Sätze vom Nebentisch 1/7

„It’s kind of like Scotland – not that I’ve ever been. But …“

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Auf das Bolaven Plateau

Heute haben wir das Bolavenplateau erklommen. Bereits ab Khongsedon war die Strecke extrem interessant, da wir statt der Hauptstraße 50km eine dirt road durch den laotischen Dschungel genommen haben. Nach einer Flussüberquerung hatte man den Eindruck, dass die Zivilisation aufhört. In dieser Gegend von Laos wohnen viele Minderheiten, die zu den ärmsten Bewohnern des Landes zählen.

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Die dirt road führte durch einen dichten Dschungel, dessen Dickicht anscheinend in rasendem Tempo wieder die Straße bedroht zuzuwuchern. Die Orte an der Strecke waren sehr ärmlich mit einfachen Holzstelzenhäusern ohne Strom oder fließendes Wasser. Kinder in zerschlissenen Hemden rannten sobald sie uns gesehen hatten hinter uns her und begrüßten uns auf das Freundlichste. In anderen Orten waren die Kinder so verdutzt, dass sie noch nicht mal ein „Falang“ oder „Sabaidee“ herausbrachten und uns nur mit offenem Mund ansahen.

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Es sind die vielen kleinen Momente, die sich niemals mit einer Kamera einfangen lassen, die so eine Straße zu den schönsten Tagen werden lässt. Das Lächeln der Kinder und ihr Winken. Der dunkle Schatten, der plötzlich aus dem Busch kommt und vor dem man Angst hat, bis man merkt, dass es nur ein Hausschwein ist. Die mysteriösen Geräusche aus dem Dickicht links und rechts. Das Ende der Schmerzen, wenn dirt road wieder zu Asphalt wird. Die Pepsi aus der Eistruhe bei 40°C und 95% Luftfeuchtigkeit.

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Vielleicht sind diese Glücksmomente nur im Zustand des starken Unterzuckers, bedenklicher Überhitzung oder Fehlen anderer Ablenkungen zu genießen, aber wir genießen sie hier in vollen Zügen.

Nach der dirt road stand die „weiße Hölle“, wie Flo es immer nennt. Tad Lo: Ein Ort, der von Backpackern für Backpacker gemacht ist. An einer Gruppe kleinerer Wasserfälle gelegen gibt es hier die Dinge, die die Stammesdörfer entweder noch nie, oder nur im Fernsehen gesehen haben. Eiskaffee, Crêpe, westliche Gerichte, Hotels für 50$ (normal in Laos 5-10). Horden von auf Mopeds eingecruisten Abiturienten und Nie-Erwachsenwerdern in Chiang- oder BeerLao-Unterhemden, die sich von einer Oase des westlichen Umgangs zur nächsten Schleppen und die größte Befriedigung aus dem Sermon ihrer bisher durchlebten Abenteuer und den „Ahs“  und „Ohs“ der anderen Unterhemdenträger ziehen. Das weibliche Äquivalent dazu ist das in Pluderhosen gekleidete Rasta-Girl, das sich abends mit seinem sketch-book vor dem Elephant des „elephant riding adventure“ niederlässt, um diesen in Kohle zu fixieren – Foto ist ja soo kommerziell und so (außer Instagram, dessen Account aufs penibelste gepflegt wird).

Vorzüge der weißen Hölle

Vorzüge der weißen Hölle

Das Traurige daran ist, dass sich diese weißen Höllen leider immer an recht schönen Orten befinden und dass wir die Produkte, die diese Hölle ausspuckt durchaus auch genießen, da es außerhalb außer Nudelsuppe oft nichts anderes zu essen gibt. Wir haben allerdings zwei sehr nette französische Radler getroffen, die uns wiederum zum Abendessen mit zwei schweizerischen Radlern einluden. Der Abend war extrem nett und wie oft bei Fahrradfahrern die Persönlichkeiten grundverschieden von den oben skizzierten. Sie konnten uns super Infos zum Fahrradfahren in Nordvietnam und Kambodscha geben.

Am nächsten Morgen flüchteten wir früh aus der weißen Hölle, um über den mühsamen Aufstieg zum Bolavenplateau wieder zurück ins pure Laos zu finden. Die Ortschaften an der Strecke waren extrem ärmlich und waren auch oft von Minderheiten bewohnt. Das Hauptprodukt des Plateaus auf gut 1100 M.ü.N. ist Kaffee, der zu einem guten Anteil auch fair oder biologisch in Kooperation mit westlichen Firmen angebaut wird.

Kaffee vor typischem Stelzenhaus

Kaffee vor typischem Stelzenhaus

mein Haus, mein Kaffee, mein Moped

mein Haus, mein Kaffee, mein Moped

Beim Fotographieren gab es plötzlich 5m neben Laura einen riesen Knall und ein ca. 15jähriger Laote, der offensichtlich von den Falangs zu abgelenkt war, zerbröselte sich mit ca. 60 km/h in der Kurve – natürlich ohne Helm. Zwei Omas (eine mit Baby im Arm) konnten sich nur durch einen großen Sprung retten. Unglaublicherweise war dem Armen nichts außer ein paar Blessuren zugestoßen, die wir dank unseres gut ausgestatteten Notfallkoffers natürlich gleich „fachgerecht“ versorgten – unser chirurgisches Wissen dürfte bekannt sein. Von den anderen Ausgängen derartiger Unfälle zeugen die weißen „Mordmarkierungen“, die man hier auf den Hauptstraßen alle 2km findet.

Mopedunfallmarkierung - alle 2 km

Mopedunfallmarkierung – alle 2 km

Morgen geht es auf dem Plateau noch zu einem weiteren Wasserfall, um dann auf der Westseite des Mekong weiter nach Süden zu fahren.

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Höllentrip auf dem Scooter durch Ost-Thailand

In Mukdahan angekommen bleibt uns noch ein 5-Tage-Zeitslot in Thailand. Neben dem Visum spricht Lauras erst kürzlich vergangenes Fieber, ihr feuerrotes Auge (eitrige Konjunktivitis) und mein ausgebrochener Zahn (Nussriegel) für einen Verbleib in einem Land mit besserem Gesundheitssystem als Laos.

Wir haben von einer Tempelanlage südwestlich gelesen, die außerordentlich schön sein soll und zu der wir in einer drei-Tages-Tour fahren wollen mit einem Bogen nach Norden.

Wir sind froh, im Ausländercafé von Mukdahan einen Scooter zu finden, der gut aussieht und für 300 Baht/Tag zu haben ist. Wir schlagen sofort zu und können den Scooter abends abholen.

Beim Surfen im Café fällt uns dann auf. Mhm, es sind 350 km EINFACH bis zum Tempel und mit dem Bogen über den Norden wären wir bei knapp 1000 km. Wir überlegen: Haben wir den falschen Tempel eingegeben? Nein. Falsche Route? Nein. Naja, also … 1000 km … auf Landstraßen durch Thailand weit weg von Scooterverleih und Infrastruktur… Dazu muss man wissen, unsere Scootererfahrung beträgt exakt ca. 100km auf Marie-Galante – eine Strecke, die wir in zwei Tagen zurücklegten.

Aber EGAL ! Wir haben das beschlossen, also ziehen wir das jetzt durch. Folglich packen wir alles Gepäck in die Seesäcke, die wir am nächsten Morgen bei der Rezeption deponieren.

Abends holen wir den Scooter ab. Der erste kleine peinliche Moment ist, als wir den Sitz runterklappen und danach nicht mehr wissen, wie man nochmal an Tank und Gepäckfach kommt. Den Vermietern schwant, welche Greenhorns sie da an ihren Scooter gelassen haben. Gott sei Dank gelingt dann das Starten und der Abgang um die nächste Ecke reibungslos, wenn auch weit entfernt von der Thai-Lässigkeit, mit der man sonst hier rumscootert.

Mit gefühlten 60km/h und tatsächlichen 10-15km/h rasen wir durch Mukdahan die 500m bis zum Hotel, wo wir den Scooter über Nacht abstellen.

Am nächsten Morgen regnet es und ist kalt. Wir sind froh, uns also nochmal umdrehen zu können und später zu starten. Wir frühstücken – es kommt uns vor wie eine Henkersmahlzeit. Wir geben das Gepäck ab und lassen die Räder auch im Hotel. Einen kleinen Frontroller klemme ich mir zwischen die Beine. Laura steigt auf und los geht die wilde Fahrt.

Laura fragt mich: Fühlst Du Dich wohl? Ich vermeide eine zu klare Antwort, um die Beifahrer nicht zusätzlich mental zu belasten. Wir zuckeln aus der Hotelausfahrt und reihen uns in den Strom von Scootern, Tuktuks und Autos ein, die rechts an uns vorbeiziehen. Die Schulkinder in den Bussen und am Straßenrand schauen uns mit großen Augen an und lachen wissend, als sie unsere Geschwindigkeit besser abschätzen können. Uns ist klar, so wird das nichts mit 1000km. Unsere große Hoffnung ist der Stadtrand, ab dem hoffentlich eine schnurgrade, bestens asphaltierte Straße ohne Verkehr zum Tempel führen wird.

Endlich (nach 2 km) geht es geradeaus aus der Stadt heraus. Plötzlich schlingern wir und wir merken: Hinterrad platt. Scheisse! Unter der angegebenen Telefonnummer des Verleihs ist niemand erreichbar, also bleibt uns nichts übrig, außer den Scooter mühsam 3km zum Cafe zurückzuschieben.

Reifen platt - so ein Glück!

Reifen platt – so ein Glück!

Die Tuktukfahrer amüsieren sich sichtlich und bieten an, uns in die nächste Werkstatt zu bringen. Wir lehnen dankend ab. Wir beide fühlen, dass dies der „Schuss vor den Bug“ war, um uns vor dem Trip zu bewahren. Als eine Stunde später die Vermietung anbietet, den Roller auszutauschen, lehnen wir dankend ab und sind heilfroh, dass wir das Geld auch zurückbekommen – abzüglich 2,50 wegen plattem Reifen.

Genußvoll nehmen wir ein Cappucino & Crêpe Frühstück ein und freuen uns, dass wir so waghalsige Abenteurer sind, die sogar vor einem 1000km Scootertrip nicht zurückschrecken. Später gestehen wir uns, dass uns der Moment als wir einen Platten hatten, eine unendliche Erleichterung beschert hatte. Als wir nachher auf den Rädern nach Laos weiterrollen fühlen wir uns so sicher – von den Gepäcktaschen beschützt, geradezu gemütlich und unendlich besser unter Kontrolle als auf dem rasenden Scooter.

Zwischen hartem Radler und hartem Scooterer besteht also eine klare Grenze, wie wir jetzt wissen.

Dinner mit General a.D. und pork

Auf der Suche nach einem Abendessen schlenderten wir am Mekong entlang in Bung Khla, um etwas Essbares zu finden. Leider war außer unserem „Resort“ kein Geschäft oder Lokal zu sehen, so dass wir uns dazu entschlossen, die 1,5km vom Ufer entfernte Hauptstraße aufzusuchen. Nach 400m trampten wir kurzerhand auf einem Pickup, um im Abendlicht nicht noch einmal ins Schwitzen zu geraten. An einer Nebenstraße war ein nett aussehendes Restaurant und die Köchin winkte uns freundlich herbei. Sie rief sofort ihren Mann, der sehr gut Englisch sprach.

im Pickup - Fahrt zum Dinner

im Pickup – Fahrt zum Dinner

Er versprach uns irgendein Gericht, was von uns in hungrigem Zustand sofort akzeptiert wurde, obwohl wir nicht zu 100% ausschließen konnten, dass es sich nicht etwa um „pork soup“ handeln könnte (eine thailändische Spezialität, die unsere Herzen noch nicht erwärmen konnte). Tatsächlich kam nach mehreren Saucen dann aber eine Art Fonduetopf, in den man rohes Fleisch, rohes Ei und Kräuter/Gemüse warf, um sie nach einiger Zeit wieder herauszufischen – kurzum: es war wahnsinnig lecker. Dazu gab es außerdem noch Thai-Steak – knusprig und saftig gleichzeitig. Außerdem war die Menge zum ersten Mal in Thailand für ein Radfahrerabendessen ausgelegt und wir konnten selbst den sticky rice nicht aufessen.

Der Inhaber war „Mr. Lui“, wie er sich selbst nannte, ein seit sieben Jahren pensionierter General der thailändischen Armee, der sechs Jahre im Rahmen eines UN-Mandats in Laos stationiert war und mehrfach in Schweden war zum Jagen und offensichtlich Englisch lernen. Er war überaus fürsorglich, interessiert, lustig und freundlich.

Schon während wir noch warteten umkreiste uns ein maligne übergewichtiger Nachbar, der aus seinem glänzenden Chevrolet-Jeep gestiegen war mehrfach und redete – oh

Mr Lui erklärt seine Köstlichkeiten

Mr Lui erklärt seine Köstlichkeiten

ne uns zu grüßen – mehrfach eindeutig mit dem „Fußball“ (=Falang)-Wort auf die Köchin ein. Schließlich redete er auch minutenlang auf uns ein, obwohl wir ihm mehrfach per Gesten und „no thai“ versuchten zu erklären, dass Thai bei uns keine Wirkung erzielen werde. Außerdem blickte er Laura wiederholt mehr als interessiert an. Wir tauften ihn kurzerhand „das Tier mit Schnauze und Ringelschwanz – kurz DS“.  Englisch sprach und verstand DS nicht.

Als unser Essen da war, ließ sich DS kurzerhand von Mr. Lui einen Stuhl bringen und setzte sich ungefragt an unseren Tisch, nicht ohne jede Bewegung mit grimmiger Miene zu kommentieren. Danach nötigte es den armen Mr. Lui, uns zu übersetzen, dass es der Provinz-Gouverneur sei und die komplette Region nach seiner Pfeife tanze. Er stünde in enger Verbindung mit „Miss Yinluck“. Wir nickten artig und ließen es unkommentiert, in der Hoffnung durch Liebesentzug seine Selbstverliebtheit zu bremsen und wieder mit Mr Lui reden zu können. Damit aber nicht genug, er habe ein Waisenkind aus der Verbindung von Exildeutschen mit Thai-Frauen bei sich aufgenommen (vermutlich weil er so gutmütig sei?!).

Wir versuchten immer das Gespräch mit Mr Lui aufzunehmen und redeten mit ihm über seine Jagden in Schweden, die Entwicklung Thailands, die Malariafreiheit der Region seit 15 Jahren, die Tollwutimpfung der Hunde, seine vier Kinder und unsere Reise. Dabei fuhr nach jedem Satz DS Mr Lui über den Mund und befahl ihm zu übersetzen, was geredet worden sei. Als herauskam, dass wir Ärzte seien, klagte DS über wiederkehrende Missempfindungen im Handbereich, die wir folglich abzuklären hätten. Gott sei Dank rettete Mr Lui die Situation und sagte, es komme vom vielen Küssen. Wir lagen unter dem Tisch und DS war not amused.

Als Highlight des Abends schwärmte Mr Lui dann noch von der tatsächlich sonst üblichen Freundlichkeit und „smiling“ der Thais, worauf DS nach Übersetzung) seine Mundwinkel gequält nach oben zog, um seine Mitbürger nicht vollständig der Lächerlichkeit preiszugeben.

Gerne hätten wir noch weiter mit Mr Lui geschwatzt, aber wir suchten dann nach einiger Zeit den Weg zurück und verzichteten auf das Angebot von DS nach Hause gefahren zu werden.

Unser tägliches Reisfeld gib uns heute

Nach dreitägigem Fieber von Lola konnten wir heute fieberfrei mit Resthalsschmerzen weiter fahren und es ging erstaunlich gut. Gestern Nacht hatte es richtig geschüttet (erster Niederschlag seit Dezember), daher waren die Farben heute so intensiv wie nie, da sich der permanente Dunstschleier etwas gelüftet hatte.

Dafür gab es zum ersten Mal richtig heftigen Wind, Gott sei Dank meist nur von der Seite. In nur 50km geht es bei Savannakhet über die Grenze. Wir werden wsl die letzten Tage unseres Visums hier noch auskosten und eventuell noch einen Ausflug per Bus ins Landesinnere machen …