Welt sein soll. Also tasteten wir uns vorsichtig von weniger bedeutenden (und auch kaum besichtigten) Tempeln heran. Absurderweise gibt es im Internet keine Möglichkeit herauszufinden, wo man Tickets kaufen kann, so dass wir am ersten Tag 25 (!) km umsonst in der Gegend umhergeisterten, bevor endlich der Ticketschalter auf dem Weg von Siem Reap nach Angkor Wat vor uns auftauchte.

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Obwohl wir hier de facto keine Kilometer gemacht haben, sind wir doch extrem viel Rad gefahren. Denn die Tempel liegen verstreut bis zu 20km auseinander. Traditionell legte man den Rundkurs von Tempel zu Tempel auf dem Rücken eines Elephanten zurück, der Großteil der Touristen tuktukt aber natürlich. Für uns hieß das: endlich einmal unbeladen über nette kleine Straßen und zum Teil Waldwege im Dschungel von einer Anlage zur nächsten zu fahren.

Von Tempel zu Tempel gehts mit dem Rad

Von Tempel zu Tempel gehts mit dem Rad

Die schönsten Tempel waren für uns allerdings nicht die groß angekündigten, sondern die kleinen, Vergessenen im Dschungel, in denen oft außer uns niemand zu sehen war. Hier bemächtigt sich der Urwald und die gigantischen Riesenbäume langsam, aber mit Urgewalt der ihm abgerungenen Flächen. Die Baumriesen halten ganze Toranlagen im Würgegriff und sprengen mit ihrem Wurzelwerk Mauern, Reliefs und Fundamente.

Klettern in Beng Mealea

Klettern in Beng Mealea

Leider sind die Tempelanlagen so schön sie auch sind repetitiv und oft in ihrer Anlage ähnlich. Faszinierend sind allerdings die Reliefs, die mit ungeheuerlicher Handwerkskunst in den Sandstein getrieben sind und teilweise phänomenal gut erhalten sind. In das Bildprogramm muss man sich allerdings erst einlesen, denn hinduistische Mythen sind so skurril wie mir unbekannt. So geht den Göttern, die auf dem Berg Meru (Himalaya) wohnen, der Trank der Unsterblichkeit verloren und sie müssen ihn mit Hilfe der Dämonen durch Aufquirlen des Milchozeans mit der Riesenschlange Nazuki, die um einen Berg gewickelt ist, hervorholen.  Für Interpretation bleibt Luft. Zu Tausenden findet man an den Wänden die tanzenden Apsaras (Nymphen des Milchozeans) und Devadas (Gottheiten), die die Tempelanlage verzieren.P1130461
Der Moment, an dem wir letztendlich vor Angkor Wat standen, war leider nicht der vom Reiseführer versprochene flash (wie Petra oder Macchu Picchu), sondern eher ein: aha. Einzig das hunderte Meter lange Außenrelief ist tatsächlich umwerfend. Der gigantische von einem Wassergraben umgebene Bau wirkt eher durch Größe imponierend als durch filigrane Formen oder interessante Architektur. Wir haben schon schönere Tempel gesehen.

Zugang zu Angkor Wat

Zugang zu Angkor Wat

Die Orte sind so geheimnisvoll und mysteriös, dass auch Hollywood darauf aufmerksam wurde und hier Tomb Raider mit Angelina Jolie gedreht wurde. Lustig zu sehen war es auch, dass sich jede G8-Nation eine Tempelanlage geschnappt hat, um diese zu entminen und zu restaurieren. Unsere liebsten Tempel waren Beng Mealea, Ta Prohm, Ta Som, Ta Nei und Bayon. Am schönsten sind die Stunden nach Sonnenaufgang bis um zehn vormittags, da sich erst dann die Busladungen aus den Hotelkomplexen in die Anlagen ergießen.

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Außer den Tempeln gibt es in Siem Reap auch noch einiges zu sehen. Die endlosen Souvenirläden haben erstaunlich viel Hübsches wie Tücher, Drucke, Töpferei und Silberschmuck. In einer offenen Werkstatt haben wir den Kunsthandwerkern über die Schulter gucken können. Außerdem haben wir einen Kurztrip zu einer Seidenfabrik gemacht, die etwas außerhalb lag und den Prozess der Seideherstellung von der Raupe bis zum Schal gezeigt hat. Den verwunschenen Maschinen zum Spinnen und Weben konnte man stundenlang zuschauen und dennoch nicht verstehen, wie sich aus dem feinen Garn hochkomplexe und wunderschöne Muster und Stoffe formen.P1130375

Weberin beim Musterweben - vollkommen unverständlich - umso beeindruckender

Weberin beim Musterweben – vollkommen unverständlich – umso beeindruckender

Für uns geht es jetzt weiter nach Phnom Penh – per Bus, denn die Strecke soll wohl eher fad und viel befahren sein.

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